{"id":39955,"date":"2017-09-06T11:09:08","date_gmt":"2017-09-06T09:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39955"},"modified":"2018-04-13T15:39:55","modified_gmt":"2018-04-13T13:39:55","slug":"warum-reden-wir-eigentlich-nur-noch-vom-diesel-skandal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39955","title":{"rendered":"Warum reden wir eigentlich nur noch vom \u201eDiesel-Skandal\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland wird Verbraucherschutz gro&szlig;geschrieben &hellip; zumindest dann, wenn keine m&auml;chtigen Lobbys dies verhindern. So r&uuml;hmt sich Bundesagrarminister Schmidt damit, die &bdquo;verunsicherten Verbraucher&ldquo; vor &bdquo;komplett irref&uuml;hrenden&ldquo; Produktbezeichnungen besch&uuml;tzen zu wollen. Es geht um vegetarische Produkte, deren Namen an Fleischgerichte erinnern, wie beispielsweise die &bdquo;vegane Currywurst&ldquo;. Na da hat der normale Deutsche ja noch mal Gl&uuml;ck gehabt &ndash; nicht auszudenken, was passieren k&ouml;nnte, wenn er unbedarft in eine Tofu-Bulette bei&szlig;t. &bdquo;Was draufsteht, muss auch drin sein&ldquo;, so der Minister. Sein Parteifreund Dobrindt aus dem Verkehrsressort d&uuml;rfte sich bei derlei Verbraucherschutz-Aktionismus wohl eher wegducken. Denn f&uuml;r die Autos auf Deutschlands Stra&szlig;en gelten andere Regeln. Der Kraftstoffverbrauch und die damit zusammenh&auml;ngenden CO2-Emissionen scheinen n&auml;mlich eher eine Phantasieangabe zu sein, wie eine <a href=\"http:\/\/theicct.org\/sites\/default\/files\/publications\/ICCT_LaboratoryToRoad_2016.pdf\">aktuelle Publikation des ICCT<\/a> abermals belegt. <strong>Im Schnitt liegt der reale Verbrauch um 42% h&ouml;her als der Wert, der in den Hochglanzprospekten der Hersteller aufgef&uuml;hrt ist<\/strong>. Doch hier wird der Verbraucherschutz pl&ouml;tzlich ganz kleingeschrieben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6051\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-39955-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=39955-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170907_Warum_eigentlich_nur_noch_Diesel_Skandal_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der &bdquo;Diesel-Skandal&ldquo; ist wohl das Thema des Jahres. Sogar im TV-Duell der beiden Kanzlerkandidaten spielten die Stickstoffoxid-Emissionen moderner Dieselfahrzeuge eine zentrale Rolle. Es geht um m&ouml;gliche Fahrverbote und Auswirkungen auf die Gesundheit. Das ist jedoch f&uuml;r viele B&uuml;rger sehr abstrakt und einige w&auml;hnen die deutsche Automobilbranche gar bereits als Opfer &uuml;bereifriger Gr&uuml;nfinken, die dem Deutschen sein Lieblingsspielzeug madig machen wollen. Dementsprechend ist auch der Elan der Politik, den Automobilherstellern endlich mal ordentlich auf die Finger zu klopfen, komplett erstarrt &ndash; ob er denn je abseits wolkiger Emp&ouml;rungsrhetorik vorhanden war, ist freilich eine weitere Frage.<\/p><p>Eigentlich sollte nun auch fast alles zum Diesel- oder Abgas-Skandal <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39754\">gesagt sein<\/a>. &Uuml;ber die sehr theoretische Debatte rund um Stickstoffoxide, Harnstoff, vielleicht zu niedrige Grenzwerte, m&ouml;gliche Gesundheitssch&auml;den und Betrugssoftware geht dabei ein eigentlich sehr zentraler Punkt der Debatte vollkommen aus dem Blickwinkel: Es geht bei den falschen Messwerten aus dem Labor ja keineswegs &bdquo;nur&ldquo; um die Stickstoffoxide. Wesentlich wichtiger sind die ebenfalls massiv abweichenden Werte f&uuml;r die Kohlendioxidemissionen. <strong>Die h&auml;ngen n&auml;mlich direkt mit dem Kraftstoffverbrauch zusammen, der von den Herstellern massiv zu niedrig angegeben wird<\/strong>. Und hier treffen sich gleich mehrere Themen: <\/p><ul>\n<li><strong>Umwelt-\/Klimaschutz:<\/strong> 12% der gesamten CO2-Emissionen der EU stammen von Personenkraftwagen.<\/li>\n<li><strong>Verbraucherschutz:<\/strong> Wenn Hersteller Verbrauchs- und Emissionswerte angeben, die massiv von den Werten abweichen, die ein Produkt erzielt, so ist dies ein Betrug am Verbraucher.<\/li>\n<li><strong>Steuerpolitik:<\/strong> Da die KFZ-Steuer direkt an die CO2-Emissionen gekoppelt ist, entgehen dem Bund mindestens 200 Millionen Euro Steuereinnahmen pro Jahr.<\/li>\n<li><strong>Internationale Vertr&auml;ge:<\/strong> Die EU hat diverse Klimaschutzabkommen ratifiziert und die Automobilindustrie verpflichtet, den CO2-Aussto&szlig; auf verschiedene Grenzwerte zu senken. Wenn die Messwerte falsch sind, hei&szlig;t dies auch, dass die EU vertragsbr&uuml;chig ist.<\/li>\n<\/ul><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-03-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><br>\nQuelle: The ICCT<\/p><p>Unsere Autos werden immer spritsparender und sauberer. So vermelden es zumindest die Hersteller. Doch dieser Satz sollte eigentlich mit einem gro&szlig;en Fragezeichen versehen werden. Richtig ist, dass die Motoren von Serie zu Serie effizienter werden. Gleichzeitig werden die Autos jedoch immer gr&ouml;&szlig;er und schwerer und haben immer mehr Zubeh&ouml;r an Bord, das den Verbrauch in die H&ouml;he treibt. Um dennoch auf dem Papier immer niedrigere Verbrauchswerte zu generieren, scheinen die Hersteller es mit den echten Messwerten immer ungenauer zu nehmen. <strong>W&auml;hrend die Herstellerangaben 2001 nur um rund 9% von den real gemessenen Werten abwichen, betr&auml;gt die durchschnittliche Differenz heute ganze 42%<\/strong>. Und dieser Wert basiert auf mehr als einer Million Datens&auml;tzen aus 13 verschiedenen Datenquellen &ndash; angefangen bei den Testreihen von Automobilklubs und &ndash;zeitungen bis hin zu Vergleichsportalen wie spritmonitor.de. Aus diesen Daten geht hervor, dass die Differenz zwischen den Herstellerangaben und dem realen Verbrauch massiv ist und von Jahr zu Jahr h&ouml;her wird. Dieses &bdquo;Ph&auml;nomen&ldquo; betrifft wohlweislich nicht nur Diesel-Fahrzeuge, sondern mindestens genau so stark auch Benziner.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-01-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Konkret greifbar machen l&auml;sst sich die Problematik &uuml;ber Stichproben. Nehmen wir doch einmal den aktuellen 1,8-Liter-Benziner der Mercedes-Benz C-Klasse. Dieser wird vom Hersteller mit einem durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch von 5,0 Litern auf 100 Kilometer beworben. Auf der Stra&szlig;e wird dieser Wert jedoch noch nicht einmal im Ansatz eingehalten. Bei den Werten des <a href=\"https:\/\/www.spritmonitor.de\">Vergleichsportals Spritmonitor.de<\/a> fangen die Verbrauchswerte vielmehr erst bei 6,2 Liter an und betragen im Schnitt 8,1 Liter auf 100 Kilometer. <strong>Dies ist eine Abweichung von 61%!<\/strong> Stellen Sie sich doch einmal vor, eine Brauerei w&uuml;rde ihre 0,33-Liter-Bierflaschen nur noch mit 0,22 Liter Bier bef&uuml;llen. BILD und CSU w&auml;ren sicher emp&ouml;rt. Bei Autos des Premium-Herstellers Mercedes-Benz ist derlei Etiketten-Schwindel offenbar geduldet.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170906-Diesel-02-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Ein &auml;hnliches blamables Bild liefert die Konkurrenz. Der 1,8-Liter-Diesel aus der aktuellen 3er-Reihe von BMW wird mit einem Normverbrauch von 4,0 bis 4,4 Liter auf 100 Kilometer beworben, verbraucht auf der Stra&szlig;e jedoch im Schnitt 5,9 Liter. Auch hier betr&auml;gt die Abweichung fast 50%. Diese Abweichung macht sich &uuml;brigens auch ganz massiv im Steuers&auml;ckel bemerkbar. Heute zahlt der Besitzer eines BMW 318d 193 Euro KfZ-Steuer pro Jahr. Nach den realen Werten m&uuml;sste er jedoch 299 Euro zahlen. Doch seltsamerweise scheint das Bundesfinanzministerium diese &bdquo;Beihilfe zum Steuerbetrug&ldquo; nicht sonderlich zu interessieren. <\/p><p>&Uuml;berhaupt scheint das Thema wie von magischer Hand aus der politischen Debatte gestrichen worden zu sein. Das politische und publizistische Deutschland echauffiert sich stattdessen oberfl&auml;chlich &uuml;ber die im Vergleich dazu eher unwichtigen Stickoxidwerte &ndash; wohlwissend, dass hier am Ende der Debatte wohl am ehesten die Grenzwerte an die realen Emissionen angepasst werden. Der Kraftstoffverbrauch macht sich jedoch in barer M&uuml;nze bezahlt und d&uuml;rfte f&uuml;r die allermeisten B&uuml;rger daher einen h&ouml;heren Stellenwert einnehmen. <\/p><p>Nehmen wir den C180 von Mercedes und eine Fahrleistung von 20.000 Kilometer pro Jahr. Nach Herstellerangaben m&uuml;sste der Kunde also bei einem Benzinpreis von 1,40 Euro rund 1.400 Euro Kraftstoffkosten pro Jahr einkalkulieren. In der Realit&auml;t d&uuml;rften die Kosten aber eher 2.268 Euro pro Jahr betragen. Bei einer f&uuml;nfj&auml;hrigen Nutzung summiert sich die Differenz zwischen Theorie und Praxis schon auf 4.340 Euro. Ab welcher Summe darf man eigentlich von einem gewerbsm&auml;&szlig;igen Gro&szlig;betrug sprechen? So lange Politik und Gerichte diesem Treiben kein Ende machen, kann die T&auml;uschung munter weitergehen. <\/p><p>Doch es sage niemand, dass die EU-Justiz sich nicht um die Interessen der Verbraucher k&uuml;mmern w&uuml;rde. Erst vor wenigen Wochen wurden n&auml;mlich die Verbraucherrechte vom EuGH massiv gest&auml;rkt. Ab jetzt d&uuml;rfen n&auml;mlich rein pflanzliche Produkte nicht l&auml;nger als &bdquo;K&auml;se&ldquo;, &bdquo;Milch&ldquo; oder &bdquo;Joghurt&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2017-06\/eugh-tofu-kaese-werbung-vermarktung-urteil-tofutown\">beworben werden<\/a>. Das Aus f&uuml;r die Kokosmilch und den Sojak&auml;se. Ein Gl&uuml;ck, dass Autos keine Namen von konventionellen Agrarprodukten tragen, sonst w&auml;re der Verbraucherschutz sicher auch hier unerbittlich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland wird Verbraucherschutz gro&szlig;geschrieben &hellip; zumindest dann, wenn keine m&auml;chtigen Lobbys dies verhindern. So r&uuml;hmt sich Bundesagrarminister Schmidt damit, die &bdquo;verunsicherten Verbraucher&ldquo; vor &bdquo;komplett irref&uuml;hrenden&ldquo; Produktbezeichnungen besch&uuml;tzen zu wollen. Es geht um vegetarische Produkte, deren Namen an Fleischgerichte erinnern, wie beispielsweise die &bdquo;vegane Currywurst&ldquo;. Na da hat der normale Deutsche ja noch mal Gl&uuml;ck<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39955\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,85,179,137,150,73],"tags":[1565,1699,1502,2137,1886,630,1711,343,2061],"class_list":["post-39955","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-pr","category-schadstoffe","category-steuern-und-abgaben","category-verbraucherschutz","category-verkehrspolitik","tag-automobilindustrie","tag-bmw","tag-daimlermercedes","tag-diesel","tag-dobrindt-alexander","tag-eugh","tag-klimaabkommen","tag-luegen-mit-zahlen","tag-umweltverschmutzung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39955"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39955\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":39975,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39955\/revisions\/39975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}