{"id":39824,"date":"2017-08-29T09:01:32","date_gmt":"2017-08-29T07:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39824"},"modified":"2018-12-30T17:48:13","modified_gmt":"2018-12-30T16:48:13","slug":"atlas-network-die-internationale-des-neoliberalen-hate-speech-und-des-putsch-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39824","title":{"rendered":"Atlas Network, die Internationale des neoliberalen hate speech und des Putsch-Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Teil 1: Wie US-amerikanische think-tanks und Rechtsextreme die lateinamerikanische Politik umbauen<\/em><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170829_atlas.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Vor etwas mehr als einem Jahr deb&uuml;tierte ich in den Nachdenkseiten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34329\">mit einer Chronik<\/a> &uuml;ber die gespenstischen Zust&auml;nde in Brasilien, die seit 2014 mit  Anp&ouml;belei, Denunziantentum und Bullying auf der Stra&szlig;e, in Restaurants, auf Fl&uuml;gen, der bedrohlichen Umstellung von Wohnungen und der Gewaltanwendung faschistischer Gruppen das allt&auml;gliche Leben der Mehrheit der Brasilianer zur H&ouml;lle machen und die historische Legende vom brasilianischen &bdquo;Homo Cordialis&rdquo; zerst&ouml;rt hatten. Mit dem Sinngehalt des &bdquo;liebenswerten Menschen&rdquo; hatte der renommierte brasilianische Historiker, Essayist und Literaturkritiker, S&eacute;rgio Buarque de Hollanda (1902 &mdash; 1982) &ndash; Vater des weltweit renommierten Liedermachers und Schriftstellers Chico Buarque de Hollanda &ndash; einst den Brasilianern die Aura der h&ouml;flichen, freundlichen, zuvorkommenden, ja liebensw&uuml;rdigsten und mit Abstand der gastfreundlichsten Menschentypen auf Erden angedichtet. Doch das Ende des Mythos kann datiert werden, er fand am 12. Juni 2014, beim Auftakt der Fu&szlig;ball-Weltmeisterschaft in Brasilien, vor den Augen der Welt seinen offiziellen Tod. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Dilma, leck mich am A..!&rdquo;, schmetterten damals Sprechch&ouml;re der brasilianischen Pr&auml;sidentin w&auml;hrend der Einweihung des neuen Stadions Itaquer&atilde;o in S&atilde;o Paulo entgegen und begruben skrupellos die Regeln des Anstands. FIFA-Chef Joseph Blatter blickte konsterniert auf die gedem&uuml;tigte Staatschefin, die sich jedoch nicht aus der Fassung bringen lie&szlig;. <\/p><p>Internationale Medien sprachen von einem Skandal, in der einheimischen Presse hingegen gab es nur schale, halbherzige Kritik. Oder noch bedenklicher: Am gleichen Tag versuchten brasilianische Medien den Zwischenfall mit der Behauptung umzudeuten, das &bdquo;einfache Volk&rdquo; habe sich Luft gemacht. Stimmte nicht. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZfmiOmJIkd8\">Videoaufnahmen<\/a> und Fotos bezeugten allerdings, dass die aggressiven Ch&ouml;re von Scharen gelbgekleideter, gutverdienender Brasilianer der Mittel- und Oberschicht angef&uuml;hrt wurden, die sich die teuren Platzkarten geleistet hatten. <\/p><p>Monate vor der Fu&szlig;ball-WM war Rousseff bereits in den sozialen Netzwerken in &uuml;belstem, misogynem Jargon von &bdquo;Trampeltier&rdquo; bis &bdquo;Nutte!&rdquo; beschimpft und verunglimpft worden und zwar mit auff&auml;lliger Beteiligung von Polizisten, Staatsanw&auml;lten und Richtern. Im Mai 2014 hatte bereits Danilo Mascarenhas Balas, Beamter der Bundespolizei &bdquo;Policia Federal&ldquo;, auf Facebook eine von 9mm-Patronen durchl&ouml;cherte Zielscheibe eines Schie&szlig;stands mit dem Konterfei der Pr&auml;sidentin und dem zynischen Satz ver&ouml;ffentlicht: &bdquo;So macht die &Uuml;bung Spa&szlig; &ndash; <em>lol<\/em>&rdquo;. Streng nach geltendem Kriminalrecht genommen war dies ein einwandfreier Aufruf zu einem Attentat, doch der M&ouml;chtegern-Attent&auml;ter kam mit duldsamen vier Tagen Dienstsuspendierung davon. <\/p><p>Die Verleumdung der Staatschefin und ihres Vorg&auml;ngers Luis In&aacute;cio Lula da Silva griff rasch auf die gesamte, regierende Arbeiterpartei &uuml;ber. W&auml;hrend der Wahlkampagne 2014 zur Pr&auml;sidentschaft und Erneuerung des Parlaments brachte der rechtsradikale Journalist Reinaldo Azevedo den Kriminalisierungsversuch der Partei in Umlauf, deren K&uuml;rzel PT er mit &bdquo;canalha&rdquo; (Kanaille) kombinierte. Das Schimpfwort &bdquo;<em>PTralha<\/em>&rdquo; verbreitete sich blitzartig bis ins tiefste Hinterland. <\/p><p>&bdquo;Linke Verbrecher!&rdquo;, &bdquo;Staatspl&uuml;nderer!&rdquo;, skandierten Trolls in den digitalen Netzwerken und selbsternannte &bdquo;Kolumnisten&rdquo; in rechten Medien, denen bald das Echo auf offener Stra&szlig;e folgte &ndash; es war die Geburtsstunde der massiven Aufm&auml;rsche gegen Dilma Rousseff. Auf den ersten Blick protestierten da brave B&uuml;rger &bdquo;gegen die Korruption!&rdquo;, doch sehr bald schwieg die Anklage gegen Filz und Bestechung und es hie&szlig; immer lauter &bdquo;Dilma raus, Tod der PT!&rdquo;.<\/p><p>Trotz des konservativen Ansturms wurde die Regierungschefin der PT jedoch im November 2014 wiedergew&auml;hlt. Indes bedeutete die Wahl auch die fortschrittsfeindlichste Zusammensetzung in der Geschichte des brasilianischen Parlaments, das seit 2015 von einem quer durch die konservativen Parteien reichenden, demokratiefeindlichen Sto&szlig;trupp dominiert wird. <\/p><p>Der von der PT-Abgeordneten Erika Kokay als &bdquo;Bibel-, Rinder- und Ballermann-Fraktion&rdquo; getaufte Block setzt sich zusammen aus stockkonservativen Evangelikalen, Gro&szlig;grundbesitzern, ehemaligen Polizisten und Predigern des autorit&auml;ren Staates und z&auml;hlt mindestens 40 Prozent der 513 Parlamentarier. Der lautstarke Block war jedoch seit Anfang 2015 in der Lage, mit ad-hoc-Mehrheiten der Pr&auml;sidentin das Regieren unm&ouml;glich, insbesondere mit einer haarstr&auml;ubenden r&uuml;ckw&auml;rtsgewandten Agenda ihre Politik zur F&ouml;rderung der Menschenrechte zunichte zu machen, wozu die Widerrufung des Verbots privaten Waffenbesitzes, ein erzreaktion&auml;res, sogenanntes &bdquo;Familienschutzgesetz&rdquo;, die Herabsetzung des straff&auml;higen Alters auf 16 Jahre und die Erkl&auml;rung der Abtreibung zum &bdquo;sch&auml;ndlichen Verbrechen&rdquo; geh&ouml;ren. <\/p><p>Mit dem seit Ende 2016 wegen schwerer Korruption hinter Gittern sitzenden, ehemaligen Abgeordnetenkammer-Pr&auml;sidenten, Eduardo Cunha, als F&uuml;hrer gelang der &bdquo;Bibel-, Rinder- und Ballermann-Fraktion&rdquo; schlie&szlig;lich mit einem parlamentarischen Putsch im April 2016 Rousseff aus dem Amt zu jagen und die korrupteste, wirtschaftsliberalste Regierung aller Zeiten in den Sattel zu hieven.<\/p><p><strong>Feierliche Putsch-Bilanz<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170829-atlas-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seit Jahren spekuliert deshalb die demokratische &Ouml;ffentlichkeit, ob etwa ein beachtlicher Teil der mittleren und oberen Gesellschaftsklasse seine faschistische Veranlagung stets &bdquo;im Kleiderschrank versteckte&rdquo; und mit dem Sturz von Pr&auml;sidentin Rousseff nun &bdquo;seine wahre Fratze&rdquo; zeige. Vor allem in s&uuml;dbrasilianischen Landesteilen, mit hoher europ&auml;ischer Einwanderungsquote, wird diese Annahme punktuell best&auml;tigt, hatte doch schon 2006 der deutschst&auml;mmige, s&uuml;dbrasilianische Rechtsau&szlig;en-Senator Jorge Konder Bornhausen vor einer Wiederwahl Lulas mit selten geh&ouml;rtem Hass gewarnt: &ldquo;Wir werden dieser <em>Rasse<\/em> ein Ende setzen! F&uuml;r mindestens 30 Jahre werden wir uns von dieser <em>Rasse<\/em> befreien!&rdquo; (&ldquo;Lula ressuscita em Santa Catarina rixa hist&oacute;rica entre PT e DEM&rdquo; &ndash; Di&aacute;rio Catarinense, 15.09. 2010).<\/p><p>Anderthalb Jahre nach Rousseffs Amtsenthebung erf&auml;hrt die &Ouml;ffentlichkeit nun, dass die ideologische Brunnenvergiftung zwar auf fruchtbarem Boden gedieh, jedoch keine hausgemachte Stimmung war. Mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2017\/08\/09\/atlas-network-alejandro-chafuen-libertarian-think-tank-latin-america-brazil\/\">Einflusssph&auml;ren &ndash; Wie amerikanische Libert&auml;re die lateinamerikanische Politik neu drehen<\/a>&rdquo; heftete sich der Reporter Lee Fang von der investigativen Digitalzeitschrift <em>The Intercept<\/em> des US-Amerikaners Glenn Greenwald an die Fersen Alejandro Chafuens, eines in die USA eingeb&uuml;rgerten Argentiniers und Erbe der Atlas Economic Research Foundation, kurz Atlas Network genannt.<\/p><p>Anlass war das f&uuml;r Anfang Mai 2017 von Atlas und der argentinischen Fundaci&oacute;n Libertad einberufene, sogenannte &bdquo;Lateinamerikanische Freiheits-Forum&rdquo; im Nobelhotel Brick von Buenos Aires, bei dem sich die <em>cr&egrave;me de la cr&egrave;me<\/em> der lateinamerikanischen Rechtsau&szlig;en und Marktverg&ouml;tterer zusammenfand. Zum feierlichen Dekor mit b&ouml;hmischem Kristall und Silberbesteck fehlte auch nicht der Nobelpreistr&auml;ger Mario Vargas Llosa, &uuml;ber dessen seelische Mutationen die Nachdenkseiten bereits im M&auml;rz 2017 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37277\">berichteten<\/a>.<\/p><p>Im Brick-Hotel zelebrierte Chafuen die &bdquo;j&uuml;ngsten Siege&ldquo; des Stiftungs-Netzwerks, dem weltweit nach eigenen Angaben 462 &bdquo;libert&auml;r&ldquo;-neoliberale Stiftungen und NGOs angeh&ouml;ren, die 2016 mit 5,3 Millionen Dollar gef&ouml;rdert worden seien. Der offiziell verbreiteten Zahl muss misstraut werden, die tats&auml;chlichen Mittel werden von Atlas und dem US-amerikanischen Donors Trust geheim gehalten.<\/p><p>In Buenos Aires zog Chafuen Kampfbilanz. Seine mehr als zwanzigj&auml;hrigen Bem&uuml;hungen h&auml;tten endlich gefruchtet. Und das erkl&auml;rte der amerikanisierte Argentinier so: In den vergangenen 10 Jahren h&auml;tten die linken Regierungen Lateinamerikas &bdquo;Geld ent- und verwendet, um Stimmen zu kaufen&ldquo;. Doch der j&uuml;ngste Verfall der Rohstoffpreise, gepaart mit Korruptionsskandalen, h&auml;tte M&ouml;glichkeiten geboten f&uuml;r das Eingreifen von Aktivisten des Atlas-Netzwerks. &bdquo;Ein Handlungsfenster &ndash; eine Krise &ndash; bot sich an, mit der Forderung nach Ver&auml;nderung, und wir hatten Leute ausgebildet, um eine bestimmte Politik durchzusetzen&ldquo;, br&uuml;skierte sich der Atlas-Chef und bediente das Auditorium mit einem beliebten und mehrdeutigen Satz des verstorbenen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedmann, eine der historischen Atlas-Ikonen: &bdquo;In unserem Fall bevorzugen wir <em>private L&ouml;sungen f&uuml;r &ouml;ffentliche Probleme<\/em>&ldquo;.<\/p><p>Doch hier eine sachdienliche Parenthese. Chafuens &bdquo;Libert&auml;re&ldquo; unterscheiden sich von klassischen Liberalen u.a. mit ihrer Kritik am liberalen Minimalstaat, der ihnen immer noch zu gro&szlig; ist. Auch minimale staatliche Zugest&auml;ndnisse, mit der Bereitstellung &ouml;ffentlicher Dienstleistungen im Gesundheits- und Bildungssystem und der Anerkennung des Arbeitsrechts, lehnen sie radikal ab. Einzelne Positionen der &bdquo;Libert&auml;ren&ldquo; &ndash; etwa die Verwerfung von Menschenrechten und demokratischer Institutionen &ndash; lassen zweifellos ungeschminkte, totalit&auml;re Machtanspr&uuml;che der Str&ouml;mung erkennen.  <\/p><p>Dann nennt Chafuen einige seiner neuen Lieblinge, die beachtliche Publizit&auml;t erheischt h&auml;tten. Dies seien die Minister der konservativen Regierung Mauricios Macris, einzelne bolivianische Senatoren und F&uuml;hrer der Bewegung Freies Brasilien (MBL), die ma&szlig;geblich am Sturz von Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff beteiligt gewesen seien&hellip; &bdquo;Ich war bei den Demonstrationen in Brasilien dabei und dachte, ,Wow, der Typ war ungef&auml;hr 17, als ich ihn zum ersten Mal traf, und jetzt f&uuml;hrt er den Lautsprecherwagen an` &ndash; <em>Amazing<\/em>!&ldquo;, sozialisiert der aufgeregte R&auml;delsf&uuml;hrer. Der es als Ausl&auml;nder wagte, sich auch &ouml;ffentlich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes einzumischen, als er 2015 im s&uuml;dlichen Porto Alegre ungeniert im gelben T-Shirt (siehe Foto &ndash; Chafuen links im Bild) und im Chor mit einheimischen Rechtsradikalen &bdquo;Dilma raus!&ldquo; krakeelte.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170829-atlas-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Mit dem 17-j&auml;hrigen Typen meinte Chafuen den von japanischen Einwanderern abstammenden Anf&uuml;hrer der MBL, Kim Kataguiri, &uuml;ber den die Nachdenkseiten Ende 2016 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35494\">berichteten<\/a> und der auf einem Gruppenbild vom 27. Mai 2015 neben Kammerpr&auml;sident Eduardo Cunha zu sehen ist, dem er gerade den MBL-Antrag f&uuml;r die Amtsenthebung Rousseffs ausgeh&auml;ndigt hatte. Als schelmische Ironie dieses Fotos darf das Transparent &uuml;ber den K&ouml;pfen &ndash; &bdquo;Ein Brasilien frei von Korruption&ldquo; &ndash; bewertet werden, das Cunha anderthalb Jahre sp&auml;ter mit seiner Amtsenthebung und Verhaftung wie ein Bumerang heimsuchte und die Atlas-gef&ouml;rderte MBL als verlogenen Verein entlarvte: niemals ging es den rechtsradikalen &bdquo;Libert&auml;ren&ldquo; um Korruptionsbek&auml;mpfung, sondern von Anbeginn um <em>regime change<\/em>.<\/p><p><strong>Neoliberale Kampf-Stiftung im Dienst der US-Au&szlig;enpolitik<\/strong><\/p><p>Atlas wurde 1981 von einem dilettantischen, in die USA ausgewanderten, britischen Unternehmer namens Anthony Fisher gegr&uuml;ndet. Nach missgl&uuml;ckten H&uuml;hner- und Schildkr&ouml;ten-Massenhaltungsversuchen in England lie&szlig; sich der frustrierte Gesch&auml;ftsmann und resignierte Gegner der Nachkriegs-Verstaatlichungspolitik der Labour-Party im westamerikanischen San Francisco nieder und gr&uuml;ndete dort zun&auml;chst das Institut for Economic Affairs (IEA) und 1971 das International Institute for Economic Research, aus dem 1981 das Atlas Network hervorging, das 1984 bereits 18 Think Tanks in 11 L&auml;ndern bediente.<\/p><p>Grundlagen und Anraten f&uuml;r Fishers Stiftungs-Idee stammten von Friedrich Hayek, dem Gottvater der sogenannten &bdquo;&ouml;sterreichischen Schule&rdquo; der Neoliberalen. Als Fisher 1946 Hayeks doktrin&auml;res Gr&uuml;ndungswerk &bdquo;Der Weg zur Knechtschaft&ldquo; gelesen hatte, nahm er Kontakt zu dem &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen in London auf und schlug Hayek vor, in die Politik einzutreten. Doch dieser weigerte sich und sagte, dass ein von-unten-nach-oben-Ansatz f&uuml;r die Beeinflussung der &ouml;ffentlichen Meinung und eine &bdquo;Reform der Gesellschaft&ldquo; vielversprechender sei. Damit war die Idee der <em>think tanks<\/em> geboren.<\/p><p>Das IEA schloss einen Kreislauf. Hayek hatte inzwischen mit einer Gruppe k&auml;mpferischer &Ouml;konomen f&uuml;r den freien Markt die Mont P&egrave;lerin Society gegr&uuml;ndet. Zu ihren Mitgliedern z&auml;hlte Ed Feulner, Gr&uuml;nder der konservativen Washingtoner Heritage Foundation, und Ed Crane, Begr&uuml;nder des Cato Institute, einer der einflussreichsten libert&auml;ren think tanks der USA, mit Ablegern in den wichtigsten lateinamerikanischen Metropolen.<\/p><p>Die Strategie schien simpel: &bdquo;Die Welt mit think tanks auff&uuml;llen und den freien Markt verteidigen.&ldquo; Das gefiel Konzernen wie Pfizer, Procter &amp; Gamble, Shell und Philip Morris, die mit der Barclays Bank und British Petroleum zu den Pionier-Spendern geh&ouml;ren, doch im Laufe der Jahre von zeitgen&ouml;ssischen Gebern wie ExxonMobil, MasterCard, dem Investor John Templeton, den militanten neoliberalen Milliard&auml;ren Charles und David Koch und von Google abgel&ouml;st wurden. <\/p><p>Die einst von Fisher stammende und von Chafuen wiederholte Versicherung, Atlas nehme kein Geld der US-Regierung an, ist eine dreiste L&uuml;ge. In einem Brief der US International Communications Agency von 1982 soll nach Auskunft Lee Fangs ein Beamter als Reaktion auf einen Finanzierungsantrag Fishers geantwortet haben, er k&ouml;nne kein Geld &bdquo;direkt an ausl&auml;ndische Organisationen vergeben&rdquo;, doch sei es m&ouml;glich, &bdquo;Konferenzen oder Austausch-Veranstaltungen&rdquo; von Gruppen wie Atlas zu f&ouml;rdern und er schlug vor, Fisher solle ein Projekt einreichen. &bdquo;Der Brief, der ein Jahr nach der Atlas-Gr&uuml;ndung geschrieben wurde, war der erste Hinweis darauf, dass das Netzwerk als geheimer Partner der US-Au&szlig;enpolitik agieren w&uuml;rde&ldquo;, schreibt Fang und f&uuml;gt aktualisierend hinzu: &bdquo;Das libert&auml;re Netzwerk, das in vielen L&auml;ndern die politische Macht ver&auml;ndern konnte, ist auch eine verschleierte Erweiterung der US-Au&szlig;enpolitik. Die mit Atlas verbundenen think tanks werden vom State Department und der Nationalen Stiftung f&uuml;r Demokratie (NED) &ndash; einer Schl&uuml;sselorganisation des amerikanischen <em>soft power<\/em> &ndash; diskret finanziert.&ldquo;<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170829-atlas-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Von langer Hand gesteuerter Hass<\/strong><\/p><p>Im Laufe der Jahre hat das Atlas Network Dutzende von Think Tanks in Lateinamerika herangez&uuml;chtet, darunter militante Gruppen der Opposition in Venezuela. CEDICE Libertad, die wichtigste Atlas-assoziierte Organisation in Caracas, erhielt bereits 1998 finanzielle Unterst&uuml;tzung vom Center for International Private Enterprise (CIPE), die in einem NED-F&ouml;rderschreiben als Hilfe f&uuml;r den &bdquo;Regierungswechsel&rdquo; bezeichnet wurde. CEDICE-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer, zu denen heute die ultrakonservative Abgeordnete Corina Machado geh&ouml;rt, unterschrieben 2002 einen Aufruf zum gescheiterten Milit&auml;rputsch gegen Hugo Ch&aacute;vez.<\/p><p>Wenige Jahre sp&auml;ter trat Atlas Network als Wahlhelfer des chilenischen Milliard&auml;rs Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era als Mitte-Rechts-Kandidat der Pr&auml;sidentschaftswahlen von 2010 auf und leitete 2015 die libert&auml;re Offensive in Argentinien mit dem think tank Fundaci&oacute;n Pensar ein, die entscheidend am Wahlsieg Mauricio Macris beteiligt war.<\/p><p>Doch das &bdquo;Meisterwerk&ldquo; von Atlas sei der Putsch gegen Dilma Rousseff in Brasilien, kommentiert Fang in The Intercept. Kaum ein anderes Land habe die Atlas-Strategie so gut begriffen und ausgelegt wie die neugegr&uuml;ndeten Stiftungen und NGOs der &bdquo;freien Marktdenker&ldquo; in Brasilien. Die Strategie lasse sich als <em>st&auml;ndiger Krieg gegen linke Ideen<\/em> in den brasilianischen Medien definieren. Die MBL sei in der Lage gewesen, soziale Netzwerke auf effiziente Weise zu nutzen, um den Gro&szlig;teil der Revolte gegen Dilma umzulenken, ihre Entfernung von der Macht und das Ende der Sozialprogramme der Arbeiterpartei zu fordern.<\/p><p>H&eacute;lio Beltr&atilde;o, ein ehemaliger <em>Broker<\/em> f&uuml;r Hochrisiko-Investmentfonds, der den nach dem austro-amerikanischen neoliberalen &Ouml;konomen Ludwig von Mises benannten, brasilianischen think tank Instituto Von Mises leitet, best&auml;tigte, dass dank der Unterst&uuml;tzung von Atlas-Network etwa 30 neoliberale Kampf-Institute im Lande aktiv sind. In diesem Kampf gehe es zu wie beim Fu&szlig;ball: die Universit&auml;ten bilden die Verteidigung und der Angriff sei Sache von Politikern und Aktivisten. Im sogenannten Mittelfeld werde eine Art &bdquo;Kulturkampf&ldquo; gegen Ideen der Linken und den Sozialstaat ausgetragen, doch das entscheidende &bdquo;Tor&ldquo; sei die Amtsenthebung Dilma Rousseffs gewesen.<\/p><p>Zu den von Beltr&atilde;o nicht zugegebenen Angriffs-Anl&auml;ufen geh&ouml;rte die systematische Beschimpfung und Verleumdung der Pr&auml;sidentin, ihrer Partei und der brasilianischen Linken insgesamt. <\/p><p>Damit sich die deutschen Leserinnen und Leser eine Vorstellung von der Wirksamkeit dieses Polit- und Kulturkampfes der Atlas-Think-Tanks in Brasilien machen k&ouml;nnen, tippte ich ihre lautst&auml;rksten Parolen ein und erhielt mit der Anzahl der im Internet f&uuml;r jedes Reizwort verf&uuml;gbaren Videos, folgende Google-Statistik: &bdquo;Dilma Trampeltier&ldquo; (7.030), &bdquo;Luladr&atilde;o-Lula-Dieb&ldquo; (28.200), &bdquo;PT partido corrupto e ladr&atilde;o &ndash; PT korrupte Gaunerpartei&ldquo; (18.800) und &bdquo;Dilma raus!&ldquo; (344.000!).<\/p><p>Rodrigo Constantino, ein Mitbegr&uuml;nder des Atlas-think-tanks Instituto Millenium, der sich inzwischen mit dem Astrologen und rechtsradikalen Hassprediger Olavo de Carvalho in die USA abgesetzt hat, ging so weit, in jedem Winkelzug der brasilianischen Linken &ndash; von der Farbe Rot im Logo der Fu&szlig;ball-WM bis zum Sozialprogramm Bolsa Familia (Familien-Stipendium) &ndash; &bdquo;verschleierte Versuche der Linken zur Untergrabung der Demokratie&ldquo; zu sehen. Bekannt als &bdquo;brasilianischer Breitbart&rdquo;, in Anlehnung an das von Steve Bannon gegr&uuml;ndete rechtsradikale US-Journal &bdquo;Breitbart&ldquo;, versorgte Constantino drei Jahre lang konservative Medien mit faschistoiden Verschw&ouml;rungstheorien. In einem selbst von der konservativen Kritik verrissenen Buch mit dem Titel &bdquo;Die Kaviar-Linke&rdquo; greift der gescheiterte Wirtschaftswissenschaftler hunderttausende Sympathisanten der Arbeiterpartei &ndash; insbesondere eine Schar linker Intellektueller &ndash; mit der Beschuldigung an, nichts anderes zu sein als &bdquo;scheinheilige Reiche, die den Sozialismus predigen, um sich moralisch &uuml;berlegen zu f&uuml;hlen.&ldquo; Die &bdquo;Breitbartisierung&rdquo; des Diskurses, so The Intercept, sei aber nur eine der subtilen Facetten, womit Atlas Network die politische Auseinandersetzung f&uuml;hre.<\/p><p>Fernando Sch&uuml;ler vom Atlas-gef&ouml;rderten think tank Instituto Millenium, ein eingefleischter Gewerkschaftsfeind, brachte den Kampferfolg auf den entscheidenden Punkt: &bdquo;Mit der Technologie &ndash; sprich WhatsApp, Facebook und YouTube &ndash; k&ouml;nnen die Menschen direkt aktiv werden und Proteste gegen linke Politiker zu niedrigen Kosten organisieren&hellip; Die einzige, effektive Methode, die Gesellschaft auf radikale Weise zu reformieren und die bisherige Unterst&uuml;tzung des Volkes f&uuml;r den Sozialstaat zu liquidieren, ist ein permanenter Kulturkrieg gegen linke Intellektuelle und Medien&rdquo;.  <\/p><p>Das h&ouml;rte Anthony Fishers Erbe, Alejandro Chafuen, gern. Das w&auml;re noch l&auml;ngst nicht alles, sagt er im Kurzinterview. Mehr think tanks, neue Versuche, linke Regierungen zu st&uuml;rzen, st&uuml;nden auf der Tagesordnung. Und etwas ganz Neues: mehr Atlas-Vertreter in h&ouml;chsten Regierungs&auml;mtern rund um die Welt. &bdquo;Stets kontinuierliche Arbeit&rdquo;, sagt schmunzelnd der Berufs-Putschist und geht auf ein Glas Sekt zur Hotelbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>Teil 1: Wie US-amerikanische think-tanks und Rechtsextreme die lateinamerikanische Politik umbauen<\/em><\/p>\n<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170829_atlas.png\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Vor etwas mehr als einem Jahr deb&uuml;tierte ich in den Nachdenkseiten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34329\">mit einer Chronik<\/a> &uuml;ber die gespenstischen Zust&auml;nde in Brasilien, die seit 2014 mit Anp&ouml;belei, Denunziantentum und Bullying auf der Stra&szlig;e, in Restaurants,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39824\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,20,129,11],"tags":[965,282,1613,669,1959,2145,2144,2056,233,2026,663,1418,1943,413,1113,1625,382,1556,1333,924],"class_list":["post-39824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-landerberichte","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","tag-argentinien","tag-buergerproteste","tag-brasilien","tag-chile","tag-hate-speech","tag-lateinamerika","tag-libertarismus","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-marktliberalismus","tag-mont-pelerin-society","tag-putsch","tag-regime-change","tag-rousseff-dilma","tag-schlanker-staat","tag-soziale-medien","tag-stiftungen","tag-think-tanks","tag-usa","tag-venezuela","tag-von-hayek-friedrich-august"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39824"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48125,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39824\/revisions\/48125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}