{"id":39363,"date":"2017-07-26T16:44:22","date_gmt":"2017-07-26T14:44:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39363"},"modified":"2019-04-25T15:16:06","modified_gmt":"2019-04-25T13:16:06","slug":"ueber-grenzen-nachdenken-rezension-eines-neuen-buches-zur-ethik-der-migration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39363","title":{"rendered":"\u00dcber Grenzen nachdenken. Rezension eines neuen Buches zur Ethik der Migration"},"content":{"rendered":"<p>Im Moment kommen an Italiens K&uuml;ste wieder viele neue Fl&uuml;chtlinge an, was zu verzweifelten Hilfeappellen der italienischen Regierung an die anderen EU-Mitgliedsstaaten gef&uuml;hrt hat. Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz hat das Thema gerade f&uuml;r den SPD-Wahlkampf entdeckt. Das neue Buch zur Fl&uuml;chtlingspolitik von Julian Nida-R&uuml;melin, Professor f&uuml;r Philosophie an der Universit&auml;t M&uuml;nchen und ehemaliger Kulturstaatsminister in der Rot-gr&uuml;nen Regierung Gerhard Schr&ouml;ders, k&ouml;nnte deshalb nicht aktueller sein. K&ouml;nnte! <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die Nachdenkseiten gelesen und rezensiert.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4206\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-39363-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=39363-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170727_Ueber_Grenzen_nachdenken_Rezension_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Wieso das Dogma der offenen Grenzen auch aus linker Perspektive falsch ist<\/strong><\/p><p>Eine Rezension von Udo Brandes<\/p><p>Bei der Fl&uuml;chtlingsdebatte hat mich immer wieder eines ge&auml;rgert: Dass die Bef&uuml;rworter einer Politik der offenen Grenzen die mit der Einwanderung verbundenen Konflikte schlichtweg leugnen. Die Betroffenen an der Basis aber m&uuml;ssen mit diesen Konflikten zurechtkommen und werden dabei meistens allein gelassen. <\/p><p>Lehrer etwa, die zum Beispiel selber entscheiden und verantworten m&uuml;ssen, wie sie damit umgehen, wenn muslimische Eltern ihren Kindern verbieten, tags&uuml;ber zu trinken und zu essen, weil Ramadan ist. Bricht ein Kind deshalb im Sportunterricht zusammen, muss sich in erster Linie der Lehrer verantworten. <\/p><p>Oder um noch ein Beispiel zu nennen: Die wirtschaftlich ohnehin schon unter Druck stehende Unterschicht ger&auml;t durch Einwanderung noch mehr unter Konkurrenzdruck. Deshalb k&ouml;nnen Menschen aus der Unterschicht &ndash; und dies legitimerweise &ndash; kein Interesse an Einwanderung haben. Jemand aus meinem Bekanntenkreis, sehr gut situiert und ohne wirtschaftliche Sorgen, streitet dies schlicht ab. Aus meiner Sicht nicht zuletzt deshalb, weil die Haltung eines weltoffenen, liberalen Kosmopoliten bestens dazu geeignet ist, ein moralisches &Uuml;berlegenheitsgef&uuml;hl zu erzeugen, oder soziologisch ausgedr&uuml;ckt: Distinktionsgewinne zu erzielen. <\/p><p>Aus diesem Grund habe ich mich auf die Lekt&uuml;re von Julian Nida-R&uuml;melins neuen Buch <em>&Uuml;ber Grenzen denken. Eine Ethik der Migration<\/em> sehr gefreut. Und tats&auml;chlich ist es ein Buch, das in vielen Fragen den Finger in die Wunden legt, den Mainstream in Frage stellt und interessante Argumente und Gedankeng&auml;nge enth&auml;lt, aber auch viele gute Quellen- und Literaturhinweise f&uuml;r Menschen, die sich mit dem Thema n&auml;her besch&auml;ftigen wollen. Trotzdem ist mein Eindruck ambivalent. Denn Nida-R&uuml;melin nimmt einerseits eine kritische Haltung gegen&uuml;ber der neoliberalen Ideologie ein, verteidigt aber in konkreten Einzelf&auml;llen eben diese, was man wohl nur noch psychologisch erkl&auml;ren kann. Mehr dazu weiter unten. Zun&auml;chst m&ouml;chte ich die zentralen Thesen von Rida-R&uuml;melin darstellen. <\/p><p>Nida-R&uuml;melin ist der Auffassung, <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;dass man zwischen Ethik, Recht, Politik und &Ouml;konomie keine scharfe Trennung vornehmen kann.&ldquo; (S. 16)\n<\/p><\/blockquote><p>Dass diese vielmehr eine Einheit seien. Er versteht seinen Ansatz als &bdquo;koh&auml;rentistisch&ldquo; (koh&auml;rent = zusammenh&auml;ngend). Damit meint er, dass man nicht ein umfassendes ethisches Prinzip formulieren k&ouml;nne (wie zum Beispiel das utilitaristische Prinzip, das nach der N&uuml;tzlichkeit von Handlungen fragt) und mit diesem Prinzip jede Frage der Migrationspolitik beurteilen k&ouml;nne. Sondern dass man vielmehr koh&auml;rentistisch vorgehen m&uuml;sse und jeweils verschiedene normative Gr&uuml;nde, die sich aus der Praxis ergeben, abw&auml;gen m&uuml;sse:<\/p><p>&bdquo;Egoistische Handlungstheorien, zu denen die in der &Ouml;konomie dominierende Rationalit&auml;tstheorie geh&ouml;rt, behaupten, lediglich Gr&uuml;nde der ersten Kategorie seien relevant (gemeint sind interessengeleitete, praktische Gr&uuml;nde; U. B.). Unsere lebensweltliche Praxis steht dem aber entgegen. So leben wir nicht, und so urteilen wir nicht.&ldquo; (S. 45)<\/p><p>Dementsprechend pl&auml;diert Nida-R&uuml;melin f&uuml;r eine koh&auml;rente ethische Beurteilung, die verschiedene Perspektiven ber&uuml;cksichtigt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt keine voneinander isolierten &sbquo;Systemlogiken&rsquo; &ndash; eine &ouml;konomische, eine politische, eine lebensweltliche etc. &ndash; sondern vielmehr verschiedene praktische Gr&uuml;nde, auch verschiedene Typen von Gr&uuml;nden, die gegeneinander abgewogen werden m&uuml;ssen, damit sich am Ende daraus eine stimmige, eben koh&auml;rente Praxis ergibt.&ldquo; (S. 59)\n<\/p><\/blockquote><p>Er veranschaulicht dies am Beispiel der &ouml;konomischen Logik:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die vermeintlich &ouml;konomische Systemlogik der Moralfreiheit ist lediglich die Verabsolutierung eines legitimen Handlungsgrundes, n&auml;mlich die Optimierung des Gewinns oder die Optimierung des Konsums. Dieser legitime Handlungsgrund spielt in der &ouml;konomischen Praxis eine gro&szlig;e Rolle, aber er muss abgewogen werden gegen andere Handlungsgr&uuml;nde.&ldquo; (S. 59-60)\n<\/p><\/blockquote><p>In der konkreten Anwendung seiner koh&auml;rentistischen Herangehensweise kommt Nida-R&uuml;melin zu folgender zentrale These:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Aufnahme von Armutsfl&uuml;chtlingen aus dem globalen S&uuml;den in den reichen L&auml;ndern des globalen Nordens, also in Nordamerika und Europa, ist kein vern&uuml;nftiger Beitrag zur Bek&auml;mpfung von Weltarmut und Elend. Dies liegt zum einen am selbst f&uuml;r den Einzelnen sehr hohen Aufwand f&uuml;r die transkontinentale Wanderung, einschlie&szlig;lich der Gefahr, dabei ums Leben zu kommen, es liegt aber auch an den Integrationskosten im aufnehmenden Staat, an dem kulturellen Verlust der Migrierenden, und vor allem an den sozio&ouml;konomischen Verlusten der in der Elendsregion Zur&uuml;ckgebliebenen. Ich spreche mich also aus kosmopolitischen und humanit&auml;ren Erw&auml;gungen gegen eine Politik der offenen Grenzen zur Bek&auml;mpfung des Weltelends aus.&ldquo; (S. 24)\n<\/p><\/blockquote><p>Die zentrale ethische Problematik im Falle von Kriegs- und B&uuml;rgerkriegsfl&uuml;chtlingen sieht Nida-R&uuml;melin darin, dass die Integration der Migrierenden in der Regel nicht sinnvoll sei.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine substanzielle Integration auf dem Arbeitsmarkt, in die Bildungseinrichtungen, in Kultur und Sprache des aufnehmenden Landes bedarf einer Langzeitperspektive, also eines dauerhaften Verbleibs der Geflohenen im aufnehmenden Land. Der Sinn der Aufnahme von B&uuml;rgerkriegs- und Kriegsfl&uuml;chtlingen ist es aber, vor&uuml;bergehend Schutz zu bieten, um dann m&ouml;glichst rasch nach Beendigung des Krieges eine R&uuml;ckkehr und die Unterst&uuml;tzung des Wiederaufbaus des Heimatlandes m&ouml;glich zu machen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Offene Grenzen und Willkommenskultur sind keine L&ouml;sung<\/strong><\/p><p>Nida-R&uuml;melin argumentiert meines Erachtens zu Recht, dass die Fl&uuml;chtlingsproblematik weder durch offene Grenzen noch durch eine Willkommenskultur zu l&ouml;sen sind: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zu den unangenehmen Tatsachen geh&ouml;rt, dass das Elend von &uuml;ber zwei Milliarden Menschen auch unter den Bedingungen gro&szlig;z&uuml;gigster Willkommenskultur und offener Grenzen in den reichen L&auml;ndern dieses Globus nicht nennenswert zu mildern w&auml;re.&ldquo; (S.11)\n<\/p><\/blockquote><p>Dies ergibt sich ja auch schon aus der reinen Zahlenbetrachtung. Wenn auch nur ein Bruchteil der zwei Milliarden Menschen, die in Armut und Elend leben, mit dem Ziel Deutschland auswandern w&uuml;rden, w&auml;re unser Land in k&uuml;rzester Zeit komplett &uuml;berfordert. Aber vor allen Dingen w&auml;re dies auch eine Katastrophe f&uuml;r die Herkunftsregionen. Denn zu Recht weist Nida-R&uuml;melin darauf hin, dass nicht die Schw&auml;chsten und &Auml;rmsten fl&uuml;chten:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer mehrere Tausend Dollar aufbringen kann, um von Ghana nach Sizilien zu kommen, geh&ouml;rt mit Sicherheit nicht zur <em>Bottom Billion<\/em> (gemeint ist, die &auml;rmste Milliarde Menschen; U.B.) der Weltpopulation.&ldquo; (S. 103)\n<\/p><\/blockquote><p>Daraus ergebe sich ein gro&szlig;es Problem f&uuml;r die Herkunftsregionen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In den Herkunftsregionen aller massiven Migrationsbewegungen in der Vergangenheit waren die Wirkungen &uuml;berwiegend negativ. So haben sich ganze Landstriche des europ&auml;ischen S&uuml;dens von der massiven Auswanderung in beide Amerikas &uuml;ber Jahrzehnte nicht erholt, oder um ein Beispiel aus der j&uuml;ngeren deutschen Geschichte zu nennen: Die Entv&ouml;lkerung weiter Teile Ostdeutschlands infolge jener &ouml;konomisch unklugen Schockvereinigung der vormalig getrennten deutschen Staaten ohne &Uuml;bergangsfristen und Sonderwirtschaftszonen (anders als bei der Integration des Saarlandes in den 1950er Jahren) samt der Einf&uuml;hrung einer gemeinsamen W&auml;hrung und vollst&auml;ndiger Freiz&uuml;gigkeit hat dort zu Perspektivlosigkeit und Resignation beigetragen und soziale Dysbalancen geschaffen, die bis heute nachwirken und f&uuml;r eine lange Zeit nicht mehr korrigierbar sein werden.&ldquo; (S. 12)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ursachen der Fl&uuml;chtlingsproblematik<\/strong><\/p><p>Gleich zu Anfang seines Buches weist Nida-R&uuml;melin darauf hin, dass <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zu den unangenehmen Tatsachen geh&ouml;rt, dass die Fl&uuml;chtlingsbewegungen Richtung Europa, speziell nach Deutschland, auch Folge eines vom Westen mit zu verantwortenden politischen Chaos in Nordafrika und im Nahen Osten sind.&ldquo; (S. 10)\n<\/p><\/blockquote><p>Er nennt in diesem Zusammenhang den Irakkrieg, die Unterst&uuml;tzung der syrischen Opposition und die Destabilisierung der nordafrikanischen Diktaturen. Und kritisiert die mangelnde internationale Solidarit&auml;t:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der letzte Ausl&ouml;ser der Fl&uuml;chtlingskrise war jedoch die mangelnde internationale Solidarit&auml;t gegen&uuml;ber den Anrainerstaaten, die die B&uuml;rgerkriegsfl&uuml;chtlinge teilweise in sehr gro&szlig;en Zahlen aufgenommen hatten (Libanon, Jordanien, T&uuml;rkei, nicht dagegen die Golfstaaten). Auch Deutschland hatte es an der gebotenen Solidarit&auml;t fehlen lassen, sogar gegen&uuml;ber den s&uuml;deurop&auml;ischen Ziell&auml;ndern der Fl&uuml;chtlinge aus dem arabischen Raum und Afrika, wie Italien, Spanien und Griechenland, also EU-Mitgliedsstaaten.&ldquo; (S.11)\n<\/p><\/blockquote><p>Auch in anderer Hinsicht seien die reichen L&auml;nder Verursacher von gro&szlig;en Fluchtbewegungen, n&auml;mlich weil ihre Transferzahlungen in arme L&auml;nder weniger die Funktion der Entwicklung zur wirtschaftlichen Prosperit&auml;t h&auml;tten, sondern an die Erschlie&szlig;ung von Absatzm&auml;rkten gekoppelt seien, also mehr dem eigenen Vorteil dienten. So w&uuml;rden zum Beispiel durch die Bereitstellung billiger Nahrungsmittel die Grundlagen &ouml;rtlicher Agrarwirtschaften zerst&ouml;rt. <\/p><p>Nida-R&uuml;melin kritisiert auch, dass das Primat des Politischen nicht mehr gegeben sei, sondern dass stattdessen m&auml;chtige Konzerne und demokratisch nicht kontrollierte internationale Organisationen zu zentralen Akteuren des Weltgeschehens geworden seien. <\/p><p><strong>Nida-R&uuml;melins L&ouml;sung der Fl&uuml;chtlingsproblematik<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sollten keinen Demokratieexport betreiben, keine Politik des Regimewechsels fortsetzen, wie sie der Westen in der MENA-Region (= Mittlerer Osten und Nordafrika; U.B.) seit Anfang der 1990er Jahre mit desastr&ouml;sen Konsequenzen praktiziert hat, aber wir sollten in den wohlhabenden L&auml;ndern darauf hinwirken, Strukturen der Weltwirtschaft zu etablieren, f&uuml;r die die Erf&uuml;llung menschlicher Grundbed&uuml;rfnisse im Vordergrund steht und nicht die Interessen von Oligarchen.&ldquo; (S. 183)\n<\/p><\/blockquote><p>Dies bedeute u. a., das marktradikale Paradigma, der Markt sei entscheidend und setze sich ohnehin durch, in Frage zu stellen und wieder dem Primat des Politischen Geltung zu verschaffen sei: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Den reinen &ouml;konomischen Markt kann es nicht geben. Der &ouml;konomische Markt ist unverzichtbar, aber nur effizient, wenn er ethisch und kulturell eingebettet bleibt. Der ideale Markt ist der beschr&auml;nkte Markt. Ein Markt ohne Regeln, ohne Grenzen, ohne wertorientierte Praxis, wird zwangsl&auml;ufig dysfunktional. Er ist nicht imstande, eine effiziente G&uuml;terverteilung zu organisieren.&ldquo; (S. 130).\n<\/p><\/blockquote><p>Um eine gerechtere Welt zu erreichen, m&uuml;sse deshalb so etwas wie eine Weltinnenpolitik institutionell geschaffen werden. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung l&auml;sst sich nicht bilateral, durch Handelsvertr&auml;ge, aufbauen, sondern nur multilateral, Schritt f&uuml;r Schritt, im Rahmen eines Aushandlungsprozesses der Vereinten Nationen, organisieren. Dieses Muster ist aus den Menschenrechtsvertr&auml;gen vertraut, und es ist nicht einzusehen, warum es nicht ebenso erfolgreich auch auf die Etablierung einer Weltwirtschaftsordnung, die einem gemeinsamen globalen Gerechtigkeitssinn entspricht, angewendet werden kann. Es gibt bei allen Interessenkonflikten das &uuml;berragende gemeinsame Interesse an einer Befriedigung und Zivilisierung der Weltgesellschaft. Es ist eine Erfahrung, die sich an vielen Beispielen belegen l&auml;sst, dass die Hoffnung auf Prosperit&auml;t durch Kooperation zur Befriedung beitr&auml;gt, ja selbst tief verwurzelte Stereotype und Konfliktmuster &uuml;berwinden kann.&ldquo; (S. 180)\n<\/p><\/blockquote><p>Inhaltlich bedeute dies: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Paradigmenwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit, Institutionalisierung einer globalen Weltwirtschafts- und Weltsozialpolitik, Primat der Elendsbek&auml;mpfung im globalen S&uuml;den, politische Kontrolle internationaler Konzerne, Zur&uuml;ckdr&auml;ngung oligarchischer Strukturen.&ldquo; (S. 184)\n<\/p><\/blockquote><p>Nida-R&uuml;melin kritisiert meines Erachtens zu Recht Linke, die in Bezug auf Migration und Flucht neoliberal argumentieren: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Erstaunlicherweise wird die Forderung nach offenen Grenzen nicht nur aus der liberalen und neoliberalen (besser: libert&auml;ren) Richtung vorgebracht, sondern auch von links, selbst vonseiten vehementer Globalisierungskritiker. So wie man migrationsskeptischen Libert&auml;ren und Liberalen vorhalten kann, inkoh&auml;rent zu argumentieren und willk&uuml;rlich einen Markt, n&auml;mlich den der Arbeit, aus dem Programm einer m&ouml;glichst weitgehenden Deregulierung herauszunehmen, so kann man den linken Vertretern offener Grenzen vorhalten, dass sie sich im Migrationsdiskurs, wohl ohne sich dessen bewusst zu sein, neoliberaler Argumentationsmuster bedienen.&ldquo; (S. 12-13)\n<\/p><\/blockquote><p>Ich kann diese Sichtweise von Nida-R&uuml;melin nur unterstreichen! Es ist verlogen und scheinheilig, wenn Sahra Wagenknecht von Leuten aus der eigenen Partei in die rechte Ecke ger&uuml;ckt wird, wenn sie darauf hinweist, dass Einwanderung zu einem verst&auml;rkten Konkurrenzdruck f&uuml;r die unteren Einkommensgruppen f&uuml;hrt. Hier bin ich ganz einverstanden mit Nida-R&uuml;melin, wenn er den Widerstand gegen Einwanderung in den unteren Einkommensgruppen damit erkl&auml;rt, dass diese dadurch nachweislich wirtschaftlich erheblich unter Druck gerieten, w&auml;hrend die Mittelschicht oft sogar noch davon profitiere, zum Beispiel in Form billiger Arbeitskr&auml;fte im haushaltsnahen Dienstleistungsbereich (siehe dazu S. 134). <\/p><p>Allerdings muss man kritisch anmerken: Gleichzeitig &uuml;bersieht er seine eigenen Widerspr&uuml;che. Er kritisiert die neoliberale Marktideologie, verteidigt aber die asoziale neoliberale Politik Gerhard Schr&ouml;ders, die vielen Millionen Menschen das Leben zur H&ouml;lle gemacht hat. <\/p><p>&bdquo;Die Reformen der Agenda Gerhard Schr&ouml;ders haben den deutschen Arbeitsmarkt teilweise dereguliert, aber in Verbindung mit sozialstaatlichen F&ouml;rderma&szlig;nahmen (Fordern und F&ouml;rdern) einen bis heute anhaltenden drastischen R&uuml;ckgang der Arbeitslosigkeit bewirkt und die Voraussetzungen f&uuml;r die Erholung der deutschen Volkswirtschaft von den schlecht gemanagten Vereinigungsfolgen erm&ouml;glicht.&ldquo; (S. 131-132)<\/p><p>Dass diese Einsch&auml;tzung von Nida-R&uuml;melin kompletter Unsinn ist, k&ouml;nnen Sie im Nachdenkseiten-Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Klaus D&ouml;rre von der Universit&auml;t Jena im Detail nachlesen (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38356\">Link zum Interview:<\/a>).<\/p><p>Diese Schizophrenie Nida-R&uuml;melins l&auml;sst sich wohl nur dadurch erkl&auml;ren, dass er nicht wahrhaben will, dass er selbst Mitglied einer Regierung war, die die von ihm zu Recht kritisierte desastr&ouml;se neoliberale Politik geradezu musterg&uuml;ltig betrieben hat. <\/p><p><strong>Verlange nichts, was du nicht selbst praktizierst<\/strong><\/p><p>Der liberalen Mittel- und Oberschicht, die sich so vehement f&uuml;r offene Grenzen einsetzt, r&uuml;ckt Nida-R&uuml;melin in einem seiner sieben &bdquo;ethischen Postulate f&uuml;r eine Migrationspolitik&ldquo; argumentativ wirkungsvoll auf den Leib. Das Postulat lautet: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Verlange von der Migrationspolitik nichts, was du nicht auch in deinem sozialen Nahbereich akzeptierst, und praktiziere in deinem sozialen Nahbereich, was du von der Migrationspolitik erwartest.&ldquo; (S. 154)\n<\/p><\/blockquote><p>In der Erl&auml;uterung hei&szlig;t es, dass die Bef&uuml;rworter offener Grenzen pr&uuml;fen sollten, ob sie das analoge Prinzip f&uuml;r ihre eigene Lebenswelt akzeptieren w&uuml;rden: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;W&auml;ren sie zum Beispiel bereit, Obdachlose in ihrer Wohnung aufzunehmen, bis zu der Schwelle, an der das eigene Wohlergehen so weit absinkt, dass die Wohlfahrtsverbesserung f&uuml;r den aufgenommenen Obdachlosen diese nicht mehr kompensiert? Wenn dies nicht der Fall sein sollte, wird diese Weigerung als eine ethisch unzul&auml;ssige Bevorzugung eigener Interessen interpretiert oder f&uuml;r ethisch zul&auml;ssig erachtet? Wenn sie als ethisch zul&auml;ssige Weigerung interpretiert wird, dann sollte die betreffende Person zun&auml;chst ihre Lebensform &auml;ndern, bevor sie allgemeine Forderungen an die Migrationspolitik stellt, die von ihr selbst nicht erf&uuml;llt werden. Wenn sie allerdings ihre Weigerung f&uuml;r ethisch zul&auml;ssig h&auml;lt, dann sollte diese Person erkl&auml;ren, warum das Analogon zur Migrationspolitik generell nicht gilt.&ldquo; (S. 154-155)\n<\/p><\/blockquote><p>Wer sich f&uuml;r das Thema Migrations- und Fl&uuml;chtlingspolitik interessiert und sich eine argumentativ fundierte Meinung bilden will, dem kann man trotz dieser Widerspr&uuml;chlichkeit von Nida-R&uuml;melin das Buch empfehlen. Es enth&auml;lt wie oben schon ausgef&uuml;hrt auch viele Quellenhinweise. Allerdings muss sich der geneigte Leser darauf gefasst machen, dass dieses Buch sich nicht durch einen leicht lesbaren, eing&auml;ngigen Stil auszeichnet. <\/p><p><strong>Julian Nida-R&uuml;melin: &Uuml;ber Grenzen denken. Eine Ethik der Migration, edition K&ouml;rber-Stiftung, Hamburg 2017, Gebundene Ausgabe, 241 Seiten, 20 Euro<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Moment kommen an Italiens K&uuml;ste wieder viele neue Fl&uuml;chtlinge an, was zu verzweifelten Hilfeappellen der italienischen Regierung an die anderen EU-Mitgliedsstaaten gef&uuml;hrt hat. Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz hat das Thema gerade f&uuml;r den SPD-Wahlkampf entdeckt. Das neue Buch zur Fl&uuml;chtlingspolitik von Julian Nida-R&uuml;melin, Professor f&uuml;r Philosophie an der Universit&auml;t M&uuml;nchen und ehemaliger Kulturstaatsminister in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39363\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,208,132,161],"tags":[1223,1550,1487,1055,866,1878,849,2127,1337,1418,632,340],"class_list":["post-39363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-rezensionen","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-afrika","tag-agenda-2010","tag-entwicklungshilfe","tag-fluechtlinge","tag-konkurrenzdenken","tag-naher-osten","tag-nahrungsmittel","tag-nida-ruemelin-julian","tag-oligarchen","tag-regime-change","tag-wagenknecht-sahra","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39363"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51185,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39363\/revisions\/51185"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}