{"id":39771,"date":"2017-08-25T09:11:29","date_gmt":"2017-08-25T07:11:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39771"},"modified":"2019-01-04T12:18:26","modified_gmt":"2019-01-04T11:18:26","slug":"rezension-von-friedhelm-hengsbachs-was-ist-los-mit-dir-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39771","title":{"rendered":"Rezension von Friedhelm Hengsbachs \u201eWas ist los mit Dir, Europa?\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170825_hengsbach.jpg\" alt=\"Friedhelm Hengsbach\" title=\"Friedhelm Hengsbach\"><\/div><p>&bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/was-ist-los-mit-dir-europa\/\">Was ist los mit Dir, Europa?<\/a>&ldquo; hei&szlig;t das neue Buch des Wirtschafts- und Sozialethikers Friedhelm Hengsbach.  &bdquo;Was ist los mit Dir, Europa?&ldquo; fragte auch Papst Franziskus die Repr&auml;sentanten des Europ&auml;ischen Parlaments, der Kommission und des Rates, als er 2016 im Vatikan den Aachener Karlspreis entgegennahm. Bei der Auswahl des Titels hat sich Hengsbach schon bei seinem Vorg&auml;ngerwerk &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/teilen-nicht-toeten\/\">Teilen, nicht t&ouml;ten<\/a>&ldquo; vom Papst inspirieren lassen. Dieses bezog sich auf Franziskus&acute; Ausspruch &bdquo;Diese Wirtschaft t&ouml;tet&ldquo; und hatte die Themen soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Polarisierung zum Inhalt. Nun besch&auml;ftigt sich Hengsbach mit dem Zustand Europas in Zeiten des Brexit, des Aufkommens nationalistischer Str&ouml;mungen und der zunehmenden Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nHengsbach beackert in dieser, wie er sagt, &bdquo;sozialethischen Reflexion&ldquo; f&uuml;nf Themenfelder: erstens die sozialen Schieflagen, die sich innerhalb und zwischen den Mitgliedsl&auml;ndern aufgetan haben, zweitens die Frage, ob die EU eine Sozialunion ist, drittens die Asylpolitik und das &bdquo;Wir schaffen das&ldquo; von Bundeskanzlerin Angela Merkel, viertens das Wirrwarr der Institutionen und Zust&auml;ndigkeiten auf Ebene der Europ&auml;ischen Union (EU) und f&uuml;nftens die Frage, wie nach dem Brexit-Schock ein Neustart der EU aussehen k&ouml;nnte.<\/p><p>Allein schon die Aufz&auml;hlung verdeutlicht: Hengsbach macht auf den rund 120 Seiten einen breiten Themenf&auml;cher auf. Er referiert &uuml;ber den Binnenmarkt, die W&auml;hrungsunion, die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB), die Finanz- und die Eurokrise und gei&szlig;elt die neoliberale Ausrichtung der EU. &bdquo;Das marktradikale Erbgut, das in den vergangenen 30 bis 40 Jahren weltweit die wirtschaftliche und politische Arena beherrscht hat, ist in die Konstruktion des Europ&auml;ischen Binnenmarktes und der W&auml;hrungsunion eingeflossen und hat dort gro&szlig;e Sch&auml;den verursacht.&ldquo; (S.10)<\/p><p>Weiter spricht er &uuml;ber Solidarit&auml;t in Europa, die Deformation sozialer Grundrechte, Wettbewerbsf&ouml;deralismus, das Dublin-Verfahren, die Rechte von Gefl&uuml;chteten, einen &bdquo;Camino Europe&ldquo;, Europa als &bdquo;Mehrebenen-Demokratie&ldquo; oder eine &bdquo;schwingende Architektur&ldquo; bei den EU-Institutionen. Die Themenbreite ist freilich dem Umstand geschuldet, dass sich unter die &Uuml;berschrift Europa viele Aspekte unterordnen lassen. Manchmal wirkt der Text dadurch aber auch etwas sprunghaft.<\/p><p><strong>Vertreter der Katholischen Soziallehre<\/strong><\/p><p>Hengsbach gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Katholischen Soziallehre. Er studierte &Ouml;konomie und Theologie, bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 war er Professor f&uuml;r Christliche Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main und bis 2006 Leiter des Nell-Breuning-Instituts f&uuml;r Wirtschafts- und Gesellschaftsethik. Als Buchautor und Talkshow-Gast griff der inzwischen 80-J&auml;hrige immer wieder in die &ouml;ffentliche Debatte ein. Seine Schriften kreisen meist um die Themen Verteilung, Arbeit, soziale Sicherung, Ethik und Kapitalismus. Das Thema Europa ist dagegen relativ neu.<\/p><p>Eines der gro&szlig;en Probleme der EU sieht Hengsbach in einem &bdquo;Schlammassel der Strukturen und Verfahren&ldquo;, die kaum einer mehr durchschaut. Da sind das europ&auml;ische Parlament, die EU-Kommission und der Ministerrat einerseits, dann die verschiedenen Gipfel der Staats- und Regierungschefs und schlie&szlig;lich die zahlreichen v&ouml;lkerrechtlichen Vertr&auml;ge, die einzelne Mitgliedsl&auml;nder untereinander geschlossen haben. Zwischen all diesen Institutionen herrschten Kompetenzgerangel, unklare Zust&auml;ndigkeiten und Machtverh&auml;ltnisse. &bdquo;Im schleichenden Abschmelzen des politischen Profils der Union sehe ich die Ursache des Unbehagens, der inneren Distanz und Ablehnung eines gro&szlig;en Teils der Bev&ouml;lkerung, die sich gegen einen monstr&ouml;s erscheinenden Apparat richtet, der von b&uuml;rokratischer und finanzwirtschaftlicher Gesch&auml;ftigkeit beherrscht wird&ldquo;, schreibt Hengsbach (S.105).<\/p><p><strong>Hengsbach widerspricht der Kanzlerin<\/strong><\/p><p>Dem &bdquo;Wir schaffen das&ldquo; der Kanzlerin kann Hengsbach indes nur wenig abgewinnen. Zwar findet er, dass sie im September 2015 eine historische Entscheidung getroffen habe, als sie den &bdquo;menschlich unertr&auml;glichen Stau der Gefl&uuml;chteten an der Grenze zu Ungarn oder im Budapester Bahnhof aufl&ouml;ste&ldquo;. Vom Ende her gedacht habe sie aber mit der Ansage &bdquo;Wir schaffen das&ldquo; einen vertikalen Riss zwischen den staatlichen Organen und der zivilen Gesellschaft sowie einen horizontalen Riss zwischen den europ&auml;ischen Mitgliedsstaaten erzeugt. Und weiter kritisiert er: &bdquo;Die deutsche Kanzlerin wei&szlig;, wie sie sich die Gefl&uuml;chteten vom Hals schafft &ndash; nicht mit brutaler Gewalt, nein, man m&uuml;sse nur &acute;genauso vorgehen, wie wir es auch im Zusammenhang mit der T&uuml;rkei gemacht haben&acute;, n&auml;mlich verhandeln und bezahlen, um andere die schmutzige Arbeit machen zu lassen.&ldquo; (S.54)<\/p><p>Und auch von Merkels Vorstellung von einer &bdquo;EU der zwei Geschwindigkeiten&ldquo; h&auml;lt Hengsbach nur wenig. Die Kanzlerin hatte dies im Anschluss an den Fl&uuml;chtlingsgipfel auf Malta gesagt und als Beispiele den Schengenraum und den Euro genannt, an denen auch nur ein Teil der Mitgliedsstaaten teilnimmt. Hengsbach hingegen pl&auml;diert f&uuml;r ein &bdquo;gemeinsames und solidarisches Vorgehen&ldquo; der Mitgliedsstaaten. Das schaffe Vertrauen im Gegensatz zum &bdquo;Europa der zwei Geschwindigkeiten&ldquo;.<\/p><p>Ferner widerspricht Hengsbach der Kanzlerin in der Aussage, dass Europa keine Sozialunion sei. Vordergr&uuml;ndig habe sie damit sogar recht, denn die Sozialpolitik f&auml;llt in die Kompetenz der Mitgliedsstaaten. Hengsbach zufolge enthalten die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge aber durchaus zahlreiche sozialpolitische Erkl&auml;rungen, und auch bei der EU sei ein wachsender Anspruch auf sozialpolitische Einflussnahme erkennbar. Allerdings lie&szlig;en sich daraus noch keine einklagbaren sozialen Grundrechte ableiten.<\/p><p><strong>&bdquo;F&uuml;r mehr Gerechtigkeit, Frieden und Solidarit&auml;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Doch wie k&ouml;nnte nun ein Europa &bdquo;f&uuml;r mehr Gerechtigkeit, Frieden und Solidarit&auml;t&ldquo; aussehen, wie es Hengsbach vorschwebt? Der &bdquo;Primat des Politischen gegen&uuml;ber der fiskalischen und monet&auml;ren Dimension&ldquo; m&uuml;sse wiedergewonnen werden, fordert er, und empfiehlt den Euro nach dem Muster des Finanzregimes von Bretton Woods zu verankern. Ferner sollten sich die &bdquo;Institutionen und Verfahren der EU ernsthaft auf die Ebene der Nationen, Regionen und Lebenswelten der B&uuml;rger ausrichten und sie beteiligen&ldquo;. Und zwischen den souver&auml;nen Nationalstaaten und den EU-Organen m&uuml;sse es zu einem Ausgleich kommen. Es k&ouml;nne nicht angehen, dass die Kommission den nationalen Parlamenten vorschreibe, wie sie ihre Haushalte zu gestalten haben. Auch sei mehr Transparenz bei den Institutionen und Verfahren unvermeidbar.<\/p><p>Das alles ist sicherlich richtig, allerdings wird bei der Lekt&uuml;re des Buchs auch deutlich, dass es eine einfache L&ouml;sung f&uuml;r Europa nicht gibt. Europa ist ein komplexes Gebilde, entsprechend komplex sind die Probleme und Interessenlagen. Deswegen wird sich auch so mancher Leser auch nach der Lekt&uuml;re des Buchs noch fragen: &bdquo;Was ist los mit Dir, Europa?&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] <em>Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170825_hengsbach.jpg\" alt=\"Friedhelm Hengsbach\" title=\"Friedhelm Hengsbach\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/was-ist-los-mit-dir-europa\/\">Was ist los mit Dir, Europa?<\/a>&ldquo; hei&szlig;t das neue Buch des Wirtschafts- und Sozialethikers Friedhelm Hengsbach. &bdquo;Was ist los mit Dir, Europa?&ldquo; fragte auch Papst Franziskus die Repr&auml;sentanten des Europ&auml;ischen Parlaments, der Kommission und des Rates, als er 2016 im Vatikan<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39771\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,208,145],"tags":[1843,615,1600,507,1055,526,527,233,315,835,525,633,897,781],"class_list":["post-39771","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-rezensionen","category-sozialstaat","tag-brexit","tag-eu-kommission","tag-eu-parlament","tag-ezb","tag-fluechtlinge","tag-hengsbach-friedhelm","tag-katholische-soziallehre","tag-marktliberalismus","tag-merkel-angela","tag-nationalismus","tag-papst","tag-politikerverdrossenheit","tag-transparenz","tag-waehrungsunion"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39771"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39771\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48235,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39771\/revisions\/48235"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}