{"id":3907,"date":"2009-04-25T17:49:00","date_gmt":"2009-04-25T15:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3907"},"modified":"2014-01-28T11:28:07","modified_gmt":"2014-01-28T10:28:07","slug":"die-warnungen-vor-sozialen-unruhen-und-die-angst-der-abwiegler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3907","title":{"rendered":"Die Warnungen vor sozialen Unruhen und die Angst der Abwiegler"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen k&ouml;nnte&ldquo;, sagte Gesine Schwan dem &bdquo;M&uuml;nchner Merkur&ldquo;. &bdquo;Wenn sich dann kein Hoffnungsschimmer auftut, dass sich die Lage verbessert, kann die Stimmung explosiv werden&ldquo;, warnte Schwan.<br>\n&Uuml;ber diese Warnung fallen nun nahezu gesamte die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~EC9B114423BD54A49871EC805FEBC9D71~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Medienmeute<\/a>, Arbeitgeber, Kanzlerin Merkel, der CSU-Vorsitzende Seehofer und wie die Sch&ouml;nredner alle sonst noch hei&szlig;en m&ouml;gen, wie bellende Hofhunde her. Selbst SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier f&auml;llt der eigenen Bundespr&auml;sidentenkandidatin in den R&uuml;cken: &ldquo;Ich glaube, die sozialen Unruhen sollen wir nicht herbeireden&rdquo;, sagte er &ldquo;Spiegel TV Online&rdquo;.<br>\nDabei spricht Schwan nur aus, was jeder bef&uuml;rchtet und nur keiner zu sagen wagt oder keiner der Abwiegler vom eigenen Versagen angsichts der Krise in Politik, Wissenschaft und Journalismus wahr haben will. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDass &uuml;ber die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden ist, dass 56% der Befragten der Meinung sind, dass es in Deutschland ungerecht zugeht, dass 58% die Hartz-Gesetze f&uuml;r nicht gut halten, <a href=\"?p=3785\">dass 78% gegen die Rente mit 67 sind<\/a>, dass sich die Menschen Sorgen machen, dass sie nach allen vorausgegangenen Einschnitten nun auch noch f&uuml;r die hunderte von verzockten Milliarden gerade stehen m&uuml;ssen &ndash; alle diese &Auml;ngste werden beiseite geschoben. Ruhe ist erste B&uuml;rgerpflicht, Vertrauen in die Obrigkeit ist oberstes Gebot. <\/p><p>Wenn jemand die wachsende Wut der Menschen &ouml;ffentlich anspricht, dann wird er\/sie zum Unruhestifter abgestempelt. Merkel: &ldquo;V&ouml;llig unverantwortlich, jetzt Panik zu machen und &Auml;ngste zu sch&uuml;ren&rdquo;. (CSU-)Generalsekret&auml;r Alexander Dobrindt: &ldquo;Schwan wird zu einer Gefahr f&uuml;r den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland. Mit ihrem saudummen Dahergerede von sozialen Unruhen provoziert sie die Spaltung unserer Gesellschaft.&rdquo; Nicht diejenigen, die die soziale Spaltung zugelassen oder vorangetrieben haben, sind also die Spalter, sondern diejenigen, die die Dinge beim Namen nennen.<\/p><p>Es ist wie wenn den Tanzenden auf dem Oberdeck der &bdquo;Titanic&ldquo; jemand warnend zuruft, dass das Schiff sinkt, und die abgehobene illustre Gesellschaft macht den Warnenden f&uuml;r den Untergang des Schiffes verantwortlich.<\/p><p>Man tut gerade so, als g&auml;be es die Krise gar nicht und als d&uuml;rfe man sie blo&szlig; nicht herbeireden. Man will den Menschen einreden, als sei es ganz unumg&auml;nglich, dass die Steuerzahler f&uuml;r die &bdquo;giftigen&ldquo; (sprich wertlosen) Spekulationspapiere haften m&uuml;ssten. Und das nur, damit die Banker das Casino weiter betreiben k&ouml;nnen wie bisher. Die Angst davor, dass dieses T&auml;uschungsman&ouml;ver durchkreuzt werden k&ouml;nnte, erkl&auml;rt die aggressiven Abwehrreaktionen gegen Schwans Warnung: &bdquo;Die Krise kann zu einer Gefahr f&uuml;r die Demokratie werden, wenn in ein paar Monaten am Arbeitsmarkt handfeste Folgen sp&uuml;rbar werden und in der Bev&ouml;lkerung der Eindruck entsteht, dass die Verursacher <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/politik\/aktuell\/?em_cnt=1731156&amp;\">&uuml;berhaupt nicht einbezogen werden<\/a>.&ldquo; <\/p><p>Die Politik, die Experten (siehe die Fr&uuml;hjahrsprognose), die Medien wollen die Menschen Glauben machen, als sei die Krise wie ein Unwetter &uuml;ber uns hereingebrochen und als tr&uuml;gen die Verantwortlichen selbst keinerlei Mitverantwortung daf&uuml;r. Damit die Methode &bdquo;Haltet den Dieb&ldquo; weiter funktioniert, werden alle Mittel der Meinungsmache eingesetzt, damit sich bei den von den Krisenlasten am meisten Betroffenen der Zorn nicht auf die Verantwortlichen richtet. Und wer dieses abgekartete Spiel nicht mitmacht gilt als Nestbeschmutzer und soll in einem Staatsamt nichts zu suchen haben. <\/p><p>Gesine Schwan darf deshalb nicht Bundespr&auml;sidentin werden. Sie ist zwar alles andere als eine radikale Systemkritikerin, doch schon dass sie in ihren Reden die Logik der &bdquo;Unterwerfung unter ein anonymes Marktgeschehen&ldquo; durchbricht, l&auml;sst sie zum Risiko f&uuml;r das Netzwerk der Abwiegler werden.<\/p><p>S&auml;tze wie die folgenden gelten als Bedrohung:<\/p><p>Wir stehen in den aktuellen Herausforderungen &bdquo;vor der Frage: Freiheit oder Unterwerfung.<br>\nEntweder wir laufen unbedacht und wie die Lemminge mit in einem Treiben, wo jeder nur f&uuml;r sich versucht, seine Haut zu retten und das uns alle an den Rand des Abgrunds bringt, oder wir besinnen uns darauf, gemeinsam und mit einem Grundbestand an Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t unser Leben frei zu bestimmen.&ldquo;<\/p><p>Oder:<\/p><p>Eine Gesellschaft ohne gegenseitige Anerkennung, eine Erwerbsarbeit ohne die Anerkennung eines &bdquo;gerechten&ldquo; Lohnes, von dem wir leben k&ouml;nnen, zerf&auml;llt &hellip;<br>\nArbeit, Anerkennung und Zusammenhalt sind voneinander abh&auml;ngig. Sie k&ouml;nnen gelingen, wenn wir die M&auml;rkte transparent f&uuml;r einen fairen Wettbewerb und politisch zugunsten von Nachhaltigkeit gestalten, wenn wir die Produktion wieder von den Menschen her und mit ihnen zusammen bestimmen, wenn Arbeit f&uuml;r alle die Chance zur Selbstbest&auml;tigung und zur gegenseitigen Anerkennung bietet, wenn wir unsere Arbeitsbiographien intelligent gestalten, in Abstimmung mit den Flexibilit&auml;tserfordernissen sowohl von Unternehmen, als auch der Erfordernisse, in partnerschaftlichen Familien, &uuml;berhaupt gelingenden menschlichen Beziehungen leben zu k&ouml;nnen, menschliche Zuneigung und Pflege nicht zu kurz kommen zu lassen, schlie&szlig;lich damit den Zusammenhalt der Gesellschaft zu st&auml;rken.&ldquo;<br>\n(Siehe die <a href=\"http:\/\/www.gesine-schwan.de\/positionen\/reden\/rede-vom-8-03-2009\/#page_body_main_content_bu_0\">vierte Grundsatzrede im Rahmen der Demokratiereise<\/a>)<\/p><p>Man mag Vieles an Gesine Schwan kritisieren, aber vergleichen Sie diese Rede doch einmal mit der letzten Berliner Rede des voraussichtlich am 23. Mai wiedergew&auml;hlten Bundespr&auml;sidenten K&ouml;hler <a href=\"?p=3848\">&bdquo;Wir haben alle &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo;<\/a>. Zu vergleichbaren grunds&auml;tzlichen &Uuml;berlegungen wie Gesine Schwan w&auml;re der Schmalspur&ouml;konomist K&ouml;hler nie imstande. Aber einen solchen Repr&auml;sentanten der vorherrschenden Ideologie braucht das Meinungskartell des &bdquo;Weiter-so&ldquo;.<\/p><p>&ldquo;Nat&uuml;rlich ist die Krise beherrschbar&rdquo;, sagte K&ouml;hler und f&uuml;gte hinzu: &ldquo;Was nicht geschehen sollte, ist: Uns selbst erstens in Panik reden. Und zweitens in eine Situation reden, als k&ouml;nnten wir diese Krise am Ende nicht beherrschen &ndash; weder im Wirtschaftspolitischen noch im Sozialen&rdquo;, sagte Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler dem Inforadio des rbb.<\/p><p>Nach K&ouml;hler liegt ja der tiefere Grund der Krise weder bei den Bankern noch bei den Politikern, sondern bei &bdquo;uns allen&ldquo;:<br>\n&bdquo;Schuldzuweisungen und kurzfristige Reparaturen reichen nicht aus, wenn wir die tiefere Lehre aus der Krise ziehen wollen. Denn es gibt einen Punkt, der geht uns alle an&hellip;Jetzt f&uuml;hrt uns die Krise vor Augen: Wir haben alle &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt.&ldquo;<\/p><p>Diese Schuldzuweisung f&uuml;r die Krise an &bdquo;uns alle&ldquo; passt nat&uuml;rlich ins Konzept der Abwiegler.<br>\nUnd weil wir alle &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt haben, ist es auch nur konsequent, dass wir eben auch f&uuml;r die Krise zu bezahlen haben und deshalb ist Wut und Zorn bei den Betroffenen fehl am Platze. <\/p><p>Ist es Fatalismus, Duckm&auml;usertum, Untertanengeist oder einfach nur Desinformiertheit, dass laut j&uuml;ngstem Politikbarometer 76% der Befragten sich K&ouml;hler erneut als Bundespr&auml;sidenten w&uuml;nschen und sich nur 9% f&uuml;r Gesine Schwan und gar nur 3% f&uuml;r den Kandidaten der Linken, Peter Sodann, aussprechen?<\/p><p>Wenn man die aktuelle Kampagne gegen Schwans Warnung vor sozialen Unruhen betrachtet, braucht man sich &uuml;ber diese Umfragewerte nicht zu wundern. Die Gehirnw&auml;sche wirkt jedenfalls in Deutschland immer noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen k&ouml;nnte&ldquo;, sagte Gesine Schwan dem &bdquo;M&uuml;nchner Merkur&ldquo;. &bdquo;Wenn sich dann kein Hoffnungsschimmer auftut, dass sich die Lage verbessert, kann die Stimmung explosiv werden&ldquo;, warnte Schwan.<br \/> &Uuml;ber diese Warnung fallen nun nahezu gesamte die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~EC9B114423BD54A49871EC805FEBC9D71~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Medienmeute<\/a>, Arbeitgeber, Kanzlerin Merkel, der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3907\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,1,126,50],"tags":[312,301,587],"class_list":["post-3907","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-das-kritische-tagebuch","category-erosion-der-demokratie","category-finanzkrise","tag-reformpolitik","tag-rentenalter","tag-schwan-gesine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3907","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3907"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3907\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20397,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3907\/revisions\/20397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}