{"id":3940,"date":"2009-05-13T09:22:53","date_gmt":"2009-05-13T07:22:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3940"},"modified":"2020-02-20T10:29:51","modified_gmt":"2020-02-20T09:29:51","slug":"ein-fragwuerdiges-interview-des-praesidenten-des-instituts-fuer-wirtschaftsforschung-halle-ueber-die-ostdeutsche-wirtschaftslage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3940","title":{"rendered":"Ein fragw\u00fcrdiges Interview des Pr\u00e4sidenten des Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung Halle \u00fcber die ostdeutsche Wirtschaftslage"},"content":{"rendered":"<p>Prof. Ulrich Blum, Pr&auml;sident des Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle (IWH), gab am 4.5. der <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/?em_cnt=1742286&amp;em_cnt_page=1\">Frankfurter Rundschau<\/a> ein Interview zu einigen Fragen der ostdeutschen Krisenlage. Seine Ausf&uuml;hrungen k&ouml;nnen in einigen wichtigen Punkten nicht unwidersprochen bleiben. Ein kritischer Kurzkommentar von Karl Mai<br>\n<!--more--><\/p><p>Bemerkenswert ist diese Frage des Interviewers: &ldquo;Seit der Wende flossen 2 Billionen Euro Transfers in den Osten. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit noch immer doppelt so hoch wie im Westen, ein selbsttragender Aufschwung nicht in Sicht. Eine entt&auml;uschende Bilanz?&rdquo; <\/p><p>Ausweichend die Antwort des Ostexperten Prof. Blum: &ldquo;Man sollte nicht alles schlechtreden.&rdquo;<\/p><p>Von einer Analyse der ostdeutschen Aufholproblematik durch Blum kann schlechterdings nicht die Rede sein. Offenbar kam es Prof. Blum eher drauf an, vom Kern dieser Problematik im Wahljahr 2009 abzulenken.<\/p><p>Folgen wir nun einigen makro&ouml;konomischen Kernaussagen Blums.<\/p><ol>\n<li>&ldquo;Die neuen L&auml;nder sind von der Wirtschaftskrise deutlich weniger betroffen als der Westen.&rdquo;<br>\n&ldquo;Die Krise kommt im Osten mit Verz&ouml;gerung.&rdquo;\n<p>Beide Aussagen erfolgten nicht quantifiziert belegt, und sie entsprechen einer Momentbeurteilung. Der ostregionale Krisenprozess ist jedoch voll im Gange und nicht konkret absehbar. Bis zum Jahresende 2009 kann sich die Relation zwischen Ost und West verschieben: eine Verz&ouml;gerung bedeutet dann nicht unbedingt auch geringere Betroffenheit. Der Zweckoptimismus Blums zugunsten Ostdeutschlands schimmert damit durch. <\/p><\/li>\n<li>&ldquo;In den letzten drei Jahren jedoch hat der Osten deutlich aufgeholt.&rdquo;\n<p>Betrachten wir die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes f&uuml;r die Neuen Bundesl&auml;nder (ohne Berlin):<\/p>\n<p>Tabelle 1: Bruttoinlandsprodukt (preisbereinigt)<\/p>\n<p>Ver&auml;nderungsrate gegen&uuml;ber d. Vorjahr in Prozent<\/p>\n<table>\n<th>Jahr<\/th>\n<th>Alte Bundesl&auml;nder (ABL)<\/th>\n<th>Neue Bundesl&auml;nder (NBL, ohne Berlin)<\/th>\n<th>Differenz Wachstum %<\/th>\n<tr>\n<td>2005<\/td>\n<td>0,9<\/td>\n<td>0,1<\/td>\n<td>-0,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2006<\/td>\n<td>2,9<\/td>\n<td>3,3<\/td>\n<td>0,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2007<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>0,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2008<\/td>\n<td>1,3<\/td>\n<td>1,1<\/td>\n<td>-0,2<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Quelle: VGR der L&auml;nder, R1B5, Tabelle 2.1, Stand 11.5.2009<\/p>\n<p>Wie diese Daten zeigen, konnten die NBL nur im Jahre 2006 ein um vier Zehntel Prozent h&ouml;heres Wachstum gegen&uuml;ber den ABL erreichen, w&auml;hrend in den &uuml;brigen drei angef&uuml;hrten letzten Jahren kein Vorsprung bestand, in zwei Jahren sogar ein R&uuml;ckstand.<\/p>\n<p>Wie kann man aus diesen Daten folgern, dass in den letzten drei Jahren &ldquo;der Osten deutlich aufgeholt&rdquo; hat?<\/p>\n<p>Es deutet also bei dieser Blumschen Aussage alles auf eine grobe Manipulation hin, f&uuml;r die es eigentlich keine Entschuldigung f&uuml;r einen Experten dieser &bdquo;Ansehensklasse&ldquo; gibt.<\/p><\/li>\n<li>&rdquo; Momentan liegt das Wirtschaftswachstum nach unseren Studien noch ein bis zwei Prozentpunkte (!) &uuml;ber dem Westen.&rdquo;\n<p>Hier k&ouml;nnte (nach Tabelle 1) nat&uuml;rlich kein preisbereinigtes BIP-Wachstum gemeint sein. Betrachtet man die Relation der Wertsch&ouml;pfung Ost-West an der deutschen Gesamtwertsch&ouml;pfung (in laufenden Preisen), dann kann man auch keinen signifikant wachsenden Anteil der NBL in den letzten drei Jahren feststellen: zwischen 2005 und 2008 halten die ALB ihren Anteil mit 84,9 % am gesamtdeutschen Ergebnis unver&auml;ndert. (VGR der L&auml;nder, R1B1, Tabelle 2.1, Stand 11.5.2009) Dies schlie&szlig;t jedes &bdquo;ein bis zwei Prozentpunkte&ldquo; &uuml;ber dem Westen liegende, effektive Wachstum f&uuml;r die NBL aus. <\/p>\n<p>Auch in diesem Punkte kann man nicht umhin, eine direkte Manipulation durch Prof. Blum f&uuml;r beabsichtigt zu halten.\n<\/p><\/li>\n<li>&ldquo;In diesem Jahr schrumpft die Wirtschaft im Osten nach unseren Prognosen um 5 Prozent, in ganz Deutschland um sechs Prozent. Der Einbruch im Westen ist also h&ouml;her.&rdquo;\n<p>Die NBL leiden also nur um ein Prozent geringerer Schrumpfung ihres Wachstums als ganz Deutschland unter der f&uuml;r 2009 vermuteten Krisenwirkung. Die Differenz der NLB zu den ALB ist nun keineswegs so hoch, dass hieraus ein deutlicher Vorteil f&uuml;r die NBL abgeleitet werden m&uuml;sste. Nachdem sich das angeblich &ndash; nach Blum &ndash; f&uuml;r die letzten drei Jahre h&ouml;here Wachstum der NBL als blo&szlig;e Fiktion bereits erwiesen hat, ist der angebliche Vorteil der NBL im Krisenjahr 2009 eine wenig &uuml;berzeugende Schlussfolgerung Blums.\n<\/p><\/li>\n<li>&ldquo;Und daher kann es sein, dass auch Ab- und R&uuml;ckwanderung von West nach Ost einsetzt.&rdquo;\n<p>Hierzu kann man sagen, dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Einen solchen &ldquo;Sog des ostdeutschen Arbeitsmarktes&rdquo; zu unterstellen, grenzt bei der effektiv doppelten H&ouml;he der ostdeutschen Unterbesch&auml;ftigung im Vergleich zum Westen eher an Blasphemie.\n<\/p><\/li>\n<li>&rdquo; Im Osten ist die Arbeitslosigkeit auch deshalb h&ouml;her, weil die Erwerbst&auml;tigenquote h&ouml;her ist.&rdquo;\n<p>Zu diesem Argument hier ein Zitat aus dem eigenen Hause des Prof. Blum: &ldquo;Die Erwerbst&auml;tigenquote, die den Anteil der Erwerbst&auml;tigen an den Erwerbsf&auml;higen &ndash; dies sind die Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren &ndash; angibt, ist seit dem Jahre 2005 deutlich gestiegen. Zwar war der Anstieg kr&auml;ftiger als in den Alten Bundesl&auml;ndern. Der Abstand zum westdeutschen Vergleichswert betr&auml;gt allerdings noch vier Prozentpunkte.&rdquo; (IWH, Wirtschaft im Wandel, 11\/2008, Seite 417) Dies wird der Leser zweifellos so deuten, dass die ostdeutsche Erwerbst&auml;tigenquote um vier Prozentpunkte niedriger als die westdeutsche &ndash; also nicht h&ouml;her ist.\n<\/p><\/li>\n<li>&ldquo;Der Osten muss lernen, mit weniger Transfers auszukommen.&rdquo;<br>\n&ldquo;Wichtiger als eine Debatte um mehr oder weniger Transfers sind Strukturreformen, zum Beispiel die Entschuldung der L&auml;nderhaushalte.&rdquo;\n<p>Die jetzt einsetzende K&uuml;rzung der staatlichen Transfers nach dem Solidarpakt II kumuliert sich bekanntlich mit den Wirkungen von Steuersenkungen auf die L&auml;nderhaushalte sowie mit den bev&ouml;lkerungsabh&auml;ngigen Minderungen im f&ouml;deralen Finanzausgleich. Hinzu kommen die weiteren konjunkturellen Mindereinnahmen nach der Steuersch&auml;tzung im Monat Mai. Die Neuen Bundesl&auml;nder stehen demn&auml;chst schon vor einer schweren Belastung in der Haushaltsplanung. An eine weitere eigenst&auml;ndige Entschuldung ihrer L&auml;nderhaushalte (nach den letzten Mittelfristigen Finanzplanungen) glaubt im Osten kaum jemand.<\/p>\n<p>Die Situation ist von politischer Sprengkraft, was die einsetzende Diskussion z. B. auch in der Landesregierung von Sachsen-Anhalt verdeutlicht.<\/p>\n<p>Wie die Debatte um Strukturreformen zwecks Entschuldung der L&auml;nderhaushalte in den NBL gef&uuml;hrt werden k&ouml;nnte, w&auml;hrend die regul&auml;ren L&auml;ndereinnahmen absehbar massiv schrumpfen, gleicht als Aufgabe zweifellos der &ldquo;Quadratur des Kreises&rdquo;. F&uuml;r Prof. Blum scheint dies jetzt aber die &ldquo;wichtigere Debatte&rdquo; zu sein. Man k&ouml;nnte &uuml;ber Wissenschaftler im &ldquo;Wolkenkuckucksheim&rdquo; l&auml;cheln, wenn die Probleme nicht das Leben der einfachen B&uuml;rger massiv treffen w&uuml;rde.\n<\/p><\/li>\n<li>&ldquo;Trotzdem h&auml;ngen noch 500 000 bis 600 000 ostdeutsche Arbeitspl&auml;tze direkt oder indirekt von den Transfers ab. Daf&uuml;r brauchen wir bis 2019 Ersatz.&rdquo;\n<p>Hier st&ouml;&szlig;t Prof. Blum tats&auml;chlich auf eine Kernfrage der ostdeutschen Langzeitperspektive. Leider &uuml;berspielt er hier die fehlende Antwort, woher die &ldquo;Ersatz&rdquo;-L&ouml;sung f&uuml;r die ostdeutschen Arbeitspl&auml;tze eigentlich kommen soll. Offenbar scheut er sich, die beachtliche Gr&ouml;&szlig;enordnung der hierf&uuml;r erforderlichen volkswirtschaftlichen Endnachfrage zu quantifizieren, die der Wegfall der West-Ost-Transfers bis 2019 kompensatorisch erfordern w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Dies n&auml;her zu bestimmen ist nat&uuml;rlich kein politisch attraktives Thema im Wahlkampfjahr 2009 und bleibt daher auch f&uuml;r die Politikberatung der ferneren Zukunft &uuml;berlassen.<\/p>\n<p>Das aktuelle &ldquo;Memorandum 2009&rdquo; der <a href=\"http:\/\/www.memo.uni-bremen.de\/\">Memorandum-Gruppe (Bremen)<\/a> stellt soeben wiederum klar:<br>\n&ldquo;Die Politik steht vor der Alternative, die Bedingungen zu verbessern, um die wirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit Ostdeutschlands schrittweise an das Niveau der westdeutschen Bundesl&auml;nder heranzuf&uuml;hren und die verfassungsrechtliche Forderung nach gleichwertigen Lebensbedingungen durchzusetzen, oder die Perspektive Ostdeutschlands als eine unterentwickelte und von Finanztransfers abh&auml;ngige Region Deutschlands dauerhaft zu verfestigen. Dar&uuml;ber wird nicht zuletzt im Wahlkampf 2009 durch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger entschieden&rdquo;. (&ldquo;Memorandum 2009&rdquo;, S. 230)\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Ulrich Blum, Pr&auml;sident des Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle (IWH), gab am 4.5. der <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/?em_cnt=1742286&amp;em_cnt_page=1\">Frankfurter Rundschau<\/a> ein Interview zu einigen Fragen der ostdeutschen Krisenlage. Seine Ausf&uuml;hrungen k&ouml;nnen in einigen wichtigen Punkten nicht unwidersprochen bleiben. 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