{"id":3962,"date":"2009-05-25T09:50:46","date_gmt":"2009-05-25T07:50:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3962"},"modified":"2020-02-20T10:29:23","modified_gmt":"2020-02-20T09:29:23","slug":"fiasko-der-haushaltsplanungen-2009-bis-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3962","title":{"rendered":"Fiasko der Haushaltsplanungen 2009 bis 2012"},"content":{"rendered":"<p>Die derzeitige Krise der Wirtschaft beginnt nicht nur in der Realwirtschaft ihre tiefen Spuren zu hinterlassen, sondern sie trifft auch die  laufenden und mittelfristigen Haushaltsplanungen der Gebietsk&ouml;rperschaften in gravierender Weise. Sie verwandelt die letzten Mittelfristigen Finanzplanungen (MFP) des Bundes und der L&auml;nder noch aus dem Jahre 2008 (oder davor) zwangsl&auml;ufig zu Fiktionen, die auf viel zu optimistischen Prognosen f&uuml;r das BIP-Wachstum basierten. Schamhaft hat das Bundesfinanzministerium seinen letzten MFP aus dem Verweis ab seiner ersten Internetseite verbannt. Die optimistischen T&ouml;ne im Anschluss an diese fr&uuml;heren Zukunftsprognosen sind verhallt und vergessen. Kaum verh&uuml;lltes Entsetzen &uuml;ber die nunmehr erwarteten Steuermindereinnahmen macht sich auf den Ebenen der Gebietsk&ouml;rperschaften bei den Haushaltspolitikern breit. Die Konsequenzen sind hart: der Kurs auf einen defizitfreien Staatshaushalt ist auf allen Ebenen zun&auml;chst gest&ouml;rt oder unterbrochen. Die Politiker beginnen f&uuml;r die Zeit jenseits der diesj&auml;hrigen Wahlk&auml;mpfe die &bdquo;Karten neu zu mischen&ldquo; und nach L&ouml;sungen zu suchen. Von Karl Mai<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zu den Ergebnissen der Steuersch&auml;tzung vom Mai 2009<\/strong><\/p><p>Das BMF hat zu den Ergebnissen der Steuersch&auml;tzung unterschiedliche Aufgliederungen der Daten ver&ouml;ffentlicht. Nachstehend die Steuerdaten nach der Zusammenstellung des Referats I A 6, die zus&auml;tzlich nach den L&auml;ndern West- und Ostdeutschlands differenzieren.<\/p><p><strong>Tabelle 1:<\/strong> Steuereinnahmen Gesamthaushalt der Gebietsk&ouml;rperschaften nach Steuersch&auml;tzung Mai 2009<\/p><table width=\"99%\">\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Gesamthaushalt<\/th>\n<th>2008*<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<th>2012<\/th>\n<th>2013<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Steuern insgesamt (Mrd. &euro;)<\/th>\n<td>561,2<\/td>\n<td>527<\/td>\n<td>510,4<\/td>\n<td>526,7<\/td>\n<td>552<\/td>\n<td>575,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Steuern 2008 = 100 %<\/th>\n<td>100<\/td>\n<td>93,9<\/td>\n<td>90,9<\/td>\n<td>93,9<\/td>\n<td>98,4<\/td>\n<td>102,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Steuermindereinnahmen zu 2008 (Mrd.&euro;) im Jahr<\/th>\n<td>&ndash;<\/td>\n<td>-34,2<\/td>\n<td>-50,8<\/td>\n<td>-34,5<\/td>\n<td>-9,2<\/td>\n<td>+13,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">BIP-Wachstumsrate % nominal, zum Vorjahr<\/th>\n<td>2,9<\/td>\n<td>-5,3<\/td>\n<td>1,2<\/td>\n<td>3,3<\/td>\n<td>3,3<\/td>\n<td>3,3<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><em>* Ist-Wert;<\/em><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_4156\/DE\/Wirtschaft__und__Verwaltung\/Steuern\/Steuerschaetzung__einnahmen\/Ergebnis__der__Steuerschaetzung\/0905151a6002,templateId=raw,property=publicationFile.pdf\">nach Angaben des BMFi, Referat I A 6 [PDF &ndash; 771 KB]<\/a><\/p><p>Danach belaufen sich die &bdquo;faktischen&ldquo; Steuermindereinnahmen (gegen&uuml;ber 2008) auf -128,7 Mrd. Euro f&uuml;r die Jahre 2009 bis 2012. Im Jahre 2013 w&uuml;rde dann erstmals wieder der effektive Stand der Steuereinnahmen von 2008 erreicht und &uuml;berschritten.<\/p><p>Zieht man jedoch die bislang prognostizierten, viel h&ouml;heren Daten f&uuml;r das Steueraufkommen bis 2013 heran, die u. a. in die letzten Mittelfristigen Planungen (MFP) bis 2008 einflossen, so ist der R&uuml;ckschlag zu den dortigen rein fiktiv projizierten Daten nat&uuml;rlich weitaus h&ouml;her. Dies st&uuml;tzt die Illusion, dass nun diese h&ouml;here fiktive Differenz &bdquo;einzusparen&ldquo; w&auml;re &ndash; ein Horror-Szenario. Solches wird durch die Pressemitteilung der BMF vom 14.5. 2009 direkt suggeriert, die von einer Mindereinnahme von -316 Mrd. Euro zwischen 2009 und 2012 ausgeht. Es ist aber eine Fiktion so zu tun, als ob es sich um hierbei um reale Verluste f&uuml;r die Haushaltsf&uuml;hrung handelt. Vielmehr w&auml;re die logische Konsequenz, das Handeln an die faktische Realit&auml;t anzuschlie&szlig;en und von den Ist-Werten des Jahres 2008 ausgehend neu zu rechnen.<br>\nVorerst st&uuml;tzt diese Lesart der zitierten BMF-Mitteilung den Alarmismus f&uuml;r die Politik, die besonders gern die &bdquo;Kleinen Leute&ldquo; mit Horrorzahlen schockiert, um f&uuml;r sp&auml;ter ein Maximum an Widerstand schon im Vorfeld von bitteren Entscheidungen zu verhindern.<\/p><p>Anhand der Zahlen allein f&uuml;r den Bundeshaushalt ist zu zeigen:<\/p><p><strong>Tabelle 2:<\/strong> Steuereinnahmen der Bundes nach Steuersch&auml;tzung Mai 2009<\/p><table width=\"99%\">\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Bundeshaushalt<\/th>\n<th>2008<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<th>2012<\/th>\n<th>2013<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Steuern insgesamt (Mrd.&euro;) Steuersch&auml;tzung Mai 2009<\/th>\n<td>239,2*<\/td>\n<td>225,5<\/td>\n<td>214,7<\/td>\n<td>222,6<\/td>\n<td>232,0<\/td>\n<td>241,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Differenz zu Ist 2008<\/th>\n<td>&ndash;<\/td>\n<td>-13,7<\/td>\n<td>-24,5<\/td>\n<td>-16,6<\/td>\n<td>-7,2<\/td>\n<td>2,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Steuern insgesamt (Mrd.&euro;) Finanzplan des Bundes 2007 bis 2011 (1)<\/th>\n<td>238,2**<\/td>\n<td>248,2<\/td>\n<td>255,4<\/td>\n<td>266,3<\/td>\n<td>276,0<\/td>\n<td>&ndash;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Differenz zum MFP 2008<\/th>\n<td>1<\/td>\n<td>-22,7<\/td>\n<td>-40,7<\/td>\n<td>-43,7<\/td>\n<td>-44<\/td>\n<td>&ndash;<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><em>(1) BMFi, Pressemitteilung Nr. 24 vom 2.7.2008;<br>\n* Ist 2008;<br>\n** Soll 2008<\/em><\/p><p>Hiernach tr&auml;gt allein der Bundeshaushalt nach der MFP zwischen 2009 und 2012 gegen&uuml;ber der Steuersch&auml;tzung Mai 2009 bereits die Summe von -151,1 Mrd. Euro an &bdquo;Mindereinnahmen&ldquo;. Diese Differenz schmilzt (gegen&uuml;ber Ist 2008) innerhalb der Steuersch&auml;tzung Mai 2009 dann wieder auf -62,0 Mrd. Euro f&uuml;r den Zeitraum 2009 bis 2012 ab.<br>\nDies belegt, wie irref&uuml;hrend die Einbeziehung fiktiver Zukunftsdaten als Vergleichsgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die &bdquo;Mindereinnahmen&ldquo; sein kann. <em>Reale Mindereinnahmen setzen einen Ma&szlig;stab voraus, der keine spekulativen Elemente enth&auml;lt.<\/em> Dies ist bei der Erkl&auml;rung des BMF vom 14.5.2009 unbedingt zu beachten, wo von einer Bundes-Mindereinnahme von -152 Mrd. Euro zwischen 2009 und 2012 die Rede ist. <\/p><p>Es ist dies aber nicht der einzige Mangel der MFP-Methodik. F&uuml;r den Prognosezeitraum 2011 bis 2013 wird eine konstante Gr&ouml;&szlig;e von 3,3 % f&uuml;r die nominelle BIP-Wachstumsrate (jenseits aktuell angrenzender Konjunktureinbr&uuml;che) in Ansatz gebracht. Wenn man bedenkt, wie unzutreffend letztlich solche Annahmen von Wachstumsraten im Zeitverlauf von Prognosen immer schon waren, ist der hierdurch bedingte Fehlerquotient f&uuml;r die Prognoseendzeit nicht mehr verwunderlich. Trotzdem wird vor allem in Landes-MFP-Dokumenten immer wieder &uuml;ber 15 und mehr Jahre hinweg mit konstanten Wachstumsraten &bdquo;projiziert&ldquo; und damit manche Fehlerwartung provoziert.<\/p><p><strong>Ein klaffender Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesl&auml;ndern<\/strong><\/p><p>Aufschlussreich ist die differenzierte Sch&auml;tzung f&uuml;r die alten Bundesl&auml;nder (ABL) und die Neuen Bundesl&auml;nder (NBL), f&uuml;r die vermutlich unterschiedliche BIP-Wachstumsraten bis 2013 eingerechnet wurden, wie der geringere Anstiegskoeffizient der Steuern der NBL (gegen&uuml;ber Ist 2008) erkennen l&auml;sst.<\/p><p><strong>Tabelle 3:<\/strong> Steuereinnahmen der L&auml;nder ABL und NBL nach Steuersch&auml;tzung Mai 2009<\/p><table width=\"99%\">\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">L&auml;nder in Mrd.&euro;*<\/th>\n<th>2008<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<th>2012<\/th>\n<th>2013<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">ABL in Mrd.&euro;<\/th>\n<td>176,7<\/td>\n<td>166,7<\/td>\n<td>161<\/td>\n<td>165,8<\/td>\n<td>174,5<\/td>\n<td>181,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">ABL 2008=100 %<\/th>\n<td>100<\/td>\n<td>94,3<\/td>\n<td>91,1<\/td>\n<td>93,8<\/td>\n<td>98,8<\/td>\n<td>102,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">NBL in Mrd. &euro;<\/th>\n<td>45,2<\/td>\n<td>42,3<\/td>\n<td>40,5<\/td>\n<td>40,9<\/td>\n<td>42,1<\/td>\n<td>43,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">NBL 2008=100%<\/th>\n<td>100<\/td>\n<td>93,6<\/td>\n<td>89,6<\/td>\n<td>90,5<\/td>\n<td>93,1<\/td>\n<td>95,3<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><em>* L&auml;nder ohne Gemeindehaushalte<\/em><\/p><p>Hier wird von Seiten der Steuereinnahmen nicht etwa gest&uuml;tzt, dass die NBL zun&auml;chst deutlich weniger von der Krise betroffen seien als die ABL, wie Prof. Blum k&uuml;rzlich noch verk&uuml;ndete. [<a href=\"#foot_1a\" name=\"note_1a\">1a<\/a>]  [<a href=\"#foot_1b\" name=\"note_1b\">1b<\/a>] Im Gegenteil. Auch bis 2013 bleiben die Steuereinnahmen der NBL stark hinter dem relativen Anstieg in den ABL zur&uuml;ck.<\/p><p>Anders f&auml;llt der Vergleich f&uuml;r die Gemeindehaushalte im relativen Anstieg Ost und West aus: <\/p><p><strong>Tabelle 4:<\/strong> Steuereinnahmen der Gemeinden ABL und NBL nach Steuersch&auml;tzung Mai 2009<\/p><table>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Gemeinden in Mrd.&euro;<\/th>\n<th>2008<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<th>2012<\/th>\n<th>2013<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">ABL in Mrd.&euro;<\/th>\n<td>70<\/td>\n<td>63,9<\/td>\n<td>61,4<\/td>\n<td>64,1<\/td>\n<td>68,3<\/td>\n<td>72,7<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">ABL 2008=100%<\/th>\n<td>100<\/td>\n<td>91,2<\/td>\n<td>87,7<\/td>\n<td>91,6<\/td>\n<td>97,6<\/td>\n<td>103,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">NBL in Mrd. &euro;<\/th>\n<td>7<\/td>\n<td>6,3<\/td>\n<td>6,2<\/td>\n<td>6,4<\/td>\n<td>6,8<\/td>\n<td>7,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">NBL 2008=100%<\/th>\n<td>100<\/td>\n<td>90<\/td>\n<td>88,5<\/td>\n<td>91,4<\/td>\n<td>97,1<\/td>\n<td>102,9<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>Dies zeigt, dass die gesch&auml;tzten Einnahmen der Gemeinden der NBL relativ geringf&uuml;gig unterhalb der Werte der ABL-Gemeinden zur&uuml;ckbleiben, was den generell eingeschr&auml;nkten &bdquo;Spielraum&ldquo; der Haushalte deutscher Kommunen in den kommenden 4 Jahren zeigt.<\/p><p>Die Presse ver&ouml;ffentlichte bereits  Angaben zur Lage in einzelnen L&auml;ndern, auf die hier kurz verwiesen werden soll. In Schleswig-Holstein: &bdquo;Das Minus betr&auml;gt dieses Jahr 487 Mio. Euro, 2010 dann 953 Mio. und 2011 rund 982 Mio. &ndash; bei einem Jahresetat von gut neun Mrd. Euro. Nun soll die Neuverschuldung steigen.&ldquo; (Lt. &bdquo;Handelsblatt&ldquo; vom 19.5.09)<br>\nIn Baden-W&uuml;rttemberg sind laut Angaben des Finanzministers vom 14.5. folgende Ausf&auml;lle an Einnahmen gegeben: &bdquo;Wir rechnen im Land f&uuml;r das Jahr 2009 mit Steuermindereinnahmen von 700 Mio. Euro. &hellip; F&uuml;r die Jahre 2010 und 2011 erwarten wir in Baden-W&uuml;rttemberg dramatische Steuerausf&auml;lle in H&ouml;he von 1.740 und 1.812 Mio. Euro. F&uuml;r das Jahr 2012 sind Steuermindereinnahmen in H&ouml;he von 2.005 Mio. Euro prognostiziert.&ldquo;<br>\nAlle diese Angaben sind als Differenzen zwischen der letzten und vorletzten Steuersch&auml;tzung im Kern fiktive Gr&ouml;&szlig;en. <\/p><p><strong>Auch die MFP des Landes Sachsen-Anhalt wurde Makulatur<\/strong><\/p><p>Nach Pressemeldungen wird Sachsen-Anhalt f&uuml;r 2009 Steuermindereinnahmen von 585 Mio. Euro gegen&uuml;ber der bisherigen Planung, jedoch insgesamt in den n&auml;chsten 4 Jahren &bdquo;Steuerverluste&ldquo; von 4,5 Mrd. Euro &bdquo;verkraften&ldquo; m&uuml;ssen. (&bdquo;Mitteldeutsche Zeitung&ldquo; vom 16.5.2009, S. 1) Das bedeutet, dass den im MFP vorgetragenen 22,9 Mrd.. Euro Steuereinnahmen zwischen 2009 und 2012 jetzt um 4,5 Mrd. Euro geringere neu Sch&auml;tzwerte gegen&uuml;berstehen w&uuml;rden &ndash; was einem R&uuml;ckschlag auf 80,3 % der urspr&uuml;nglichen Projektion f&uuml;r diesen Gesamtzeitraum entsprechen w&uuml;rde.<br>\nF&uuml;r diese 4,5 Mrd. Euro Steuerminderung gilt ebenfalls: <em>Sie sind fiktive Differenzen zwischen zwei  Sch&auml;tzungen.<\/em><\/p><p>Nach langer und intensiver Vorkl&auml;rung hatte die Landesregierung Anfang September 2008 ihre neue MFP vorgelegt, just zu einem Zeitpunkt, nachdem die eskalierende Finanzmarktkrise und die einsetzenden &bdquo;Rettungsma&szlig;nahmen&ldquo; das Fundament der MFP bis 2012 sowie der weiteren Zukunftsprojektionen bis 2025 f&uuml;r das Land unterminierten. Das Dokument hat heute insofern nur noch Archiv-Wert, weil die dort projizierten BIP-Wachstumsraten und Steuereinnahmen bis 2025 sich zeitnah als Makulatur erweisen. Die Landesregierung war mit diesem MFP ganz schematisch dem damals &uuml;blichen Trend der positiven j&auml;hrlichen Wachstumseinsch&auml;tzungen (3 % nominelles BIP-Wachstum pro Jahr bis 2012) gefolgt. Zwischen 2009 und 2012 wollte die Landesregierung die Schuldentilgung (ohne Zinsen) mit insgesamt 475 Mio. Euro einleiten, wovon jetzt keine Rede mehr sein d&uuml;rfte.<\/p><p>Inzwischen hat man in der Landesregierung begriffen, dass ihre wohl abgestimmte fiskalische  Aktionsgrundlage f&uuml;r den Marsch in die Zukunft bei effektivem Abbau der Landesschulden keinen einhaltbaren Terminkalender mehr abgibt, und man versucht eine Neuorientierung aus tiefem Schock und Verunsicherung: Haushaltssperre f&uuml;r 2009, zweiter Nachtragshaushalt f&uuml;r 2009 und das verzweifelte Bem&uuml;hen sind in Sicht, um rigorose weitere Ausgabenk&uuml;rzungen durchzusetzen. Damit verst&auml;rken sich die Konsequenzen f&uuml;r die reale negative Kaufkraftentwicklung des Landes, die aus der ohnehin bisher projizierten Entwicklung der zuk&uuml;nftigen Landeseinnahmen resultieren.  <\/p><p><strong>Kampf gegen weitere Steuersenkungen<\/strong><\/p><p>Lautstark wird aus Regierungskreisen darauf verwiesen, dass eine weitere Minderung der Landeseinnahmen infolge der jetzt umstrittenen Forderungen nach neuer Senkung der  Steuern &bdquo;absurd&ldquo; w&auml;re.<br>\nDamit wird auch aus Sachsen-Anhalt die &Ouml;ffentlichkeit alarmiert, die falsche Einsch&auml;tzung von positiven Wirkungen aus Direktsteuersenkungen in der j&uuml;ngeren Vergangenheit zu korrigieren &ndash; was wiederum einen Ansto&szlig; f&uuml;r neoliberale Tendenzen in der Finanzpolitik und heftige ideologische Turbulenzen hervorbringt. Wird der Kampf um eine realistische Steuerpolitik in der Finanzmarktkrise gegen die Kapitallobby verloren, entstehen neue L&ouml;cher in der notwendigen regionalen Finanzkraft und bleibt der bisher angestrebte partielle Schuldenabbau des S.-A.- Landeshaushalts noch fernere Zukunftsmusik.<\/p><p><strong>Zur Angst vor noch h&ouml;herer Staatsverschuldung<\/strong><\/p><p>Zweifellos hat das erlittene Fiasko der bis zum IV. Quartal 2008 greifbar nahen defizitfreien Haushaltsperspektiven (nach den gescheiterten Mittelfristigen Finanzplanungen) in den Regierungen von Bund und L&auml;ndern den <em>Horror<\/em> vor k&uuml;nftig noch h&ouml;heren Staatsschulden neu angestachelt. Der Tenor der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung tendiert gegenw&auml;rtig dahin, die Neuverschuldungen zugunsten von gro&szlig;en Banken als unvermeidbar zu schlucken, gegen&uuml;ber dem Sozialbereich jedoch die strengsten Ma&szlig;st&auml;be bei erforderlichen Neuverschuldungen anzulegen.<\/p><p>Gegenw&auml;rtig wird jedoch &ouml;ffentlich &uuml;berspielt, dass die Neuverschuldungen zur Bankenrettung in ihrem massiven, schier unbegrenzten Milliarden-Umfang schon nicht mehr m&ouml;glich w&auml;ren, wenn die Regelungen zur  Schuldenbremse lt. laufendem Gesetzgebungsverfahren (Verfassungs&auml;nderung) ab 2011 wirksam w&uuml;rden. (Bundestagsdrucksache 16\/12410 v. 24.3.2009)<br>\nDie Installation einer solchen &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; an sich ist aber ein Indiz daf&uuml;r, jede eskalierende Verschuldung um den greifbaren Preis ihres Nutzens einzuengen oder sogar einzufrieren. Der makro&ouml;konomische Wachstumseffekt einer &uuml;berhaupt noch hinreichend weiter steigenden Verschuldung wird ausgeblendet oder geleugnet. Damit ist der Kern der keynesianischen Konjunkturpolitik aufgegeben, der solche &bdquo;Schuldenbremsen&ldquo; nicht kennt oder akzeptiert.<br>\nDie politische Linke in Deutschland lehnt diese Schuldenbremse in ihrer jetzt konzipierten Form ab und orientiert statt dessen auf den Vorrang einer gezielten, differenzierten Steuererh&ouml;hung zur &Uuml;berwindung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschw&auml;che. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Eine Alternativstrategie ist notwendig<\/strong><\/p><p>Prof. Rudolf Hickel hat sich zur Handlungsalternative klar ge&auml;u&szlig;ert:<br>\n&bdquo;Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Entlastung der Unternehmen mangels<br>\nWachstumswirkung die Staatsschulden nach oben getrieben hat. Dagegen sollten Steuererh&ouml;hungen bei den Spitzenverdienern und Verm&ouml;genden zur Finanzierung staatlicher Aufgaben durchgesetzt werden.&ldquo; (&bdquo;Neues Deutschland&ldquo; vom 15.5.2009)<\/p><p>Leider ist die deutsche &Ouml;ffentlichkeit, nicht zuletzt infolge des hartn&auml;ckigen Strebens der FDP f&uuml;r eine weitgehende Steuerentlastung, &uuml;ber die Wirkung von Steuersenkungsma&szlig;nahmen in der Finanzmarktkrise noch z. T. optimistischer Meinung  &ndash; selbst die Bundeskanzlerin erhofft sich daraus konjunkturelle Impulse [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] und will nicht darauf verzichten. Man &uuml;bersieht, dass diese erwartete binnenwirtschaftliche Impulsgebung stark <em>verminderter<\/em> Steuern einfach nicht mehr durchdringt, weil sie zu privaten Ausgaben zulasten fiskalischer Ausgaben wirken m&uuml;sste, wodurch die potenzielle inl&auml;ndische Gesamtnachfrage letztlich unver&auml;ndert bleibt. <\/p><p>Au&szlig;erdem: Die steuerbeg&uuml;nstigten <em>Mehr<\/em>gewinne der Unternehmen w&uuml;rden auf dem Binnenmarkt insgesamt kaum noch volkswirtschaftlich realisierbar bzw. reinvestiertbar, und sie m&uuml;ssten in den k&uuml;nftigen Export&uuml;berschuss oder in Geldanlagen der Finanzmarktspekulation abflie&szlig;en, wodurch sich die globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichte weiter erh&ouml;hen.<br>\nDie absurde Steuersenkungsdebatte zielt damit ideell auf die n&auml;chste, wegen des restriktiven binnenwirtschaftlichen Endverbrauchs schon vorbereitete <em>zwingende Exportoffensive<\/em> der Wirtschaft.<\/p><p>Die Linkspartei hat sich grunds&auml;tzlich <em>gegen<\/em> neue Steuersenkungen f&uuml;r die Kapitalgesellschaften und f&uuml;r die oberen privaten Einkommensgruppen positioniert. Dabei spielen die negativen Erfahrungen mit der von Rot-Gr&uuml;n eingeleiteten Steuersenkung nach 2001 eine wichtige Rolle, die bekanntlich zu gravierenden Einbr&uuml;chen in die Steuereinnahmen im Laufe des letzten Jahrzehnts f&uuml;hrten, entgegen den Verhei&szlig;ungen der Protagonisten der &bdquo;Steuersenkungswut&ldquo; (Truger). <\/p><p><strong>Tabelle 5:<\/strong> Fiskalische Auswirkungen von Steuerma&szlig;nahmen bis 2007 auf die Einnahmen (Mrd. &euro;)<\/p><table width=\"99%\">\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Jahr<\/th>\n<th>2001<\/th>\n<th>2002<\/th>\n<th>2003<\/th>\n<th>2004<\/th>\n<th>2005<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Rot-Gr&uuml;n<\/th>\n<td>-29,5<\/td>\n<td>-24<\/td>\n<td>-30,9<\/td>\n<td>-34,6<\/td>\n<td>-43,4<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Schwarz-Rot<\/th>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<td>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Insgesamt<\/th>\n<td>-29,5<\/td>\n<td>-24<\/td>\n<td>-30,9<\/td>\n<td>-34,6<\/td>\n<td>-43,4<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><\/p><table width=\"99%\">\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Jahr<\/th>\n<th>2006<\/th>\n<th>2007<\/th>\n<th>2008<\/th>\n<th>2009<\/th>\n<th>2010<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Rot-Gr&uuml;n<\/th>\n<td>-38,7<\/td>\n<td>-41,7<\/td>\n<td>-42,7<\/td>\n<td>-45,7<\/td>\n<td>-47,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Schwarz-Rot<\/th>\n<td>-1,7<\/td>\n<td>21,6<\/td>\n<td>21,5<\/td>\n<td>25,4<\/td>\n<td>29,3<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<th style=\"text-align: left\">Insgesamt<\/th>\n<td>-40,5<\/td>\n<td>-20,2<\/td>\n<td>-21,2<\/td>\n<td>-20,3<\/td>\n<td>-17,8<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p><em>Quelle: Siehe Fu&szlig;note 3, Achim Truger, S. 33<\/em><\/p><p>Im Ergebnis entstanden erhebliche Zwangs-Minderungen auf der Ausgabenseite f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen und im Sozialbereich, um die ansteigenden Neuverschuldungen zu begrenzen. Allein f&uuml;r 2007 betrugen die &Ouml;ffentlichen Investitionen in Deutschland nur 1,5 % des BIP, jedoch in der EU-12 (ohne Deutschland) 2,9 %, in den USA 2,6 % und in Japan 3,1 %. (WSI-Mitteilungen, Heft 5\/2009, S. 244)<\/p><p>Die dringliche Alternative besteht in einer sinnvollen Besteuerung der oberen Privateinkommen und der Kapitalgesellschaften, die eine Eskalation der Neuverschuldungen ebenso verhindert wie eine weitere Stabilisierung der &Ouml;ffentliche Ausgaben auf dem niedrigsten EU-Niveau, weitere soziale Differenzierungs- und Verarmungsprozesse blockiert und die Lebensgrundlagen der Mehrheit der Deutschen sichert.<br>\nWird eine solche alternative Strategie nicht durchgesetzt, droht in den Jahren ab 2010 eine rigorose staatliche &Uuml;berw&auml;lzung der Belastungen auf die Schw&auml;chsten unserer Gesellschaft. <\/p><p><em><strong>Anmerkung AM:<\/strong> Die Zahlen sind sehr interessant. Nicht nachzuvollziehen ist, warum Karl Mai den Einbruch der Steuereinnahmen nicht auch der schlechten Makropolitik der Bundesregierung und der EZB zuschreibt. Entsprechend eingeengt sind dann die von ihm geforderten Therapien. In Anlehnung an einen Beitrag von Rudolf Hickel fordert Karl Mai &bdquo;Steuererh&ouml;hungen bei den Spitzenverdienern und Verm&ouml;genden zur Finanzierung staatlicher Aufgaben &hellip;&ldquo; Das ist eine richtige Forderung. Aber die Erh&ouml;hung der Steuern bei Spitzenverdienern und Verm&ouml;genden wird nicht ausreichen. Um vieles wichtiger ist die massive Ankurbelung der Konjunktur &ndash; weit mehr, als bisher geschehen ist.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1a\" name=\"foot_1a\">&laquo;1a<\/a>]Siehe hierzu: <a href=\"?p=3940\">Karl Mai, Ein fragw&uuml;rdiges Interview des IWH-Pr&auml;sidenten Prof. Blum<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1b\" name=\"foot_1b\">&laquo;1b<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/?em_cnt=1742286&amp;em_cnt_page=1\">Blum-Interview<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vergl. auch: AG Alternative Wirtschaftspolitik, &bdquo;Memorandum 2009&ldquo;, S. 30: &bdquo;Diese Schuldenbremse beim Bund sowie die Nullverschuldung bei den L&auml;ndern sind &ouml;konomisch und fiskalisch unsinnig und sch&auml;dlich.&ldquo; Wegen der  Wiedergabe der einzelnen Argumente hierzu wird dorthin verwiesen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Siehe hierzu: Achim Truger, &bdquo;&Ouml;konomische und soziale Kosten von Steuersenkungen. Das Beispiel der rot-gr&uuml;nen Steuerreformen&ldquo;, in: Zeitschrift &bdquo;Prokla&ldquo; Heft 154, M&auml;rz 2009 <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die derzeitige Krise der Wirtschaft beginnt nicht nur in der Realwirtschaft ihre tiefen Spuren zu hinterlassen, sondern sie trifft auch die laufenden und mittelfristigen Haushaltsplanungen der Gebietsk&ouml;rperschaften in gravierender Weise. Sie verwandelt die letzten Mittelfristigen Finanzplanungen (MFP) des Bundes und der L&auml;nder noch aus dem Jahre 2008 (oder davor) zwangsl&auml;ufig zu Fiktionen, die auf viel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3962\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,137,133],"tags":[392,325,455],"class_list":["post-3962","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-steuern-und-abgaben","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-schuldenbremse","tag-staatsschulden","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3962","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3962"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3962\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58663,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3962\/revisions\/58663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3962"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3962"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3962"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}