{"id":3880,"date":"2009-04-08T10:15:01","date_gmt":"2009-04-08T09:15:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3880"},"modified":"2014-01-28T15:36:20","modified_gmt":"2014-01-28T14:36:20","slug":"rezension-hochschule-im-historischen-prozess-von-jens-wernicke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3880","title":{"rendered":"Rezension: \u201eHochschule im historischen Prozess\u201c von Jens Wernicke"},"content":{"rendered":"<p>Es kann mittlerweile kein Zweifel mehr daran bestehen, dass wir am Beginn einer epochalen Umstrukturierung des deutschen Hochschulsystems stehen, die einige Kommentatoren mit der Z&auml;sur der von Humboldt inspirierten preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreform (1810) vergleichen. Die treibenden Kr&auml;fte dieses Umbaus bringen selbst zum Ausdruck, dass es nicht um die Reform einer &uuml;berlieferten Struktur ginge, sondern um eine g&auml;nzliche Neukonstruktion der Hochschulen in ihren tragenden S&auml;ulen. Als Leitbild wurde daf&uuml;r aus dem angels&auml;chsischen Raum der Terminus der &raquo;unternehmerischen Hochschule&laquo; importiert.<br>\nDie vorliegende Ver&ouml;ffentlichung ist hervorragend dazu geeignet, das Verst&auml;ndnis dieses Umbaus und die mit ihm verbundenen politischen Widerspr&uuml;che und Auseinandersetzungen zu f&ouml;rdern und begrifflich zu sch&auml;rfen. Dieses Vorwort von Torsten Bultmann ist zugleich eine gute Rezension.<br>\n<!--more--><br>\nJens Wernicke hat eine &uuml;berzeugende historisch-materialistische Tiefenanalyse des Wandels der deutschen Hochschulstrukturen und der durch die jeweiligen historischen Formen spezifisch gepr&auml;gten hochschulpolitischen Konflikte w&auml;hrend der letzten 200 Jahre vorgelegt. Der Autor begreift das Wesen dieser Konflikte als eine soziale (Klassen-) Auseinandersetzung um gesellschaftliche Positionen, wobei die Form, in welcher dieser Kampf ausgetragen wird, zugleich seinen gesellschaftlichen Inhalt verh&uuml;llt. Denn eine zentrale Funktion des &ouml;ffentlichen Bildungssystems mit den Hochschulen an seiner Spitze ist es, soziale Ungleichheit zu legitimieren, indem diese mit Bildungsunterschieden begr&uuml;ndet und jene wiederum auf amtlich zertifizierte Unterschiede an Begabung und Eignung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden. Dies ist zugleich ein Prozess der Individualisierung und Naturalisierung, welcher die sozialen Strukturen, &uuml;ber die sich gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert, entpolitisiert. Hochschulen haben in diesem Prozess seit jeher eine spezifische Funktion f&uuml;r die (Selbst-)Be&shy;gr&uuml;ndung einer sozialen und kulturellen &raquo;Elite&laquo;, das hei&szlig;t zugleich f&uuml;r die nachtr&auml;glich Legitimation eines hierarchisch gegliederten Schulsystems sowie die Pr&auml;gung des jeweils gesellschaftlich anerkannten Bildungs- und Wissenskanons.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund hat sich der Autor &ndash; mit Erfolg &ndash; daf&uuml;r entschieden, die Schl&uuml;sselkategorien der soziologischen Ungleichheitsforschung Pierre Bourdieus systematisch auf seinen Gegenstand &ndash; Hochschulstrukturen und Hochschulpolitik &ndash; anzuwenden. Hochschulen werden verstanden als spezifische, d.h. mit eigenen Regeln funktionierende Felder der symbolischen Begr&uuml;ndung und Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und damit der Reproduktion von Klassenmacht.<\/p><p>Dieser Machtkampf wiederum ist jeweils durch spezifische Hochschulstrukturen gepr&auml;gt, die von l&auml;ngerer historischer Stabilit&auml;t sind und vom Autor als Ausdruck unterschiedlicher Entwicklungs- und Reifestadien der b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft analysiert werden. In seiner Periodisierung schlie&szlig;t sich Jens Wernicke an die Dissertation von Andreas Keller (2000) &ndash; erschienen unter dem Titel Hochschulreform und Hochschulrevolte &ndash; an. Keller hatte ausf&uuml;hrlich begr&uuml;ndet, dass es in der j&uuml;ngeren deutschen Geschichte im wesentlichen zwei relevante Hochschulmodelle gab, die ungeachtet aller Unterschiede zwischen einzelnen Einrichtungen eine l&auml;nger w&auml;hrende institutionelle Stabilit&auml;t garantierten &ndash; am l&auml;ngsten davon bekannterma&szlig;en das aus der Preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreform (1810) hervorgegangene Humboldtsche Modell, welches sich als kulturstaatlich verfasste Ordinarienuniversit&auml;t etablierte. Dieses Modell beruhte prinzipiell auf einer wenig formell geregelten patriarchalischen Kooperation und Elitenkooptation der Institutsleiter. Es entsprach einer Wissenschaft auf geringem Vergesellschaftungsniveau, welche vor allem ihrer eigenen Reproduktion und der Ausbildung h&ouml;herer Staatsbeamter sowie weniger freier Berufe (&Auml;rzte, Anw&auml;lte) diente. Daher ist es erkl&auml;rlich, dass dieser Typus, der in seinen institutionellen und habituellen Grundmustern bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts Bestand hatte, insbesondere vermittels des politischen Druckes aus zweierlei Richtungen abgel&ouml;st wurde, welche nur partiell etwas gemeinsam hatten: dem Demokratisierungsdruck der 68er-Studentenbewegung und des damaligen akademischen Mittelbaus sowie dem wissenschaftlich-technologischen Modernisierungsbedarf der wirtschaftlichen und staatlichen Eliten. Das Ergebnis war der neue Typus der &raquo;Gruppenuniversit&auml;t&laquo;. Diese l&auml;sst sich am besten verstehen als Ausdruck einer staatlich-b&uuml;rokratisch gelenkten Praxis wissenschaftsbasierter kapitalistischer Modernisierung und Wachstumspolitik, die in der damaligen Periode mit dem rasanten quantitativen Ausbau &ndash; und folglich der sozialen &Ouml;ffnung &ndash; der Hochschulen verbunden war. Die &raquo;Gruppenuniversit&auml;t&laquo; brachte auch spezifische symbolisch-politische Konfliktmuster und Rituale mit sich, die wie in der vorliegenden Arbeit gesondert interpretiert werden m&uuml;ssen. Sie wird heute nun durch ein neuartiges &raquo;drittes&laquo; Modell abgel&ouml;st, eine Transformation, die sich unter dem Leitbild der &raquo;unternehmerischen Hochschule&laquo; zweifelsfrei unter neoliberaler Hegemonie vollzieht, &uuml;ber deren endg&uuml;ltige politische Auspr&auml;gung allerdings politisch noch l&auml;ngst nicht entschieden ist.<\/p><p>Wenn sich auf diese Weise historische Typologien von Hochschulentwicklung voneinander abgrenzen lassen, so gibt es zwischen ihnen jedoch ausdr&uuml;cklich auch Kontinuit&auml;tslinien und &Uuml;berg&auml;nge. Diese lassen sich anhand der politischen Auseinandersetzungen um die jeweiligen gesellschaftlichen Leitbilder der Wissenschaftsentwicklung gut nachzeichnen. Wenn etwa aktuell neoliberale Politik den Hochschulen mehr &raquo;Autonomie&laquo; verspricht, greift sie damit dem Anschein nach auf einen Terminus zur&uuml;ck, der seit der Humboldtschen Reform die deutsche Hochschultradition mit dem Anspruch einer &raquo;Autonomie der Wissenschaft&laquo; gepr&auml;gt hat. Diese Konstituierung einer institutionellen Sph&auml;re autonomer Vernunft war zun&auml;chst die Voraussetzung, Wissenschaft von religi&ouml;sen und feudalen ideologischen Fesseln zu befreien. Dies war wiederum die Bedingung, um zu einem sp&auml;teren historischen Zeitpunkt auf exakter Wissenschaft beruhende b&uuml;rgerliche Produktivit&auml;tsentwicklung zu erm&ouml;glichen. Zugleich wurde so die Entwicklung der Wissenschaft von ihrer Anwendung in der Gesellschaft &ndash; zu Humboldts Zeiten: im Staatsdienst &ndash; abgespalten und einem ideologisierten Zwecksfreiheitspostulat apolitischer Wissenschaft in der Ordinarienuniversit&auml;t der Boden bereitet, welches gerade ihre Indienstnahme durch die staatlichen und wirtschaftlichen Eliten verh&uuml;llte. Unter dem Terminus &raquo;gesellschaftliche Verantwortung&laquo; versuchte dann die 68er-Bewegung, diese Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft in die Hochschulen hinein zu holen. Die radikaldemokratischen Hochschulreformer griffen dazu bewusst auf das Autonomiepostulat zur&uuml;ck, welches sie als Unabh&auml;ngigkeit von gesellschaftlichen Partikular- und Machtinteressen interpretierten und mit dem Gedanken der demokratischen Selbstverwaltung der Hochschulen verbanden. Indirekt bezogen sie sich damit auch auf ein universalwissenschaftliches gesellschaftliches Emanzipationskonzept, welches bereits im Humboldtschen Autonomiebegriff zumindest unterschwellig als Utopie oder als uneingel&ouml;stes Versprechen wirkte. Wenn heute die neoliberalen Reformer normativ und politisch unwidersprochen mit dem Autonomiebegriff hantieren k&ouml;nnen &ndash; worunter sie ausschlie&szlig;lich die Unabh&auml;ngigkeit autokratisch agierender Hochschulmanager von der Hochschule ebenso wie von umfassenden gesellschaftlichen Interessen jenseits des Marktes verstehen -, dann bringt dies auch zum Ausdruck, dass die Gegner und Leidtragenden dieser Politik, bei denen es sich um die Mehrheit der Hochschulangeh&ouml;rigen handeln d&uuml;rfte, derzeit noch &uuml;ber kein tragf&auml;higes Konzept eine Re-Demokratisierung der Wissenschaft f&uuml;r die &raquo;nach-industrielle&laquo; &ndash; das hei&szlig;t auch: zunehmend wissenschaftsbasierte &ndash; Gesellschaft verf&uuml;gen. Das muss jedoch keinesfalls so bleiben.<\/p><p>F&uuml;r diese offene &ndash; und zum Teil noch zu er&ouml;ffnende &ndash; Debatte liefert die Arbeit von Jens Wernicke eine hervorragende historisch-kritische Grundlage. Der Autor betont an mehreren Stellen, dass die durch gesellschaftliche Machtverh&auml;ltnisse gepr&auml;gten historischen Formen von Hochschule und die durch diese bedingten symbolischen Konfliktmuster innerhalb derselben einen &raquo;M&ouml;glichkeitsraum&laquo; er&ouml;ffnen. Das hei&szlig;t erstens, dass Hochschulen ein relativ eigenst&auml;ndiges Feld sozialer Auseinandersetzungen und damit keineswegs nur ein nachgeordneter Reflex au&szlig;er-wissenschaftlicher Machtverh&auml;ltnisse sind. Das hei&szlig;t zweitens, dass die Vorlaufsformen und Ergebnisse dieser Konflikte keineswegs vollst&auml;ndig vorherbestimmt sind, so dass etwa die politischen Akteure nur wie Hamster im Rad vorgepr&auml;gte Bewegungen machen k&ouml;nnten. Gerade die Reformen in der Folge von 1968 zeigen, dass autonome politische Intervention auch Ergebnisse bef&ouml;rdern kann, die weit &uuml;ber die Logik einer &raquo;offiziell gemeinten&laquo; kapitalistischen Modernisierung hinausgehen &ndash; selbst wenn diese Ergebnisse dann sp&auml;ter in das Rollback einer staatlich-b&uuml;rokratisch kontrollierten &raquo;halbierten Demokratisierung&laquo; (Wolf-Dieter Narr) m&uuml;ndeten. <\/p><p>Die &raquo;unternehmerische Hochschule&laquo; ist teilweise gesetzlich auf den Weg gebracht, ist aber noch l&auml;ngst nicht in eine sich selbst tragende Struktur und Wissenschaftskultur gem&uuml;ndet. Das hei&szlig;t, die Konflikte um ihre Um- und Durchsetzung haben gerade erst begonnen. Sie d&uuml;rften mit Widerspr&uuml;chen und Interessenpolarisierungen verbunden sein, von denen wir teilweise wohl noch nicht einmal eine Ahnung haben. Eine politisierende Intervention in diese Widerspr&uuml;che lohnt sich daher auf jedem Fall.<\/p><p><em>Der Autor, Torsten Bultmann, ist Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi)<\/em><\/p><p><em>Jens Wernicke, Hochschule im Historischen Prozess, AStA der Freien Universit&auml;t Berlin, <a href=\"http:\/\/astafu.blogsport.de\/2009\/04\/03\/hochschulpolitische-reihe-band-13\/\">Hochschulpolitische Reihe Band 13, Berlin 2009<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kann mittlerweile kein Zweifel mehr daran bestehen, dass wir am Beginn einer epochalen Umstrukturierung des deutschen Hochschulsystems stehen, die einige Kommentatoren mit der Z&auml;sur der von Humboldt inspirierten preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreform (1810) vergleichen. 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