{"id":396,"date":"2004-11-09T15:52:25","date_gmt":"2004-11-09T14:52:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=396"},"modified":"2016-03-23T11:33:44","modified_gmt":"2016-03-23T10:33:44","slug":"wozu-braucht-bertelsmann-ein-lander-hochschulranking","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=396","title":{"rendered":"Wozu braucht Bertelsmann ein L\u00e4nder-Hochschulranking?"},"content":{"rendered":"<p>Wer hat etwas von einem Hochschulranking auf L&auml;nderebene? Weder die Studierenden, noch die Hochschullehrer, noch die Hochschulen, noch die Abnehmer der Hochschulabsolventen, denn sie erfahren nicht welche Fakult&auml;t oder welche Uni in welchem Land in diesem Ranking gut oder schlecht abschneidet. Das im November vorgestellte CHE-L&auml;nderranking kann eigentlich nur auf die Politik zielen: Bertelsmann will damit einmal mehr das Wettbewerbsdenken f&ouml;rdern, diesmal nicht zwischen den Hochschulen sondern zwischen den L&auml;ndern. Um den Gewinnern oder Verlierern dieses Rankings die betriebseigenen Konzepte zum Erhalt oder zur F&ouml;rderung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit andienen zu k&ouml;nnen und damit seinen ohnehin schon starken politischen Einfluss noch mehr st&auml;rken zu k&ouml;nnen, dazu braucht Bertelsmann ein &bdquo;L&auml;nderranking&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nHochschulrankings sind von den USA importiert worden. Sie machen dort einen Sinn, weil die Qualit&auml;t der Studienangebote der &uuml;berwiegend privat organisierten Hochschulen recht unterschiedlich ist. Rankings sind f&uuml;r die dort meist privaten Hochschulen von gro&szlig;er Wichtigkeit, weil sie einen erheblichen Einfluss auf deren Marktwert, d.h. auf die H&ouml;he der einwerbbaren Studiengeb&uuml;hren haben.<br>\nIn einem weitgehend staatlich verantworteten Hochschulsystem, wie dem deutschen, gilt grunds&auml;tzlich der Anspruch, dass alle Hochschulabschl&uuml;sse von m&ouml;glichst gleicher guter Qualit&auml;t sein sollten.<br>\nDie Qualit&auml;t der Hochschulen bestimmt nicht der Markt oder die Reputation, sondern sie soll durch ein strenges Qualifizierungs- und Auswahlverfahren der Lehrenden einerseits und andererseits durch einheitliche Vorgaben f&uuml;r die Inhalte und das Niveau der Pr&uuml;fungsleistungen in den jeweiligen F&auml;chern gew&auml;hrleistet werden. Die Preisgabe des Anspruchs auf Gleichwertigkeit und gleiche Qualit&auml;t in den letzten Jahren durch Reformen unter den Schlagworten &bdquo;Profilierung&ldquo; und &bdquo;Diversifizierung&ldquo; von Studienangebote bis hin zur Schaffung von Elite-Universit&auml;ten und das Postulat des &bdquo;Wettbewerbs&ldquo; zwischen den Hochschulen haben Raum, ja sogar ein Bed&uuml;rfnis f&uuml;r Hochschulrankings geschaffen. <\/p><p>&Uuml;ber den Wert oder den Unsinn von Hochschulrankings kann man nun trefflich streiten. Wie bei dem ber&uuml;hmten Computer-Axiom gilt f&uuml;r deren Aussagewert das Motto: &bdquo;Carbage in, carbage out&ldquo;. Die entscheidende Frage ist: Sind die Vergleichsma&szlig;st&auml;be (die bench marks) sinnvoll oder unsinnig f&uuml;r einen Qualit&auml;tsvergleich.<br>\nUnd da kann man sich schon fragen, ob &ndash; wie bei den Rankings des CHE &ndash; die Anzahl der ver&ouml;ffentlichten Seiten ein sinnvoller Qualit&auml;tsma&szlig;stab f&uuml;r die Forschungsexcellenz in den Geisteswissenschaften sein kann oder warum eine Einzelver&ouml;ffentlichung mehr z&auml;hlen soll als ein gemeinsam publizierte Forschungsarbeit. Man kann sich auch fragen, was es f&uuml;r eine Aussagekraft hat, wenn man Professoren &ndash; von denen nur die H&auml;lfte antwortet &ndash; Urteile &uuml;ber die Reputation andere Kollegen f&auml;llen l&auml;sst. Ist da nicht die Hochschule von der man selbst kommt oder das &bdquo;Old-boys-network&ldquo; viel entscheidender als die wissenschaftliche Excellenz? Wie viele der heutigen Professoren kommen schon von einer neu gegr&uuml;ndeten oder von einer kleineren Hochschule und nimmt des deshalb wunder, dass solche Hochschulen schlechter abschneiden?<br>\nGenauso kann man an den Umfragen unter den Studierenden &uuml;ber deren Zufriedenheit &uuml;ber ihre Studienbedingungen zweifeln, wenn nur ein Drittel antwortet, wenn die &uuml;berwiegende Zahl der Befragten nie eine andere Uni von innen gesehen hat und also gar keine Vergleiche ziehen kann oder wenn man wei&szlig;, dass f&uuml;r einen Gro&szlig;teil aller Studierenden nicht etwa die Studienangebote der Hochschule sondern die Attraktivit&auml;t der Stadt oder der Region entscheidend f&uuml;r die Wahl des Studienortes sind. Wo man sich wohl f&uuml;hlt, macht eben auch das Studieren mehr Spa&szlig;.<\/p><p>Aber immerhin kann ein Hochschulranking, wenn es fachbezogen ist, wichtige Hinweise f&uuml;r die Wahl der Hochschule geben, etwa wenn etwas &uuml;ber die unterschiedliche Dauer eines Studiums oder &uuml;ber die Ausstattung der Bibliotheken oder &uuml;ber die Betreuungsrelation zwischen Lehrenden und Studierenden ausgesagt wird. <\/p><p>Insofern mag man den fr&uuml;heren Hochschulrankings des CHE immerhin eine Hinweisfunktion f&uuml;r die Studierenden zubilligen. F&uuml;r die Wahl des Studienortes haben sie zwar nach wie vor keine durchschlagende Bedeutung, sonst w&auml;re es z.B. nicht erkl&auml;rlich, dass auf einen betriebswirtschaftlichen Studienplatz in Hamburg drei Bewerber kommen, f&uuml;r die 300 Studienpl&auml;tze im weniger attraktiv geltenden Freiberg es aber nur 101 Bewerbungen gab, obwohl Hamburg bei den Rankings weit hinter Freiberg liegt. <\/p><p>Problematisch werden die CHE-Rankings allerdings, wenn sie dem Anspruch auf Gleichwertigkeit der Studienabschlusse zuwider laufen und wenn damit an die Stelle bisheriger Methoden der Qualit&auml;ts- und Niveausicherung durch die Hintert&uuml;r der Wettbewerb zwischen den Hochschulen als das entscheidende Qualit&auml;tskriterium und Steuerungsinstrument f&uuml;r die wissenschaftliche und die Hochschulentwicklung propagiert werden soll.<br>\nNiemand kann etwas gegen einen vern&uuml;nftigen Leistungswettbewerb zwischen den Hochschulen haben, wenn aber mit Wettbewerb gemeint ist, &bdquo;der Markt kann alles besser&ldquo; als der Staat oder gesellschaftliche Institutionen, dann sind die Rankings kein Serviceangebot mehr, sondern ein Hebel zur &Ouml;konomisierung der Strukturen und der Inhalte der Wissenschaft. Und genau das ist die Leitidee nahe zu aller unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit vorgetragenen &bdquo;Reformvorschl&auml;ge&ldquo; des CHE, vom &bdquo;betriebswirtschaftlichen Wissenschaftsmanagement&ldquo;, &uuml;ber ein neues Qualit&auml;tsmanagement, die Abl&ouml;sung der Kapazit&auml;tsverordnungen durch die Auslese der Studierenden durch die Hochschule, die nachfrageorientierte Steuerung der Hochschulen durch die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren bis hin zur Zulassung von staatsunabh&auml;ngigen Stiftungsuniversit&auml;ten. Man kann eine Studie des CHE nach der anderen<br>\ndurchgehen, immer geht es bei den daraus abgeleiteten Reformvorschl&auml;gen um die Implementierung von betriebswirtschaftlichen Lenkungsinstrumenten zu Lasten von politischen Zielvorgaben sei es vom Staat oder den Hochschulselbstverwaltungsorganen.<br>\nNur um die F&ouml;rderung des Wettbewerbsdenkens &ndash; diesmal zwischen den L&auml;ndern &ndash; kann es dem CHE bei dem Anfang November vorgelegten &bdquo;L&auml;nderranking&ldquo; gehen. Denn wer hat etwas von diesem Vergleich? Die Studierenden nicht, weil sie nicht erfahren welche Fakult&auml;t oder welche Uni in diesem Ranking gut oder schlecht abschneidet. Die Hochschulen und die Hochschullehrer nicht, weil sie nicht ablesen k&ouml;nnen, wie ihre Arbeit bewertet wird. Die Abnehmer der Hochschulabsolventen nicht, weil sie nicht erfahren, welche Ausbildung an welcher Hochschule als gut oder als weniger gut gilt. Der Zweck dieses L&auml;nderrankings kann einzig und allein darin liegen den Wettbewerb zwischen den L&auml;ndern anzustacheln. Der Leiter des CHE, Detlev M&uuml;ller-B&ouml;ling, gab dies bei der Pr&auml;sentation der Zahlen auch unumwunden zu: &bdquo;Der f&ouml;derale Wettbewerb zwischen den L&auml;ndern um die besten Hochschulen ist in vollem Gange. Eine langfristig angelegte best&auml;ndige Hochschulpolitik mit Reformelementen zahlt sich aus&ldquo;. <\/p><p>Es versteht sich von selbst an welche Reformelemente M&uuml;ller-B&ouml;ling dabei denkt. Das CHE steht selbstverst&auml;ndlich in diesem Wettbewerb den Gewinnern und den Verlierern des L&auml;nderrankings mit seinen Reformvorschl&auml;gen zur Verf&uuml;gung. Dazu braucht die Bertelsmann Stiftung also dieses L&auml;nderranking, n&auml;mlich zur weiteren St&auml;rkung seines ohnehin schon starken politischen und kaum noch kontrollierbaren Einflusses auf die Hochschulpolitik der L&auml;nder.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer hat etwas von einem Hochschulranking auf L&auml;nderebene? Weder die Studierenden, noch die Hochschullehrer, noch die Hochschulen, noch die Abnehmer der Hochschulabsolventen, denn sie erfahren nicht welche Fakult&auml;t oder welche Uni in welchem Land in diesem Ranking gut oder schlecht abschneidet. Das im November vorgestellte CHE-L&auml;nderranking kann eigentlich nur auf die Politik zielen: Bertelsmann will<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=396\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,129,11],"tags":[373,232,231,1520],"class_list":["post-396","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","tag-oekonomisierung","tag-bertelsmann","tag-che","tag-hochschulranking"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=396"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32434,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions\/32434"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}