{"id":40060,"date":"2017-09-13T08:50:37","date_gmt":"2017-09-13T06:50:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40060"},"modified":"2019-02-06T10:33:46","modified_gmt":"2019-02-06T09:33:46","slug":"jedes-system-braucht-widerspruch-der-filmproduzent-ottokar-runze-1925-eine-rezension-von-wolfgang-bittner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40060","title":{"rendered":"\u201eJedes System braucht Widerspruch\u201c &#8211; Der Filmproduzent Ottokar Runze (*1925). Eine Rezension von Wolfgang Bittner."},"content":{"rendered":"<p>Viele Autobiographien bekannter Pers&ouml;nlichkeiten, die zumeist von Ghostwritern geschrieben werden, sind &uuml;berfl&uuml;ssig; nicht so die 2015 erschienenen Lebenserinnerungen des Schauspielers, Regisseurs und vielfach ausgezeichneten Filmproduzenten Ottokar Runze. Hier berichtet jemand offen und schonungslos &uuml;ber sein Leben, seine Erfahrungen und Einsichten, seine Erfolge und sein Scheitern, unpr&auml;tenti&ouml;s, lebensklug aus der Sicht des Neunzigj&auml;hrigen. &bdquo;Vom Gl&uuml;ck zu trauern&ldquo; ist ein gutes Buch, lesenswert, zugleich informativ und anr&uuml;hrend. Dass es kein &bdquo;Seller&ldquo; geworden ist, was es verdient h&auml;tte, liegt ganz offensichtlich an dem nonkonformistischen, gesellschaftliche und kulturpolitische Verh&auml;ltnisse scharf kritisierenden Ansatz.<br>\n<!--more--><br>\n1925 in Berlin geboren, nahm Runze noch zwei Jahre am Zweiten Weltkrieg teil, zuletzt 1945 einige Wochen als knapp zwanzigj&auml;hriger Leutnant der Infanterie bei der Verteidigung Berlins. &bdquo;Ich h&auml;tte fliehen k&ouml;nnen von der Fahne, die l&auml;ngst besudelt war&ldquo;, schreibt er. Doch das verinnerlichte Pflichtbewusstsein verbot es ihm, obwohl der Zweifel da war und im Nachhinein die Erkenntnis: &bdquo;Die Haltung, die mir so viel bedeutete, ist die Haltung meiner Vorfahren, Ich brauche sie nicht. Es geht um eine andere Ehre. Es geht um die h&ouml;here Pflicht. Ich habe versagt &hellip; Fahnenflucht w&auml;re meine Pflicht gewesen.&ldquo;<\/p><p>Er erinnert sich an seinen Griechisch-Lehrer, der nach der Reichspogromnacht 1938 von den Sch&uuml;lern gefragt wurde, was die Zerst&ouml;rungen der Synagogen und j&uuml;dischen Gesch&auml;fte zu bedeuten h&auml;tten. Er hatte damals unter Lebensgefahr geantwortet: &bdquo;Was heute Nacht geschehen ist, wird f&uuml;r alle Zeit eine Schande f&uuml;r unser ganzes Volk sein.&ldquo; Die Schande: &bdquo;Millionen Juden und Polen sind ermordet worden. Und jeden Tag mussten Tausende sterben im verlorenen Kampf. Noch im April 1945. In sinnlosem Gehorsam sprachen Richter immer noch Todesurteile und immer noch erledigten Henker ihre blutige Arbeit. Immer noch nistete Angst in ihren Herzen. Keiner fand in sich die Kraft, Verurteilte freizulassen, keiner h&ouml;rte auf sein Gewissen.&ldquo;<\/p><p>Der Neunzigj&auml;hrige trauert, nicht nur der deutschen Schande wegen. Er wurde verwundet, geriet in Gefangenschaft, arbeitete nach Kriegsende ein Jahr lang in der Landwirtschaft. Im zerbombten Berlin wurde er schlie&szlig;lich Schauspieler und erhielt ein Engagement am Deutschen Theater, wo Bertolt Brecht &bdquo;Mutter Courage und ihre Kinder&ldquo; inszenierte. Aber er k&uuml;ndigte aufgrund eines politischen Konflikts: &bdquo;Ohne nachzudenken hatte ich eine Entscheidung getroffen, die mein Leben ver&auml;nderte.&ldquo; Es war nicht das letzte Mal in seinem Leben, dass er einen Weg verlie&szlig;, der Sicherheit bedeutet h&auml;tte, entsprechend seinem Lebensprinzip: Sich treu bleiben, &bdquo;das war mir wichtiger als Karriere, als Erfolg.&ldquo;<\/p><p>Ottokar Runze arbeitete in der Folgezeit als Regisseur, Theaterleiter und vor allem als Filmproduzent. Er erhielt bedeutende Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis in Silber 1974 f&uuml;r &bdquo;Der Lord von Barmbeck&ldquo;, den Silbernen B&auml;ren der Berlinale 1974 f&uuml;r &bdquo;Im Namen des Volkes&ldquo;, den Deutschen Kritikerpreis 1974, den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises 2002 f&uuml;r das Lebenswerk. &bdquo;In meinen Filmen stehen Verlierer im Mittelpunkt&ldquo;, schreibt er, &bdquo;Au&szlig;enseiter, denen sich niemand zuwendet. Verbrecher, in denen wir Menschen entdecken. Jeder Film entstand aus einer skeptischen, kritischen Haltung zu unserem politischen System, ein dem Individuum feindlichen System, das aufgebrochen werden m&uuml;sste, um Kr&auml;fte freizusetzen, die wie in einer Zwangsjacke gefangen sind. Sicherheit, nur darum geht es. Kein Risiko. Aber Leben ist Risiko&hellip; Jedes System braucht Widerspruch und rebellischen Geist, um sich st&auml;ndig erneuern zu k&ouml;nnen, um selbst Kreativit&auml;t zu entwickeln.&ldquo;<\/p><p>&Uuml;ber das Theater schreibt der ehemalige Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter: &bdquo;Heute wird viel geschrien auf der B&uuml;hne. Oft so laut, dass man das Wort nicht erkennt. Es gibt keinen Grund f&uuml;r das Geschrei. Keinen Grund, den Schauspieler zu zwingen, sich schreiend im Dreck zu w&auml;lzen, ihm Nacktheit abzuverlangen, die er subtiler, tiefer zeigen k&ouml;nnte, wenn er Haut und Geschlecht nicht entbl&ouml;&szlig;en m&uuml;sste. Er muss nicht nackt sein, um Nacktheit zu spielen. Und warum das Geschrei. Kein Vertrauen in das Wort, Angst vor dem Wort? Wie wohltuend ist ein leise gesprochener Satz, wenn er den H&ouml;hepunkt einer Auseinandersetzung markiert. Wenn der Raum den Gedanken aufnimmt und ihn weitergibt. Wort und Raum sind die Welt des Schauspielers. Den Raum braucht der Schauspieler, um durch das Wort den Gedanken leben zu lassen. Er braucht keine Leinwand, die ihn in Gro&szlig;aufnahme zeigt. Auch der Zuschauer braucht nicht Leinwand und Gro&szlig;aufnahme. Beides st&ouml;rt die Beziehung zum Raum. Beides zerrei&szlig;t f&uuml;r Schauspieler und Zuschauer die Einheit von Raum, Wort und Gedanken.&ldquo;<\/p><p>Runze kritisiert die zur Mode gewordene Missachtung von Werktreue. Regisseure, denen es gelungen sei als prominent zu gelten, pflegten anstatt Bescheidenheit vor dem Werk der Autoren Eitelkeit und Hochmut, &bdquo;Sie verrenken sich in der Bem&uuml;hung besonders zu sein und &uuml;bersch&auml;tzen sich. Und der Souver&auml;n von heute, Staat oder Stadt, honoriert das mit hohen Geh&auml;ltern.&ldquo; Der Neunzigj&auml;hrige fragt: &bdquo;Ist es das Alter, das mir den Zugang verwehrt zu der Art Theater, die als modern, als heutig gilt? Theater, das Mittel des Fernsehens benutzt und Gesetze der B&uuml;hne missachtet.&ldquo;<\/p><p>Das Fernsehen diene der Gef&auml;lligkeit, erkl&auml;rt Runze. Es f&uuml;rchte zu provozieren und verbanne Sendungen, die provozieren k&ouml;nnten oder sollten &ndash; falls sie &uuml;berhaupt entst&uuml;nden &ndash; in die Nachtstunden. Dabei k&ouml;nnte es &bdquo;Forum tiefgreifender Auseinandersetzungen sein, es k&ouml;nnte zur politischen Bildung der Zuschauer beitragen&ldquo;. Doch es verkomme in seinen Talkshows (&bdquo;das Wort verr&auml;t es&ldquo;) zu flacher Unterhaltung. Moderatoren scheuten die Stille, in der &bdquo;die Formulierung eines Gedankens gesucht wird. Sie unterbrechen den Gespr&auml;chspartner, wenn er nachdenkt. Eitelkeit l&auml;sst ihnen die eigene Wirkung bedeutender erscheinen als den Inhalt des Gespr&auml;chs&ldquo;.<\/p><p>Ende der 1980er Jahre begann Runze mit der Planung und Vorbereitung, die Trag&ouml;die der Armenier, ihren Holocaust im osmanischen Reich, nach dem Roman &bdquo;Die vierzig Tage des Musa Dagh&ldquo; von Franz Werfel zu verfilmen. F&uuml;nfzehn Jahre widmete er sich diesem Vorhaben mit gro&szlig;em Enthusiasmus, aber er scheiterte mit hohen finanziellen Verlusten an den Widerst&auml;nden, die dieses politische Filmprojekt hervorrief. &bdquo;Was bleibt?&ldquo;, fragt der Neunzigj&auml;hrige 2015. &bdquo;Genugtuung, nie aufgegeben zu haben? Immer gegen den Strom geschwommen zu sein?&ldquo; Seine Antwort: &bdquo;Es bleibt das Wort Schande. Absurd, dass nach zw&ouml;lf Jahren Drittes Reich Deutschland heute Europa dominiert und anderen L&auml;ndern den Tritt vorgibt. Trotz Einfallslosigkeit der Politik. Wegen wachsender Wirtschaftskraft. Absurd, dass Deutschland heute drittgr&ouml;&szlig;ter Waffenlieferant der Welt ist, dass ein deutscher Verteidigungsminister behaupten kann, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt&hellip;&ldquo;<\/p><p>Ottokar Runze schreibt von der vergeblichen Hoffnung auf eine gewandelte deutsche Kultur als &bdquo;Quell gesunder Kreativit&auml;t&ldquo;, von einem neuen sozialen Gewissen &bdquo;gegen die Kluft zwischen Arm und Reich, gegen Gier nach immer mehr&ldquo;, und er beklagt einen &bdquo;tiefen Riss durch die deutsche Kulturgeschichte&ldquo;. Sein Buch enth&auml;lt wichtige Erkenntnisse, Erfahrungen eines langen Lebens in der Kulturszene. Es k&ouml;nnte wegweisende Anregungen geben, w&uuml;rde es von Kulturschaffenden und -verwaltern wahrgenommen werden, woran jedoch leider zu zweifeln ist. Dem Neunzigj&auml;hrigen ist beizupflichten: Ignoranz, Eitelkeit und Selbst&uuml;berhebung pr&auml;gen die Szene, die fast nur noch Beliebigkeit hervorbringt. Parallelen in der Politik, woraus sich inzwischen eine existenzielle Bedrohung ergibt, sind unverkennbar.<\/p><p><em>Ottokar Runze, &bdquo;Vom Gl&uuml;ck zu trauern. Eine deutsche Geschichte&ldquo;, Klak Verlag, Berlin 2015, 166 Seiten, 12,90 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Autobiographien bekannter Pers&ouml;nlichkeiten, die zumeist von Ghostwritern geschrieben werden, sind &uuml;berfl&uuml;ssig; nicht so die 2015 erschienenen Lebenserinnerungen des Schauspielers, Regisseurs und vielfach ausgezeichneten Filmproduzenten Ottokar Runze. 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