{"id":3942,"date":"2009-05-14T08:48:03","date_gmt":"2009-05-14T06:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3942"},"modified":"2014-01-28T10:53:55","modified_gmt":"2014-01-28T09:53:55","slug":"das-casino-laeuft-weiter-nur-kurz-beeindruckt-dann-unentwegt-weiter-finanzkrise-xv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3942","title":{"rendered":"Das Casino l\u00e4uft weiter. Nur kurz beeindruckt &#8211; dann unentwegt weiter. (Finanzkrise XV)"},"content":{"rendered":"<p>Am 17. April gab es in der Sendung Nachtcafe des S&uuml;dwestrundfunks eine aufschlussreiche Begegnung. Anja Kohl, bekannt von &bdquo;B&ouml;rse im Ersten&ldquo;, verwahrte sich mit bebender Stimme gegen die Vorstellung, die offensichtlich in der Runde ge&auml;u&szlig;ert wurde, man k&auml;me ohne B&ouml;rse aus und vor allem ohne Anleger. Eine Welt ohne Anleger an den Aktienm&auml;rkten, eine Welt ohne das spekulative Auf und Ab der Finanzb&ouml;rsen &ndash; das ist f&uuml;r manche offenbar eine existenzbedrohende Vorstellung. Dabei w&auml;re ein funktionierender Finanzmarkt auch ohne seinen spekulativen Teil durchaus vorstellbar. Dass diese Vorstellung Anja Kohl erschreckt, das kann ich verstehen. Denn sie und ihre Kolleginnen und Kollegen und ein Rattenschwanz von B&ouml;rsianern, Bankern, Journalisten leben und profitieren unmittelbar vom Auf und Ab der B&ouml;rsen. Deshalb machen sie weiter wie bisher. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Jeden Tag und jeden Abend begl&uuml;cken sie uns zur besten Sendezeit mit B&ouml;rsenmeldungen. Es sind aber nur knapp &uuml;ber 5 % der Deutschen Aktienbesitzer, mit fallender Tendenz. Man k&ouml;nnte ohne Schaden die Berichterstattung &uuml;ber die B&ouml;rsen einstellen. Wer spekulieren will, informiert sich im Internet oder bei seiner Bank. Warum das &ouml;ffentliche Tamtam? <\/p><p>Es w&auml;re nicht schlecht, liebe Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten, wenn Sie bei den von Ihnen gesehenen Programmen und Sendern einmal fragen w&uuml;rden, was die unendlichen B&ouml;rsensendungen eigentlich sollen. Das nutzt nur der Fortsetzung des Casinobetriebs, weil mit Hilfe dieser Fernseh-&Ouml;ffentlichkeit Stimmung gemacht wird, meist mit der Tendenz nach oben.<\/p><p>Wir sollten darauf dr&auml;ngen, dass zumindest bei den &ouml;ffentlich-rechtlichen Anstalten die B&ouml;rsensendungen abgeschaltet werden und zum Beispiel durch Berichte von Betrieben mit all ihren realen Sorgen ersetzt werden.<\/p><p>Das Casino l&auml;uft weiter auch in der Beratungsarbeit der Banken. Sie verkaufen weiterhin riskante Produkte.<\/p><p>Das Casino l&auml;uft weiter im so genannten Investmentbanking. Nach wie vor wird mit aller Gewalt versucht, Fusionen, Umgruppierungen und &Uuml;bernahmen zu organisieren. So war das bei Conti und Sch&auml;ffler, so ist das bei VW und Porsche. Es sind volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich betrachtet sinnlose Verm&ouml;genstransaktionen. <\/p><p>Der B&ouml;rsengang von Unternehmen wird immer noch als etwas Sinnvolles betrachtet. Warum denn? Was soll der Sinn sein? Warum strebt auch der neue Chef der Bahn weiter den B&ouml;rsengang an? Offenbar soll er Futter f&uuml;r die Haie auf dem Kapitalmarkt zur Verf&uuml;gung stellen.<\/p><p>An den B&ouml;rsen gibt es teilweise schon wieder euphorische Stimmungen. Weil es gelegentlich schon wieder aufw&auml;rtsgeht. Und weil die Bewegung an den B&ouml;rsen Geld bringt. Dabei wird v&ouml;llig &uuml;bersehen, dass es f&uuml;r einen Au&szlig;enstehenden, f&uuml;r einen Nicht-Anleger, v&ouml;llig irrelevant ist, ob ein Kurs sinkt oder steigt. Auch Insider freuen sich &uuml;ber steigende Kurse nur, wenn sie Aktien besitzen. Wenn sie anlegen wollen, dann m&uuml;ssten sie eigentlich sinkende Kurse gut finden. Nicht einmal diese rationale Erw&auml;gung spielt bei den schon wieder beginnenden euphorischen Einlassungen der B&ouml;rsenbeobachter, der Analysten und Medienmacher vom Schlage Anja Kohls eine Rolle. Sie wissen aber vermutlich, warum sie steigende Kurse gut finden: das lockt wieder neue L&auml;mmer an. Und wenn das so ist, dann finden auch all die B&ouml;rsenberichterstatter, Broker, Analysten und B&ouml;rsianer insgesamt wieder gen&uuml;gend M&ouml;glichkeiten, Provisionen, Honorare, Boni und andere Verg&uuml;tungen einzustreichen.<\/p><p><strong>Neue Euphorien auch in den USA<\/strong><br>\nNicht nur bei uns, auch in anderen L&auml;ndern, zum Beispiel in den USA, gibt es wieder erste Euphorien. Arianna Huffington, die Herausgeberin der Huffington Post, hat dazu am 11. Mai einen interessanten Essay geschrieben: <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.com\/arianna-huffington\/wall-street-dc-and-the-ne_b_201899.html\">&bdquo;Wall Street, DC, and the New Financial Euphoria&rdquo;<\/a>. <\/p><p>Sie beklagt in diesem sehr lesenswerten Essay &ndash; leider nur auf englisch zu haben -, dass eine wirkliche Reform des Finanzsystems immer unwahrscheinlicher wird. Ende 2008 sei die Finanzwirtschaft ziemlich ver&auml;ngstigt gewesen angesichts der Erwartung einer ernsthaften Reform. Aber dann kam alles anders. Das System wurde mit Billionen Dollars gerettet, ohne dass die Regierung die notwendigen Kontrollen und Regeln einsetzte. Huffington skizziert die Lobbyarbeit der Wallstreet. Sie haben gewonnen, auch &uuml;ber ihren Einfluss auf eine ausreichend gro&szlig;e Zahl von Demokraten bei den entscheidenden Abstimmungen.<\/p><p>Arianna Huffington weist auch darauf hin, dass man mit den Mitteln, die in unglaublichen Dimensionen in das Bankensystem gepumpt worden sind, um vieles sinnvollere Investitionen in die Infrastruktur, in das Gesundheitssystem, in neue Jobs und in eine Verbesserung der Bildungseinrichtungen h&auml;tte t&auml;tigen k&ouml;nnen. Sie zitiert Bob Herbert dem Sinne nach: Erz&auml;hle mir nichts &uuml;ber die B&ouml;rsen, erz&auml;hl mir nichts &uuml;ber die Banken &bdquo;and their perpetual flimflammery&ldquo;, sag&lsquo; mir, ob Arme und Familien mit mittleren Einkommen Arbeit finden. Wenn sie das nicht schaffen, dann ist das Land &ldquo;in trouble&ldquo;.<\/p><p>Diese reale Betrachtungsweise unserer Probleme t&auml;te auch unserem Land gut. Dann w&uuml;rden wir schnell herausfinden, dass wir auf einen betr&auml;chtlichen Teil der Finanzwirtschaft verzichten k&ouml;nnten, ohne etwas zu verlieren. W&uuml;rden wir etwas vermissen, wenn es Anja Kohl bei der ARD um 19:55 Uhr nicht mehr g&auml;be? <\/p><p>Den Verzicht auf unn&ouml;tige Spekulationsgesch&auml;fte und Derivate m&ouml;glich zu machen, hat die Finanzwirtschaft bisher mit allen Mitteln und erfolgreich zu verhindern versucht. Es geht weiter wie bisher und kr&auml;ftig geschmiert mit &ouml;ffentlichen Mitteln. Der gestern beschlossene Plan zur Ausgliederung von &uuml;blen Banken ist ein weiterer Beleg daf&uuml;r. Die Behauptung des Bundesfinanzministers, dieses Projekt ginge nicht unbedingt zulasten des Steuerzahlers, kann man durch den Kamin jagen. Man muss sich nur einmal anschauen, wie bei der HRE die Betr&auml;ge zur Unterst&uuml;tzung in knappen Abst&auml;nden erh&ouml;ht worden sind. Innerhalb eines knappen halben Jahres von null auf 112 Milliarden und inzwischen wahrscheinlich noch mehr.<\/p><p><strong>Das &bdquo;System&ldquo; l&auml;uft weiter &ndash;<\/strong><br>\nmit all seinen Facetten, einschlie&szlig;lich Anja Kohl und ihren Kolleginnen und Kollegen, einschlie&szlig;lich Herrn Ackermann, einschlie&szlig;lich eines Bankenpr&uuml;fsystems aus Bundesbank und Bafin, das bisher vornehmlich der Ablenkung und der Absegnung der besonderen F&uuml;tterung des Bankensystems dient, einschlie&szlig;lich des Handels mit Verbriefungen und einschlie&szlig;lich der besonderen Steuerf&ouml;rderung der so genannten Heuschrecken.<\/p><p>Das System l&auml;uft weiter. Wenn man diesen Begriff System genauer begreift, dann versteht man auch, was mit &bdquo;systemrelevant&ldquo; und mit &bdquo;systemisch&ldquo; gemeint war. Die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister haben diese Begriffe gerne benutzt. Und wir, das Publikum, haben wohlwollend gemeint, unsere Oberen meinten damit das System der sozialen Marktwirtschaft. Sie meinten aber offensichtlich das System des existierenden Kapitalmarktes. Dieses System retten wir mit 480 und vermutlich viele mehr an Milliarden. Wir retten ein &uuml;berdimensioniertes System. Die wirklichen Leistungen des Kapitalmarktes, n&auml;mlich Sparer und Investierende zusammenzubringen, kann man mit sehr viel einfacheren Mitteln erbringen. Zum Konversionsproblem siehe den Beitrag in den <a href=\"?p=3689\">NachDenkSeiten vom 7.1.2009<\/a>:  <\/p><p><strong>Warum geschieht das Vern&uuml;nftige nicht &ndash; weil wir in den F&auml;ngen der Finanzindustrie sind &hellip;<\/strong><br>\nWenn wir in den letzten Jahren so radikal formuliert haben, dann haben sicher manche unserer Leser den Kopf gesch&uuml;ttelt und wie so oft &uuml;blich Verschw&ouml;rungstheorien vermutet. Ich kann nur wiederholen: die Interessenverflechtungen kann sich ein Verschw&ouml;rungstheoretiker kaum so ausdenken, wie sie sind. Und ich kann an dieser Stelle noch einmal auf einen Hinweis verweisen, den wir am 8.5. als Nr. 1 der Hinweise <a href=\"?p=3925\">&bdquo;Kalter Putsch&ldquo;<\/a> brachten. Unter dem Titel &bdquo;The Quiet  Coup&ldquo; beschrieb der ehemalige Chef&ouml;konom des Internationalen W&auml;hrungsfonds den Zugriff der US-Finanzindustrie auf die wichtigen politischen Entscheidungen der amerikanischen Politik. Bei uns ist es nicht anders.<\/p><p><strong>&hellip; und weil die Finanzindustrie gro&szlig;z&uuml;gig die Politik finanziert.<\/strong><br>\nAuch dar&uuml;ber haben wir schon oft berichtet. Wir weisen heute auf einen einschl&auml;gigen Artikel in der Basler Zeitung hin: <a href=\"http:\/\/bazonline.ch\/wirtschaft\/konjunktur\/Angeschlagene-USBanken-gaben-370-Millionen-fuer-Lobbying-und-Parteispenden-aus\/story\/20198669\">&bdquo;Angeschlagene US-Banken gaben 370 Millionen Spenden f&uuml;r Lobbying und Parteispenden aus&ldquo;<\/a><br>\nKeine sch&ouml;ne Welt im sch&ouml;nen Mai. Tut mir leid.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 17. April gab es in der Sendung Nachtcafe des S&uuml;dwestrundfunks eine aufschlussreiche Begegnung. Anja Kohl, bekannt von &bdquo;B&ouml;rse im Ersten&ldquo;, verwahrte sich mit bebender Stimme gegen die Vorstellung, die offensichtlich in der Runde ge&auml;u&szlig;ert wurde, man k&auml;me ohne B&ouml;rse aus und vor allem ohne Anleger. Eine Welt ohne Anleger an den Aktienm&auml;rkten, eine Welt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3942\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,127,41],"tags":[294,313,292,293],"class_list":["post-3942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-medienanalyse","tag-aktienkurse","tag-oerr","tag-finanzkasino","tag-finanzwirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3942"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20378,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3942\/revisions\/20378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}