{"id":3878,"date":"2009-04-07T18:56:04","date_gmt":"2009-04-07T17:56:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3878"},"modified":"2014-01-28T15:38:48","modified_gmt":"2014-01-28T14:38:48","slug":"zum-versagen-der-nationaloekonomie-der-schaden-ist-gross-nach-dem-verursacherprinzip-waeren-sanktionen-angebracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3878","title":{"rendered":"Zum Versagen der National\u00f6konomie. Der Schaden ist gro\u00df. Nach dem Verursacherprinzip w\u00e4ren Sanktionen angebracht."},"content":{"rendered":"<p>Am 5. April widmete sich FAZNET dem Thema. Siehe Anlage 1. Ein lesenswerter Artikel; immerhin best&auml;tigen die Autoren die Existenz und die Gefahr des Herdentriebs. Einiges fehlt und einiges ist falsch gesehen. Die Autoren analysieren zum Beispiel nicht, dass von einigen &Ouml;konomen schon seit l&auml;ngerem die Unf&auml;higkeit ihrer Kollegen zu einer vern&uuml;nftigen Makropolitik explizit beschrieben worden ist, dass vor den Gefahren hoher Leistungsbilanzdefizite in den USA und entsprechender &Uuml;bersch&uuml;sse hier bei uns gewarnt wurde, und auch vor den Gefahren der Spekulation. Sie sehen nicht, dass das Versagen der in Expertengremien und in der ver&ouml;ffentlichten Meinung pr&auml;senten &Ouml;konomen viel mit ihrer Interessenverflechtung mit Wirtschaft und Arbeitgebern zu tun hat. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Die Fehleinsch&auml;tzung der &ouml;konomischen Entwicklung und die Unf&auml;higkeit zur Optimierung der makro&ouml;konomischen Instrumente. Das hat etwas mit der Fixierung auf die Interessen der exportorientierten Gro&szlig;industrie und auf Arbeitgeberinteressen zu tun.<\/strong><br>\nDie vorherrschenden &Ouml;konomen haben seit Jahren die &ouml;konomische Entwicklung falsch eingesch&auml;tzt und vor allem falsch interpretiert. So haben sie fast alle das bisschen wirtschaftliche Belebung der Jahre 2005-2007 zum Boom erkl&auml;rt, weil sie nicht weitere, die Konjunktur st&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen des Staates wollten. Die Mehrheit von ihnen wollte immer schon vermeiden, dass die Arbeitnehmer wieder in eine ebenb&uuml;rtige Wettbewerbsposition auf dem Arbeitsmarkt kommen. Die meisten Wissenschaftler vertreten die Interessen der Arbeitgeberseite. Deshalb waren viele unterschwellige Vertreter einer Reservearmee von Arbeitslosen.<br>\nDas war vermutlich zum Beispiel auch der Hintergrund der Einlassung des Sachverst&auml;ndigenrates im Gutachten vom November 2000, die Konjunktur &bdquo;laufe rund&ldquo;. Wer genau hinschaute, wusste, dass dies nicht stimmt. Auch im Jahre 2000 gab es eine hohe Arbeitslosenrate von 10,7 %. Wie kann man da zu der Einsch&auml;tzung kommen, die Konjunktur laufe rund? Die damalige Fehleinsch&auml;tzung hatte Wirkung. Mit ihrem falschen Spruch hat der Sachverst&auml;ndigenrat den damaligen Bundesfinanzminister Eichel und die Bundesbank in ihrer prozyklischen Bremspolitik unterst&uuml;tzt. Sie sind mitverantwortlich f&uuml;r den Abbruch des kleinen Aufschwungs von 1997 bis 2001 und somit f&uuml;r den Verlust an Volkseinkommen und das Arbeitslosenschicksal vieler Menschen. Daf&uuml;r sollten sie eigentlich b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen! Weil sie nicht nur irrt&uuml;mlich, sondern willentlich falsch beraten haben.<br>\nDie Autoren der FAZ gehen nicht darauf ein, dass vermutlich die Mehrzahl der &Ouml;konomen oft auch deshalb falsch gelegen hat, weil sie mit ihrer Prognose eine bestimmte Politik initiieren wollten.<br>\nIn den Jahren 2007 und 2008 haben die Forschungsinstitute wohl auch deshalb falsch prognostiziert, weil sie konjunkturpolitische, expansive Ma&szlig;nahmen vermeiden wollten. Sie wollten mit ihren Prognosen noch bis in den Sommer 2008 hinein die restriktive Politik der Europ&auml;ischen Zentralbank st&uuml;tzen.<br>\nAu&szlig;erdem wollten sie mit allen Mitteln die Behauptung unterst&uuml;tzen, die Reformpolitik zeige auf dem Arbeitsmarkt und bei der wirtschaftlichen Entwicklung eine positive Wirkung.<br>\nHinter den Fehlprognosen stecken also h&auml;ufig auch politische Motive.<br>\nDer Artikel berichtet leider zu wenig von jenen &Ouml;konomen, die die Unf&auml;higkeit zu einer vern&uuml;nftigen makro&ouml;konomischen Politik schon seit langem gesehen und kritisiert haben. Die eigenen Hinweise darauf in den NachDenkSeiten, in der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; und in &bdquo;Machtwahn&ldquo; lassen wir mal beiseite.<br>\nZu erw&auml;hnen bleiben aber zum Beispiel der Bundesfinanzminister von 1998 bis 99, Oskar Lafontaine und sein Staatssekret&auml;r Heiner Flassbeck. Sie haben damals die Verwerfungen in den internationalen W&auml;hrungsbeziehungen gesehen und wollten intervenieren. Daraus folgte ja gerade die leidenschaftliche Feindschaft der vielfach mit der Finanzindustrie verwobenen Medien und Politik gegen Lafontaine (siehe britische Sun mit der Schlagzeile: &bdquo;Der gef&auml;hrlichste Mann Europas&ldquo;).<br>\nMit Respekt zu erw&auml;hnen sind bei uns das IMK der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung und die Memorandum-Gruppe z.B.. Zu erw&auml;hnen sind weiter der Nobelpreistr&auml;ger Robert Solow und der Chef&ouml;konom von Goldman Sachs, Jim O&rsquo;Neill, mit &Auml;u&szlig;erungen vom August und September 2004. In Anlage 2 finden Sie interessante Ausz&uuml;ge aus einem Interview mit Jim O&rsquo;Neill in der ZEIT vom August 2004. (Nicht allen seinen &Auml;u&szlig;erungen stimme ich zu, vor allem nicht den Belobigungen f&uuml;r die Agenda 2010 und f&uuml;r Strukturreformen sowie seine von Unkenntnis getr&uuml;bten Einlassungen zu den Laden&ouml;ffnungszeiten).<br>\nO&rsquo;Neill wunderte sich &uuml;ber die Borniertheit seiner deutschen Kollegen, &uuml;ber ihre dogmatische Feindschaft gegen&uuml;ber Keynes und ihre damit bewiesene Unf&auml;higkeit, die verschiedenen Instrumente der &Ouml;konomie pragmatisch einzusetzen. Jim O&rsquo;Neill hat auch auf die absurde Vorstellung seiner deutschen Kollegen hingewiesen, man m&uuml;sse die Steuern der Spitzenverdiener und Unternehmen senken, statt den Wenigverdienern mehr Kaufkraft zukommen zu lassen.<br>\nUnd dann hat er damals &ndash; 2004 &ndash; deutlich gemacht, welche Gefahren f&uuml;r Deutschland daraus folgen, dass die Leistungsbilanzdefizite in den USA steigen, w&auml;hrend in Deutschland vers&auml;umt wird, die Binnenkonjunktur anzukurbeln. Er wies darauf hin, was es f&uuml;r uns bedeuten kann, wenn der Dollar in den Keller geht. Andere haben in &auml;hnlicher Form schon damals auf diese Gefahren aufmerksam gemacht.<br>\nDas ist immerhin schon fast f&uuml;nf Jahre her.<br>\nRobert Solow hat in einer klassischen Einlassung seinen deutschen Kollegen eine Br&uuml;cke zu bauen versucht, indem er konzedierte, dass Makro&ouml;konomie schwierig sei. Aber er konnte sich dann doch die Anmerkung nicht verkneifen, eines sei sicher, man k&ouml;nne Makropolitik besser machen, als dies in Deutschland geschieht. Recht hat er.<br>\nIn Anlage 3 habe ich dazu einige Folien zusammengestellt, die ich in Vortr&auml;gen und Lesungen beginnend mit dem September 2004 benutzte.<\/li>\n<li><strong>Kein Sensor f&uuml;r die Gefahren des Casinobetriebs, im Gegenteil Bewunderung<\/strong><br>\nDie meisten deutschen &Ouml;konomen hatten und haben vermutlich immer noch keinen Sensor f&uuml;r die Gefahren des Casinobetriebs. Sie haben die Blasenbildung eher bewundert; auch hier wieder an vorderer Front der Sachverst&auml;ndigenrat in seinem Gutachten vom November 2000 mit einer euphorischen Begr&uuml;&szlig;ung der boomartigen Aktienentwicklung im IT-Bereich (da hatte &uuml;brigens schon der Zusammenbruch des Booms begonnen).<\/li>\n<li><strong>Zur Interessenverflechtung<\/strong><br>\nDie beiden Autoren der FAZ gehen leider auch nicht auf die Interessenverflechtung vieler Wissenschaftler und die daraus folgenden Fehlprognosen und Fehlberatungen ein. Hierzu nur ein paar Beispiele:<br>\nKlaus Zimmermann (Pr&auml;sident des DIW und zugleich Direktor des IZA, das der Niedriglohnlobby zuarbeitet), Raffelh&uuml;schen, van Suntum, R&uuml;rup, Sinn, Miegel, B&ouml;rsch-Supan und viele mehr vertreten wirtschaftliche Interessen oder sind mit ihnen eng verflochten und geraten damit bei ihrer scheinbar wissenschaftlichen Arbeit in Kollision.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Konsequenzen:<\/strong><br>\nDas Mindeste ist: Staatliche F&ouml;rderung von Wissenschaftlern sollte es nur noch geben, wenn sie keine anderen Interessen vertreten oder von solchen Interessen mitfinanziert werden. Wir sollten die Institute der Wirtschaftswissenschaft zwingen, sich von ihren Chefs zu trennen, wenn diese weiterhin in Aufsichtsr&auml;ten etwa von Versicherungsgesellschaften t&auml;tig sind, nebenher noch ein privates, von wirtschaftlichen Interessenverb&auml;nden oder von Firmen finanziertes Institut betreiben &ndash; wie Klaus Zimmermann z.B. oder Auftr&auml;ge von Lobbyorganisationen entgegen nehmen.<br>\nEs sollte auch klar sein, dass sich Wissenschaftler zwischen ihrer Professur und privatwirtschaftlicher Interessenvertretung entscheiden m&uuml;ssen. Heute ist es n&auml;mlich so, dass viele ihr Renommee aus der Professur ziehen und dieses Renommee f&uuml;r die privaten Interessen einsetzen, und dass dann umgekehrt wiederum die Wahrnehmung ihrer privaten Interessen ihre Arbeit und ihre &Auml;u&szlig;erungen als Professor mitbestimmt.<br>\nDas sind alles unertr&auml;gliche Entwicklungen; sie sind nicht ganz neu, aber das ist kein Grund, damit fortzufahren.<\/p><p><strong>Anlage 1<\/strong><\/p><p><strong>Viele Wissenschaftler sehen ein Versagen. Was ist schiefgelaufen? Die &Ouml;konomen in der Sinnkrise<\/strong><br>\nVon Lisa Nienhaus und Christian Siedenbiedel<\/p><p>05. April 2009&nbsp;Es ist erstaunlich, dass alles trotzdem weitergeht. W&auml;hrend so manches Unternehmen sich weigert, &uuml;berhaupt noch einen Ausblick auf das laufende Gesch&auml;ftsjahr zu wagen, scheint die Vorhersage f&uuml;r die gesamte Volkswirtschaft weitaus einfacher zu sein. Die professionellen Prognostiker jedenfalls machen weiter. Komme, was da wolle, sie geben ihr Votum ab. Minus drei Prozent, minus vier Prozent, minus f&uuml;nf Prozent: Munter korrigieren sie das Wachstum nach unten &ndash; mit gewohnter Verve und &Uuml;berzeugung.<br>\nEin Frechdachs, wer nachzuschlagen wagt, was sie vor einem Jahr gesagt haben. Doch aufschlussreich ist es in jedem Fall. Anfang 2008 war die Welt n&auml;mlich noch in Ordnung. Die &Ouml;konomen sprachen von einer Abk&uuml;hlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hie&szlig; es damals, aber wei&szlig; Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja.<br>\nDann kam die Krise &ndash; und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben. Sie haben sich t&auml;uschen lassen, sind kollektiv der Illusion erlegen, die Finanzm&auml;rkte seien stabiler, als sie es tats&auml;chlich waren. Sie haben die Kreditkrise erst nicht kommen sehen &ndash; und dann nicht geglaubt, dass sie sich zur Wirtschaftskrise auswachsen w&uuml;rde.<br>\nJeder h&auml;tte warnen k&ouml;nnen<br>\nDas Versagen betrifft nicht nur die Institute der Konjunkturforscher. Es betrifft alle &Ouml;konomen. Jeder von ihnen betrachtet die Weltwirtschaft oder Teile von ihr mit einiger Aufmerksamkeit. Jeder h&auml;tte warnen k&ouml;nnen. Doch kaum einer hat erkannt, was kommen k&ouml;nnte. Und die wenigen, die etwas ahnten, haben nicht laut genug um Hilfe gerufen.<br>\nJetzt hat die Wirtschaftskrise die &Ouml;konomen in eine Sinnkrise gest&uuml;rzt. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Die Fragen lauten: Was ist da schiefgelaufen? Und was kann &Ouml;konomie &uuml;berhaupt?<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubB8DFB31915A443D98590B0D538FC0BEC\/Doc~E042FA849B36D410998E6A8197E9B5DE4~ATpl~Ecommon~Sspezial.html\">FAZ<\/a><\/p><p><strong>Anlage 2: Ausz&uuml;ge\/Interview von DIE ZEIT (35\/2004&nbsp;) mit Jim O&rsquo;Neill<\/strong><\/p><p><strong>&raquo;Ein absurdes Verst&auml;ndnis von Wirtschaft&laquo;<\/strong><br>\nWie schafft Deutschland den Aufschwung? Nur mit einer undogmatischen Wirtschaftspolitik, sagt Jim O&rsquo;Neill, Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs. Ein ZEIT-Gespr&auml;ch &uuml;ber Steuerschecks, Staatsschulden und das Weltbild deutscher &Ouml;konomen<\/p><p><strong>DIE ZEIT:<\/strong> Mister O&rsquo;Neill, der &Ouml;lpreis steigt und steigt, &uuml;berall sinken die Aktienkurse. Steht die Welt mit einem Bein in der n&auml;chsten Rezession?<br>\n<strong>Jim O&rsquo;Neill:<\/strong> So weit ist es noch lange nicht. Allerdings sind wir an einem Wendepunkt. In den Vereinigten Staaten schw&auml;cht sich das Wachstum schon wieder ab, ich rechne dort demn&auml;chst nur noch mit drei Prozent. Das wird viele Investoren entt&auml;uschen und den R&uuml;ckzug aus dem Dollarraum antreten lassen. Der Dollar ger&auml;t dann unter Druck.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Welche Folgen hat das f&uuml;r Europa?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Keine guten. Ich gehe davon aus, dass der Euro weiter aufwertet. Noch vor Ende des Jahres wird der Kurs des Euro bei 1,32 Dollar stehen.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Was macht Sie so pessimistisch?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Das amerikanische Leistungsbilanzdefizit. Allein die asiatischen Zentralbanken finanzieren dieses Defizit, indem sie sich mit Dollark&auml;ufen gegen eine Aufwertung ihrer eigenen W&auml;hrung stemmen. Zudem gehen die ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen in den USA massiv zur&uuml;ck. Insgesamt hat Amerika eine Finanzierungsl&uuml;cke von gut sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist langfristig nicht durchzuhalten. Irgendwann h&ouml;ren die asiatischen Zentralbanken auf, Dollar zu kaufen. Und dann kennt der Dollar nur eine Richtung &ndash; nach unten.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Und Deutschland?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Wird dann gro&szlig;e Probleme bei den Exporten bekommen. Deshalb m&uuml;ssen sich die Deutschen so rasch wie m&ouml;glich von ihrer Exportabh&auml;ngigkeit befreien und die Binnennachfrage st&auml;rken.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Die meisten deutschen &Ouml;konomen sehen den Handlungsbedarf nicht auf der Nachfrageseite der Volkswirtschaft, sondern auf der Angebotsseite &ndash; und fordern deshalb noch weitergehende Strukturreformen, etwa am Arbeitsmarkt.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Nat&uuml;rlich sind Strukturreformen wie die Agenda 2010 enorm wichtig. Aber ich halte auch l&auml;ngere Arbeitszeiten f&uuml;r eine gute Sache. Einer der Hauptgr&uuml;nde, warum die US-Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren so gut abgeschnitten hat, ist die l&auml;ngere Jahresarbeitszeit. Oder nehmen Sie die Laden&ouml;ffnungszeiten. Warum werden die in Deutschland nicht freigegeben? Ich war gerade auf Korsika im Urlaub. Das ist verr&uuml;ckt mit diesen Laden&ouml;ffnungszeiten in Kontinentaleuropa! Europa kann sein Wachstumspotenzial nur steigern, wenn alte Verkrustungen aufgebrochen werden. Kurzfristig allerdings helfen l&auml;ngere Arbeitszeiten bei einer Konsumschw&auml;che wie in Deutschland nicht weiter. Neue Jobs entstehen dadurch erst einmal nicht. Deshalb m&uuml;ssen die Reformen flankiert werden, um den Konsum anzukurbeln. Und zwar am besten mit einer fantasievollen Fiskalpolitik.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Das hei&szlig;t konkret?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Weil die Reichen von ihrem Einkommen relativ weniger f&uuml;r Konsum ausgeben als die Armen, muss die Fiskalpolitik bei den unteren Einkommensgruppen ansetzen. Dieser Aspekt wird von vielen deutschen &Ouml;konomen und Politikern vernachl&auml;ssigt.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Warum?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Ich war vor ein paar Wochen in Berlin. Da ging es um ein effizienteres Steuersystem, das das Wachstum f&ouml;rdert. Erst dachte ich, ich habe die Vorschl&auml;ge nicht richtig verstanden. Doch bald wurde mir das absurde Verst&auml;ndnis von Makro&ouml;konomie klar. Wir haben tats&auml;chlich ernsthaft diskutiert, ob man nicht die Unternehmensteuern senken und im Gegensatz die Umsatzsteuer anheben sollte. Da haben die Unternehmerverb&auml;nde gute Lobby-Arbeit geleistet. Aber dass es &uuml;berhaupt diskutiert wird, ist wirtschaftspolitisch nicht zu Ende gedacht. Dann k&ouml;nnen sich die deutschen Konsumenten noch weniger kaufen. Eine h&ouml;here Umsatzsteuer w&uuml;rde der Volkswirtschaft endg&uuml;ltig den Garaus machen. In Deutschland sind die Einzelhandelsums&auml;tze im zweiten Quartal dieses Jahres inflationsbereinigt so gering gewesen wie seit zehn Jahren nicht mehr.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Wenn Finanzminister Eichel die Staatskasse &ouml;ffnet, bekommt er doch gleich doppelt Probleme: mit der Opposition in Berlin, die ihn als Schuldenmacher brandmarkt. Und mit Br&uuml;ssel, weil er dann gegen den Stabilit&auml;tspakt verst&ouml;&szlig;t.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> In dieser Kritik steckt ein entscheidender Denkfehler. Man kann nicht gleichzeitig die Staatshaushalte konsolidieren und dem Volk schmerzhafte Strukturreformen zumuten, selbst wenn diese sinnvoll sind.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Was schlagen Sie vor?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Die Bundesregierung sollte an alle Haushalte Schecks verteilen, die sofort eingel&ouml;st werden k&ouml;nnen. In Amerika hat die Fiskalpolitik so das Wachstum unterst&uuml;tzt, als es notwendig war. Der Effekt auf den Konsum und damit auf das Wachstum ist deutlich gr&ouml;&szlig;er, als wenn man zum Beispiel die Unternehmensteuern senkt. Daf&uuml;r m&uuml;ssten die deutschen &Ouml;konomen nur ein bisschen mehr Einfallsreichtum entwickeln.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Machen Sie es sich da nicht ein wenig zu einfach? Was ist, wenn die B&uuml;rger das frische Geld nicht ausgeben, sondern sparen? Immerhin ist Deutschland bekannt f&uuml;r seine hohe Sparquote. Der Wachstumseffekt w&uuml;rde verpuffen.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Sie sprechen vom so genannten Angstsparen, ich kenne diese Argumentation. Das ist doch wieder nur eine dieser deutschen Ausreden, um sich nicht der schleppenden Binnennachfrage widmen zu m&uuml;ssen. Die Daten zeigen, dass die Sparquote in den vergangenen Jahren nicht signifikant gestiegen ist. Es gibt kein Angstsparen. Es gibt nur eine dramatische Schw&auml;che bei der Einkommensentwicklung.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> In der Vergangenheit wurde Deutschlands Wirtschaft nach einer Rezession immer zuerst durch die Exporte stimuliert, dann kamen die Unternehmensinvestitionen, und am Ende sprang der Konsum an. Wieso sich nicht wieder auf dieses Muster verlassen, anstatt Schecks zu verteilen, die die Staatsschulden erh&ouml;hen?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Wie lange wollen Sie noch warten? Deutschland ist Exportweltmeister, das l&auml;sst sich nicht mehr steigern. Wohin wollen Sie die ganzen Waren denn liefern? In die Antarktis? Ein Land kann auf Dauer nicht nur f&uuml;r den Export produzieren, das ist unklug, weil man die ausl&auml;ndische Nachfrage nach G&uuml;tern nicht kontrollieren kann. Au&szlig;erdem: Deutschlands Unternehmen sind extrem wettbewerbsf&auml;hig, das beweisen gerade die hohen Exportzahlen, und trotzdem investieren sie wenig und schaffen kaum neue Jobs. Warum? Weil ihnen der heimische Markt weggebrochen ist. Also muss man ihn ankurbeln &ndash; ganz direkt.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Moment mal. Sie sind doch Brite, sie arbeiten bei einer amerikanischen Investmentbank &ndash; und sie argumentieren gerade wie ein &Ouml;konom, den man in Deutschland als &raquo;Keynesianer&laquo; deklassieren w&uuml;rde. Wie passt das zusammen?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Ich bin weder strikter Anh&auml;nger der Nachfragetheorie noch der Angebotstheorie. Ich bin Pragmatiker.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Wer in Deutschland f&uuml;r mehr Nachfrageorientierung in der Wirtschaftspolitik pl&auml;diert, bekommt zur Antwort: Keynes ist tot.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Adam Smith ist auch tot. Und wenn die deutschen &Ouml;konomen weiterhin so kategorisch denken, wird auch die deutsche Wirtschaft demn&auml;chst tot sein.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Was ist der wichtigste Unterschied zwischen deutschen und internationalen &Ouml;konomen?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Viele deutsche Volkswirte erscheinen dogmengl&auml;ubig und nehmen manchmal Regeln allzu w&ouml;rtlich. Angels&auml;chsisch gepr&auml;gte &Ouml;konomen und Wirtschaftspolitiker dagegen sind oft pragmatischer im Denken, was in unsicheren Zeiten ein Vorteil sein kann. Die Diskussion in Deutschland wird oft in den Kategorien Gut und B&ouml;se gef&uuml;hrt.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Zum Beispiel?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Inflation ist immer schlecht, genauso wie mehr Staatsaktivit&auml;t oder Staatsschulden. Deshalb erscheinen Regeln so verlockend. Wenn es dann mal eine Regel gibt, muss sie eingehalten werden, weil sonst das vermeintliche Chaos droht. Doch in der Volkswirtschaft, die ja keine exakte Wissenschaft ist, sondern eine Sozialwissenschaft, ist nie irgendetwas glasklar. Die in Deutschland gef&uuml;hrte Diskussion spiegelt eine Eindeutigkeit vor, die es so nicht geben kann. Das eine Problem l&auml;sst sich eher mit Strukturreformen l&ouml;sen, das andere eher mittels h&ouml;herer Staatsausgaben. Ich am&uuml;siere mich immer wieder &uuml;ber diese dogmatische Denke. Kurz vor der letzten Bundestagswahl sa&szlig; ich mit zehn deutschen Journalisten beim Dinner und habe nicht verstehen k&ouml;nnen, dass alle mit Finanzminister Eichel einer Meinung waren, dass wegen der Oderflut und ihren Kosten die n&auml;chste Stufe der Steuerreform ausgesetzt werden m&uuml;sse. Einzige Begr&uuml;ndung: die Dreiprozentregel des Stabilit&auml;tspaktes. Ich dachte damals, dass eine solche Makropolitik &auml;u&szlig;erst unpopul&auml;r sein m&uuml;sste.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Offensichtlich h&auml;lt auch die Mehrheit der Deutschen h&ouml;here Staatsschulden f&uuml;r Teufelszeug.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Ich bin ja gewiss nicht grunds&auml;tzlich gegen eine Haushaltskonsolidierung. Aber man muss doch das gesamtwirtschaftliche Umfeld betrachten. Was w&uuml;rde denn geschehen, wenn die USA ihr Staatsdefizit von heute auf morgen zur&uuml;ckfahren w&uuml;rden? Die Welt w&uuml;rde in die Rezession st&uuml;rzen. Das Wachstum in Euroland war bisher stark auf die amerikanische Nachfrage angewiesen, und besonders Deutschland ist konjunkturell noch immer von ausl&auml;ndischer Nachfrage abh&auml;ngig.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Sie halten nichts vom Stabilit&auml;tspakt?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Die strikte Defizitgrenze von drei Prozent des BIP ist l&auml;cherlich. F&uuml;r den zweitwichtigsten Wirtschaftsblock der Welt ist es verr&uuml;ckt, sich selbst solche Fesseln anzulegen. Euroland muss flexibel auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren k&ouml;nnen.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass Sie nicht grunds&auml;tzlich gegen die Reduzierung der Haushaltsdefizite sind.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Sicher braucht man in einer W&auml;hrungsunion ein Konzept, um die Staatsschulden einzelner L&auml;nder im Zaum zu halten. Aber so was kann man nicht an numerischen Zielen festmachen. Wenn man &uuml;berhaupt das Budgetdefizit und nicht die Staatsschuld heranzieht, dann bitte &uuml;ber mehrere Jahre, &uuml;ber einen Konjunkturzyklus hindurch. Aber in Euroland wird das j&auml;hrliche Budgetdefizit als Messlatte verwendet. Das muss zu einer trendverst&auml;rkenden und damit sch&auml;dlichen Fiskalpolitik f&uuml;hren.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Die meisten deutschen Volkswirte sagen, dass bei einem dauerhaften Bruch der Dreiprozentregel die Glaubw&uuml;rdigkeit der W&auml;hrungsunion auf dem Spiel stehe und der Euro weich w&uuml;rde.<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Eine Euroschw&auml;che wird sicher nicht das Problem sein. Wenn &uuml;berhaupt wird es ein Problem, den Anstieg des Euro auf unter 1,50 Dollar zu begrenzen. Einen schwachen Euro erkenne ich auf absehbare Zeit nicht, Stabilit&auml;tspakt hin oder her.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Und die Glaubw&uuml;rdigkeit?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Gegen&uuml;ber wem? Irgendwelchen mythischen Gralsh&uuml;tern der vermeintlich reinen Lehre? Ich verstehe das nicht. Ich lese ja ab und an diese Kommentare meiner deutschen Kollegen. Doch wo ist der empirische Beweis, dass eine expansive Fiskalpolitik bei frei schwankenden W&auml;hrungen schlecht ist? Es gibt ihn nicht. Schlecht w&auml;re ein Stimulus, der den Schuldenstand einzelner L&auml;nder auf unhaltbare Niveaus treibt. Davon ist Euroland weit entfernt.<br>\n<strong>ZEIT:<\/strong> Schadet die deutsche Wachstumsschw&auml;che dem Wirtschaftsraum Europa?<br>\n<strong>O&rsquo;Neill:<\/strong> Wenn wir auf die Welt seit dem 11. September 2001 schauen, dann geht das schlechtere Abschneiden Eurolands im Vergleich zu Amerika vor allem auf die restriktivere Fiskalpolitik der Europ&auml;er zur&uuml;ck. Und da spielt Deutschland schon qua seiner &ouml;konomischen Gr&ouml;&szlig;e eine besondere Rolle. Wenn man sich die hohen sozialen und &ouml;konomischen Kosten der Wiedervereinigung vor Augen f&uuml;hrt und die Tatsache, dass der Westen jedes Jahr vier Prozent des Bruttosozialproduktes nach Osten transferiert, dann muss man das beim Stabilit&auml;tspakt ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p><em>Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrten Marc Brost und Robert von Heusinger<\/em><\/p><p><strong>Anlage 3: Folien von Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_01.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_02.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_03.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_04.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_05.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_06.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090407_07.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. 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