{"id":3911,"date":"2009-04-28T09:06:59","date_gmt":"2009-04-28T07:06:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3911"},"modified":"2014-01-28T11:25:32","modified_gmt":"2014-01-28T10:25:32","slug":"ordoliberale-oekonomen-rufen-zum-letzten-gefecht-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3911","title":{"rendered":"Ordoliberale \u00d6konomen rufen zum letzten Gefecht auf"},"content":{"rendered":"<p>Ausgehend von einem Streit um die Ausschreibung von sechs vakanten VWL-Lehrst&uuml;hlen an der Hochburg der ordoliberalen Wirtschaftspolitik, der Universit&auml;t K&ouml;ln, gab es einen Sturm einiger Emeriti, die das Erbe des eigentlichen Begr&uuml;nders der &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo;, Alfred M&uuml;ller-Armack, bewahren wollen. Die neoklassischen Siegelwahrer Willeke, Willgerodt und Wartrin wehrten sich dagegen, dass sechs Lehrst&uuml;hle im Paket ausgeschrieben wurden, um junge, an der internationalen Forschungsfront ausgewiesene Wirtschaftswissenschaftler f&uuml;r einen Forschungsschwerpunkt zur <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/nachrichten\/der-koelner-emeriti-aufstand;2156259;0\">Makro&ouml;konomie zu gewinnen<\/a>. Dem Protest schlossen sich nun laut FAZ vom 27. April 2009 83 Professoren f&uuml;r Volkswirtschaftslehre mit einem Aufruf &bdquo;Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universit&auml;ten!&ldquo; (der Entwurf stammt von Renate Ohr <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/unternehmer-maerkte\/will-renate-ohr-zurueck-in-die-steinzeit-392021\/\">und wurde in wiwo abgedruckt<\/a>. Unter den Unterzeichnern finden sich den NachDenkSeiten-Leserinnen und &ndash;Lesern so bekannte Namen wie Peter Oberender, Bernd Raffelh&uuml;schen, Joachim Starbatty, Ulrich van Suntum oder Roland Vaubel. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Peter Oberender, 2007 in den Ruhestand verabschiedeter fr&uuml;herer Lehrstuhlinhaber f&uuml;r Wirtschaftstheorie an der Universit&auml;t Bayreuth, geh&ouml;rte zu den radikalsten Propagandisten einer v&ouml;lligen Privatisierung der Krankenversicherung mit alters- und risikoabh&auml;ngigen Beitr&auml;gen. Dar&uuml;ber hinaus setzt er sich f&uuml;r einen freien Markt f&uuml;r <a href=\"?p=2035\">K&ouml;rperorganspenden ein<\/a>. <\/p><p>Oberender und andere Mitunterzeichner wie Norbert Berthold, Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik an der Julius-Maximilians-Universit&auml;t W&uuml;rzburg, Professor Wim K&ouml;sters, Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Theoretische Volkswirtschaftslehre an der Ruhr-Universit&auml;t Bochum Professor Wolf Sch&auml;fer, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r theoretische Volkswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universit&auml;t Hamburg (Universit&auml;t der Bundeswehr) oder Roland Vaubel, Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Volkswirtschaftslehre der Universit&auml;t Mannheim publizieren in einem sog. &bdquo;ordnungspolitischen Blog &acute;Wirtschaftliche Freiheit`. Um den Freiheitsbegriff dieser Gruppe einmal genauer zu studieren, sollte man sich z.B. einen dort abgedruckten Aufsatz von Roland Vaubel zu Gem&uuml;te f&uuml;hren:<\/p><p>Vaubel schlug dort ernsthaft vor, bei staatlichen Haushaltsentscheidungen ein Quorum einzuf&uuml;hren, das an der Steuerbelastung festgemacht wird. Zum Schutz der <em>&bdquo;Leistungselite&ldquo;<\/em> k&ouml;nne man auch ein Zwei-Kammer-System einf&uuml;hren und diejenigen, die die Hauptlast der (direkten) Besteuerung tragen, eine der beiden Kammern w&auml;hlen lassen. Sogar die Wiedereinf&uuml;hrung eines <a href=\"?p=2080\">Mehrklassenwahlrechts h&auml;lt er f&uuml;r sinnvoll<\/a>.<\/p><p>Bernd Raffelh&uuml;schen ist den NachDenkSeiten-Leserinnen und &ndash;Lesern bekannt als wissenschaftliches <a href=\"?p=2514\">Sturmgesch&uuml;tz der Versicherungswirtschaft<\/a> zur Einf&uuml;hrung der Riester-Rente und der Privatisierung der Pflegeversicherung.<\/p><p>Joachim Starbatty ist Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft soziale Marktwirtschaft. Die eher mittelst&auml;ndische Lobbyorganisation tritt f&uuml;r <em>&bdquo;den Schutz und die F&ouml;rderung des Privateigentums, die Entscheidungsfreiheit des Unternehmers und den Leistungswettbewerb als Grundlage einer <a href=\"?p=2124%20\">gerechten Gesellschaft ein.<\/a>&ldquo;<\/em><\/p><p>Ulrich van Suntum ist <em>&bdquo;Botschafter&ldquo;<\/em> der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Er hat etwa in seinem<em> &bdquo;Masterplan f&uuml;r Deutschland&ldquo;<\/em> eine volkswirtschaftliche Zukunft ohne Sozialversicherungen und mit nur noch minimaler <a href=\"?p=229\">staatlicher Daseinsvorsorge vorgeschlagen<\/a>, er war Ratgeber f&uuml;r das <a href=\"?p=1921\">Bertelsmann-Standort-Ranking<\/a> und sang in der FAZ ein Klagelied &uuml;ber die armen, bedauernswerten <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C\/Doc~EF4F05F77C99C4835B6304F99293A68F7~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html\">Reichen in der Gesellschaft<\/a>.<\/p><p>&Uuml;berraschend ist allerdings, dass sich auf der Liste auch als eher unabh&auml;ngigere &Ouml;konomen bekannt gewordene Wissenschaftler, wie Bruno S. Frey und sogar der Keynesianer Rudolf Hickel auftauchen. Ob sie nicht gewusst haben, in welchem ideologischen Umfeld und unter welchen wirtschaftspolitischen Dogmatikern sie sich da mit ihrer Unterschrift bewegen?<\/p><p>Der Grund k&ouml;nnte darin liegen, dass der Aufruf die &Uuml;berschrift tr&auml;gt: <em>&bdquo;Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universit&auml;ten&ldquo;<\/em>. Dem kann man gewiss zustimmen. Denn in der Tat haben sich an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten mehr und mehr &Ouml;konomen breit gemacht, die mit theoretischen Modellen und mathematischen Methoden <em>&bdquo;Glasperlenspiele namens allgemeine Gleichgewichtstheorie<\/em>&ldquo; (Flassbeck\/Spiecker, in: <a href=\"upload\/pdf\/Flassbeck_Inhalt_Einleitung.pdf\">Das Ende der Massenarbeitslosigkeit [PDF &ndash; 105 KB]<\/a>) betreiben, statt sich mit den wirtschaftlichen Realit&auml;ten oder mit dem tats&auml;chlichen Verhalten der Wirtschaftssubjekte zu besch&auml;ftigen. Geschweige denn, dass sie in ihrer Mehrheit irgendetwas zur L&ouml;sung aktueller Probleme unserer Volkswirtschaft oder zum Verst&auml;ndnis der Dynamik der Wirtschaft beigetragen h&auml;tten. Vielfach handelt es sich bei den derzeit <em>&bdquo;modernen&ldquo;<\/em> &Ouml;konomen eher um Vertreter einer angewandten Mathematik als um Volkswirte mit einem Fundament in &ouml;konomischer Theorie. Eine komplexe Welt wurde mit immer komplexeren, aber eben doch nicht hinreichend komplexen Modellen zu erkl&auml;ren versucht. Die Gutachten des Sachverst&auml;ndigenrats z.B. wurden immer dickleibiger und basierten auf immer mehr Rechenmodellen, doch die wirtschaftspolitischen Aussagen wurden immer d&uuml;nner und enthielten blo&szlig; immer mehr vom Gleichen. Die mathematischen Modelle konnten noch so ausgefeilt sein, im Regelfall sind die Schlussfolgerungen in den neoklassischen Gleichgewichtsannahmen schon enthalten. Und so entsprachen die politischen Ratschl&auml;ge fast immer denen der Ordoliberalen. <\/p><p>Es ist in der Tat so, wie auch Heribert Prantl in seinem Buch <em>&bdquo;Kein sch&ouml;ner Land<\/em>&ldquo; beklagt hat, n&auml;mlich dass es in Deutschland immer weniger volkswirtschaftliche Lehrst&uuml;hle gibt, vor allem kaum noch solche mit staatswissenschaftlicher und empirischer Orientierung. Die neoklassische &Ouml;konomie wurde in Deutschland nicht nur zur vorherrschenden, sondern zur <em>&bdquo;allein herrschenden Lehre&ldquo;<\/em> (Prantl). Es hat ein Bedeutungsverlust der Makro&ouml;konomie zugunsten von Mikro&ouml;konomie und Betriebswirtschafslehre und die Verdr&auml;ngung von Neokeynesianern durch die angebotsorientierte Neoklassik stattgefunden.<\/p><p>Der herrschenden Volkswirtschaftslehre in Deutschland liegt dar&uuml;ber hinaus bei fast allen politisch relevanten Themen eine einzelwirtschaftliche Sichtweise zugrunde. So wurde seit Jahren die Meinung vertreten, dass die Arbeit gegen&uuml;ber dem Produktionsfaktor Arbeit zu teuer sei und deswegen die L&ouml;hne gesenkt werden m&uuml;ssten, dass die L&ouml;hne und der Arbeitsmarkt zu unflexibel seien. <\/p><p>Albrecht M&uuml;ller hat sich schon 2004 in seinem Buch <em>&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;<\/em> an 40 Denkfehlern, Mythen und Legenden der herrschenden Lehre abgearbeitet und ihr Scheitern belegt bzw. vorhergesagt. Seit drei&szlig;ig Jahren h&ouml;ren wir von der vorherrschenden &ouml;konomischen Lehre immer und immer wieder: Die L&ouml;hne und die Lohnnebenkosten seien zu hoch, Arbeit m&uuml;sse billiger werden, der Mindestlohn sei des Teufels und der Arbeitsmarkt zu unflexibel, wir m&uuml;ssten l&auml;nger arbeiten, der K&uuml;ndigungsschutz m&uuml;sse weg; der Sozialstaat sei &uuml;berdehnt und zu teuer; wir seien &uuml;berschuldet und wer spare baue Schulden ab; Steuersenkungen schafften Investitionen und Arbeitspl&auml;tze; Deregulierung und Privatisierung sorgten f&uuml;r Effizienz; der Staat solle sich aus der Wirtschaft heraushalten und staatliche Konjunkturprogramme seien nur <em>&bdquo;Strohfeuer&ldquo;<\/em> und br&auml;chten nichts. Und vor allem br&auml;uchten wir immer neue <em>&bdquo;Reformen&ldquo;<\/em>und eine immer h&ouml;here Reformdosis. Ginge es nur um die einseitige Universit&auml;tslehre, so k&ouml;nnte man das als bedauerlichen Betriebsunfall abtun, aber die die Medien und vor allem die Politik haben diese eindimensionale &ouml;konomische Sichtweise, gerade weil sie so schlicht ist, nicht nur nachgeplappert, sondern auch so gehandelt. &Uuml;ber die Ergebnisse haben wir berichtet.<\/p><p>Bemerkenswert viele der Unterzeichner (Backhaus, Berthold, Blum, Cesar, Cassel, Dickertmann, Eickhof, Folkers, Franke, Henke, Homburg, Jaeger, Klump, Knieps, Kruse, Mantzavinos, Neum&auml;rker, Oberender, Ohr, Petersen, Pies, Raffelh&uuml;schen, Sch&auml;fer, Schnabel, Sch&uuml;ller, Schneider, Seidl, Starbatty, van Suntum, Theurl, Vanberg, Vaubel, Wegner) haben im Jahre 2005 auch den sog. <em>&bdquo;Hamburger Appell&ldquo;<\/em> unterzeichnet, der damals die Position vertrat, die Wirtschaftspolitik k&ouml;nne auf Dauer keinerlei positiven Einfluss auf die kurzfristige gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus&uuml;ben. Mit diesem Aufruf leisteten sie dar&uuml;ber hinaus <a href=\"?p=873\">ziemlich plumpe Wahlkampfhilfe f&uuml;r die konservativen Parteien<\/a>.<\/p><p>Der Aufruf der Ordoliberalen richtet sich zwar konkret gegen die Vertreter der <em>&bdquo;Kunstfertigkeit in der Ableitung logischer Schlussfolgerungen &hellip; von begrenztem Nutzen, wenn es darum geht, Realit&auml;t zu verstehen und zu beurteilen&ldquo;<\/em>. Dass aber nun gerade ganz &uuml;berwiegend Vertreter eines durch und durch wirtschaftsliberalen Weltbildes den Untergang der <em>&bdquo;Wirtschaftspolitik&ldquo; an<\/em> den Universit&auml;ten beklagen, d&uuml;rfte ganz andere Gr&uuml;nde haben. Die Vertreter dieser ordoliberalen Schule, f&uuml;r die jeder Eingriff in den Markt als Eingriff in die Freiheit des Einzelnen gilt, erleben angesichts der Katastrophe der deregulierten Finanzm&auml;rkte und der tiefsten Wirtschaftskrise seit Menschengedenken ihre gr&ouml;&szlig;te Niederlage seit den drei&szlig;iger Jahren des letzten Jahrhunderts. F&uuml;r die meisten der Unterzeichner ist es sozusagen der Aufruf zum letzten Gefecht der neoklassischen Schule.<\/p><p>Dass z.B. mit Rudolf Hickel auch Vertreter des Neokeynesianismus sich diesem Aufruf angeschlossen haben, ist mir nicht nachvollziehbar, haben doch die Unterzeichner in ihrer gro&szlig;en Mehrheit in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, die nachfrageorientierte Volkswirtschaftslehre von der wissenschaftlichen Landkarte praktisch auszul&ouml;schen. Rudolf Hickel von der Universit&auml;t Bremen m&uuml;sste das doch selbst leidvoll erfahren haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgehend von einem Streit um die Ausschreibung von sechs vakanten VWL-Lehrst&uuml;hlen an der Hochburg der ordoliberalen Wirtschaftspolitik, der Universit&auml;t K&ouml;ln, gab es einen Sturm einiger Emeriti, die das Erbe des eigentlichen Begr&uuml;nders der &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo;, Alfred M&uuml;ller-Armack, bewahren wollen. 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