{"id":3946,"date":"2009-05-15T16:24:45","date_gmt":"2009-05-15T14:24:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3946"},"modified":"2014-01-28T10:38:28","modified_gmt":"2014-01-28T09:38:28","slug":"ein-buendel-von-manipulationen-zur-umdeutung-der-um-316-milliarden-sinkenden-steuereinnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3946","title":{"rendered":"Ein B\u00fcndel von Manipulationen zur Umdeutung der um 316 Milliarden sinkenden Steuereinnahmen"},"content":{"rendered":"<p>Bei den herrschenden Kreisen gilt als eiserner Glaubenssatz, dass die Schulden des Staates so enorm steigen, weil der Staat zu viel Geld ausgibt &ndash; allgemein und insbesondere f&uuml;r Konjunkturprogramme. Diese abenteuerliche Religion wurde schon bei fr&uuml;heren Konjunktureinbr&uuml;chen (etwa im Jahre 2001-2003) L&uuml;gen gestraft. Mit den durch die Steuersch&auml;tzer in Aussicht gestellten Einbr&uuml;chen bei den Steuereinnahmen wird erneut klar, dass wachsende Schulden von dem Einbruch der Konjunktur bedingt sein k&ouml;nnen. Und zwar in massiven Gr&ouml;&szlig;enordnungen. Das passt den Meinungsf&uuml;hrern nicht ins Konzept. Deshalb versuchen sie auch die jetzt vorher gesagten Steuermindereinnahmen der &ouml;ffentlichen Hand zuzuschieben. Die begleitenden Journalisten sind zum gr&ouml;&szlig;eren Teil absolut unf&auml;hig, diese Versuche kritisch zu begleiten, im Gegenteil: Sie decken sie. Sie sind so schlimm eingenordet, dass sie nicht einmal merken, dass ihr geliebter Professor Sinn &ndash; wenigstens teilweise &ndash; den Unsinn nicht mehr mitmacht. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Im folgenden gehe ich auf einige Medienereignisse ein, die die geschilderte Beobachtung belegen:<\/p><ol>\n<li>Am 14. Mai, als die Steuersch&auml;tzung offiziell bekannt gegeben wurde, startete die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Berlin eine <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Aktionen\/INSM-Kampagnen\/Rekordverschuldung.html\">&bdquo;Aktion der INSM zur Steuersch&auml;tzung&ldquo;<\/a>. Sie war &uuml;berschrieben mit &bdquo;Schuldenlast steigt auf Rekordh&ouml;he&ldquo; und der Einf&uuml;hrungstext lautet wie folgt:<br>\n<blockquote><p>Die in der Steuersch&auml;tzung des Bundesfinanzministeriums prognostizierten Mindereinnahmen des Bundes f&uuml;hren zusammen mit den beiden Konjunkturpaketen zu einem Rekordschuldenstand. Pro Kopf sind es rund 23.000 Euro, wie der Freiburger &Ouml;konom Bernd Raffelh&uuml;schen im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) errechnet hat. Mit einer Demonstration von der Schuldenlast gebeutelter &ldquo;Deutscher Michel&rdquo; vor dem Bundesfinanzministerium in Berlin warnt die INSM vor weiteren Wahlgeschenken auf Kosten des Steuerzahlers.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da wird also das Faktum, dass die Steuereinnahmen einbrechen, sofort auf die Schuldenh&ouml;he prognostiziert und es wird sofort behauptet, die Konjunkturpakete w&uuml;rden mit dazu beitragen, den Rekordschuldenstand zu erreichen. Nat&uuml;rlich wird nicht gesagt, dass ohne Konjunkturprogramme die Steuerausf&auml;lle und damit auch die Schulden m&ouml;glicherweise um noch sehr viel h&ouml;her l&auml;gen.<\/p>\n<p>Es wird auch nicht gesagt, dass die Bankenrettungspakete ganz wesentlich zu den hohen Schulden beitragen.<\/p>\n<p>Die Aktion der INSM schlug sich in meiner Tageszeitung, der Rheinpfalz, zum Beispiel in der prominenten Abbildung eines Fotos von der Aktion der Lobbyorganisation INSM und in der Hauptschlagzeile nieder. Sie lautete &bdquo;Verschuldung klettert auf H&ouml;chststand&ldquo;. Die korrekte Schlagzeile h&auml;tte zum Beispiel lauten m&uuml;ssen &bdquo;Konjunktureinbruch beschert Riesensteuerausf&auml;lle&ldquo;. In der Bildunterschrift zum AP-Foto hie&szlig; es: <\/p>\n<blockquote><p>&bdquo;Aktivisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft prangern vor dem Finanzministerium die stetig gewachsene Pro-Kopfverschuldung der Deutschen an.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie wir alle wissen, handelt es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um gekaufte &bdquo;Aktivisten&ldquo; und auch da wird abgelenkt von dem eigentlichen Ereignis.<\/p><\/li>\n<li>Einen &auml;hnlichen Ablenkungsversuch haben sich die <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/sendung\/tt1356.html\">Tagesthemen am Abend des 14. Mai<\/a> geleistet. Vorweg kann angemerkt werden, dass in den Tagesthemen immerhin mehrmals deutlich gemacht wurde, dass angesichts der riesigen Steuerausf&auml;lle weitere Steuersenkungen, wie von Union und FDP vorgesehen, nicht gerade angebracht sind.\n<p>Aber der Einstieg war schon h&ouml;chst eigenartig und eindeutig ein Ergebnis eines engen Geflechtes von &ouml;ffentlich-rechtlichen Redaktionen und einschl&auml;gigen Wissenschaftlern. Da wurde Hans-Werner Sinns Hand mit einem Stift gezeigt, wie er auf ein Blatt Papier die 320.000.000.000 malt. Dazu l&auml;sst man ihn sagen:<br>\n&bdquo;Der Staat wirft so mit den Milliarden um sich, dass man also schwindlig werden kann.&ldquo;<\/p>\n<p>Diese Aussage kann man eigentlich nur als Auftrags-Aussage verstehen. Sie ist sachlich nicht gerechtfertigt, weil es um die 316 Milliarden Steuerausf&auml;lle geht. Und selbst Professor Sinn hat daf&uuml;r gerade auch am 14. Mai sachlichere und besserer Erkl&auml;rungen. Siehe drittens. Es muss also die beabsichtigte Meinungsmache des Berliner Redakteurs der Tagesthemen gewesen sein, oder der Redaktion in Hamburg, um einen solchen Unsinn zur Ablenkung von den wirklichen Geschehnissen in die sp&auml;tabendliche Hauptnachrichtensendung zu bringen.\n<\/p><\/li>\n<li>Es folgen noch einige Hinweise auf Sendungen des Deutschlandfunks mit erstaunlichen Fehlleistungen der Journalisten\/in. Immerhin versucht Professor Sinn der ihn interviewenden Dame zu erkl&auml;ren, dass es wenig Sinn macht, prozyklisch zu sparen. Man m&uuml;sste Hans-Werner Sinn schon loben ob dieses Versuches, wenn er nicht zu den &Ouml;ffentlichen Banken im Vergleich zu privat gef&uuml;hrten Banken den &uuml;blichen Unsinn erz&auml;hlen w&uuml;rde:\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/965585\/\">dradio (Text)<\/a><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2009\/05\/14\/dlf_20090514_1216_37237c84.mp3\">dradio (Audio)<\/a><\/p>\n<p>Zu dem Steinbr&uuml;ck-Interview noch so ein &ldquo;sch&ouml;nes&rdquo; Beispiel aus dem Journalismus-Absurdistan. (Nebenbei: auch eins f&uuml;r die &ldquo;Lernf&auml;higkeit&rdquo; eines Herrn Sinn, aus der der Steinbr&uuml;ck-Interviewer sogar noch h&auml;tte Honig saugen k&ouml;nnen). <\/p>\n<p>Kaum zu glauben, aber so etwas bietet tats&auml;chlich ein so genanntes Qualit&auml;tsmedium: <\/p>\n<blockquote><p><strong>Schulz:<\/strong> Steuerausf&auml;lle im hohen dreistelligen Milliardenbereich, darauf m&uuml;ssen wir uns gefasst machen. L&auml;sst sich diese Zahl konkret &uuml;bersetzen? Welche Zw&auml;nge kommen auf die &ouml;ffentlichen Haushalte zu?\n<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Sinn:<\/strong> Was hei&szlig;t hier Zw&auml;nge? Es kommt Verschuldung auf uns zu. Wir werden dieses Jahr eine Netto-Neuverschuldung von knapp 90 Milliarden Euro in Deutschland haben, weil die Steuereinnahmen angesichts der Wirtschaftsflaute wegbrechen und der Staat ja nun eins nicht tun darf: Seine Ausgaben in Proportionen dazu reduzieren, denn dann w&uuml;rde er die Krise versch&auml;rfen. Das w&auml;re eine Parallelpolitik. Er muss sogar im Gegenteil zus&auml;tzliche Ausgabenprogramme machen. Wir haben ja das Konjunkturprogramm, was auch noch Verschuldung bringt. Das ist alles schlimm, aber schlimm ist die Krise und dies sind Heilmittel, die die Krise abmildern. Das geht nicht anders. <\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Schulz:<\/strong> Und das hei&szlig;t, im Wahlkampf m&uuml;ssen die Parteien auch Haushaltskonsolidierung eigentlich lautererweise verfolgen?\n<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Sinn:<\/strong> Nein! Das k&ouml;nnen sie jetzt nicht verfolgen. Das w&auml;re jetzt falsch. Man darf die Haushalte in der Krise nicht konsolidieren, sondern muss die Schulden akzeptieren, weil jede Konsolidierungsstrategie eine Parallelpolitik w&auml;re, die den Abschwung verst&auml;rkt. <\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Schulz:<\/strong> Und wie steht es mit den Pl&auml;nen zur steuerlichen Entlastung? Folgt das auch daraus, dass die dann richtig sind?\n<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Sinn:<\/strong> Die Staaten der westlichen Welt haben ja vereinbart, dass sie Konjunkturprogramme machen, das hei&szlig;t, &uuml;ber das hinaus, was sowieso an Defiziten durch die Krise entsteht, mindestens ein Prozent des Sozialproduktes noch mal an Programmen realisieren. Das kann also eine Ausgabenerh&ouml;hung, oder eine Steuereinnahmensenkung sein. Beides w&uuml;rde im Sinne der Keynesianischen Theorie die Wirtschaft beleben und die Krise abfedern. Ich pers&ouml;nlich finde es richtiger, wenn der Staat die Infrastrukturausgaben erh&ouml;ht, weil wir da auf der einen Seite viel Nachholbedarf haben und auf der anderen Seite ja auch diese Ma&szlig;nahmen dann sehr direkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ankurbeln, w&auml;hrend Steuersenkungen das nur indirekt tun, in dem Sinne, dass die Beg&uuml;nstigten dann vielleicht etwas mehr konsumieren. <\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Als Erg&auml;nzung zur Information noch der Link auf ein Interview mit Steinbr&uuml;ck\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/966041\/\">dradio (Text)<\/a><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ondemand-mp3.dradio.de\/file\/dradio\/2009\/05\/15\/dlf_20090515_0716_57f004db.mp3\">dradio (Audio)<\/a><\/p>\n<p><em><strong>Kommentar eines Nutzers der NachDenkSeiten:<\/strong>Das muss man gelesen haben\/geh&ouml;rt haben, insbesondere die zweite H&auml;lfte des Interviews, wenn die Rede auf Banken kommt. Es dokumentiert musterg&uuml;ltig die Abdankung des kritischen Journalismus vor den Sprechblasen der Regierenden &ndash; obwohl es genug Gelegenheiten gab, die Luft rauszulassen.<\/em><\/p>\n<p><strong>In diesem Texten sind so viele Manipulationsvorg&auml;nge und -versuche enthalten, dass es lohnt, das ganze in die Rubrik Manipulation des Monats einzuordnen.<\/strong>\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den herrschenden Kreisen gilt als eiserner Glaubenssatz, dass die Schulden des Staates so enorm steigen, weil der Staat zu viel Geld ausgibt &ndash; allgemein und insbesondere f&uuml;r Konjunkturprogramme. Diese abenteuerliche Religion wurde schon bei fr&uuml;heren Konjunktureinbr&uuml;chen (etwa im Jahre 2001-2003) L&uuml;gen gestraft. Mit den durch die Steuersch&auml;tzer in Aussicht gestellten Einbr&uuml;chen bei den Steuereinnahmen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3946\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,128,12],"tags":[571,299,325,570],"class_list":["post-3946","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-insm","category-manipulation-des-monats","tag-dlf","tag-konjunkturprogramme","tag-staatsschulden","tag-tagesthemen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3946"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3946\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20375,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3946\/revisions\/20375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}