{"id":39177,"date":"2017-07-14T08:57:01","date_gmt":"2017-07-14T06:57:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39177"},"modified":"2019-07-08T11:15:17","modified_gmt":"2019-07-08T09:15:17","slug":"muenchen-will-kritik-an-israel-einschraenken-stadtratsantrag-von-spd-und-csu-sieht-einengung-der-informationsfreiheit-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39177","title":{"rendered":"M\u00fcnchen will Kritik an Israel einschr\u00e4nken &#8211; Stadtratsantrag von SPD und CSU sieht Einengung der Informationsfreiheit vor"},"content":{"rendered":"<p>Kritik an der israelischen Besatzungspolitik soll in M&uuml;nchen empfindlich eingeschr&auml;nkt werden. SPD und CSU, die die Stadt gemeinsam regieren, haben zusammen einen  Antrag eingebracht, der st&auml;dtische R&auml;ume nicht l&auml;nger Gegnern der israelischen Regierungspolitik, die einen zeitlich befristeten Boykott israelischer Produkte bef&uuml;rworten, f&uuml;r Veranstaltungen zur Verf&uuml;gung stellen will. Damit soll unterbunden werden, dass Referenten wie z. B. der israelische Journalist Gideon Levy, der vor einigen Wochen im st&auml;dtischen Kulturzentrum Gasteig &uuml;ber Einzelheiten der israelischen Besatzungspolitik sprach, auch k&uuml;nftig in M&uuml;nchen auftreten k&ouml;nnen. Von <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39177#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1988\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-39177-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=39177-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170714_Muenchen_will_Kritik_an_Israel_einschraenken_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In dem gemeinsamen Antrag der beiden Parteien hei&szlig;t es, M&uuml;nchen stelle sich gegen &bdquo;die antisemitische BDS-Kampagne (boycott, divestment and sanctions)&ldquo;.  Die Landeshauptstadt werde au&szlig;erdem nicht mit Gruppierungen, welche die Ziele von BDS verfolgen, &bdquo;in Form von Zusch&uuml;ssen oder Raumvergaben kooperieren&ldquo;. Namentlich wird dazu in der Begr&uuml;ndung die J&uuml;disch-Pal&auml;stinensische Dialoggruppe M&uuml;nchen (JPDG) genannt. St&auml;dtische R&auml;ume sollen auch nicht f&uuml;r Veranstaltungen, Ausstellungen oder Demonstrationen zur Verf&uuml;gung gestellt werden, welche Ziele von BDS verfolgen.<\/p><p>Hintergrund des Antrags ist ein schon l&auml;nger andauernder Konflikt. Einen gr&ouml;&szlig;eren Eklat gab es im November 2015, bei einem Vortrag &uuml;ber BDS, den die Dialoggruppe im st&auml;dtischen Gasteig veranstaltete und der massiv von pro-israelischen Aktivisten gest&ouml;rt wurde. SPD-Oberb&uuml;rgermeister Dieter Reiter k&uuml;ndigte daraufhin an, die Stadt werde &bdquo;solche Veranstaltungen&ldquo; nicht mehr unterst&uuml;tzen. Im September 2016 musste im von der Stadt unterst&uuml;tzten EineWeltHaus kurzfristig ein Vortrag des israelischen Publizisten Abi Melzer &uuml;ber &bdquo;Antisemitismus heute&ldquo; abgesagt werden, nachdem M&uuml;nchens Kulturreferent Hans-Georg K&uuml;ppers massiv interveniert hatte. Zur Begr&uuml;ndung hatte er geschrieben, die Veranstaltungsank&uuml;ndigung enthalte &bdquo;Formulierungen, die in Richtung einer Delegitimierung Israels gehen. Dies legt nahe, dass in der Veranstaltung die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus &uuml;berschritten wird. In st&auml;dtischen R&auml;umen sind solche Agitationen nicht zul&auml;ssig.&ldquo; Der Veranstalter, die Arbeitskreis Salam Shalom, erhielt sp&auml;ter monatelang ein Raumverbot im EWH, das erst im Juni von der Mitgliederversammlung des EWH-Tr&auml;gerkreises mit gro&szlig;er Mehrheit wieder aufgehoben wurde.<br>\nIm Mai hielt dann der bekannte israelische Journalist Gideon Levy (Haaretz) auf Einladung der J&uuml;disch-pal&auml;stinensischen Dialoggruppe im st&auml;dtischen Gasteig einen Vortrag &uuml;ber &bdquo;50 Jahre Besatzung&ldquo;  &ndash; offenbar sehr zum &Auml;rger von CSU und SPD. Dabei nannte er auf eine Frage aus dem Publikum den Boykottaufruf gegen Israel legitim.<\/p><p>Der Antrag von SPD und CSU wird, da eine Mehrheit f&uuml;r ihn im Stadtrat sicher scheint, auch unterbinden, dass in M&uuml;nchens EineWeltHaus (EWH) k&uuml;nftig noch Streitgespr&auml;che stattfinden k&ouml;nnen wie eines, das Pax Christi k&uuml;rzlich geplant hatte. Nach dem Verbot des Vortrags von Abi Melzer und monatelangem Raumverbot f&uuml;r Salam Shalom hatte Pax Christi zu einem Streitgespr&auml;ch &bdquo;Meinungsfreiheit im EWH &ndash; wo sind die Grenzen?&ldquo; eingeladen, an dem Dominik Krause, ein Stadtrat der Gr&uuml;nen und einer der treibenden Kr&auml;fte der Raumverbote, mit einer Vertreterin des &bdquo;B&uuml;ndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung&ldquo; diskutieren sollte. Das Gespr&auml;ch musste kurzfristig abgesagt werden, weil der gr&uuml;ne Stadtrat es ablehnte, bei Pax Christi zu sprechen. Zuvor hatte Krause der urspr&uuml;nglich von Attac geplanten Diskussion in gleicher personeller Besetzung eine Zusage gegeben, Attac hatte die Veranstaltung nach internen Problemen wieder abgesagt.<br>\nBei den Gr&uuml;nen im Stadtrat stie&szlig; der Antrag von SPD und CSU auf Kritik. &bdquo;Wir halten auch die BDS-Kampagne f&uuml;r problematisch und wollen sie nicht unterst&uuml;tzen&ldquo;, erkl&auml;rte ihr Fraktionschef Florian Roth gegen&uuml;ber der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;. Wenn man aber keine R&auml;ume mehr an jemanden vermieten d&uuml;rfe, der je positiv &uuml;ber BDS geredet habe, treffe das im Extremfall auch auf Redner wie Friedensnobelpreistr&auml;ger Desmond Tutu zu, sollte der &uuml;ber S&uuml;dafrikas Apartheidpolitik sprechen wollen. Einzelne Formulierungen gingen den Gr&uuml;nen zu weit. Fragen der &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; hatte Roth unbeantwortet gelassen.<\/p><p>SPD-Oberb&uuml;rgermeister Reiter meint, die angestrebte Neuregelung stehe nicht im Widerspruch zum Schutz der Informations- und Meinungsfreiheit durch das Grundgesetz. Auf eine entsprechende Frage der &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; antwortete der Leiter des Presse- und Informationsamts der Stadt, das Grundrecht der Meinungsfreiheit sei &bdquo;als Abwehrrecht des Einzelnen gegen den Tr&auml;ger &ouml;ffentlicher Gewalt (Staat, Land, Kommune) konzipiert. Es begr&uuml;ndet keine Verpflichtung der &ouml;ffentlichen Hand, jedwede Meinungs&auml;u&szlig;erung zu f&ouml;rdern, indem sie etwa R&auml;umlichkeiten zur Verf&uuml;gung stellt.&ldquo; Dar&uuml;ber hinaus finde das Grundrecht der freien Meinungs&auml;u&szlig;erung seine Grenzen in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, &bdquo;so dass von Seiten der Stadt in ihren R&auml;umlichkeiten z.B. rassistische und antisemitische &Auml;u&szlig;erungen grunds&auml;tzlich nicht geduldet werden.&ldquo;<\/p><p>Die Pr&auml;sidentin der Israelitischen Kultusgemeinde M&uuml;nchens, Charlotte Knobloch, lobte den Vorsto&szlig; von SPD und CSU als lang ersehntes Signal. Gegen&uuml;ber der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo; nannte sie es unertr&auml;glich, dass M&uuml;nchen zuletzt von Gruppen, die mit BDS sympathisierten, &bdquo;als Agitationsraum missbraucht&ldquo; worden sei.<\/p><p>Dagegen wies die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin des B&uuml;ndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (BIB), die bei M&uuml;nchen lebende israelische Schauspielerin Nirit Sommerfeld, in einem Schreiben an die M&uuml;nchner Stadtr&auml;te darauf hin, dass die EU-Au&szlig;enbeauftragte Federica Mogherini BDS bei verschiedenen Gelegenheiten mit Verweis auf die Grundrechts-Charta der UN als zul&auml;ssig bezeichnete. &bdquo;W&uuml;rde Frau Mogherini in M&uuml;nchen vor verschlossenen T&uuml;ren stehen?&ldquo; fragte Nirit Sommerfeld.<\/p><p>Ein Gr&uuml;ndungsmitglied der J&uuml;disch-pal&auml;stinensischen Dialoggruppe M&uuml;nchen, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Pal&auml;stinenser Fuad Hamdan, &auml;u&szlig;erte &bdquo;Wut und Entsetzen&ldquo; &uuml;ber den Antrag. In seinem Schreiben an die Stadtratsfraktionen von CSU und SPD hei&szlig;t es: &bdquo;Mit Ihrem Antrag diffamieren Sie eine Dialoggruppe, die den Dialog zwischen Juden und Pal&auml;stinensern f&uuml;hrt und f&ouml;rdert. Als ich Mitte der Achtziger Jahre mit einem j&uuml;dischen Ehepaar aus Belgien die Dialoggruppe gegr&uuml;ndet habe, war sie die erste in ihrer Art in Deutschland. Es haben sich Juden und Pal&auml;stinenser getroffen, diskutiert, sich gegenseitig zugeh&ouml;rt, gestritten und letztendlich Verst&auml;ndnis f&uuml;reinander gewonnen.&ldquo; Hamdan betont, dass  die BDS-Kampagne nicht zum Boykott von Juden aufrufe, &bdquo;sondern zum Boykott eines Staates, der das V&ouml;lkerrecht missachtet.&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong> war fr&uuml;her Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, dem NDR (H&ouml;rfunk) und der Deutschen Welle, danach freie journalistische Arbeit. Er war als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Sambia t&auml;tig und hat als Journalist und f&uuml;r Entwicklungsorganisationen mehrere Jahre im s&uuml;dlichen Afrika gearbeitet. Starkes Interesse an Nahost nach f&uuml;nf alternativen Studienreisen nach Pal&auml;stina und Israel. Bei Attac auf EU-Handelsabkommen wie CETA, EPA, TTIP und TiSA spezialisiert. Lebt in M&uuml;nchen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritik an der israelischen Besatzungspolitik soll in M&uuml;nchen empfindlich eingeschr&auml;nkt werden. SPD und CSU, die die Stadt gemeinsam regieren, haben zusammen einen Antrag eingebracht, der st&auml;dtische R&auml;ume nicht l&auml;nger Gegnern der israelischen Regierungspolitik, die einen zeitlich befristeten Boykott israelischer Produkte bef&uuml;rworten, f&uuml;r Veranstaltungen zur Verf&uuml;gung stellen will. 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