{"id":3951,"date":"2009-05-19T16:19:13","date_gmt":"2009-05-19T14:19:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3951"},"modified":"2014-01-28T10:36:32","modified_gmt":"2014-01-28T09:36:32","slug":"unser-spitzenpersonal-in-der-politik-und-in-der-wirtschaft-ist-volkswirtschaftlich-ungebildet-und-voller-vorurteile-zum-beispiel-exportweltmeister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3951","title":{"rendered":"Unser Spitzenpersonal in der Politik und in der Wirtschaft ist volkswirtschaftlich ungebildet und voller Vorurteile. Zum Beispiel Exportweltmeister"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Hinweis Nr.5 vom 19. Mai wurde schon auf die Wiedergabe eines <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/unternehmen\/industrie\/:Interview-Siemens-Chef-verteidigt-Industriepolitik\/515146.html?mode=print\">FTD-Interviews mit dem Siemens-Chef-L&ouml;scher<\/a> aufmerksam gemacht und kritisiert, dass hier der Fortsetzung eines au&szlig;enwirtschaftlichen Ungleichgewichtes das Wort geredet wird. Der Artikel zeigt dar&uuml;ber hinaus, dass unser Spitzenpersonal, im konkreten Fall die Bundeskanzlerin und der Chef eines der gr&ouml;&szlig;ten deutschen Unternehmen, die einfachsten volkswirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge nicht begreift und Vorurteilen und Legenden hinterher rennt, unkritisch begleitet von Medienschaffenden. Das ist nicht ohne Bedeutung, weil diese Vorurteilsbeladenheit immer wieder zu falschen politischen Entscheidungen f&uuml;hren kann und f&uuml;hrt. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nZun&auml;chst zum Unproblematischen in dem Artikel: Ich habe nichts daran auszusetzen, dass vom Siemens-Chef L&ouml;scher f&uuml;r eine hoch innovative Industriestruktur pl&auml;diert wird. <\/p><ol>\n<li>Aber schon die bei L&ouml;scher und dann auch in der zitierten Passage von Merkel erkennbare Denke in einen Gegensatz von Export hier und Binnennachfrage dort ist einfach Unsinn. Beides sind Komponenten der volkswirtschaftlichen Nachfrage. Und eines ist klar: die Binnennachfrage ist in den letzten 10 Jahren vernachl&auml;ssigt worden, die Exportorientierung ist &uuml;bertrieben worden.<br>\nDiese &Uuml;bertreibung gr&uuml;ndet auf der Vorstellung, Exporte seien per se etwas Gutes und deshalb in besonderer Weise f&ouml;rderungsw&uuml;rdig. Dieses Vorurteil hat seine Basis in einer monet&auml;ren Vorstellung von wirtschaftlichen Beziehungen, wie sie im Merkantilismus offenbar unausrottbar eingebl&auml;ut worden ist: Hauptsache man nimmt Geld ein. Deshalb sagt man auch: &bdquo;Wir leben vom Export&ldquo;. &ndash; Das ist Unsinn. Wir leben von dem, was wir essen und mit dem wir uns kleiden, uns ausstatten und uns das Leben angenehm machen. Was wir daf&uuml;r importieren m&uuml;ssen, bezahlen wir mit den Finanzen, die wir &uuml;ber Exporte einnehmen. Exporte sind also nur das Hilfsmittel. Man kann es auch anders sagen: Wir essen keine Dollars, die wir &uuml;ber Exporte einnehmen, wir essen Bananen und anderes mehr.<br>\nDen Denkfehler, der aus der monet&auml;ren Denkweise folgt und die reale Denkweise au&szlig;er acht l&auml;sst, habe ich im Denkfehler Nr. 17 meines Buches &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; auf den Seiten 212-215 abgehandelt. Den einschl&auml;gigen <a href=\"?p=2813\">Auszug finden Sie hier<\/a>.<\/li>\n<li>Die Fixierung auf den Export findet ihren Ausdruck im Stolz auf die Exportweltmeisterschaft. Das wird in dem Beitrag der Financial Times Deutschland an den &Auml;u&szlig;erungen von Bundeskanzlerin Merkel sichtbar. Eine weitere einschl&auml;gige &Auml;u&szlig;erung finden Sie auch in der Rede von Bundeskanzlerin&nbsp;Angela Merkel beim Neujahrsempfang des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V. vom19.01.2009 in Berlin: &bdquo;Wir freuen uns nat&uuml;rlich&nbsp;&ndash; das will ich ganz deutlich sagen&nbsp;&ndash;, wenn deutsche Firmen erfolgreich sind. Deshalb sind wir stolz darauf, dass Deutschland Exportweltmeister ist. Ich m&ouml;chte Ihnen deshalb noch einmal daf&uuml;r danken, <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Content\/DE\/Rede\/2009\/01\/2009-01-19-merkel-bdi,layoutVariant=Druckansicht.html\">dass Sie auch dazu einen Beitrag geleistet haben<\/a>.<br>\nDagegen, dass deutsche Firmen erfolgreich sind, ist nichts zu sagen. Die Exportweltmeisterschaft jedoch als Ziel zu formulieren, bezeugt die kindische Einfalt, mit der die Hauptverantwortliche f&uuml;r die deutsche Politik zu Werke geht.<\/li>\n<li>Die unsinnige Fixierung auf den Export hat verschiedene schlechte Folgen:<br>\nSo haben wir mit dieser Fixierung in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen, dass die Zahlungsbilanzen innerhalb des Eurobereiches aus dem Gleichgewicht gerieten. Es gibt eine Reihe von L&auml;ndern, die mit gro&szlig;en Leistungsbilanzdefiziten zu k&auml;mpfen haben. Das ist die Kehrseite des weit &uuml;berdimensionierten Leistungsbilanz&uuml;berschusses unseres Landes. Auf Dauer muss in einem solchen W&auml;hrungsverbund ein Ausgleich der Salden &uuml;ber die Zeit angestrebt werden.<br>\nEine weitere Folge der Fixierung auf den Export ist die vielf&auml;ltige F&ouml;rderung, die den entsprechenden Export-Industrien zuteil wird: Sie werden beim Export von der Mehrwertsteuer entlastet, sie bekommen wie jetzt die Automobilindustrie die besondere F&ouml;rderung in der Finanzkrise. Die Technologief&ouml;rderung der Bundesregierung kommt auch in weitem Ma&szlig;e der Exportwirtschaft zugute. &ndash; Dies alles ist nicht kostenlos, es muss bezahlt werden. Die auf den Binnenmarkt orientierte Wirtschaft, das Handwerk, das binnenmarktorientierte Gewerbe und Industrie, der Einzelhandel, die Gastronomie &ndash; sie alle tragen die besondere Exportf&ouml;rderung mit.<\/li>\n<li>In dem zitierten Artikel bei Financial Times Deutschland wird die Bundeskanzlerin wie folgt zitiert: Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen sagte k&uuml;rzlich im Interview der Financial Times, dass man es sich angesichts der hohen Verschuldung und sinkender Bev&ouml;lkerungszahlen nicht erlauben k&ouml;nne, zulasten der Ausfuhren den Verbrauch anzukurbeln: &ldquo;Die deutsche Wirtschaft h&auml;ngt in hohem Ma&szlig;e von den Exporten ab, so etwas l&auml;sst sich nicht innerhalb von zwei Jahren ver&auml;ndern&rdquo;, sagte sie. &ldquo;Und das wollen wir auch nicht ver&auml;ndern.&rdquo;<br>\nDas ist geballter Unsinn. Wer meint, man k&ouml;nne die Schulden abbauen, indem man die Binnenkonjunktur weiter in den Keller reitet, der hat keine Ahnung. Leere Kneipen, unterausgelastete Einzelhandelsgesch&auml;fte, Auftragsmangel bei Handwerkern und bei der binnenmarktorientierten Industrie sind doch kein Beitrag zum Abbau der Verschuldung. Das gelingt nur, wenn es auch in diesen Bereichen floriert. Dann werden Steuern gezahlt.<br>\nDass Einzelh&auml;ndler und Handwerker, das Kneipenwirte und Hoteliers noch der CDU\/ CSU nachlaufen, ist rational nicht zu begreifen. Diese Unternehmer sind offenbar am Strang der Meinungsmache, die von ganz anderen gemacht wird.<br>\nDie Vermischung mit der demographischen Entwicklung ist ohnehin ausgemachter Unsinn. Wo soll da der Zusammenhang sein? Man kann Merkels &Auml;u&szlig;erungen nur so interpretieren, dass sie ganz eng an der Exportwirtschaft dranh&auml;ngt und alles tut, um dort zu f&ouml;rdern. Da m&uuml;ssen dann auch wirklich falsche Argumente herhalten.<\/li>\n<li>Der ganze Disput &ndash; Exportorientierung oder Binnenmarktorientierung &ndash; ist absolut unn&ouml;tig. Eine Wirtschaftspolitik, die beides m&ouml;glich macht und ausbalanciert, w&auml;re das richtige. Die Industrie ist auch flexibel genug, um kleine Umorientierungen zu bew&auml;ltigen, wenn diese notwendig werden. Ich will ein praktisches Beispiel nennen: wenn die Exportauftr&auml;ge von LKWs einbricht, wie es beim Daimler Benz Werk in meiner Nachbarschaft geschehen ist, dann macht es doch Sinn zu &uuml;berlegen, ob man wenigstens einen Teil des Ausfalls durch Ankurbelung der Bauwirtschaft im Innern und damit auch des Bedarfs an LKWs ersetzen kann. Nicht auf Dauer und nicht total. Das ist klar. <\/li>\n<\/ol><p>Ohne differenziertes Denken auch in volkswirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen werden wir politisch nicht sonderlich erfolgreich sein. Die Voraussetzungen daf&uuml;r sind zurzeit nicht besonders gut &ndash; bei diesem Personal in der Industrie und in der Politik!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Hinweis Nr.5 vom 19. 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