{"id":38727,"date":"2017-06-13T09:25:33","date_gmt":"2017-06-13T07:25:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38727"},"modified":"2026-01-27T11:16:04","modified_gmt":"2026-01-27T10:16:04","slug":"vertrauen-muessen-sich-journalistische-medien-heute-mehr-denn-je-erarbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38727","title":{"rendered":"\u201eVertrauen m\u00fcssen sich journalistische Medien heute mehr denn je erarbeiten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wer wurde in den vergangenen 50 Jahren hierzulande warum und wie Journalist?&ldquo;<br>\nDiese Frage wirft <strong>Sebastian K&ouml;hler<\/strong>, Kommunikationswissenschaftler und Publizist, im Interview mit den NachDenkSeiten auf. Sie f&uuml;hrt direkt hin zu einem der gro&szlig;en Probleme der Medien: n&auml;mlich ihrer sozialen Zusammensetzung. Wenn Medien nicht die soziale Vielfalt abbilden, die in der Gesellschaft existiert, sondern ihren Nachwuchs haupts&auml;chlich aus einer gesellschaftlichen Schicht rekrutieren, ist die Gefahr gro&szlig;, dass sie zu einer Echokammer werden, in der nur noch die Vorstellungen von politischer und sozialer Wirklichkeit vorzufinden sind, die ihren Angeh&ouml;rigen entspricht. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9693\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38727-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38727-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170614_Journalistische_Medien_muessen_sich_Vertrauen_erarbeiten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Medien m&uuml;ssten, so fordert K&ouml;hler, ihre &bdquo;sozio-strukturelle Einseitigkeiten&ldquo; praktisch und theoretisch reflektieren, um einer m&ouml;glicherweise verzerrten Berichterstattung entgegenzutreten: &bdquo;Welche Themen setzen wir warum und wie, und welche Informationsquellen und Meinungen zu diesen Themen recherchieren und produzieren wir? Inwieweit entspricht das wichtigen Entwicklungen in der Gesellschaft? Artikulieren wir (f&uuml;r) die Gesellschaft, oder nur unsere Echokammer?&ldquo;, so K&ouml;hler, der an der Hochschule f&uuml;r Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) lehrt und auch praktisch als Journalist f&uuml;r die Nachrichtenagentur Reuters t&auml;tig ist. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong> &uuml;ber Medien, die oftmals nur noch aus ihrer eigenen Filterblase berichten.<\/p><p><strong>Herr K&ouml;hler, die Medien stehen seit geraumer Zeit in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, gerade bei zentralen politischen und gesellschaftlichen Themen zu einseitig und voreingenommen zu berichten. Au&szlig;erdem st&uuml;nden sie den Herrschenden zu nahe.<\/strong><\/p><p><strong>Nun ist diese Kritik alles andere als neu.  Der US-amerikanische Soziologe Charles Wright Mills sprach bereits 1956 davon, dass sich Journalisten eines &bdquo;Scheuklappenrealismus&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Journalismus-Scheuklappenrealismus-ueber-Laendergrenzen-hinweg-3336555.html\">bedienten<\/a>, Noam Chomsky zeigte gar auf, &bdquo;wie uns die Medien manipulieren&ldquo; und der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu legte zahlreiche Verwerfungen frei, die im journalistischen Feld vorzufinden sind. Kann es sein, dass die Medienkritik von akademischer Seite viel zu lange ignoriert wurde und die massive Kritik, wie sie nun teilweise auch aus der Breite der Bev&ouml;lkerung kommt, das Ergebnis einer Medienlandschaft ist, die sich mit Vorsatz taub stellt, wenn ihre Arbeitsweise hinterfragt wird?<\/strong><\/p><p>Dass Medien &ldquo;manipulieren&rdquo;, halte ich f&uuml;r normal. Das m&uuml;ssen sie sogar, denn sie sollen ja vermittelnd eingreifen in die gesellschaftliche Kommunikation. Die Frage ist, gem&auml;&szlig; welchen Kriterien? Laufen diese Manipulationen transparent ab? Und diese Fragen stellen sich (und andere) dank Netzverkehr und neuer Mediennutzung nun sehr deutlich. Ich denke aber nicht, dass &ldquo;L&uuml;gen&rdquo; (als bewusste) oder eben vors&auml;tzliche Taubheit den Kern der Strukturprobleme treffen. Doch Sie haben Recht &ndash; es gibt schon lange kluge Journalismus-Kritik, aber erst mit Facebook und Twitter scheint nun Gegenwind auch aus ganz anderen Richtungen zur materiellen Gewalt zu werden.<\/p><p>Wir sollten auch den sozialen Zusammenhang beachten: In Gesellschaften wie der bundesdeutschen lassen sich &ndash; sp&auml;testens seit dem Ende der Systemkonkurrenz um 1989\/1991 &ndash; l&auml;ngst vergessen gew&auml;hnte, wachsende Polarisierungen auf neuem Niveau beobachten. Daf&uuml;r m&ouml;gen Stichworte wie Abbau des Sozialstaates (siehe vor allem die kaum durchschaubaren Rentenk&uuml;rzungen seit 1998), Aufr&uuml;stung\/Aggressivit&auml;t nach innen und au&szlig;en, zunehmende &Uuml;berwachung sowie ethnische oder religi&ouml;se Aufladung von sozialen Konflikten stehen. <\/p><p><strong>Was wollen Sie damit sagen?<\/strong><\/p><p>Da ich Journalismus als Teil von Gesellschaft zu begreifen versuche, also im Sinne Pierre Bourdieus als Feld, das sowohl strukturiert wird als auch selbst strukturiert (sich und die Mitwelt), entspricht dieser journalistische Hauptstrom tendenziell der Gesellschaft, zu der er ja in vieler Hinsicht geh&ouml;rt. Statt Widerspr&uuml;che und Krisen zu artikulieren, wird sich in weiten Bereichen des Journalismus eher abgeschottet (was man paradoxerweise &ldquo;den Anderen&rdquo; ja gerne vorwirft). Der &ldquo;Mainstream des Mainstream&rdquo; im Journalismus, wie Ulrich Teusch das in seinem lesenswerten Buch &ldquo;<a href=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=905\">L&uuml;ckenpresse<\/a>&rdquo; nennt, hat sich von ganzen Schichten und Klassen hierzulande verselbst&auml;ndigt und entfremdet. <\/p><p><strong>Diese Entfremdung des Journalismus von breiten Teilen der Bev&ouml;lkerung ist einer der Hauptkritikpunkte, die immer wieder an der Berichterstattung ge&auml;u&szlig;ert werden.<\/strong><\/p><p><strong>Wir erleben gerade bei den gro&szlig;en politischen und gesellschaftlichen Fragen und Problemen immer wieder einen Journalismus, der seine Berichterstattung mehr aus der Perspektive &bdquo;von oben&ldquo;, aus Sicht der &bdquo;Herrschenden&ldquo; ausrichtet als &bdquo;von unten&ldquo;, aus Sicht der &bdquo;einfachen&ldquo; Menschen. Oder?<\/strong><\/p><p>Ja, auch so kann man das beschreiben. Diese Entfremdung lief ja eher schleichend &uuml;ber Jahrzehnte und nun seit ca. 2015 aus Anlass der Diskussionen &uuml;ber Menschen auf der Flucht in Richtung Deutschland mit heftiger Dynamik. Es gibt nicht nur die selbstbezogene Blase der Rechtsextremen, es gibt geradezu spiegelbildliche Blasen in der etablierten Politik (supergro&szlig;e Allianz von Union, SPD, Gr&uuml;nen und FDP), in den dominanten Sektoren der Wirtschaft sowie in der Kultur der Mitte &ndash; und daher auch in vielen Redaktionen. <\/p><p>Hierbei geht es nun nicht darum, zum Beispiel Vertretern von AfD oder Pegida nach dem Munde zu reden. Doch genau solche Effekte stellen sich ein, wenn derartige Tendenzen zun&auml;chst ignoriert werden und man dann im Umkehrschwung das Gef&uuml;hl hat, Petry\/Gauland\/H&ouml;cke sitzen in jeder Talkshow. <\/p><p>Wichtige Teile der Medien vernachl&auml;ssigen systematisch ihre Artikulationsfunktion, die ja ein zentraler Aspekt ihrer &ouml;ffentlichen Aufgabe in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist. Auch, weil der journalistische Hauptbereich viel zu homogen besetzt ist. In Deutschland sagen laut der immer noch aktuellen diesbez&uuml;glichen Studie von Weischenberg &amp; Co. aus dem Jahre 2005 mehr als 35 Prozent der Journalistinnen und Journalisten, dass sie parteipolitisch den B&uuml;ndnisgr&uuml;nen zuneigen. Das hei&szlig;t, die tats&auml;chliche Anzahl mag noch h&ouml;her liegen. Die einzige Partei au&szlig;erhalb des Mainstream, die mit abgefragt wurde, die PDS, kam damals auf ein Prozent. An beiden Werten d&uuml;rfte sich nach meinen Beobachtungen kaum Wesentliches ver&auml;ndert haben. Das soll kein moralisierender Vorwurf an die Kolleginnen und Kollegen sein &ndash; aber derartige sozio-strukturelle Einseitigkeiten m&uuml;ssten im journalistischen Feld praktisch und theoretisch reflektiert werden. Also &ndash; welche Themen setzen wir warum und wie, und welche Informationsquellen und Meinungen zu diesen Themen recherchieren und produzieren wir? Inwieweit entspricht das wichtigen Entwicklungen in der Gesellschaft? Artikulieren wir (f&uuml;r) die Gesellschaft, oder nur unsere Echokammer? Das ist ein weites und dringend zu beackerndes Feld! <\/p><p><strong>Die soziale Zusammensetzung des journalistischen Feldes ist meines Erachtens mit einer der Schl&uuml;ssel zum Verst&auml;ndnis des Konflikts zwischen gro&szlig;en Medien und Mediennutzern. In der von Ihnen angef&uuml;hrten Studie von Weischenberg <a href=\"https:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/fileadmin\/sowi\/journalistik\/kvvarchiv\/KvvArchiv\/jouridmp.pdf\">hei&szlig;t es<\/a> auch:<\/strong><\/p><p><strong>&bdquo;Journalisten sind in ihrer sozialen Zusammensetzung&hellip;nicht der Spiegel der Bev&ouml;lkerung &ndash; so wenig wie &Auml;rzte, Anw&auml;lte oder Wissenschaftler.&ldquo;<\/strong><\/p><p><strong>Und weiter: &bdquo;Journalisten unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Bildung vom Durchschnitt der Bev&ouml;lkerung. Sie rekrutieren sich auch sehr deutlich vor allem aus einem Bereich der Gesellschaft: der Mittelschicht. Rund zwei Drittel der V&auml;ter von Journalisten (66,7 %) sind oder waren Angestellte oder Beamte; Kinder von Arbeitern stellen eine kleine Minderheit (8,6 %).&ldquo;<\/strong><\/p><p><strong>Klarissa Lueg, die sich in ihrer Doktorarbeit mit der Herkunft von angehenden Journalisten, die die Journalistenschulen besuchen, auseinandersetzt &ndash; also quasi die Kaderschmieden der Branche &ndash; hat aufgezeigt, dass dass bei 71 Prozent der Journalistensch&uuml;ler ein Elternteil <a href=\"http:\/\/www.ttn-institut.de\/node\/1492\">studiert hat<\/a>. Worauf deuten solche Forschungsergebnisse? <\/strong><\/p><p>Unter anderem darauf, dass die Gesellschaft aktiver werden m&uuml;sste in Richtung von mehr Vielfalt auch hinsichtlich dessen, wer warum und wie Journalist wird. Sp&auml;testens in sozialen Krisenzeiten kommt es sonst zu tendenziell pathologischen Verselbst&auml;ndigungen entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien. Und dann sind humane und demokratische, soziale und &ouml;kologische L&ouml;sungen alles andere als garantiert, wie der &Uuml;bergang in die Nazizeit in Deutschland gezeigt hat.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns doch einmal n&auml;her auf die Erkenntnisse eingehen, zu denen Bourdieu kam. Wie lautet denn seine Kritik am journalistischen Feld?<\/strong><\/p><p>Um Bourdieus Kritik am journalistischen Feld zu verstehen, ist es zentral, sein Habitus-Konzept zu verstehen. <\/p><p><strong>Auch wenn Bourdieus Habitus-Theorie nicht ganz einfach zu verstehen ist, k&ouml;nnen Sie ein paar Worte dazu sagen, so dass diese auch einem soziologischen Laien verst&auml;ndlich wird?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Bourdieu ist der Habitus, &uuml;ber den jeder Mensch verf&uuml;gt, die &bdquo;Inkorporation des Sozialen in den K&ouml;rper.&ldquo;  Anders gesagt: Im Laufe unserer Sozialisation verinnerlichen wir Menschen quasi unsere Umwelt, also all das, was uns von au&szlig;en pr&auml;gt &ndash; was zu weitreichenden R&uuml;ckkopplungen im Hinblick auf unser Verhalten f&uuml;hrt (das ist nun sicherlich sehr verk&uuml;rzt erkl&auml;rt, aber das soll an dieser Stelle reichen.)<\/p><p>Das Interessante nun ist: Der Habitus ist Bourdieu zufolge gleichzeitig Produkt und Produzent menschlicher Handlungsweisen bzw. Praktiken aller Art. &Uuml;ber den Habitus k&ouml;nnen Menschen demzufolge kaum frei verf&uuml;gen, sondern dieser Habitus w&auml;hlt je nach Klassen- und Schichtzugeh&ouml;rigkeit jene Deutungsmuster aus, die nach dem zugeteilten Bildungskapital m&ouml;glich sind. <\/p><p><strong>Und hier kommen wir nun zu den Strukturproblemen im Journalismus.<\/strong><\/p><p>In der Tat. Stellen wir uns doch einmal die Frage: Wer wurde in den vergangenen 50 Jahren hierzulande warum und wie Journalist? <\/p><p>Wenn Sie nun also nochmal an die Zusammensetzung des journalistischen Feldes denken und sich dann vor Augen f&uuml;hren, dass viele der Akteure in den Medien &uuml;ber einen relativ &auml;hnlichen Habitus verf&uuml;gen, dann wird deutlich, woher eine Berichterstattung kommt, deren Blick oft viel zu eng ist. <\/p><p>Wie soll es bei so einer sozialen Zusammensetzung des journalistischen Feldes m&ouml;glich sein, dass zum Beispiel &uuml;ber Interessen und Konkurrenz diskutiert werden k&ouml;nnte &ndash; und nicht nur naiv &uuml;ber idealistisch behauptete &ldquo;gemeinsame Werte&rdquo; oder vom mutma&szlig;lichen Narziss Trump angeblich zerst&ouml;rte &ldquo;Freundschaften&rdquo; zwischen Staaten etc.<\/p><p><strong>Was sagte Bourdieu noch?<\/strong><\/p><p>Geradezu erhellend f&uuml;r die Anschlags- und Nachrichtenlagen dieser Tage finde ich sein Argument, ein wachsendes global-gesellschaftliches Problem liege in der zunehmenden Ungleichheit der Verteilung nicht zuletzt kulturellen Kapitals und damit kommunikativer Kompetenz auf verschiedene Milieus, Klassen, L&auml;nder und Weltregionen. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie diese Erkenntnisse auf die Berichterstattung &uuml;bertragen, die uns heute geliefert wird? An welchen Stellen greift Bourdieus Medienkritik heute?<\/strong><\/p><p>Mit Blick auf strukturelle Konflikte setzen Pierre Bourdieu zufolge insbesondere Journalisten im Bewegtbildbereich (TV, Online) in der Tendenz darauf, &bdquo;dass es eher zu einer Konfrontation zwischen Personen (besonders Politikern) als zwischen ihren Argumenten kommt, auf Kosten dessen, was eigentlich Gegenstand der Debatte ist &ndash; das Haushaltsdefizit, die Steuersenkung oder die Auslandsverschuldung.&rdquo; Da das Wissen dieser Journalisten &uuml;ber die politische Welt im Wesentlichen auf pers&ouml;nlichen Kontakten und vertraulichen Mitteilungen beruhe (oder sogar auf Klatsch und Ger&uuml;chten) und weniger auf der Objektivit&auml;t einer Beobachtung oder fundierten Recherche, neigen sie laut Bourdieu dazu, alles auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie als Experten gelten k&ouml;nnen. Und wir kennen das bis zum Abwinken: &ldquo;Stimmt die Chemie zwischen Merkel und Macron?&rdquo; oder gerne auch &ldquo;Melania Trump hat ihrem Gatten beim Staatsbesuch die Hand entzogen&rdquo; bzw. Donald Trump habe gerade beim Gipfel den Premier aus Montenegro wie beim Eishockey r&uuml;de gecheckt. Das haben wir gesehen &ndash; das k&ouml;nnen wir verstehen. <\/p><p><strong>Wo noch?<\/strong><\/p><p>Er spannte den argumentativen Bogen konsequent weiter und kritisierte offenkundige Effekte der Entpolitisierung gerade von sozial Unterprivilegierten. Viele klinkten sich schon seinerzeit (Bourdieu starb 2002) aus der Mediennutzung und sonstigen Beteiligung an der Gesellschaft aus. Und der Soziologe sah und monierte scharf, dass auch dies in hohem Ma&szlig;e den ohnehin Bessergestellten nutzen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Zoomen wir n&auml;her an die konkrete journalistische Arbeit ran. Auf Ihrem Blog erw&auml;hnen Sie den Terroranschlag von Berlin.<\/strong><\/p><p><strong>Sie <a href=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=817\">schreiben<\/a>: &bdquo;In der Berichterstattung zum Anschlag in Berlin fiel mir auf, dass &Auml;u&szlig;erungen der Sicherheitsbeh&ouml;rden immer wieder ohne Quelle angegeben oder in der Wirklichkeitsform (Indikativ) wiedergegeben und damit in den Rang von Tatsachen erhoben wurden.&ldquo; Wo genau liegt das Problem bei diesem Vorgehen?<\/strong><\/p><p>Journalisten sollten m&ouml;glichst unabh&auml;ngig von den Interessen Dritter agieren, also unabh&auml;ngig vor allem von den Interessen der Reichen und Einfluss-Reichen. Und das hei&szlig;t hier konkret: Versionen als Versionen kennzeichnen, wie es Michael Haller formulierte. Die Kanzlerin und andere M&auml;chtige sind ja ohnehin relativ h&auml;ufig im Journalismus pr&auml;sent &ndash; allein das st&auml;rkt in der Regel ihre Position durch pure Anwesenheit. Wenn es dann noch hei&szlig;t: &ldquo;Merkel will sich f&uuml;r eine St&auml;rkung Europas einsetzen&rdquo;, dann h&auml;tte das ihr Pressesprecher, der Ex-Heute-Moderator Steffen Seibert, nicht besser sagen k&ouml;nnen. Also nicht besser aus der Sicht von Merkel. Deswegen sollten Journalisten nicht so tun, als k&ouml;nnten sie in die K&ouml;pfe der Zitierten hineinschauen. Auch wenn, siehe Bourdieu, die K&uuml;chenpsychologie stets unterbewusst locken mag. Journalisten sollten hier einfach ihren Job machen und als Medienprofis zum Beispiel mit dem entsprechenden Konjunktiv arbeiten. <\/p><p>Und &ndash; nein, ich denke, solche Einordnung des Gesagten &uuml;berfordert &ldquo;die Leute da drau&szlig;en&rdquo; auch in synchronen Medien wie Radio oder TV nicht. <\/p><p><strong>Warum tun sich Journalisten gerade bei der Berichterstattung im Zusammenhang mit Terroranschl&auml;gen oft so schwer, gen&uuml;gend Distanz zu jenen Informationen aufzubauen, die von Beh&ouml;rden kommen?<\/strong><\/p><p>Warum gleich &ldquo;Terroranschl&auml;ge&rdquo;? Was erkl&auml;rt das Wort &ldquo;Terror&rdquo;, wenn noch nicht einmal klar ist, ob es ein Anschlag war &ndash; siehe Manchester, wo zun&auml;chst von einer Explosion gesprochen werden musste. Das Wort &ldquo;Terror&rdquo; ist ein stark wertendes und zudem, sachlich betrachtet, alles andere als trivial. Ich denke, es sollte von Journalisten mit besonderem Verantwortungsbewusstsein verwendet werden. Da aber Beh&ouml;rden-Vertreter oft die erste und wichtigste Quelle sind in solchen F&auml;llen, liegt es nahe, deren Sprachregelungen zu &uuml;bernehmen. Und das leider h&auml;ufig, ohne jene Versionen von vornherein und klar als Versionen von Beh&ouml;rden-Vertretern kenntlich zu machen. <\/p><p><strong>Ein anderes Beispiel, das aber auch auf das hier diskutierte Problem verweist: Nach dem Amoklauf in Winnenden gab der damalige Innenminister von Baden-W&uuml;rttemberg, Heribert Rech, eine Pressekonferenz. Darin <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/video\/innenminister-rech-zitiert-chat-ich-werde-alle-gepflegt-grillen-video-55702.html\">sagte er<\/a>, Tim K. habe seine Tat in einem Chatroom angek&uuml;ndigt.<\/strong><\/p><p>Viele Medien <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=geflegt+grillen+tim+k.+&amp;ie=utf-8&amp;oe=utf-8&amp;client=firefox-b&amp;gfe_rd=cr&amp;ei=2k81WYO4PI-T8QeEraSgCw#q=gepflegt+grillen+tim+k\">&uuml;bernahmen<\/a> die Aussage von Rech. Sp&auml;ter mussten sie <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/webwelt\/article3381490\/Internet-Panne-zeigt-Ahnungslosigkeit-der-Polizei.html\">feststellen<\/a>, dass der Chatroom-Eintrag eine F&auml;lschung war. <\/p><p><strong>Was k&ouml;nnen Sie an diesem Beispiel erkennen?<\/strong><\/p><p>In F&auml;llen wie diesen scheint es eine ziemlich kollektive Neigung in vielen Redaktionen zu geben, mit der Welle mitzugehen und zu hyperventilieren. Einerseits m&ouml;chte man nichts verpassen, andererseits zudem noch bestimmte Aspekte exklusiv pr&auml;sentieren. Das f&uuml;hrt oft zu explosiven Mischungen aus noch weniger Recherche und noch mehr Output. Und dann wundert man sich in Praxis und Wissenschaft &uuml;ber sinkende &ldquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&rdquo;. Wobei ich Letzteres im Sinne von &bdquo;sinkender Glaubensbereitschaft&ldquo; auf Seiten der Nutzer eher f&uuml;r eine zivilisatorische Errungenschaft halte. Denn &ldquo;glauben&rdquo; sollte man doch, wenn mensch denn m&ouml;chte, (an) andere Entit&auml;ten als an journalistische Fakten oder Meinungen. &ldquo;Vertrauen&rdquo; finde ich hier viel sinnvoller, und das m&uuml;ssen sich journalistische Medien heute mehr denn je erarbeiten. Aber auch dies sehe ich eher als Chance f&uuml;r Vielfalt statt Einfalt in diesem Feld.<\/p><p><strong>Wie sieht es denn mit der Sprache aus, derer sich Journalisten bedienen, um &uuml;ber bestimmte Ereignisse zu berichten? Ist damit alles in Ordnung?<\/strong><\/p><p>Sprache ist menschliches Werkzeug und Spielzeug und daher st&auml;ndig in Entwicklung begriffen. Auf bestimmte Fehlergruppen treffen wir gerade im Journalismus immer wieder &ndash; ungewollte Mehrdeutigkeit, falscher Verbmodus, &Uuml;bervereinfachung mit dem Spezialfall &ldquo;falsche Verallgemeinerung&rdquo; (&ldquo;Wir sind Papst&rdquo;, &ldquo;Deutschland geht es so gut wie nie&rdquo;), Tautologien etc. Und das weite Feld der klar wertenden Termini, die in informationsbetonten Texten wie Nachrichten vermieden werden sollten. Eckart Spoo verdanke ich die Anregung, &ldquo;drohen&rdquo; und &ldquo;warnen&rdquo; reflektiert zu verwenden. &ldquo;Drohen&rdquo; klingt klar wertend, nur negative Dinge drohen (und dann wird auch der &ldquo;drohende Streik&rdquo; schnell zur b&ouml;sen Sache). &ldquo;Warnen&rdquo; hingegen ist sogar eher positiv konnotiert. Und siehe da &ndash; auch unter Trump gilt f&uuml;r viele deutsche Medien: &ldquo;USA warnen Nordkorea vor neuem Raketentest&rdquo;, w&auml;hrend es &ldquo;nat&uuml;rlich&rdquo; umgekehrt weiterhin hei&szlig;t: &ldquo;Nordkorea droht den USA angesichts von deren aktuellem Man&ouml;ver&rdquo;. <\/p><p><strong>Sind Ihnen weitere Beispiele bekannt, dass Journalisten sich einer Sprache bedienen, die an Objektivit&auml;t einiges zu w&uuml;nschen &uuml;brig l&auml;sst?<\/strong><\/p><p>Mir fiel auf, dass im Kontext der mutma&szlig;lich rechtsextremen Bundeswehroffiziere zun&auml;chst und meist von &ldquo;Soldaten&rdquo; die Rede war, was ja nicht falsch ist. Aber es scheinen bisher zumindest drei Oberleutnants zu sein, also langj&auml;hrig dienende, ausgebildete und studierte Offiziere und eben nicht irgendwelche eher kurzfristig engagierten Mannschaftsdienstgrade. Das kann auch als Verharmlosung verstanden werden. Objektivierung ginge anders.<\/p><p><strong>Haben Sie Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass sich so viele Mediennutzer &uuml;ber die Berichterstattung der Medien beschweren?<\/strong><\/p><p>Ich mag es da mit Karl und Jenny Marx und den ihnen von ihren T&ouml;chtern zugeschriebenen Lebensmottos halten: &ldquo;An allem ist zu zweifeln!&rdquo;, aber zugleich: &ldquo;Verzweifle nie!&rdquo;. Es gibt trotz aller &Ouml;konomisierung Spielr&auml;ume in den etablierten Medien, und nicht zuletzt gibt es neue Medien wie eben auch die &ldquo;Nachdenkseiten&rdquo;. Journalismus als Zweck, f&uuml;r die Nutzer und mit den Nutzern, als &ouml;ffentlich-relevanter, f&uuml;r progressive gesellschaftliche Selbstkritik und Selbstgestaltung. Und eben nicht mehr (vor allem) als Mittel zum Zweck, um Werbung, pardon: &ldquo;Native Ads&rdquo;, zu verkaufen oder um Macht auszubauen. <\/p><p><strong>Was m&uuml;sste sich Ihrer Meinung nach innerhalb der Medien &auml;ndern, um einen Journalismus vorzufinden, der nicht so viel Angriffsfl&auml;che bietet?<\/strong><\/p><p>Journalismus d&uuml;rfte k&uuml;nftig sogar noch wichtiger und spannender f&uuml;r uns alle werden. Denn die Datenfluten m&uuml;ssen in Informationen und Meinungsbildungsangebote f&uuml;r uns und mit uns umgewandelt werden. Menschen brauchen in un&uuml;bersichtlich erscheinenden Zeiten auf neue Weise Orientierung und Mitsprache. Demokratisch verfasste Gesellschaften bed&uuml;rfen m&ouml;glichst unabh&auml;ngiger Kritik und Kontrolle, um offen f&uuml;r verschiedene Entwicklungspfade zu bleiben.<\/p><p>Wir ben&ouml;tigen daher auch im Journalismus Vielfalt und Alternativen in vieler Hinsicht &ndash; bei den Eigentumsformen, in den &ouml;ffentlich-rechtlichen Aufsichtsgremien und Verwaltungsr&auml;ten (da sind keine Arbeitslosen, Leiharbeiter oder Werkvertrags-Scheinselbst&auml;ndigen vorgesehen), in der Ressourcengewinnung, in der Zusammensetzung der Redaktionen, in den Perspektiven, bei den Themen, in den Rechercheformen, in den Beitr&auml;gen, in der Interaktion mit den Nutzern. Inwieweit sich das in etablierten Medien &auml;ndern l&auml;sst, muss ausprobiert werden. Oder es gibt eben neue &ldquo;Denkseiten&rdquo; &ndash; &ldquo;nachdenken&rdquo; finde ich n&auml;mlich &auml;hnlich wie &ldquo;hinterfragen&rdquo; nicht so treffend wie &ldquo;denken&rdquo; und &ldquo;fragen&rdquo; &ndash; und last but not least mit Blick auf die immer m&auml;chtiger werdenden Intermedi&auml;re wie Facebook oder Google gibt es in beider Hinsicht viel zu tun, gerade f&uuml;r Journalisten als Denkende und Fragende. Um hier einen Ausblick zu wagen: Um &ldquo;Fake News&rdquo; und &Auml;hnliches sollten wir uns gemeinsam mit Journalisten selber k&uuml;mmern und d&uuml;rften das weder Regierungen noch Konzernen &uuml;berlassen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wer wurde in den vergangenen 50 Jahren hierzulande warum und wie Journalist?&ldquo;<br \/> Diese Frage wirft <strong>Sebastian K&ouml;hler<\/strong>, Kommunikationswissenschaftler und Publizist, im Interview mit den NachDenkSeiten auf. 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