{"id":3987,"date":"2009-06-05T13:32:25","date_gmt":"2009-06-05T11:32:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3987"},"modified":"2015-12-03T10:33:55","modified_gmt":"2015-12-03T09:33:55","slug":"deflatorische-lohnkuerzungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3987","title":{"rendered":"Deflatorische Lohnk\u00fcrzungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird von vielen Unternehmen dazu benutzt, Druck auf die L&ouml;hne auszu&uuml;ben. <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/Unternehmen-Deutsche-Bahn-Rezession;art129,2815062?_FRAME=33&amp;_FORMAT=PRINT\">Jetzt soll das zum Beispiel auch bei der Deutschen Bahn AG so laufen<\/a>. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann man das verstehen. Jedes Unternehmen versucht, seine Kosten zu dr&uuml;cken. Gesamtwirtschaftlich ist das in der jetzigen Situation Gift. Deflatorisches Gift sozusagen. Heiner Flassbeck hat vor kurzem in der Berliner Zeitung am Beispiel der Lohnsenkungen bei Daimler vorgerechnet und erl&auml;utert, was das f&uuml;r unsere gesamte Volkswirtschaft bedeutet und wie falsch diese Sparversuche sind. Siehe Anhang. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die Deutsche Bahn ist noch zu 100 % in den H&auml;nden des Bundes. Der Bund ist verantwortlich f&uuml;r die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Also w&auml;re es logisch, die bundespolitisch Verantwortlichen w&uuml;rden wenigstens ihre Stimme gegen die sich ausbreitende deflatorische Lohnpolitik erheben. Es w&auml;re auch ganz hilfreich, wenn sie die Gewerkschaften ermuntern w&uuml;rden, Widerstand zu leisten. <\/p><p>Anhang:<\/p><p><strong>Heiner Flassbeck in der Berliner Zeitung<br>\nDaimler: Kein Vorbild f&uuml;r andere<\/strong><\/p><p>So geht Krisenbew&auml;ltigung im Betrieb: Daimler macht Verluste und k&uuml;rzt die Arbeitszeit der Mitarbeiter, die nicht schon in Kurzarbeit sind, im Einvernehmen mit den Gewerkschaften um 10 % ohne Lohnausgleich und verzichtet im Gegenzug auf K&uuml;ndigungen. Folglich sinkt die Lohnsumme der betroffenen 70 000 Arbeitnehmer um zehn Prozent, was bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 4000 Euro (j&auml;hrliche Lohnsumme 3,36 Mrd. Euro) eine Kostenreduktion f&uuml;r das Unternehmen von &hellip; 336 Millionen Euro ergibt. Immerhin, die erwarteten Verluste von Daimler k&ouml;nnen dadurch erheblich reduziert werden!<\/p><p>So geht Krisenbew&auml;ltigung in der Volkswirtschaft: Die 336 Millionen, die Daimler spart, verringern bei unver&auml;ndertem Sparverhalten der Daimler-Mitarbeiter die Nachfrage anderer Unternehmen genau um 336 Millionen. Deren zu erwartende Verluste steigen also genau in dem Masse, in dem sich die von Daimler erwarteten Verluste vermindern. F&uuml;r die Volkswirtschaft als Ganzes bringt die Sparmassnahme eines Unternehmens folglich schon im ersten Zug keinerlei Verbesserung. Folgen nun aber die anderen Unternehmen wegen steigender erwarteter Verluste dem Daimler Beispiel und k&uuml;rzen ebenfalls ihre L&ouml;hne, was dann?<\/p><p>Nehmen wir an, die L&ouml;hne der zehn Millionen (?) Besch&auml;ftigten aller Industriebetriebe in Deutschland werden im Laufe dieses Jahres im Einvernehmen mit den Gewerkschaften um zehn Prozent gesenkt, dann sinkt &ndash; wiederum bei unver&auml;ndertem Sparverhalten der Arbeitnehmer &ndash; die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zus&auml;tzlich um etwa 50 Milliarden (?), das sind zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zus&auml;tzlich zu den sechs Prozent minus, die selbst die Regierung erwartet. <\/p><p>Was werden die Unternehmen tun, wenn sie merken, dass ihre Verlusterwartungen nicht aufgehen, weil die Nachfrage schw&auml;cher ist als erwartet? Noch einmal mit den Gewerkschaften verhandeln, um 20 Prozent K&uuml;rzung zu erreichen? Vielleicht werden sie auch versuchen, ihre Marktanteile bei sinkender Nachfrage dadurch zu halten, dass sie die Kostensenkung f&uuml;r Preissenkungen nutzen. Tut das nur ein Unternehmen, verschlechtert sich wiederum die Situation aller anderen. Tun es alle Unternehmen, sinken die Preise vielleicht so stark, dass die Arbeitnehmer ihren urspr&uuml;nglichen Kaufkraftverlust wieder ausgleichen k&ouml;nnen, was hie&szlig;e, dass sie real so viel in der Tasche haben wie vorher, obwohl sie weniger arbeiten. Eine Deflation w&auml;re allerdings die Folge, die ihrerseits zu Kaufzur&uuml;ckhaltung f&uuml;hren k&ouml;nnte.<\/p><p>M&uuml;ssen dann erneut die ausbezahlten L&ouml;hne sinken, um den vermeintlichen Kostennachteil f&uuml;r die Unternehmen wieder auszugleichen? Man sieht, wie man es auch dreht und wendet, gesamtwirtschaftlich ist Lohnsenkung ein Rohrkrepierer ersten Ranges. Eine Marktwirtschaft kann sich nicht auf diese Art und Weise, aber auch auf keine andere, selbst aus dem Sumpf ziehen. Die Kostensenkung des einen ist immer die Ertragssenkung eines anderen Unternehmens. <\/p><p>H&auml;tte Daimler dagegen zehn Prozent der betroffenen Arbeitnehmer entlassen und w&uuml;rde der Staat diesen Personen einen gro&szlig;z&uuml;gigen, sagen wir 80 %igen Lohnersatz f&uuml;r die Dauer der Krise aus am Kapitalmarkt zus&auml;tzlich aufgenommenen Mitteln leisten, w&auml;re der Nachfrageausfall mit 70 Millionen Euro wesentlich geringer. Gesamtwirtschaftlich st&uuml;nde in diesem Fall den Versuchen der deutschen Industrie durch Entlassungen ihren Kopf zu retten, nur ein Nachfrageverlust von 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gegen&uuml;ber und Deflation k&ouml;nnte vermutlich vermieden werden.     <\/p><p>Man sieht, die Bew&auml;ltigung der Krise verlangt das Durchbrechen der Spirale aus Nachfrager&uuml;ckgang und Kostensenkung, nicht deren Verst&auml;rkung. Diese Logik m&uuml;ssten auch Unternehmen verstehen, wenn sie von der Politik &uuml;berzeugend dargelegt wird. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, oder hat man etwa geh&ouml;rt, dass auf dem Gipfel der Kanzlerin mit Unternehmens- und Gewerkschaftsf&uuml;hrern solch zentralen Fragen diskutiert worden sind?<\/p><p>Warum wird das nicht diskutiert, werden Sie fragen. Einfache Antwort: Weil auch unsere Politiker in der Regel nicht in gesamtwirtschaftlichen Dimensionen denken, sondern wie Unternehmer.  Die Agenda 2010, die Reformen des Arbeitsmarktes, die Versuche zur Verbesserung des Standorts Deutschland, alles war unternehmerischem Handeln abgeschaut, ohne jede gesamtwirtschaftliche Perspektive. Solange die deutsche Wirtschaft im Sog der Weltwirtschaft vor sich hin driftete, war das hinnehmbar, in Gegenstrom der Krise ist das t&ouml;dlich. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird von vielen Unternehmen dazu benutzt, Druck auf die L&ouml;hne auszu&uuml;ben. <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/Unternehmen-Deutsche-Bahn-Rezession;art129,2815062?_FRAME=33&amp;_FORMAT=PRINT\">Jetzt soll das zum Beispiel auch bei der Deutschen Bahn AG so laufen<\/a>. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann man das verstehen. Jedes Unternehmen versucht, seine Kosten zu dr&uuml;cken. Gesamtwirtschaftlich ist das in der jetzigen Situation Gift. Deflatorisches Gift sozusagen. Heiner<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3987\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,30],"tags":[1502,268,364,319],"class_list":["post-3987","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-daimlermercedes","tag-deutsche-bahn","tag-flassbeck-heiner","tag-lohnentwicklung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3987"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20349,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3987\/revisions\/20349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}