{"id":3965,"date":"2009-05-26T15:07:48","date_gmt":"2009-05-26T13:07:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3965"},"modified":"2014-01-28T10:27:06","modified_gmt":"2014-01-28T09:27:06","slug":"prof-schmelz-ueber-die-verflechtung-von-finanzindustrie-und-einschlaegiger-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3965","title":{"rendered":"Prof. Schmelz \u00fcber die Verflechtung von Finanzindustrie und einschl\u00e4giger Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Wenn unsere Medienschaffenden f&uuml;r ihre Beitr&auml;ge zur Finanzkrise und zur B&ouml;rsenentwicklung wissenschaftlich klingende &Auml;u&szlig;erungen brauchen, dann greifen sie h&auml;ufig auf Wissenschaftler aus Frankfurt und Umgebung zur&uuml;ck. Dass viele dieser Wissenschaftler direkt mit der Finanzwirtschaft verbunden und von ihrem Geld abh&auml;ngig sind, wird uns dabei nicht mitgeteilt. Der seit l&auml;ngerem bew&auml;hrte Kritiker dieser Entwicklung in der Finanzwirtschaft Professor a.D. Dr. jur. Karl-Joachim Schmelz hat dazu einen Text verfasst. Was er beschreibt, erinnert im &uuml;brigen sehr viel an das, was Wolfgang Lieb und wir insgesamt in den NachDenkSeiten schon &uuml;ber die &Uuml;bereignung unserer Wissenschaft an die Wirtschaft beschrieben haben. Albrecht M&uuml;ller. <!--more--><\/p><p><strong>Prof. Dr. Schmelz in einer Mail vom 26.5.2009:<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren, Sie kennen es:<br>\n&nbsp;<br>\nAlle haben die Finanzkrise &sbquo;vorhergesagt&rsquo; und wissen (jetzt), wie es gekommen ist. &bdquo;R&auml;dchen A hat sich zu schnell gedreht, dadurch ist bei R&auml;dchen B ein Zahn abgebrochen und deswegen hat sich R&auml;dchen C nicht mehr gedreht &hellip;.&ldquo;. Die entscheidende Frage, warum sich &sbquo;R&auml;dchen A zu schnell gedreht&rsquo; hat, wird nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet.<br>\n&nbsp;<br>\nAn sich w&auml;re es (nicht erst jetzt) Aufgabe einer <strong>sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewu&szlig;ten, freien und unabh&auml;ngigen Wissenschaft<\/strong> (gewesen), das &sbquo;R&auml;dchen-Gef&uuml;ge&rsquo; (z.B. die sog. &sbquo;Finanzinnovationen&rsquo;) empirisch zu erfassen, zu analysieren, Chancen und Risiken herauszuarbeiten und zu kommunizieren.<\/p><p>Neben der Rechtsprechung und noch vor den Medien hat gerade die &sbquo;Wissenschaft&rsquo; eine nicht nur &sbquo;systemrelevante&rsquo;, sondern &sbquo;systemsubstantielle&rsquo; <strong>Kontroll-Funktion<\/strong>, bei deren Einschr&auml;nkung oder (wie im hier diskutierten Zusammenhang) vollst&auml;ndigem Ausfall es (wie die historischen Erfahrungen belegen) zwingend zu &sbquo;destabiliserenden Entgleisungen&rsquo; kommt bis hin zur Gefahr eines vollst&auml;ndigen System-Zusammenbruchs.<br>\n&nbsp;<br>\nNicht nur, aber jedenfalls privilegiert w&auml;re das im hiesigen Zusammenhang die Aufgabe der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften gewesen. Diese haben sich aber (fast ausnahmslos) rein intrasystematisch ausschlie&szlig;lich darauf konzentriert, das &sbquo;R&auml;derwerk&rsquo; zu &sbquo;verbessern&rsquo;, um eine noch &sbquo;h&ouml;here Umdrehungszahl&rsquo; zu erreichen, d.h. den &sbquo;einzelwirtschaftlichen Ertrag&rsquo; (&sbquo;Gewinn&rsquo;) der an diesem Gesch&auml;ftszweig Beteiligten zu steigern.<\/p><p>Das war (ist ?) der &sbquo;Normalfall&rsquo;. Viele &sbquo;Wissenschaftler&rsquo; haben sich aber dar&uuml;ber hinaus mit ihrer &sbquo;wissenschaftlichen Reputation&rsquo; sogar zu reinen <strong>Propagandisten<\/strong> der &sbquo;Finanzinnovationen&rsquo; gemacht. Ich verzichte vorerst an dieser Stelle darauf, Namen zu nennen und Belege beizuf&uuml;gen (das kostet etwas Zeit, die ich nicht habe). Manche Namen kennen Sie, nicht nur &sbquo;Herrn Professor Un-Sinn&rsquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nDie Fragen, die sich stellen:<\/p><p>Wie konnte das geschehen ?<\/p><p>Wie konnte der &bdquo;Zug der wissenschaftlichen Lemminge&ldquo; so wirksam &sbquo;formatiert&rsquo; werden ?<\/p><p>Was sind die Entstehungsbedingungen f&uuml;r eine derart verantwortungslose und pflichtvergessene &sbquo;Wissenschaft&rsquo;?<br>\n&nbsp;<br>\nVolker Siefert vom Hessischen Rundfunk ist in dem verlinkten <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/rubriken\/nachrichten\/indexhessen34938.jsp?rubrik=36082&amp;key=standard_document_37105390\">Beitrag<\/a> einer m&ouml;glichen Ursache nachgegangen:<\/p><ul>&nbsp;\n<li>Wu&szlig;ten Sie, da&szlig; bei einem &sbquo;finanzwissenschaftlichen Institut&rsquo; in Frankfurt, das unter dem Label &bdquo;Universit&auml;t Frankfurt&ldquo; betrieben wird und auftritt, das &bdquo;Gesamtbudget &hellip; von 1,5 Millionen Euro im Jahr &hellip; aus allen Teilen der Finanzindustrie&ldquo; kommt ?\n<\/li>\n<li>Wu&szlig;ten Sie, das &bdquo;Wissenschaftler der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt und der European Business School in Oestrich-Winkel f&uuml;r Ihre Forschungen finanzielle Unterst&uuml;tzung durch gemeinn&uuml;tzige Stiftungen [erhalten], die in Finanzmarktgesch&auml;fte von Banken eingebunden sind&ldquo; ?\n<\/li>\n<li>Wu&szlig;ten Sie, da&szlig; &bdquo;die drei f&uuml;hrenden Finanzwissenschafts-Institute in Hessen unmittelbar (!) von Kreditverk&auml;ufen durch Banken profitieren&ldquo; ?<\/li>\n<li>&bdquo;Am Ende profitieren also Wissenschaftler durch Mittel aus Kreditverk&auml;ufen, die &uuml;ber die Risiken genau solcher Gesch&auml;fte urteilen sollen.&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>&nbsp;<br>\nJedem, der schon einmal &uuml;ber &bdquo;Freiheit der Wissenschaft&ldquo; und &bdquo;wissenschaftliche Unabh&auml;ngigkeit&ldquo; (das sind die beiden Seiten der gleichen M&uuml;nze) nachgedacht hat, stehen die Haare zu Berge !<br>\n&nbsp;<br>\nMan mu&szlig; nicht Wissenschaftler sein, sondern es gen&uuml;gt ein Mindestma&szlig; an Intelligenz und gesundem Menschenverstand um zu erkennen, da&szlig; Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit der Wissenschaft eine &sbquo;institutionelle Unabh&auml;ngigkeit&rsquo; voraussetzen, gerade auch im Hinblick auf die Finanzierung der &sbquo;wissenschaftlichen T&auml;tigkeit&rsquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nDas ist verfassungsrechtlich (Art. 5 III GG) l&auml;ngst ausdiskutiert &ndash; schert die Politik aber &sbquo;einen feuchten Kehricht&rsquo; (gerade auch in Hessen, nicht erst seit CDU-Zeiten).<br>\n&nbsp;<br>\nSelbst in der (ansatzweise vergleichbaren) &bdquo;Drittmitteleinwerbungs-Diskussion&ldquo; ist meines Wissens unstreitig, da&szlig; die &sbquo;Basis-Finanzierung&rsquo; &ouml;ffentlicher Wissenschaftseinrichtungen (&bdquo;Universit&auml;t Frankfurt&ldquo;) durch den Staat zu erfolgen hat, um ein Mindestma&szlig; an &bdquo;Freiheit bei der Auswahl und Bet&auml;tigung des wissenschaftlichen Erkenntnis-Interesses&ldquo; zu gew&auml;hrleisten. (&bdquo;Was will ich untersuchen ?&ldquo;)<br>\n&nbsp;<br>\nSowohl in der verfassungsrechtlichen als auch in der Drittmittel-Diskussion herrscht meines Wissens &Uuml;bereinstimmung dahingehend, da&szlig; die &sbquo;Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit der Wissenschaft&rsquo; nicht vollst&auml;ndig der &bdquo;pers&ouml;nlichen Integrit&auml;t des einzelnen Wissenschaftlers&ldquo; &uuml;berantwortet werden kann und darf, denn der Wissenschaftler ist bei Fragen der &sbquo;Finanzierung seiner wissenschaftlichen T&auml;tigkeit&rsquo; in der Regel existenziellem Druck ausgesetzt.<\/p><p>Nur wenige, renommierte &sbquo;Spitzen&shy;wissen&shy;schaftler&rsquo; k&ouml;nnten es sich aber leisten, diesem Druck zu widerstehen und im Konflikt-Ernstfall ggf. auch &sbquo;den Hut zu nehmen&rsquo;. Aber selbst f&uuml;r den &sbquo;Spitzenwissenschaftler&rsquo;, erst recht nat&uuml;rlich f&uuml;r alle anderen, stellt sich das Problem des &sbquo;vorauseilenden Gehorsams und der Selbstzensur gegen&uuml;ber dem Geldgeber&rsquo;, da&szlig; es gerade schon im Ansatz zu vermeiden gilt.<\/p><p>(In Bezug auf den &sbquo;Geldgeber Staat&rsquo; besteht da v&ouml;llige Einigkeit; da&szlig; mittlerweile der &sbquo;Geldgeber Wirtschaft&rsquo; ein entscheidendes Gewicht erlangt hat, ist &nbsp;&ndash; jedenfalls im hier er&ouml;rterten Zusammenhang &ndash;&nbsp; erst in ganz wenigen K&ouml;pfen &sbquo;angekommen&rsquo;.)<br>\n&nbsp;<br>\n&sbquo;Unabh&auml;ngigkeit&rsquo; als Voraussetzung der &sbquo;Freiheit&rsquo; und damit als Voraussetzung daf&uuml;r, der &sbquo;gesellschaftlichen Aufgabe und Verantwortung von Wissenschaft&rsquo; gerecht werden zu k&ouml;nnen, setzt also (gerade auch hinsichtlich der Finanzierung) Rahmenbedingungen voraus, die diese &sbquo;Unabh&auml;ngigkeit&rsquo; schaffen und sichern.<br>\n&nbsp;<br>\nMit diesen Grunds&auml;tzen ist die von Volker Siefert aufgedeckte &sbquo;Finanzierungsstruktur&rsquo; offensichtlich nicht zu vereinbaren !<br>\n&nbsp;<br>\nDer im Beitrag interviewte Prof. Krahnen ist pers&ouml;nlich (!) sicher kein &sbquo;Propagandist der Finanzinnovationen&rsquo; (im obigen Sinne), sonder hat im Gegenteil sich (freilich auch nur rein &sbquo;intrasystematisch&rsquo;) durchaus kritisch ge&auml;u&szlig;ert, wenn auch stets nur im Sinne einer &sbquo;Erhaltung und Verbesserung des R&auml;derwerks&rsquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nWas ist aber mit den zahlreichen weiteren &sbquo;Wissenschaftlern&rsquo; der drei in dem Siefert-Beitrag angesprochenen &sbquo;wissenschaftlichen Einrichtungen&rsquo; ?<br>\n&nbsp;<br>\nDie in diesen Einrichtungen zweifellos angesammelten &sbquo;Sachkenntnisse&rsquo; und der dort zweifellos versammelte &sbquo;Sachverstand&rsquo; m&uuml;&szlig;ten (schon rein statistisch) erwarten lassen, da&szlig; sich zumindest ein nicht verschwindend geringer Teil der Arbeit auch den grunds&auml;tzlichen Fragen nach der Sinnhaftigkeit der &sbquo;Finanzinnovationen&rsquo;, ihren volkswirtschaftlichen Ursachen und Wirkungen und ihren systematischen Risiken widmet.<br>\n&nbsp;<br>\nSchaut man sich aber die gesamten Publikationen an, stellt man fest, da&szlig; man sich praktisch ausschlie&szlig;lich (ganz im Sinne der Geldgeber) der &sbquo;Verbesserung des R&auml;derwerks&rsquo; (im obigen Sinne) widmet, ja da&szlig; man sich zu einem erheblichen Teil mit &sbquo;unkritischer Lobhudelei&rsquo; als &sbquo;Propagandisten der Finanzindustrie&rsquo; bet&auml;tigt.<br>\n&nbsp;<br>\nDas verwundert auch nicht, wenn &sbquo;die Politik&rsquo; (ja, die ganz Dummen reden auch mit) sogar ausdr&uuml;cklich fordert, da&szlig; &bdquo;die Universit&auml;ten sich als Dienstleister f&uuml;r die Wirtschaft&ldquo; verstehen m&uuml;&szlig;ten und &bdquo;die Wirtschaft in den Universit&auml;ten mitbestimmen&ldquo; m&uuml;sse.<br>\n&nbsp;<br>\nEs sieht so aus, als sei der darin liegende verfassungsfeindliche Handstreich weitgehend gelungen:<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>&bdquo;Frankfurter finanzwissenschaftliche Universit&auml;ts-Institute&ldquo; &ndash; &bdquo;Pf&ouml;rtnerh&auml;uschen der Frankfurter Bankent&uuml;rme&ldquo;<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nMit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\n&nbsp;<br>\nProf. a.D. Dr. jur. Karl-Joachim Schmelz<br>\n<a href=\"mailto:prof-dr-schmelz@web.de\">prof-dr-schmelz@web.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn unsere Medienschaffenden f&uuml;r ihre Beitr&auml;ge zur Finanzkrise und zur B&ouml;rsenentwicklung wissenschaftlich klingende &Auml;u&szlig;erungen brauchen, dann greifen sie h&auml;ufig auf Wissenschaftler aus Frankfurt und Umgebung zur&uuml;ck. Dass viele dieser Wissenschaftler direkt mit der Finanzwirtschaft verbunden und von ihrem Geld abh&auml;ngig sind, wird uns dabei nicht mitgeteilt. Der seit l&auml;ngerem bew&auml;hrte Kritiker dieser Entwicklung in der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3965\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[50,17,129],"tags":[293],"class_list":["post-3965","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzkrise","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","tag-finanzwirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3965"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3965\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20363,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3965\/revisions\/20363"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}