{"id":394,"date":"2004-11-05T15:49:08","date_gmt":"2004-11-05T14:49:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=394"},"modified":"2016-03-23T11:41:53","modified_gmt":"2016-03-23T10:41:53","slug":"neoconomy-die-neoliberale-revolution-der-amerikanischen-wirtschaftspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=394","title":{"rendered":"Neoconomy \u2013 die neoliberale Revolution der amerikanischen Wirtschaftspolitik"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Welchen &ouml;konomischen Kurs die USA und mit ihr der Rest der Welt nach der Wiederwahl von US-Pr&auml;sident George W. Bush (und seiner republikanischen Mehrheit nunmehr in beiden H&auml;usern des Kongresses) zu erwarten haben, macht u.a. der STERN in dem Artikel <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/ausland\/index.html?id=531892&amp;eid=527009&amp;nv=hp_st\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.stern.de\/politik\/ausland\/index.html?id=531892&amp;eid=527009&amp;nv=hp_st\">&bdquo;Die konservative Revolution&ldquo;<\/a> deutlich, der in seiner heutigen Online-Ausgabe erschienen ist.&ldquo;<br>\nSo beginnt dieser Beitrag eines unserer aktiven Leser, eines Wirtschaftspraktikers mit gesamtwirtschaftlichem Durchblick, wie ich meine.<br>\n<!--more--><br>\nDer STERN-Artikel weist angesichts europ&auml;ischer Sorgen vor einem Rechtsruck der k&uuml;nftigen US-Politik darauf hin, im Schatten der au&szlig;enpolitischen Kontroversen &uuml;ber den Irak-Krieg sei im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik vom &bdquo;Rest der Welt &uuml;bersehen (worden), dass Bushs Revolution schon l&auml;ngst marschiert: die Neoconomy&ldquo;. Diese These wird jedenfalls von dem britischen &Ouml;konomen und Wirtschaftsjournalisten Daniel Altman in seinem im Sommer publizierten Buch &bdquo;Neoconomy. George Bush&rsquo;s Revolutonary Gamble with Americas&rsquo;s Future&ldquo; vertreten, auf das &uuml;brigens auch der SPIEGEL schon in einer Septemberausgabe bereits aufmerksam gemacht hatte (&bdquo;George W. Bushs heimliche Steuerrevolution&ldquo;) &ndash; und im Ergebnis kaum widersprach. <\/p><p>Kernthese des Buchs von Altman, der die US-Wirtschaftspolitik der letzten Jahre intensiv beobachtet hat, ist die These, dass die Bush-Administration hinter der Fassade einer teilweise eher pragmatisch-keynesianisch anmutenden (und kurzfristig durch die Unterst&uuml;tzung der Geldpolitik sogar z.T. erfolgreichen) Fiskalpolitik weitaus radikalere und sehr riskante langfristige Ziele verfolgt, n&auml;mlich eine Art Steuerrevolution in Verbindung mit einer Minimierung des Sozialstaates. Diese Revolution werde allerdings nicht im fernsehen &uuml;bertragen und ihre Ziele verschleiert. Angestrebt werde das &bdquo;Ende der Steuern, wie wir sie kennen&ldquo;. Langfristig sollen die Besteuerung von Kapital in jeglicher Form, also Steuern auf Zinsen, Dividenden, sonstige Kapitaleink&uuml;nfte und Erbschaften sowie Unternehmenssteuern abgeschafft werden. Begrenzte staatliche Abgaben w&uuml;rden dann nur noch auf Arbeit und Konsum erhoben werden. Das Resultat nennt Altman &bdquo;Neoconomy&ldquo;, eine neue oder vielmehr uralte Free Market Economy fast ohne Steuern, aber auch ohne staatliche Infrastruktur- oder Forschungspolitik, ohne soziales Netz. Krankenversicherung und Altersvorsorge w&uuml;rden weitgehend privatisiert. Reiche und Arme w&uuml;rden in verschiedenen finanziellen Welten leben. Eine gl&uuml;ckliche Minderheit, die ihr Einkommen aus Zinsen und Aktiendividenden bezieht, w&uuml;rde keinerlei einkommensbezogene Steuern mehr bezahlen und sozusagen als &bdquo;Free Rider&ldquo; von staatlichen (Rest-)Leistungen profitieren k&ouml;nnen, die aus dem Steueraufkommen der Arbeitenden und Konsumenten aufgebracht werden. <\/p><p>Mit den bisherigen, zun&auml;chst befristeten, aber im Umfang und im Tempo schon einzigartigen Steuersenkungsma&szlig;nahmen (&bdquo;Economic Growth Act&ldquo; etc.), die insbesondere die Spitzenverdiener bevorteilt haben, und einer Reihe zus&auml;tzlicher &bdquo;tax cuts&ldquo; (wie die drastische Verringerung der Dividendensteuer) habe die Bush-Administration in der ersten Amtszeit unter dem Vorwand, die Rezession und die &ouml;konomische Verunsicherung durch den Terrorismus zu bek&auml;mpfen, nur einen Teil der Wegstrecke zur Neoconomy zur&uuml;ckgelegt. Weitere und weitreichendere Schritte seien bei Wiederwahl zu erwarten. Bush hatte schon im Wahlkampf angek&uuml;ndigt und nun sofort bekr&auml;ftigt, die Steuersenkungen &bdquo;permanent&ldquo; machen zu wollen sowie die Pflichbeitr&auml;ge zur Altersvosrorge zu privatisieren. Zu seinen erkl&auml;rten Zielen geh&ouml;rt auch, m&ouml;glichst bald die in Amerika noch existierende Verm&ouml;genssteuer (&bdquo;estate tax&ldquo;) zu eliminieren. Alle diese finanzpolitischen Schritte sind nach Altman Teil einer langfristigen Strategie. Die durch die Steuerausf&auml;lle bereits entstandenen enormen Haushaltsdefizite w&uuml;rden zudem bewusst in Kauf genommen, um sp&auml;ter auf der Ausgabenseite und d.h. vor allem bei den staatlichen Sozialprogrammen drastisch sparen und den Staatseinfluss auf die Wirtschaft zur&uuml;ckdr&auml;ngen &bdquo;zu m&uuml;ssen&ldquo;. <\/p><p>Dahinter stehe die Gedankenwelt des Harvard-Professors Martin Feldstein, einst schon Wirtschaftsberater von Pr&auml;sident Reagan, &ouml;konomischer Mentor der Republikaner, j&uuml;ngst auch als Nachfolger von Zentralbank-Pr&auml;sident Greenspan im Gespr&auml;ch und intellektueller Kopf der &ldquo;Neoconomists&rdquo;, den Autor Altman selbst als Lehrer erlebt hat. &Auml;hnlich wie schon Milton Friedman, der Papst der Neoliberalen, seien Feldstein und einige seiner Sch&uuml;ler, die der Bush-Administration als wirtschaftspolitische Kader dienten, von der fixen Idee besessen, das Hauptproblem f&uuml;r die Innovationsdynamik und das langfristige Wachstum der US-Wirtschaft liege in der privaten Kapitalbildung w&auml;re. Deshalb m&uuml;ssten m&ouml;glichst alle Steuern und Regulierungen, die der privaten Kapitalbildung im Wege st&uuml;nden, vermindert und schlie&szlig;lich abgeschafft werden. Das w&auml;re so etwas wie eine historische R&uuml;ckkehr zum Kapitalismus pur. <\/p><p>Ob der ja auch sonst so gl&auml;ubige Bush und die Spitzen seiner Republikaner tats&auml;chlich fest von dieser Ideologie &uuml;berzeugt sind oder Altman &uuml;bertreibt und sie vorwiegend darum bem&uuml;ht waren (und sein werden), die Interessen ihrer Klientel aus dem Kreis der Finanzelite, des Big Business und der einflussreichen parteinahen Antisteuer-Lobby zu beg&uuml;nstigen, kann dahin gestellt bleiben. Die Wirkungen bleiben die gleichen. Autor Altman l&auml;sst sogar offen, ob die Neoconomy als Wachstumsprogramm eventuell zeitweise funktionieren k&ouml;nnte, auch wenn er viele grunds&auml;tzliche Zweifel an ihren simplizistischen &ouml;konomischen Hypothesen &auml;u&szlig;ert. Gleichwohl w&uuml;rde sich ihre Umsetzung nach seiner Meinung auf Dauer auswachsen zu &bdquo;America&rsquo;s nightmare&ldquo; wegen der wirtschaftlichen Paralysierung des Staates und der &bdquo;nasty side effects&ldquo; vor allem im sozialen Bereich. Zu erwarten w&auml;re im jeden Fall eine extreme Ungleichverteilung und eine neuer kapitalistischer Feudalismus, der selbst in Amerika politisch nicht auf Dauer zu halten w&auml;re. <\/p><p>Wie der STERN zutreffend anmerkt, k&ouml;nnen sich die USA eine solche Wirtschaftspolitik eigentlich schon jetzt nicht mehr leisten. Weder die Probleme des eklatanten Handelsbilanzdefizits (das zugleich so viel Kapitalimport in die USA n&ouml;tig macht) noch des immer gr&ouml;&szlig;eren Budgetdefizits k&ouml;nnen so gel&ouml;st werden, inzwischen w&auml;chst auch in der amerikanischen Wirtschaft das Jobdefizit und die anhaltende Dollarschw&auml;che signalisiert ein immenses Risiko. M&ouml;glicherweise hat die Wiederwahl von Bush aber wenigstens ein Gutes. Wir werden wohl schon bald klar sehen k&ouml;nnen, was diese neoliberale Ideologie bedeutet, wer sie tr&auml;gt und wie sie sich selbst diskreditiert. Die Frage ist blo&szlig;, wann das soweit sein wird und welche Opfer es bis dahin gekostet hat &ndash; f&uuml;r Amerika und f&uuml;r den Rest der Welt.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Welchen &ouml;konomischen Kurs die USA und mit ihr der Rest der Welt nach der Wiederwahl von US-Pr&auml;sident George W. 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