{"id":40085,"date":"2017-09-14T08:27:35","date_gmt":"2017-09-14T06:27:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40085"},"modified":"2026-01-27T11:22:39","modified_gmt":"2026-01-27T10:22:39","slug":"schulz-laesst-sich-von-seinem-machtinstinkt-leiten-und-vergisst-dabei-allzu-leicht-demokratische-prinzipien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40085","title":{"rendered":"\u201eSchulz l\u00e4sst sich von seinem Machtinstinkt leiten und vergisst dabei allzu leicht demokratische Prinzipien\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170914_bonse.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Der SPD-Kanlzerkandidat Martin Schulz &bdquo;hat das EU-Parlament zunehmend als B&uuml;hne und als Sprungbrett f&uuml;r seine pers&ouml;nlichen Ambitionen genutzt und die demokratische Kontrollfunktion weitgehend ausgeschaltet.&ldquo; Das sagt <strong><a href=\"http:\/\/ericbonse.eu\/\">Eric Bonse<\/a><\/strong>, Br&uuml;ssel-Korrespondent der taz im NachDenkSeiten-Interview. Bonse, der Schulz &uuml;ber viele Jahre bei seiner Arbeit auf EU-Ebene beobachtet hat, findet wenig schmeichelnde Worte f&uuml;r den SPD-Mann. Schulz habe zwar in Br&uuml;ssel durchaus einiges bewirkt, er habe hohe Erwartungen geweckt, doch dann sei er zu einer Entt&auml;uschung geworden. Nach den Worten von Bonse hat Schulz das EU-Parlament zunehmend f&uuml;r seine eigene Ambitionen genutzt und gar dessen demokratische Kontrollfunktion weitestgehend ausgeschaltet. Das Interview basiert auf den Erfahrungen, die Bonse in seinem Ebook &bdquo;<a href=\"http:\/\/ericbonse.eu\/portfolio-items\/mega-enttaeuschend\/\">MEGA entt&auml;uschend &ndash; Was Martin Schulz in Europa geschafft hat &ndash; und was nicht<\/a>&ldquo; zusammengefasst hat. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9694\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40085-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40085-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170914_Schulz_und_sein_Machtinstinkt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Bonse, Sie haben sich als Br&uuml;ssel-Korrespondent intensiv mit Martin Schulz auseinandergesetzt. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie davon geh&ouml;rt haben, dass er Kanzlerkandidat wird?<\/strong><\/p><p>Zuerst war ich &uuml;berrascht. Damit hatte ich &ndash; wie die meisten Beobachter in Br&uuml;ssel &ndash; nicht gerechnet.<\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Schulz hatte bis zuletzt darum gek&auml;mpft, in Br&uuml;ssel bleiben zu k&ouml;nnen und eine weitere Amtszeit als Pr&auml;sident der Europaparlaments zu bekommen. Allerdings hatte er auch schon P&ouml;stchen an seine engsten Mitarbeiter verteilt &ndash; ein erstes Zeichen, dass er wohl doch schon l&auml;nger den Absprung nach Berlin plante.<\/p><p><strong>Schulz wird in der Berichterstattung immer wieder als jemand angef&uuml;hrt, der in und f&uuml;r Europa viel bewirkt hat. Was sind Ihre Beobachtungen?<\/strong><\/p><p>Er hat einiges bewirkt, hohe Erwartungen geweckt und diese dann bitter entt&auml;uscht. Zu seinen Erfolgen z&auml;hlt sicher, dass er das Europaparlament aus dem Dornr&ouml;schenschlaf geweckt hat, in das es unter seinem Amtsvorg&auml;nger Hans-Gert P&ouml;ttering (CDU) gefallen war. Schulz hat das Parlament politischer gemacht und auch st&auml;rker ins &ouml;ffentliche Bewusstsein gebracht. Vor der Europawahl 2014 gelang ihm sogar ein Coup: Schulz lie&szlig; sich zum Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten k&uuml;ren und warb erfolgreich daf&uuml;r, dass auch die anderen Parteien mit europaweiten Spitzenkandidaten antreten &ndash; statt wie bisher &uuml;blich nur mit nationalen Listen. Damit bekam die Wahl eine europ&auml;ische Dimension; auch die Parteienfamilien wuchsen enger zusammen. Doch nach der Wahl &ndash; die er verlor &ndash; hat er die demokratische Entwicklung nicht vorangetrieben, sondern verk&uuml;mmern lassen.<\/p><p><strong>Was hat Schulz denn falsch gemacht?<\/strong><\/p><p>Er hat das EU-Parlament zunehmend als B&uuml;hne und als Sprungbrett f&uuml;r seine pers&ouml;nlichen Ambitionen genutzt und die demokratische Kontrollfunktion weitgehend ausgeschaltet. Eigentlich soll das Parlament ja ein Gegengewicht zu EU-Kommission und Ministerrat darstellen. Stattdessen hat Schulz mit Kommissionspr&auml;sident Jean-Claude Juncker gekungelt. Das ging bis hin zu t&auml;glichen Gespr&auml;chen &uuml;ber Details der EU-Agenda &ndash; wann kommt welches EU-Gesetz, wie kriegen wir das am besten durch etc. Au&szlig;erdem hat er sich weiter als Chef der sozialdemokratischen Fraktion geriert, obwohl diese l&auml;ngst einen eigenen, neuen Vorsitzenden hatte. Das hat es ihm erlaubt, die Gro&szlig;e Koalition im Parlament mit den Christdemokraten zu steuern &ndash; Schulz war nicht mehr Pr&auml;sident aller Europaabgeordneten, sondern ein parteiischer Koalitionsf&uuml;hrer, der Juncker st&uuml;tzte. Die demokratische Opposition aus Linken und Gr&uuml;nen hatte kaum noch eine Chance.  <\/p><p><strong>Was noch?<\/strong><\/p><p>Gleichzeitig war Schulz Mitglied im Parteivorstand der SPD. Einmal die Woche flog er zur Vorstandssitzung nach Berlin. Da auch die SPD in eine Gro&szlig;e Koalition eingebunden war, fungierte Schulz als Wassertr&auml;ger zwischen der Regierungsmehrheit in Berlin und der Parlamentsmehrheit in Br&uuml;ssel. Er konnte zwischen Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Kommissionschef Juncker vermitteln bzw. schon im Vorfeld Kompromisse ausloten. In wichtigen Fragen wie der Schuldenkrise um Griechenland oder der Fl&uuml;chtlingskrise 2015 war das sicher hilfreich &ndash; aber es nutzte vor allem gro&szlig;koalition&auml;ren deutschen Interessen und nicht unbedingt Europa. Kein Wunder, dass Merkel sehr zufrieden war und Schulz gern in Br&uuml;ssel gehalten h&auml;tte.  <\/p><p><strong>In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Schulz die Abgeordneten des EU-Parlaments regelm&auml;&szlig;ig &uuml;bergangen habe. Was hat er getan?<\/strong><\/p><p>Er hat gleich zu Beginn der Legislatur verhindert, dass ein schlagkr&auml;ftiger Untersuchungsausschuss zur Luxemburger Steueraff&auml;re (&bdquo;LuxLeaks&ldquo;) eingesetzt wurde. Damit hat er objektiv Kommissionschef Juncker protegiert, der ja fr&uuml;her Premierminister in Luxemburg war und dort ein Steuerparadies geschaffen hat. Dass Schulz seine sch&uuml;tzende Hand &uuml;ber Juncker hielt,  hat sogar seine eigenen Genossen ver&auml;rgert.<\/p><p><strong>Ein weiteres Beispiel?<\/strong><\/p><p>Schulz hat nichts daf&uuml;r getan, dass ein wichtiger und kritischer Parlamentsbericht zur Eurokrise  umgesetzt wurde. Die Abgeordneten haben darin unter anderem ein Ende der Troika gefordert &ndash; also jenes ungew&auml;hlten Gremiums von Aufsehern, das f&uuml;r viele EU-B&uuml;rger zum Synonym f&uuml;r ein asoziales und undemokratisches Euro-Regime wurde. Stattdessen lie&szlig; er den Bericht in der Schublade verschwinden und die Troika weiter arbeiten. Er hat sich auch nicht daf&uuml;r eingesetzt, dass nach dem Brexit eine umfassende EU-Reform eingeleitet wurde, wie dies die Abgeordneten  gefordert haben. Alles ging weiter wie zuvor, bis heute herrscht in Br&uuml;ssel Business as usual.<\/p><p><strong>Was sagt dieses Verhalten &uuml;ber Schulz aus?<\/strong><\/p><p>Schulz ist ein Machtmensch. Er l&auml;sst sich von seinem Machtinstinkt leiten und vergisst dabei allzu leicht demokratische Prinzipien und politische Ziele. Am Ende ging es nur noch um Selbstdarstellung und Machterhalt. Schulz hat zudem einen ausgepr&auml;gten Sinn f&uuml;r nationale deutsche Interessen erkennen lassen. Im Streit um Griechenland war er nicht mehr der &uuml;berzeugte Europ&auml;er, sondern der bornierte deutsche Besserwisser &ndash; wie viele Politiker der GroKo.<\/p><p><strong>Nun gab es gerade das &bdquo;Wahlduell&ldquo;zwischen Angela Merkel und Martin Schulz im Fernsehen. Kam Ihnen der Schulz, den Sie da gesehen haben, bekannt vor?<\/strong><\/p><p>Ja, sehr sogar. Die Art und Weise, in der er sich an die Moderatoren und sogar an Merkel angebiedert hat, kennen wir schon aus den Fernsehduellen zur Europawahl 2014. Damals war sich Schulz mit Juncker in allen gro&szlig;en Fragen einig; am Ende lagen sie sich sogar in den Armen. Gen&uuml;tzt hat es ihm nichts; er hat die Europawahl verloren&hellip;<\/p><p><strong>Was ist Ihnen noch aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Zu Europa kam nicht viel von Schulz. Dabei ist das doch seine Dom&auml;ne; hier h&auml;tte er Merkel vorf&uuml;hren k&ouml;nnen. Neben der Fl&uuml;chtlingspolitik hat ja auch der Schuldenstreit um Griechenland und die Dieselaff&auml;re f&uuml;r viel b&ouml;ses Blut in Br&uuml;ssel gesorgt. Zudem ist Merkel auch am Brexit nicht ganz unschuldig. All das h&auml;tte Schulz der Kanzlerin vorhalten und Alternativen aufzeigen k&ouml;nnen. Doch das hat er nicht gewagt &ndash; vermutlich, weil er an allen Entscheidungen beteiligt war&hellip;<\/p><p><strong>In Ihrem Buch gibt es ein Kapitel mit der &Uuml;berschrift: &bdquo;Stabilit&auml;t vor Demokratie&ldquo;.<\/strong><br>\n<strong>So fassen Sie das Agieren von Schulz auf EU-Ebene zusammen. Was genau meinen Sie damit?<\/strong><br>\n<strong>Und: Was bedeutet es, wenn ein Mann wie Schulz tats&auml;chlich Bundeskanzler w&uuml;rde?<\/strong><\/p><p>Das mit der Stabilit&auml;t l&auml;sst sich auf zwei Arten lesen. Die offizielle Lesart von Schulz und Merkel lautet, dass es darauf ankommt, die &bdquo;Populisten&ldquo; zu stoppen. Deshalb hat Schulz das Europaparlament wie ein Autokrat gef&uuml;hrt &ndash; Nigel Farage und Marine Le Pen, die ja ein EU-Mandat haben, sollten kleingehalten werden. Doch am Ende wurden nicht nur Farage und Le Pen geknebelt, sondern auch die eigenen sozialdemokratischen Abgeordneten und das gesamte rotgr&uuml;ne Lager. Das geht nat&uuml;rlich zu Lasten der Demokratie. Der Bereich des in Br&uuml;ssel Sag- und Machbaren wurde massiv eingeschr&auml;nkt &ndash; letztlich auf das, was Merkel passte und das &bdquo;deutsche Europa&ldquo; (Ulrich Beck) stabilisierte. Ich vermute, dass es nicht viel anders w&auml;re, wenn Schulz Bundeskanzler w&uuml;rde. Auch die Europapolitik w&uuml;rde sich nicht grundlegend &auml;ndern. Dabei w&auml;re dies dringend n&ouml;tig, wenn die EU ihre existentielle Krise &uuml;berwinden soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170914_bonse.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Der SPD-Kanlzerkandidat Martin Schulz &bdquo;hat das EU-Parlament zunehmend als B&uuml;hne und als Sprungbrett f&uuml;r seine pers&ouml;nlichen Ambitionen genutzt und die demokratische Kontrollfunktion weitgehend ausgeschaltet.&ldquo; Das sagt <strong><a href=\"http:\/\/ericbonse.eu\/\">Eric Bonse<\/a><\/strong>, Br&uuml;ssel-Korrespondent der taz im NachDenkSeiten-Interview. Bonse, der Schulz &uuml;ber viele Jahre bei seiner Arbeit auf<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40085\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,198,209,190],"tags":[2158,1843,2137,1600,1055,401,1555,685,1080,1927,315,1193,654,482],"class_list":["post-40085","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-interviews","category-wahlen","tag-bonse-eric","tag-brexit","tag-diesel","tag-eu-parlament","tag-fluechtlinge","tag-gabriel-sigmar","tag-griechenland","tag-juncker-jean-claude","tag-kanzlerkandidat","tag-luxleaks","tag-merkel-angela","tag-schulz-martin","tag-troika","tag-tv-duell"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40085","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40085"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89507,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40085\/revisions\/89507"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}