{"id":393,"date":"2004-11-05T15:47:28","date_gmt":"2004-11-05T14:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=393"},"modified":"2016-03-23T11:43:46","modified_gmt":"2016-03-23T10:43:46","slug":"merkel-sagt-taglich-wandern-1000-arbeitsplatze-ins-ausland-morgan-stanley-belegt-offshoring-more-a-myth-than-a-matter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=393","title":{"rendered":"Merkel sagt: T\u00e4glich wandern 1000 Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland. Morgan Stanley belegt: \u201eOffshoring \u2013 More a Myth Than a Matter\u201c"},"content":{"rendered":"<p>T&auml;glich wanderten 1000 Arbeitspl&auml;tze ins Ausland ab, verk&uuml;ndet Angela Merkel landauf, landab. &bdquo;Deutschland Exportweltmeister (von Arbeitspl&auml;tzen)&ldquo; titelt &bdquo;Der Spiegel&ldquo;. Eines der weltweit gr&ouml;&szlig;ten Finanzberatungsunternehmen Morgan Stanley analysiert: Verglichen mit anderen europ&auml;ischen Staaten und den USA sei der Anteil der aus Deutschland ins Ausland verlagerten Stellen relativ klein und die Auswirkungen des &bdquo;Offshorings&ldquo; auf den deutschen Arbeitsmarkt seien gering.<br>\n<!--more--><br>\nAuf seinem Neujahresempfang 2004 behauptete Edmund Stoiber monatlich wanderten 50.000 Arbeitspl&auml;tze aus Deutschland ab &ndash; das w&auml;ren 600.000 im Jahr. Albrecht M&uuml;ller ist auf den NachDenkSeiten dieser Behauptung nachgegangen. Ergebnis: Weder die bayerische Staatskanzlei, noch das dortige Wirtschaftsministerium, noch das Bundeswirtschaftsministerium, noch sonst eine mit dem Arbeitsmarkt befasste Institution konnten die Zahl best&auml;tigen. Es gab nirgendwo nachvollziehbare Zahlen, geschweige denn in der von Stoiber genannten Gr&ouml;&szlig;enordnung (Vgl. Stoibers amtliche Panikmache, NachDenkSeiten vom 27.01.04;siehe auch Albrecht M&uuml;ller, Die Reforml&uuml;ge, M&uuml;nchen 2004, S. 189ff.)<br>\nSeit Wochen gibt es etwa im Fernsehen kaum einen Bericht &uuml;ber die Reden von Angelika Merkel, in dem nicht deren &bdquo;Stehsatz&ldquo; zitiert wird, dass t&auml;glich 1000 Arbeitspl&auml;tze ins Ausland abwanderten. Wieder haben wir intensiv recherchiert und nachgefragt. Nirgendwo fanden wir eine Best&auml;tigung dieser Behauptung. <\/p><p>Einer unserer NachDenkSeiten-Leser hat uns auf eine Studie des weltweit agierenden und durchaus renommierten Finanzberatungsunternehmens Morgan Stanley DW Inc. hingewiesen, in der dem Arbeitsmarkteffekt des &bdquo;Offshoring&ldquo; in Deutschland nachgegangen wird. Elga Bartsch (London), die f&uuml;r die Studie verantwortlich zeichnet, kommt zum Ergebnis, dass die negativen Auswirkungen von Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland auf den deutschen Arbeitsmarkt gering und ziemlich begrenzt seien, jedenfalls kleiner als f&uuml;r die USA und Gro&szlig;britannien. Alle erhobenen Daten wiesen darauf hin, dass &bdquo;Offshoring&ldquo; in Deutschland eher ein Mythos als eine Tatsache sei. <\/p><p>Wie wir selbst auch, war Elga Bartsch auch ziemlich &uuml;berrascht, dass keinerlei offizielle Daten &uuml;ber die Zahl der verlagerten Jobs zu bekommen sind. &bdquo;Starting from an statistical black hole&ldquo; behilft sich die Autorin in einer ersten Ann&auml;herung mit einem Vergleich mit den USA. Die Statistik des amerikanischen &bdquo;Bureau of Labor Statistics&ldquo; zeige, dass dort 2% der Massenentlassungen im ersten Viertel dieses Jahres Betriebsverlagerungen ins Ausland geschuldet seien. Das w&auml;ren 5000 Entlassungen. Verglichen mit 147 Millionen Besch&auml;ftigten und 8 Millionen Job-Suchenden, erscheine diese Zahl sehr klein.<br>\n&Uuml;bertragen auf Deutschland sch&auml;tzt Elga Bartsch, dass die durch die Informationstechnik erm&ouml;glichte Verlagerung im Dienstleistungsbereich, wegen der Sprachbarrieren eine sehr viel geringere Rolle spiele, au&szlig;erdem begrenze der kleinere Anteil von Niedrig-Lohn-Jobs in Deutschland das Verlagerungspotential gegen&uuml;ber den USA. Viele Jobs, die aus den USA verlagert worden seien, existierten in Deutschland nicht und h&auml;tten nie existiert. Hinzu k&auml;me, dass die Kosten einer Betriebsschlie&szlig;ung in Deutschland und einer Verlagerung ins Ausland wegen der strengeren Regelungen h&ouml;her l&auml;gen als in den US. <\/p><p>Fazit des Vergleichs:<br>\nIm Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland keine Zahlen &uuml;ber Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland, die Zahl f&uuml;r unser Land d&uuml;rften aber relativ niedriger liegen als in den USA, wo sie aber gleichfalls nur geringe Bedeutung f&uuml;r die Besch&auml;ftigung haben. In USA redet kaum einer dar&uuml;ber, in Deutschland ist das Thema in aller Munde, obwohl keiner genau wei&szlig;, wor&uuml;ber er redet.<\/p><p>Auch bei der zweiten eingesetzten Methode, der Literaturrecherche, stellt Morgan Stanley zun&auml;chst einmal fest, dass es in Deutschland nur wenige Studien &uuml;ber Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland gebe. In einer j&uuml;ngeren Studie des Osteuropa-Instituts, in der die deutschen Direktinvestitionen nach Mittel- und Osteuropa und ihre R&uuml;ckwirkungen auf den Arbeitsmarkt untersucht wurden (siehe Working Papers, Nr. 229) werde res&uuml;miert, dass der Einfluss der Verlagerungen auf den deutschen Arbeitsmarkt ziemlich gering ist. Und das deshalb, weil dreiviertel der Firmen, die dort investieren, das eher tun, weil sie neue M&auml;rkte suchen, und weniger aus Gr&uuml;nden der Kostenreduzierung.<br>\nEs wird gesch&auml;tzt, dass durch Auslandsdirektinvestitionen nach Osten &uuml;ber die gesamten neunziger Jahre etwa 300.000 Jobs &uuml;ber die Grenze verlagert wurden, was &ndash; verglichen mit den 3,2 Millionen Industriearbeitspl&auml;tzen, die seit 1991 in Gesamtdeutschland verloren gegangen seien &ndash; eine geringe Zahl sei. (Kurzinformationen und Analysen, Nr. 3, 2002). <\/p><p>Schaue man drittens auf die Besch&auml;ftigungsentwicklung der in Niedriglohnl&auml;nder ausgelagerten Firmen, so w&uuml;rde diese sich nur zu einem kleinen Teil auf die Arbeitsmarktdynamik niederschlagen. Es zeige sich vielmehr in den letzten f&uuml;nf Jahren eine enge positive Korrelation zwischen Auslands- und Inlandsbesch&auml;ftigung in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung von rund 85%. D.h. die Auslandsinvestitionen wirken anders als noch in der ersten H&auml;lfte der 90er Jahre inzwischen sogar positiv auf den deutschen Arbeitsmarkt zur&uuml;ck. <\/p><p>Selbst wenn man &ndash; viertens &ndash; die statistisch nicht erfassten Auslandsinvestitionen kleinere und mittlerer Unternehmen und die h&ouml;here Kapitalintensit&auml;t in den mittel- und osteurop&auml;ischen L&auml;ndern noch mit einkalkuliere, l&auml;ge die Zahl der durch die geringeren Lohnkosten ausgel&ouml;sten Verlagerungen von Arbeitspl&auml;tzen allenfalls bei 600.000 in der letzten Dekade. (Zur Erinnerung: Das schafft Stoiber in einem Jahr.) <\/p><p>In einer weiteren Erhebungsquelle, dem European Restructuring Monitor (ERM) &ndash; der Firmenumstrukturierungen aus Ver&ouml;ffentlichungen der Betriebe und aus Zeitschriften auswertet &ndash; seien seit Januar 2002 117.000 Job-Verluste erw&auml;hnt. Davon seien 3% durch Betriebsverlagerungen und weitere 0,3% durch &bdquo;outsourcing&ldquo; verloren gegangen. Verglichen mit anderen europ&auml;ischen Staaten sei der Anteil der verlagerten Stellen aus Deutschland relativ klein und die negativen Auswirkungen des &bdquo;Offshorings&ldquo; auf den deutschen Arbeitsmarkt seien relativ gering. Im Vereinigten K&ouml;nigreich und in den USA seien die Auswirkungen jedenfalls gr&ouml;&szlig;er. <\/p><p>Fazit:<br>\nWir wollen auch die Studie eines Finanzberatungsunternehmens nicht &bdquo;als das letzte Wort&ldquo; zum Problem von Arbeitsplatzverlagerungen nehmen. Im Gegensatz aber zur bei uns &uuml;blichen Panikmache mittels Verallgemeinerungen von Einzelf&auml;llen oder in dem man Arbeitsplatzverluste verursacht durch den ganz normalen Strukturwandel oder durch konjunkturelle Schwankungen einfach Betriebsverlagerungen ins Ausland zuschiebt, wie das in den Medien (exemplarisch im SPIEGEL vom 25.10.04) geschieht, wurde in der Studie von Morgan Stanley wenigstens das zur Verf&uuml;gung stehende Wissen zusammengef&uuml;hrt.<br>\nDieses Wissens mag nicht ausreichend sein. Aber das einzugestehen ist immer noch besser als begr&uuml;ndungs- und verantwortungslose Behauptungen in die Welt zu setzen, wie das Merkel und Stoiber und mit ihnen viele Medien tun. Man darf das Problem von Betriebsverlagerungen nicht verharmlosen. Aber man darf schon gar nicht durch gezielte Propaganda oder durch gewollte Verunsicherung einen Trend herbei reden und &ndash; was noch schlimmer ist &ndash; damit eine politische Erpressung begehen. <\/p><p>Erpressung wird im Strafrecht als eine Tat umschrieben, durch die der T&auml;ter Mittels Bedrohung einen anderen zu einer Verm&ouml;gensverf&uuml;gung bestimmt und diesem dadurch einen Schaden zuf&uuml;gt.<br>\nNichts anderes betreiben Merkel und Stoiber auf politischer Ebene: Sie verbinden mit der bedrohlichen Behauptung &uuml;ber die Abwanderung von Arbeitspl&auml;tzen ins Ausland die Forderung nach Senkung der Unternehmenssteuern (zum Schaden f&uuml;r die Staatsfinanzen und damit f&uuml;r die Allgemeinheit) und sie wollen damit die Gewerkschaften n&ouml;tigen Lohnsenkungen und Arbeitszeitverl&auml;ngerungen hinzunehmen (zum Schaden f&uuml;r die Arbeitnehmer und deren Anteil an der Wertsch&ouml;pfung)<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.morganstanley.com\/GEFdata\/digests\/20040804-wed.html#anchor0\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.morganstanley.com\/GEFdata\/digests\/20040804-wed.html#anchor0\">Morgan Stanley &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T&auml;glich wanderten 1000 Arbeitspl&auml;tze ins Ausland ab, verk&uuml;ndet Angela Merkel landauf, landab. &bdquo;Deutschland Exportweltmeister (von Arbeitspl&auml;tzen)&ldquo; titelt &bdquo;Der Spiegel&ldquo;. 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