{"id":38854,"date":"2017-06-22T09:22:50","date_gmt":"2017-06-22T07:22:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38854"},"modified":"2019-01-14T07:30:55","modified_gmt":"2019-01-14T06:30:55","slug":"martin-schulz-als-deutscher-macron","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38854","title":{"rendered":"Martin Schulz als deutscher Macron?"},"content":{"rendered":"<p>Die Sozialdemokraten in Deutschland sind in Feierlaune. Ein bisschen zumindest. Wenngleich auch nur aus franz&ouml;sischen Gr&uuml;nden, weniger aus hiesigen. Denn aus eigener Perspektive gibt es kaum etwas ernsthaft zu jubeln. Als Emmanuel Macron zuerst die Stichwahl um das franz&ouml;sische Pr&auml;sidentenamt erreichte und diese anschlie&szlig;end auch gegen die Kandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, deutlich gewann, richtete man aus der SPD euphorische Gl&uuml;ckw&uuml;nsche an Macron. Und als nun die von Macron begr&uuml;ndete Bewegung &bdquo;La R&eacute;publique en Marche!&ldquo; doch etwas &uuml;berraschend sogar die erste Runde der Parlamentswahlen in Frankreich gewinnen konnte, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/reaktionen-macron-101.html\">&uuml;berschlug sich die SPD<\/a> samt ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz vor Freude dar&uuml;ber und w&auml;hnte mit dem Sieg Macrons auch sofort ihre eigenen Aktien wieder am Steigen. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38854#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1539\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38854-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38854-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170622_Martin_Schulz_als_deutscher_Macron_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Sieg war von der SPD insbesondere auch deswegen so herbeigesehnt, weil nach dem anf&auml;nglichen, medial angeheizten Schulz-Hype nun wieder der Absturz in Richtung der urspr&uuml;nglichen Umfragewerte vor der &Uuml;bernahme der Kanzlerkandidatur durch Martin Schulz deutlich an Fahrt gewinnt. Stand die SPD in den Umfragen von ARD Deutschlandtrend im <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend-683.html\">Januar 2017<\/a> bei 20 Prozent (zu 37 Prozent f&uuml;r die Union), schnellte sie binnen Kurzem bis <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend-731.html\">Februar<\/a> auf 32 Prozent (bei 31 Prozent f&uuml;r CDU\/CSU) empor, um sich nun im <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/index.html\">Juni<\/a> bei beschaulichen 24 Prozent gegen&uuml;ber 38 Prozent f&uuml;r die Union wiederzufinden. Daher suchen die Sozialdemokraten nun nach einem Strohhalm, der f&uuml;r einen erneuten Aufwind als Begr&uuml;ndung taugen k&ouml;nnte.<\/p><p>Dass dabei auf den schnellen Durchmarsch Macrons reflektiert und ihm eine Vorbildfunktion f&uuml;r die SPD und ihren Kandidaten Schulz zugeschrieben wird, erstaunt dann aber doch. Es mag f&uuml;r Martin Schulz sicherlich verf&uuml;hrerisch sein, seinen Schulz-Bummelzug an Macrons TGV ankoppeln zu wollen. Denn es ist ja unbestreitbar: Nach dem R&uuml;cktritt als franz&ouml;sischer Wirtschaftsminister aus dem Kabinett Valls im August 2016 startete der kometenhafte Aufstieg der von Macron h&ouml;chstpers&ouml;nlich ein halbes Jahr zuvor gegr&uuml;ndeten Bewegung &bdquo;En Marche&ldquo; und endete nur ein reichliches Jahr sp&auml;ter mit dem Sieg &uuml;ber alle, teils seit Jahrzehnten etablierten Parteien bei den franz&ouml;sischen Parlamentswahlen. Vor den konservativen Republikanern, dem rechtsextremen Front National, der franz&ouml;sischen Linken Jean-Luc M&eacute;lenchons und weit vor den Sozialisten des Ex-Pr&auml;sidenten Hollande.<\/p><p>Dass die SPD und Schulz nun Parallelen zu &bdquo;En Marche&ldquo; und Macron projizieren wollen, mag zwar verst&auml;ndlich sein, ist aber nicht nur unrealistisch, sondern schlicht Unfug. Denn Emmanuel Macron und seine Bewegung wird von Teilen der franz&ouml;sischen Bev&ouml;lkerung als politisches Start-up eingeordnet, also als eine Art Anti-Establishment-Bewegung. Dass dabei seine bisherige politische T&auml;tigkeit als Minister samt seinen ebenso undemokratischen wie unpopul&auml;ren Arbeitsmarktreformgesetzen, in der Form von Notstandsverordnungen unter Ausschluss des Parlaments, vollst&auml;ndig unter den Tisch f&auml;llt, mag zwar auf den ersten Blick verwundern, ist aber andererseits bei Betrachtung der politischen Alternativen, die aus lauter Alternativlosigkeit bestehen, bedingt nachvollziehbar.<\/p><p>Beide dominierende Politikstr&ouml;mungen, die seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ununterbrochen die Staatspr&auml;sidenten Frankreichs stellen, die sozialistische\/sozialdemokratische (Francois Mitterand 1981-1995, Francois Hollande 2012-2017) wie auch die besonders umformierungsfreudige konservative (Jacques Chirac 1995-2007, Nicolas Sarkozy 2007-2012), werden zunehmend von immer mehr Franzosen als ihre wirtschaftliche und soziale Lage verschlimmernde, ausschlie&szlig;lich dem gro&szlig;en Geld dienende Parteien abgelehnt. Damit ist einerseits der langfristige Aufschwung des Front National unter Jean-Marie Le Pen sowie anschlie&szlig;end seiner Tochter Marine Le Pen erkl&auml;rbar, umso mehr aber vor allem der rasante Aufstieg des smarten und dynamischen Emmanuel Macron. Vergleiche zum sich ebenfalls als Anti-Establishment inszenierenden Donald Trump und dessen Wahlsieg sind kaum von der Hand zu weisen.<\/p><p>Wenn nun jedoch Martin Schulz glaubt, auf diesen Zug aufspringen zu k&ouml;nnen, verkennt er die Lage v&ouml;llig. Denn anstatt auf Macrons ohnehin nur medial behauptete sozialliberale Positionierung abzustellen und damit zu versuchen, eine Verbindung zur deutschen SPD herstellen zu wollen, die ihr eine realistische Siegchance bei den kommenden Bundestagswahlen im September einr&auml;umen soll, existieren ohnehin nur zwei rationale Szenarien, solange die SPD ihren aktuellen politischen Kurs beibeh&auml;lt. Entweder gelingt es den etablierten Parteien auch weiterhin, den politischen Widerstand in der Bev&ouml;lkerung einzuhegen. Dann wird die SPD auch zuk&uuml;nftig bestenfalls den Juniorpartner von CDU\/CSU spielen k&ouml;nnen, da sie einerseits ihr eigenes, linkes W&auml;hlerpotential in Stich l&auml;sst und im konservativem Milieu stets dem Original, der Union, unterlegen sein wird. Eine weitere Einmauerung im 20-Prozent-Bereich w&uuml;rde folgerichtig sein. Oder der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung gelingt es kein weiteres Mal, die Bev&ouml;lkerung einzulullen und erneut genau diejenigen Parteien zur Wahl anzupreisen, &uuml;ber deren Regierungspolitik sie entt&auml;uscht und w&uuml;tend sind. Dann jedoch w&auml;re eine grundlegende Umw&auml;lzung der politischen Landschaft die Folge, die auch und gerade vor der SPD nicht haltmachen w&uuml;rde. F&uuml;r ein solches Szenario m&uuml;sste Schulz nur einmal einen Blick auf die franz&ouml;sische Schwesterpartei, die Parti socialiste, werfen. Deren erdrutschartiger Absturz, unmittelbar nach ihrer eigenen Pr&auml;sidentschaft mit Francois Hollande, ist geradezu legend&auml;r zu nennen. Gleiches w&uuml;rde auch f&uuml;r die deutsche SPD Geltung besitzen. Seit 1998, mit der kurzen Unterbrechung von 2005 bis 2009, ist die SPD Teil jeder deutschen Bundesregierung gewesen und kann von daher f&uuml;r sich wohl kaum den Nimbus des Anti-Establishments in Anspruch nehmen.<\/p><p>So sehr die SPD den neuen franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Macron nun auch lobt und gemeinsame Reformen f&uuml;r Frankreich, Deutschland und die ganze EU beschw&ouml;rt, um in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung in dasselbe, schnell emporflie&szlig;ende (Wahl-)Fahrwasser geraten zu wollen: Die Menschen in Deutschland werden ihr das nicht abkaufen. Die SPD ist genauso wenig En Marche, wie Martin Schulz Emmanuel Macron ist. So f&auml;hrt Martin Schulz&acute; SPD mit ihrem Ankoppelungsversuch an Macron auch wahlkampfstrategisch, neben ihrer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38830\">Proklamation des inhaltlichen Stillstands<\/a>, in Schrittgeschwindigkeit auf das Abstellgleis.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Lutz Hausstein<\/strong>, Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen (2012) sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; (2012).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sozialdemokraten in Deutschland sind in Feierlaune. Ein bisschen zumindest. Wenngleich auch nur aus franz&ouml;sischen Gr&uuml;nden, weniger aus hiesigen. Denn aus eigener Perspektive gibt es kaum etwas ernsthaft zu jubeln. 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