{"id":38923,"date":"2017-06-26T15:38:07","date_gmt":"2017-06-26T13:38:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38923"},"modified":"2017-06-30T12:18:24","modified_gmt":"2017-06-30T10:18:24","slug":"seymour-hersh-zu-assads-angeblichen-giftgasangriff-und-trumps-angeblichen-vergeltungsschlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38923","title":{"rendered":"Seymour Hersh zu Assads angeblichem Giftgasangriff und Trumps angeblichem Vergeltungsschlag"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170626_hersh.jpg\" alt=\"Seymour Hersh\" title=\"Seymour Hersh\"><\/div><p>Der gro&szlig;e alte Mann des investigativen politischen Journalismus hat wieder zugeschlagen. Seymour Hershs Artikel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165905578\/Trump-s-Red-Line.html\">Trump&acute;s Red Line<\/a>&ldquo; befasst sich mit dem angeblichen Giftgasangriff von Khan Scheikoun am 4. April 2017 und dem drei Tage sp&auml;ter folgenden Luftangriff der USA auf einen syrischen Milit&auml;rflugplatz. Laut Hersh, der sich wie gewohnt auf hochrangige Quellen im US-Sicherheitsapparat bezieht, gab es nie einen Giftgasangriff. Syriens Luftwaffe habe vielmehr ein hochrangiges Treffen von Kommandeuren islamistischer Gruppierungen mit einer konventionellen Bombe angegriffen. Die &bdquo;Vergeltung&ldquo; der USA war demzufolge vor allem eine pers&ouml;nliche Entscheidung Trumps, bei der Milit&auml;rberater das Schlimmste gerade noch verhindern konnten. Sehr interessant ist auch, dass Hershs j&uuml;ngster Artikel exklusiv in der WELT am Sonntag erschienen ist. Sein alter Partner London Review of Books hat offenbar Angst, als prorussisch und prosyrisch zu gelten. Da muss man ausnahmsweise auch mal den Hut vor WELT-Herausgeber Stefan Aust ziehen, der dieses brisante St&uuml;ck publizierte. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1899\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38923-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38923-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170626_Seymour_Hersh_zu_Assads_angeblichem_Giftgasangriff_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Leider sind die deutschsprachigen Versionen des Hersh-Artikels &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165904082\/Vergeltungsschlag-in-Syrien-Trumps-rote-Linie.html\">Trumps rote Linie<\/a>&ldquo; und der Hintergrundbericht &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165898634\/Im-Nebel-des-Krieges.html\">Im Nebel des Kriegs<\/a>&ldquo; hinter der Bezahlschranke von welt.de. Die englischsprachigen Versionen &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165905578\/Trump-s-Red-Line.html\">Trump&acute;s Red Line<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165906452\/The-Fog-of-War.html\">The Fog of war<\/a>&ldquo; sind jedoch frei zug&auml;nglich.<\/em><\/p><p>Seymour Hersh ist eine lebende Legende. Der Pulitzer-Preistr&auml;ger deckte unter anderem 1969 das Massaker von My Lai auf und machte die Welt 2004 auf die Folterpraktiken im US-Gef&auml;ngnis Abu-Ghraib aufmerksam. Regelm&auml;&szlig;ig schreibt er &uuml;ber sicherheitspolitische Themen, vor allem &uuml;ber die US-Kriege im Nahen und Mittleren Osten. Hershs gro&szlig;e St&auml;rke sind seine Netzwerke. Er verf&uuml;gt &uuml;ber zahlreiche hochrangige Insiderquellen in den Ministerien, den Geheimdiensten und dem Milit&auml;r, die er in seinen Artikeln anonym zitiert. Genau dies wird ihm von seinen Kritikern paradoxerweise immer wieder vorgeworfen. Es ist schon seltsam, dass Quellenschutz immer dann hinterfragt wird, wenn die Quellen der &bdquo;offiziellen Deutung&ldquo; widersprechen. Die WELT hat, so Redakteur Dirk Laabs, Hershs Quellen selbst &uuml;berpr&uuml;ft und f&uuml;r glaubw&uuml;rdig befunden. Dies gibt den Vorw&uuml;rfen Hershs eine besondere Bedeutung, k&ouml;nnen sie doch nicht mehr wie &uuml;blich als antiamerikanisch abqualifiziert werden. Denn eines kann man Springers WELT nun wirklich nicht vorwerfen &ndash; dass sie antiamerikanisch sei.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Giftgasangriff&ldquo;, der wohl keiner war<\/strong><\/p><p>Was hat sich also am 4. April 2017 in Syrien abgespielt? Hershs Quellen zufolge hatten die Russen schon l&auml;ngere Zeit ein zweist&ouml;ckiges Geb&auml;ude im Norden der von Islamisten besetzten Stadt Khan Scheikoun im Visier. Dort sollte sich, Geheimdienstberichten zufolge, eine Art Kommandozentrale der Islamisten befinden. Nach einer &Uuml;berwachung des Geb&auml;udes durch Drohnen war man der &Uuml;berzeugung, mit einem gezielten Luftschlag zum richtigen Zeitpunkt hochrangige Kommandeure der Dschihadisten ausschalten zu k&ouml;nnen. Der Angriff wurde von der syrischen Luftwaffe durchgef&uuml;hrt. Als Waffe kam offenbar eine moderne russische lasergelenkte Bombe mit 500 Pfund Sprengstoff zum Einsatz. Der Angriff wurde den US-Milit&auml;rs zuvor im &uuml;blichen Rahmen angek&uuml;ndigt &ndash; eine Praxis, die verhindern soll, dass man sich gegenseitig im gef&auml;hrlichen syrischen Luftraum in die Quere kommt. Im besonderen Fall ging es &ndash; so Hershs Quelle &ndash; jedoch auch darum, dass die US-Dienste ihre Informanten oder Agenten unter den Dschihadisten vor dem Anschlag warnen konnten. <\/p><p>Die Bombardierung war offenbar erfolgreich. Geheimdienstberichten zufolge konnten vier hochrangige Kommandeure ausgeschaltet werden. Was danach passierte, entzieht sich jedoch auch f&uuml;r Hershs Quellen jeglicher Kenntnis. Minuten nach der Bombardierung wurden &uuml;ber YouTube und die Sozialen Netzwerke bereits Filme und Bilder von vermeintlichen Giftgasopfern gezeigt &ndash; die Quelle waren meist Gruppierungen wie die &bdquo;Wei&szlig;helme&ldquo;; eine vom Westen finanzierte syrische NGO, die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/White_Helmets_(Syrian_Civil_War)#Controversies\">massiv in der Kritik steht<\/a>, Teil eines Informationskriegs gegen Russland und Syrien zu sein. <\/p><p>Es ist unm&ouml;glich, den Vorfall wirklich objektiv zu bewerten, da es keine belastbaren Belege gibt. Unabh&auml;ngige Inspektoren waren nie vor Ort, die Proben, die von der OPCW untersucht wurden, stammten aus Material, das das t&uuml;rkische Gesundheitsministerium von &bdquo;Oppositionellen&ldquo; bekommen hat und entziehen sich daher jeder Aussagekraft. Hershs Version ist jedoch auch nicht &uuml;ber jeden Zweifel erhaben, da syrische und russische Erkl&auml;rungen &uuml;ber den Vorfall deutlich von den Aussagen der Quelle Hershs abweichen . Warum sollten die Syrer und die Russen etwas von einem offenbar zerst&ouml;rten &bdquo;Chemiewaffenlager&ldquo; der Islamisten vermelden, wenn es gar kein solches Lager gab? Die Vergiftungen der Menschen vor Ort erkl&auml;rt Hershs Quelle damit, dass im Erdgeschoss des zerst&ouml;rten Geb&auml;udes ein Lager f&uuml;r D&uuml;ngemittel, Insektizide und chlorhaltige Desinfektionsmittel untergebracht war, das angeblich durch eine &bdquo;Sekund&auml;rexplosion&ldquo; chemische Giftstoffe freigesetzt haben soll. &Uuml;ber jegliche Zweifel erhaben ist diese Version auch nicht. Wesentlich st&auml;rker ist da schon das Argument von Hershs Quelle, dass Assad nicht nur kein Motiv gehabt hat, sondern dass ein Giftgasangriff sogar ganz entschieden gegen die syrischen Interessen gerichtet sei.<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Was den meisten Amerikanern gar nicht in den Sinn kommt, ist, dass ein syrischer Giftgasangriff, den Bashar [al Assad] befohlen haben soll, die Russen zehnmal mehr ver&auml;rgert h&auml;tte als den Westen. Die russische Strategie gegen den IS, die ja eine Kooperation mit dem Westen vorsieht, w&auml;re dahin und Basahr [al Assad] w&auml;re daf&uuml;r verantwortlich, Russland vor&acute;s Schienbein getreten zu haben, ohne die Konsequenzen f&uuml;r ihn zu bedenken. W&uuml;rde Bashar [al Assad] so was tun? Wo er gerade dabei ist, den Krieg zu gewinnen? Wollt Ihr mich ver&auml;ppeln?&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Trumps Vergeltungsschlag sollte uns beunruhigen<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber jeden Zweifel erhaben ist indes die offizielle Reaktion der USA. Trump verfolgte die Folgen des angeblichen Giftgasangriffs Hersh zufolge zusammen mit dem jordanischen K&ouml;nig im Fernsehen und war vom ersten Moment an schockiert. &bdquo;Unschuldige Babies&ldquo; &ndash; daf&uuml;r musste irgendwer bezahlen und wenn die Medien Assad als Schl&auml;chter ausgemacht hatten, war er es halt, der die Vergeltung der USA zu sp&uuml;ren bekommen sollte.<\/p><p>Interessant ist, dass laut Hersh die US-Dienste mehrfach unterstrichen haben sollen, dass es kein Indiz f&uuml;r eine syrische T&auml;terschaft und noch nicht einmal einen starken Beweis daf&uuml;r gebe, dass es &uuml;berhaupt einen &bdquo;Giftgasangriff&ldquo; gegeben hat. Das soll Trump aber nicht davon abgehalten haben, eine Vergeltung anzuordnen. Es ging nicht mehr um das &bdquo;ob&ldquo;, sondern nur noch um das &bdquo;wie&ldquo;. <\/p><p>Beschlossen wurde der Vergeltungsschlag bei einem Treffen des inneren Zirkels auf Trumps Anwesen in Mar-a-Lago. Es gab offenbar vier Optionen, von denen zwei (gar nichts zu tun und ein Enthauptungsschlag mit einer Bombardierung der Pal&auml;ste Assads) von vornherein ausgeschlossen wurden. &Uuml;brig blieb die letzten Endes beschlossene, eher symbolische Bombardierung eines syrischen Luftwaffenst&uuml;tzpunktes und eine gro&szlig; angelegte Bombardierung zahlreicher Einrichtungen des syrischen Milit&auml;rs. Dabei soll &ndash; so Hershs Quelle &ndash; die &bdquo;politische Seite&ldquo;, allen voran Trump und Au&szlig;enminister Rex Tillerson, eigentlich die letztere Option bevorzugt haben. Gl&uuml;cklicherweise konnten die Milit&auml;rberater, die darauf hinwiesen, dass einem gro&szlig; angelegten Bombardement auch russische Soldaten in den Luftabwehrstellungen zum Opfer fallen w&uuml;rden, sich durchsetzen und man entschied sich f&uuml;r einen symbolischen Akt, der m&ouml;glichst wenig Schaden verursachen sollte. Nachdem man vorher die Russen und damit indirekt auch die Syrer vorwarnte, blieben die Folgen &uuml;berschaubar: Offenbar traf nur ein Bruchteil der 60 Marschflugk&ouml;rper &uuml;berhaupt das Ziel und zerst&ouml;rte dort lediglich neun, ohnehin nicht mehr einsatzf&auml;hige, Flugzeuge. Es h&auml;tte schlimmer kommen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Nun ist Trump einer von uns!<\/strong><\/p><p>Zugegeben &ndash; je mehr man &uuml;ber die Vorg&auml;nge erf&auml;hrt, desto skurriler wird die ganze Geschichte. Vor allem sollte man dabei im Hinterkopf behalten, dass der US-Vergeltungsschlag im Westen als die eigentliche Amtseinf&uuml;hrung des neuen US-Pr&auml;sidenten gewertet wurde. Schaut her, auch Trump f&uuml;hrt Kriege! Nun ist er einer von uns &ndash; ein &bdquo;ganz normaler&ldquo; US-Pr&auml;sident. <\/p><p>Die Lektion aus dem Vorfall l&auml;sst jedoch Schlimmes erwarten. Wenn es den Islamisten mit Hilfe gelungener PR-Arbeit gelungen ist, Trump einmal in die &bdquo;Rote-Linie-Falle&ldquo; laufen gelassen zu haben, werden sie dies auch noch weitere Male probieren. Und dann kann Trump nicht mehr hinter seine eigene Doktrin zur&uuml;ck &ndash; er muss wieder Vergeltung &uuml;ben und diese Vergeltung muss noch deutlicher ausfallen. So will es die Macho-Logik, der sich ein Trump allem Anschein nach unterworfen hat. Diesmal konnten ihn seine Berater noch davon abhalten, russische Milit&auml;rs zu bombardieren und so eine internationale Krise auszul&ouml;sen. Wird ihnen das beim n&auml;chsten Mal auch noch gelingen?<\/p><p>Auch die Bewertung des Giftgasangriffs als vermeintliche False-Flag-Aktion ist beunruhigend, zeigt sie doch, wie leicht es ist, eine willf&auml;hrige Mehrheit der Medien ohne echte Belege hinters Licht zu f&uuml;hren. Qualit&auml;tskontrollen scheint es keine mehr zu geben, wenn quotenstarke Bilder von toten Kindern angeboten werden. Bleibt abzuwarten, ob die WELT selbst ihre Schl&uuml;sse aus diesem ungew&ouml;hnlichen Gastartikel zieht. Ihre kleine Schwester BILD geh&ouml;rte im April jedenfalls <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37723\">zu den schrillsten Lautsprechern<\/a>  der islamistischen Propaganda.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b097ef7077604b5190964cc352b11275\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170626_hersh.jpg\" alt=\"Seymour Hersh\" title=\"Seymour Hersh\"\/><\/div>\n<p>Der gro&szlig;e alte Mann des investigativen politischen Journalismus hat wieder zugeschlagen. Seymour Hershs Artikel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article165905578\/Trump-s-Red-Line.html\">Trump&acute;s Red Line<\/a>&ldquo; befasst sich mit dem angeblichen Giftgasangriff von Khan Scheikoun am 4. 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