{"id":3998,"date":"2009-06-12T20:38:10","date_gmt":"2009-06-12T18:38:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3998"},"modified":"2014-01-28T10:05:19","modified_gmt":"2014-01-28T09:05:19","slug":"verschafft-uns-der-spd-parteitag-am-sonntag-eine-alternative-zu-schwarz-gelb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3998","title":{"rendered":"Verschafft uns der SPD-Parteitag am Sonntag eine Alternative zu Schwarz-Gelb?"},"content":{"rendered":"<p>Was w&auml;re zu tun, damit wir W&auml;hlerinnen und W&auml;hler am 27. September eine wirkliche Wahl haben, also eine wirkliche Alternative zu Angela Merkel und Guido Westerwelle w&auml;hlen k&ouml;nnen? Das ist die Kernfrage, die sich die Delegierten des SPD-Parteitages am Sonntag zu stellen haben. Die SPD-F&uuml;hrung, so muss man nach den bisherigen Einlassungen f&uuml;rchten, wird diese Frage nicht zulassen. Sie m&uuml;sste dann n&auml;mlich eine Kurskorrektur in Bezug auf die Inhalte und in Bezug auf die Koalitionsm&ouml;glichkeit vollziehen. Dazu scheint sie nicht bereit. Also stehen die Delegierten ihrerseits vor der Alternative, entweder den Aufstand gegen die Festlegungen der SPD-Spitze zu wagen oder mit ihr bei der Wahl im September unterzugehen. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nAls Belege f&uuml;r die Position der SPD-F&uuml;hrung w&auml;hle ich drei aktuelle Dokumente aus: Erstens ein Interview mit dem SPD-Parteivorsitzenden M&uuml;ntefering mit der WAZ vom 12.06.2009 <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/nachrichten\/nachrichten\/waz\/politik\/2009\/6\/12\/news-122376056\/detail.html\">&sbquo;SPD-Chef M&uuml;ntefering: &ldquo;Hartz IV war richtig&rdquo;&rsquo;<\/a>, zweitens und drittens zwei Beitr&auml;ge, auf die wir schon in den Hinweisen des Tages eingegangen sind: den <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wahl-2009\/europawahl\/:SPD-Linke-Die-Basis-Andrea-Nahles\/703350.html\">Bericht im Stern &uuml;ber den Auftritt von Andrea Nahles<\/a> und das Interview mit dem Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Kajo Wasserh&ouml;vel: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/interview\/979563\/\">&bdquo;SPD steckt nicht in der Krise&ldquo;<\/a> mit dem Deutschlandradio Kultur.<\/p><p>Wenn man diesen Einlassungen folgt, dann ist die SPD Spitze zu keiner inhaltlichen Kurskorrektur bereit. Auch ihre Koalitionsaussage zielt nicht auf eine wirkliche Alternative, sondern mit erster Priorit&auml;t auf Rot-Gr&uuml;n, mit zweiter Priorit&auml;t auf eine Ampel aus SPD, Gr&uuml;nen und FDP und mit dritter Priorit&auml;t auf die Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition mit der CDU\/CSU. Eine Koalition mit der Linkspartei wird definitiv und glaubhaft ausgeschlossen.<\/p><p>Dazu einige Anmerkungen.<\/p><p><strong>1. Damit ist die Wahlniederlage besiegelt<\/strong><\/p><p>Das haben wir in den NachDenkSeiten schon mehrmals begr&uuml;ndet und bisher mit Prognosen zu den bisherigen Wahlen auch richtig gelegen (ohne &uuml;brigens recht behalten zu wollen).<\/p><p>Hier die wichtigsten Argumente:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Die erste Priorit&auml;t, n&auml;mlich Rot-Gr&uuml;n, ist aus heutiger Sicht nicht einmal mit einem Minimum an Wahrscheinlichkeit erreichbar. Den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern dies dennoch als Koalitions-Wahlziel vorzustellen kostet bereits Vertrauen. Menschen m&ouml;gen es nicht, wenn sie von Politikern illusion&auml;re Zielvorstellungen vorgesetzt bekommen. Das zerst&ouml;rt Glaubw&uuml;rdigkeit.<\/li>\n<li>Die beiden anderen Alternativen, Ampel und Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition, sind zwar ein bisschen realistischer. Sie sto&szlig;en aber bei den potentiellen Partnern auf Ablehnung. Westerwelle will das nicht und Merkel will das auch nicht. Die SPD-F&uuml;hrung hat sich also in die undankbare und unw&uuml;rdige Rolle des versto&szlig;enen Braut-Werbers begeben. Auch das kommt bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern ausgesprochen schlecht an. Wenn eine gro&szlig;e Partei sich so verh&auml;lt, dann verliert sie an Respekt und Image.<\/li>\n<li>Inhaltlich ist keine der zwei wenigstens ein bisschen realistischen Priorit&auml;ten wirklich eine Alternative. Warum sollten W&auml;hlerinnen und W&auml;hler die SPD w&auml;hlen, wenn sie mit Westerwelle zusammen geht? Warum sollten sie ihr die Stimme geben, wenn sie die Koalition mit Angela Merkel fortsetzen will? Da k&ouml;nnen die W&auml;hler doch gleich zuhause bleiben oder das Original w&auml;hlen.<\/li>\n<li>Eine gro&szlig;e Partei, die den Anspruch auf die Kanzlerschaft nur noch formal erhebt, aber keinerlei realistischen Weg dazu beschreibt, hat schon verloren. Der stellvertretende Vorsitzende Steinbr&uuml;ck hat den Verzicht auf die Kanzlerschaft schon vor l&auml;ngerem angek&uuml;ndigt, als er f&uuml;r die Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition warb. Das hat ihm im SPD Vorstand ein bisschen Kritik eingebracht. Mehr nicht, obwohl dies ein Schlag gegen das Fundament eines Wahlsieges war.<\/li>\n<li>Eine gro&szlig;e Partei hat nur dann Chancen, wenn sie breit antritt. Die SPD hat in den letzten Jahren jedoch den progressiven Teil abgeschnitten. Das wird auch in dem erw&auml;hnten Dokument, dem Bericht im Stern &uuml;ber den Auftritt von Andrea Nahles und Erhard Eppler sichtbar.<\/li>\n<\/ol><p>Es bleibt die Frage:<\/p><p><strong>2. Warum schlittert die SPD F&uuml;hrung sehenden Auges in eine Niederlage, die existenzbedrohend werden kann?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte annehmen, die SPD F&uuml;hrung sei au&szlig;erstande, die oben genannten Belege a. bis e. und derer einige mehr wahrzunehmen. Ich neige manchmal zu dieser Annahme, weil ich den handelnden Personen lieber eine gewisse Unf&auml;higkeit als B&ouml;sartigkeit unterstellen will. Ein NachDenkSeiten-Leser reagierte auf meine entsprechende Anmerkung beim Hinweis auf das Interview mit Wasserh&ouml;vel mit einer richtigen Einsch&auml;tzung. Hier ist sie: <\/p><p>&ldquo;Aber das Problem ist ja auch nicht Wasserh&ouml;vels Logik, sondern er sagt ja durchaus richtig &gt;weil die Haltung der SPD dazu eindeutig ist. Und ich kenne da wirklich auch keine anderen Meinungen. Das ist eindeutig bei Frank-Walter Steinmeier, bei Peer Steinbr&uuml;ck, bei Franz M&uuml;ntefering, in der gesamten SPD-Spitze&lt; \nUnd solange man nicht davon ausgehen will, dass in dieser F&uuml;hrungsriege ein politisches Creutzfeld-Jakob-Syndrom ausgebrochen sei, ist dieses Verhalten ja nur als ein Absichtliches zu begreifen. \nEs geht darum, das politische Erbe der Schr&ouml;der-Regierung zu sichern und zu bewahren. Ganz egal, ob durch Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition oder auch notfalls durch Schwarz-Gelb. \nJedenfalls ist die Realisierung einer \"Linken Mehrheit\" unbedingt zu vermeiden, auch unter Gefahr des Nicht-Regierens, auch wenn dazu der alte Tanker SPD auf Grund gesetzt werden muss. \n&Uuml;ber Beweggr&uuml;nde will ich jetzt nicht weiter spekulieren, aber anders ist diese Politik ja nicht zu erkl&auml;ren. \nUnd um es mit Schramm zu sagen: Die Wut nimmt zu, aber die intellektuelle Verwirrung l&auml;sst nach!&ldquo;\n\nDas ist vermutlich eine sehr zutreffende Einsch&auml;tzung. Der heutigen SPD-F&uuml;hrung geht es nicht um den Sieg der SPD und schon gar nicht um die Macht f&uuml;r den progressiven Teil unseres Landes. Es geht um die Rettung der so genannten Reform-Politik und vermutlich auch um die Rettung der vielf&auml;ltigen Einbindung in die herrschenden Machtstrukturen und in die Strukturen der politischen Korruption.\n\nSchon die Entscheidung der Spitze um Schr&ouml;der, Steinmeier und M&uuml;ntefering f&uuml;r Neuwahlen im Mai 2005 war rational nicht zu verstehen, wenn man als Motive den Erhalt der Kanzlerschaft oder gute Wahlchancen bei der f&uuml;r 2006 vorgesehenen Bundestagswahl zu Grunde legt. Die damaligen F&uuml;hrungspersonen - vermutlich unter Anleitung von M&uuml;ntefering - haben die sozialdemokratische Kanzlerschaft um ein Jahr verk&uuml;rzt und die Chance, zu einem &ouml;konomisch besseren Zeitpunkt, n&auml;mlich im Herbst 2006 zu w&auml;hlen, nicht genutzt. Sie wollten die Agendapolitik vor dem beginnenden Unmut in der SPD retten. Sie haben sie in die gro&szlig;e Koalition gerettet.\n\nWas die Einbindung in die Machtstrukturen und die Strukturen der politischen Korruption betrifft, so verweise ich nur auf die engen Verkn&uuml;pfungen von Steinbr&uuml;ck und seinem Staatssekret&auml;r Asmussen mit der Finanzwirtschaft und auf die Privatisierungspolitik in Bezug auf die sozialen Sicherungssysteme und &ouml;ffentlichen Unternehmen. Hier gibt es leider bis heute keinen gro&szlig;en Unterschied zwischen Steinbr&uuml;ck, Steinmeier, M&uuml;ntefering und Merkel, Kauder, Westerwelle und Merz. Die heute Verantwortlichen sind ziemlich einhellig in den F&auml;ngen der Finanzwirtschaft. Dies hatten wir ebenfalls mehrmals belegt.\n\nEs geht den herrschenden Personen auch in der SPD nicht um eine wirkliche Alternative. Ihnen liegt mehr an der Fortsetzung der von ihnen eingeschlagenen Linie und der Bedienung der mit ihnen verbundenen Interessen. Deshalb wollen sie auf Bundesebene auch keine politische Alternative. Deshalb muten sie uns &uuml;brigens auch die absurde Logik zu, auf Landesebene k&ouml;nnte man mit der Linkspartei koalieren, nur auf Bundesebene nicht. Wenn solche Koalitionen auf Landesebene m&ouml;glich werden, dann wird die Fortsetzung der Agendapolitik und auch des Filzes mit der Finanzwirtschaft dadurch nicht gef&auml;hrdet. \n\n<strong>3. Wer diese Analysen f&uuml;r schl&uuml;ssig h&auml;lt, muss eigentlich f&uuml;r die Abl&ouml;sung des F&uuml;hrungstrios, zumindest von M&uuml;ntefering und Steinbr&uuml;ck, k&auml;mpfen.<\/strong><\/p><p>Damit wird man beim Parteitag am Sonntag keinen Erfolg haben. Aber das w&auml;re ein wichtiges Signal und ein Mittel, um die Verantwortung festzuzurren. Die Niederlage muss, wenn sie schon nicht vermeidbar ist, wenigstens an denen festgemacht werden, die die Verantwortung daf&uuml;r tragen.<\/p><p><strong>4. Wenn es &uuml;brigens Dummheit w&auml;re und mangelnde analytische Kraft, die zur Wahlniederlage f&uuml;hren, und nicht politischer Wille zur Fortsetzung der Agendapolitik (siehe 2), dann k&ouml;nnte man das Wahlergebnis durchaus noch einigerma&szlig;en retten. Wenn die SPD-F&uuml;hrung siegen wollte, dann g&auml;be es M&ouml;glichkeiten zu einer wesentlichen Verbesserung des Ergebnisses. Sie ergeben sich aus der Beschreibung der Defizite in Ziffer 1:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Klare, alternative Koalitionsaussage zu Gunsten einer Koalition aus SPD, Gr&uuml;nen und Linkspartei<\/li>\n<li>Schluss mit der Aggression und Kampagne gegen die Linkspartei, die bisher nur dazu gef&uuml;hrt hat, das Potenzial im linken Lager insgesamt zu verengen (M&uuml;ntefering ist stolz darauf, siehe sein Interview mit der WAZ)<\/li>\n<li>Breite Aufstellung vom konservativen Fl&uuml;gel bis zum wirklich progressiven, daf&uuml;r Erweiterung der SPD-Spitze im Wahlkampf<\/li>\n<li>Abl&ouml;sung Steinbr&uuml;cks &ndash; und endlich eine offene Debatte &uuml;ber die Verfilzung der Union mit der Finanzwirtschaft<\/li>\n<li>Klarer Widerstand gegen alle spekulativen Elemente auf dem Kapitalmarkt &ndash; das Casino schlie&szlig;en<\/li>\n<li>Offensive und im guten Sinne grunds&auml;tzliche Debatte zum Scheitern der neoliberalen Ideologie<\/li>\n<li>Wiederherstellung einer echten Arbeitslosenversicherung durch Ausweitung des ALG1<\/li>\n<li>&Auml;nderung der Steuerpolitik, keine Mehrwertsteuererh&ouml;hung auf 25 %, daf&uuml;r Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer, Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes, klare progressive Position f&uuml;r eine wirksame Erbschaftssteuer usw.<\/li>\n<li>ein neues Konjunkturprogramm zur &Uuml;berwindung der tiefer werdenden Talsohle und damit Hilfe f&uuml;r m&ouml;glichst viele unter Auftragsmangel leidende Betriebe; damit verbunden w&auml;re eine Akzentverschiebung der Aufmerksamkeit von einzelnen Betrieben zur gesamten Volkwirtschaft<\/li>\n<li>Notbremse gegen die Schuldenbremse<\/li>\n<li>Schluss mit den Privatisierungen, Schluss mit PPP<\/li>\n<li>hilfreich w&auml;re ein R&uuml;cktritt von M&uuml;ntefering und die &Uuml;bernahme der Verantwortung durch ihn. Das w&auml;re kein formaler Akt. Er ist einer der Hauptverursacher der bisherige Niederlage und der Profillosigkeit der SPD.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was w&auml;re zu tun, damit wir W&auml;hlerinnen und W&auml;hler am 27. September eine wirkliche Wahl haben, also eine wirkliche Alternative zu Angela Merkel und Guido Westerwelle w&auml;hlen k&ouml;nnen? Das ist die Kernfrage, die sich die Delegierten des SPD-Parteitages am Sonntag zu stellen haben. 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