{"id":40095,"date":"2017-09-14T15:31:57","date_gmt":"2017-09-14T13:31:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40095"},"modified":"2017-09-18T07:54:12","modified_gmt":"2017-09-18T05:54:12","slug":"ein-grosser-fehler-der-linkspartei-sie-haette-sahra-wagenknecht-zur-kanzlerkandidatin-machen-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40095","title":{"rendered":"Ein gro\u00dfer Fehler der Linkspartei: Sie h\u00e4tte Sahra Wagenknecht zur Kanzlerkandidatin machen sollen."},"content":{"rendered":"<p>Dann w&auml;re der Anspruch auf den politischen Wechsel sichtbar geworden. Dann w&auml;re die fortschrittliche Alternative personalisiert &ndash; was angesichts der Neigung vieler Menschen, die Politik wie den Sport und die Unterhaltung an Personen festzumachen, nur eine Konzession an diese Gewohnheit gewesen w&auml;re. Am Beispiel eines Interviews mit Sahra Wagenknecht, dessen Verschriftung unten folgt, will ich sichtbar machen, wie berechtigt diese Personalisierung und die Nominierung als Kanzlerkandidatin gewesen w&auml;re. Hoffentlich ist man beim n&auml;chsten Mal kl&uuml;ger und l&auml;sst die parteiinternen Eifers&uuml;chteleien beiseite. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40095-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40095-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170915_Interview_mit_Sahra_Wagenknecht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&Uuml;brigens: Auch die Linkspartei ist in Gefahr, von innen heraus zerm&uuml;rbt und entleert zu werden, wie wir das bei den Gr&uuml;nen und der SPD erlebt haben. Die Unterwanderung von potenziell fortschrittlichen Parteien geh&ouml;rt wie die Lobbyarbeit und die Propaganda zu den Methoden, mit deren Hilfe sichergestellt werden soll, dass die neoliberalen und milit&auml;risch orientierten Kr&auml;fte die Oberhand all &uuml;berall auf der Welt behalten. Ich verweise auf den gestrigen Beitrag <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40074\">&bdquo;Ein Politb&uuml;ro f&uuml;r den Kapitalismus?&ldquo; So fragte der &bdquo;Spiegel&ldquo; im Blick auf das m&auml;chtige &bdquo;Council on Foreign Affairs&ldquo; (CFR)<\/a>.<\/p><p><strong>Hier aber nun zun&auml;chst das <a href=\"https:\/\/youtu.be\/9MEaAYanT_M\">Video mit Sahra Wagenknecht<\/a> und hier das verschriftete Interview. Wer sich genauer informieren will, sollte sich Wagenknechts Buch &bdquo;Couragiert gegen den Strom&ldquo; vornehmen:<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich ehrlich sein will zu mir selbst, muss ich mich auch politisch engagieren und deswegen habe ich damals dann 1990\/91 damit angefangen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170914-Wagenknecht.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Sahra Wagenknecht, Spitzenkandidatin der LINKEN, im Gespr&auml;ch &uuml;ber ihre Politik, ihr neues Buch, Goethe und die Zukunft<\/strong><\/p><p><strong>Politisch gegen den Strom zu schwimmen, kostet Kraft und Mut. Woher nehmen Sie beides?<\/strong><\/p><p>Wenn man sich die Welt anguckt, acht Superreiche haben mehr Verm&ouml;gen als die H&auml;lfte der Weltbev&ouml;lkerung, dann ist das doch krank und es zeigt auch, dass diese Wirtschaftsordnung krank ist. Selbst in einem Land, das so reich ist wie Deutschland, wo die Wirtschaft brummt, wo die gro&szlig;en Unternehmen mehr verdienen als je zuvor, gibt es immer mehr schlecht bezahlte, unsichere Arbeitsverh&auml;ltnisse. Die Menschen haben Angst vor Altersarmut. Wir haben miserabel ausgestattete Schulen f&uuml;r unsere Kinder und ich finde, das darf man nicht hinnehmen. Man darf sich nicht damit abfinden und das ist f&uuml;r mich auch die Motivation hier etwas zu &auml;ndern.<\/p><p><strong>Kann man in Zeiten gro&szlig;er Koalitionen und des neoliberalen Mainstreams Politik gegen den Strom machen?<\/strong><\/p><p>Das ist nicht nur m&ouml;glich, sondern eigentlich die Aufgabe demokratischer Politik, dass sie eben nicht f&uuml;r die oberen Zehntausend sich einsetzt, sondern f&uuml;r die Interessen der Mehrheit. Aber, man braucht nat&uuml;rlich das R&uuml;ckgrat, sich wirklich mit den M&auml;chtigen, mit denen, die die Konzerne lenken, mit denen, die an der Spitze der Banken stehen und vor allen Dingen mit den gro&szlig;en Eigent&uuml;mern von Kapital, anzulegen und dieses R&uuml;ckgrat fehlt leider den meisten Politikern. Und vor allem muss man aufpassen, dass man sich nicht kaufen l&auml;sst. Gerade Parteispenden an gro&szlig;e Unternehmen oder aber die Verlockungen durch lukrative Aufsichtsratsmandate &ndash; das ist gekaufte Politik und die setzt sich dann eben nicht mehr f&uuml;r die Mehrheit ein.<\/p><p><strong>Stichwort &bdquo;gekaufte Politik&ldquo; &ndash; werden Politiker zu schlecht bezahlt?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, daran liegt&rsquo;s nicht, aber es ist nat&uuml;rlich f&uuml;r manche Leute lukrativ, sich am Ende der politischen Laufbahn nochmal das ganz gro&szlig;e Geld zu sichern, indem sie ihre Adressb&uuml;cher versilbern. Und ich denke, es ist immer ein Problem, wenn sich in den H&auml;nden von Wenigen riesige Verm&ouml;gen zusammenballen, weil dadurch immer die Macht entsteht, auch das politische Geschehen zu beeinflussen und am Ende ist das mit Demokratie einfach nicht vereinbar.<\/p><p><strong>Handeln Politiker aktiv oder werden sie getrieben?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, es gibt in allen Parteien Politiker, die sich ganz ehrlich, couragiert und engagiert, zum Beispiel in ihrem Wahlkreis, f&uuml;r bestimmte Dinge einsetzen. Aber wenn es um die Bundespolitik geht, dann nehmen nat&uuml;rlich bestimmte Lobbys massiv Einfluss, und zwar Lobbys, die auch eine Kampagnenmacht haben, die auch Macht &uuml;ber Medien haben. Wir haben es ja jetzt aktuell wieder gesehen, wie zum Beispiel eine Forderung, die vor wenigen Jahren von den meisten Parteien noch unterst&uuml;tzt wurde, n&auml;mlich die Forderung nach einer Verm&ouml;genssteuer, wie diese Forderung durch eine massive Pressekampagne so diskreditiert wurde, dass noch nicht einmal mehr die SPD sich traut, diese Forderung in ihr Wahlprogramm zu schreiben. Das hei&szlig;t, wenn man sich mit diesen M&auml;chtigen anlegt, muss man nat&uuml;rlich auch damit rechnen, dass man von den von ihnen dominierten Medien Gegenwind bekommt. Ich glaube, das wollen viele Politiker nicht. Vor allem haben wir folgendes Problem: Es gibt nicht Wenige, die gehen nicht in die Politik, weil sie tats&auml;chlich etwas &auml;ndern wollen, weil sie politische &Uuml;berzeugungen haben usw., sondern weil sie einfach zuf&auml;llig in eine bestimmte Partei geraten sind und dann gucken, wie sie sich da irgendwie durchwinden und das ist nat&uuml;rlich keine gute Voraussetzung f&uuml;r verl&auml;ssliche Politik.<\/p><p><strong>Hat sich Politikmachen ver&auml;ndert, seit sie dabei sind?<\/strong><\/p><p>Ich denke, es hat sich l&auml;ngerfristig gesehen schon etwas ver&auml;ndert. Politik wird viel st&auml;rker medial gemacht. Das Debattenforum beispielsweise ist ja vom Bundestag in die Talkshows verschoben, was nat&uuml;rlich ein Problem ist. In den letzten Jahren hat neben den Talkshows die Bedeutung der sogenannten &bdquo;Sozialen Medien&ldquo;, also Twitter, Facebook usw., extrem zugenommen. Jeder, der politisch etwas erreichen will, bedient inzwischen diese nat&uuml;rlich auch. Nur, er bedient damit nat&uuml;rlich auch Konzerne mit einem unkontrollierbaren Algorithmus. Bei Facebook habe ich zwar im Griff, was ich einstelle. Aber ich habe nicht im Griff, was der User tats&auml;chlich sieht. Das entscheidet der Algorithmus von Facebook. Insoweit sind das eben einfach auch noch mal ganz neue Mechanismen. Umgekehrt gilt allerdings auch: keiner kann mich dort zensieren, ich bin nicht davon abh&auml;ngig, ob ARD, ZDF oder eine Zeitung der Meinung ist, meine Meldung ist gut genug, um davon zu berichten. Ich kann alles dort einstellen, was ich einstellen will. Es gibt also Vor- und Nachteile, aber es ist eben tats&auml;chlich ein neues Medium seit einigen Jahren, das es vorher so gar nicht gab.<\/p><p><strong>Ist die SPD noch zu retten?<\/strong><\/p><p>Das w&uuml;sste ich auch gern. Ich habe schon seit Jahren immer wieder gedacht, okay, jetzt ist das Limit erreicht, jetzt f&auml;ngt sie sich wieder. Auch damals, als Frank-Walter Steinmeier die 23 Prozent erreichte, da dachte man doch, irgendwie muss die SPD doch verstehen, dass wenn sie gegen ihre eigenen W&auml;hler Politik macht, wenn sie Renten k&uuml;rzt, wenn sie L&ouml;hne dr&uuml;ckt, dass das nat&uuml;rlich nicht goutiert wird. Die Vorstandsvorsitzenden der DAX-Konzerne w&auml;hlen eben nicht SPD und trotzdem haben sie immer weitergemacht. Auch als Schulz nominiert wurde, gab es ja bei vielen zun&auml;chst einmal die Hoffnung, dass er die SPD wieder zu einer sozialdemokratischen Partei machen w&uuml;rde. Er hat dann aber in den darauffolgenden Monaten alles daf&uuml;r getan, diese Hoffnung zu zerst&ouml;ren. Der traurige Endpunkt war das Umjubeln von Starredner Schr&ouml;der, also ausgerechnet des Agenda-Kanzlers, auf dem SPD-Parteitag und das alles unter dem Slogan &bdquo;Zeit f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;. Absurder geht&rsquo;s nicht. Also, insoweit: ich wei&szlig; es nicht. Zumindest gibt es bisher keine Anzeichen daf&uuml;r, dass sie wirklich wieder zu einem Kurs zur&uuml;ckfinden will, der ihr Anerkennung bei den Leuten garantieren wird, weil sie sich wirklich f&uuml;r ihre Interessen einsetzt. Sie setzt sich gegen ihre Interessen ein, nach wie vor.<\/p><p><strong>Die wichtigsten Dinge, die Sie in Deutschland &auml;ndern w&uuml;rden?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dringend ist die Wiederherstellung des Sozialstaates. Das ist ja noch nicht einmal irgendwie eine sozialistische Forderung. L&auml;ngerfristig m&ouml;chte ich eine andere Wirtschaftsordnung, l&auml;ngerfristig will ich den Kapitalismus &uuml;berwinden. Aber kurzfristig w&auml;re ja schon viel getan, wenn man wenigstens wieder f&uuml;r alle eine gute Krankenversicherung herstellt, dass man nicht mehr zuzahlen muss, dass nicht der Arbeitnehmer alleine oder immer mehr von den Beitr&auml;gen zahlen muss. Es w&auml;re viel getan, wenn wir wieder eine Arbeitslosenversicherung h&auml;tten, die wirklich vor einem  sozialen Absturz sch&uuml;tzt und vor allem auch eine Rentenversicherung, bei der nicht Durchschnittsverdiener sogar Angst vor Altersarmut haben m&uuml;ssten. Und dieser ganze Riester-Unsinn, der ist doch gefloppt. Jeder wei&szlig; heute, dass das nur Banken und Versicherungen reich macht. Also, warum gehen wir nicht den Weg von &Ouml;sterreich, lassen alle einzahlen, auch Selbst&auml;ndige, auch Beamte und haben am Ende eine gesetzliche Rente wie in &Ouml;sterreich, die aktuell 800 Euro mehr im Monat betr&auml;gt als in Deutschland. Das w&auml;ren ganz wichtige Reformen. Dann brauchen wir ein gerechtes Steuersystem, das nicht Geringverdiener und Mittelverdiener belastet, sondern vor allem Superreiche besteuert und die Verm&ouml;genssteuer ist auch ein wichtiger Punkt. Und au&szlig;enpolitisch muss Deutschland endlich wieder die Kurve bekommen und eine Au&szlig;enpolitik machen, die sich an den Traditionen Willy Brandts orientiert: also Friedenspolitik, Entspannungspolitik, auch gerade gegen&uuml;ber Russland. Das w&auml;re ganz, ganz entscheidend statt einer US-Politik, gerade jetzt auch unter Donald Trump, hinterherzulaufen, die den Weltfrieden immer mehr gef&auml;hrdet.<\/p><p><strong>Wie kann man der Politikverdrossenheit begegnen?<\/strong><\/p><p>Die Politikverdrossenheit kommt ja daher, dass die Menschen &ndash; und das ist f&uuml;r viele sehr wichtig &ndash; das Gef&uuml;hl haben, dass sich die Politik nicht mehr um ihre Interessen k&uuml;mmert und dass sie auch die Bodenhaftung verloren hat. Wenn Frau Merkel den Menschen erz&auml;hlt, Deutschland gehe es so gut wie nie zuvor und man wei&szlig; aber real, das hat das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung errechnet, vierzig Prozent der Bev&ouml;lkerung haben heute weniger Einkommen als Ende der 90er-Jahre, dann ist das eine Demonstration einer solchen Ignoranz gegen&uuml;ber den Lebensverh&auml;ltnissen, dass man sich nicht wundern muss, dass Menschen sich abwenden, dass sie das Gef&uuml;hl haben, entweder wissen die Politiker &uuml;berhaupt nicht mehr, wie es ihnen geht oder aber, sie interessieren sich nicht daf&uuml;r. Ein Beispiel: Das Wahlplakat der CDU &bdquo;F&uuml;r ein Deutschland in dem wir gut und gerne leben&ldquo;.  Das ist doch eigentlich eine Aufforderung, Frau Merkel abzuw&auml;hlen, denn in diesem Deutschland leben heute eben sehr viele Menschen nicht mehr gut, sondern sehr unsicher. Sie haben einfach Angst, soziale &Auml;ngste und andere &Auml;ngste. Frau Merkel aber nimmt sozusagen diese Plakatwerbung f&uuml;r sich und die Aussagen werden &ouml;ffentlich kaum in Frage gestellt.<\/p><p><strong>Kooperation statt Egoismus &ndash; werden wir den Raubtierkapitalismus irgendwann &uuml;berwinden?<\/strong><\/p><p>Erst einmal liegt ja der Raubtierkapitalismus gar nicht im Interesse der Mehrheit. Selbst unter egoistischen Gesichtspunkten ist die Mehrheit eigentlich Leidtragende des Raubtierkapitalismusses. Es ist aber auch ansonsten &uuml;berhaupt nicht Realit&auml;t, dass Menschen so funktionieren, wie in der herrschenden &Ouml;konomie angenommen:  Der homo oeconomicus also, der immer nur seinen Nutzen maximiert. Unter dieser Annahme w&uuml;rde auch der Kapitalismus nicht funktionieren. Ich meine, es gibt auch in dieser heutigen Gesellschaft ganz viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, die sich f&uuml;r andere einsetzen. Und selbst in einem Konzern, wenn dort nur Dienst nach Vorschrift gemacht w&uuml;rde, also nur das, was abrechenbar geleistet werden muss, auch getan w&uuml;rde, w&auml;re die Leistung eben nicht da. Das hei&szlig;t,  Menschen sind soziale Wesen und Menschen leiden ja eigentlich auch unter nichts so sehr, wie unter Einsamkeit. Menschen wollen ja auch in einem Umfeld leben, in dem sie nicht das Gef&uuml;hl haben, dass es riesige soziale Spaltungen gibt. Und insoweit glaube ich, eine Gesellschaft, die nur auf Isolierung setzt, auf Egoismus, die geht auch an den Bed&uuml;rfnissen der meisten Menschen vorbei. Und diejenigen, die heute ihren Egoismus exzentrisch ausleben, auch in Form von Gier, in Form von schamloser Bereicherung, das ist ein Teil der Oberschicht, das sind Leute an der Spitze von Banken, an der Spitze von Autokonzernen &ndash; beweisen einen v&ouml;lligen Verfall von Moral, der dahinter steht und diesen Verfall findet die Mehrheit unserer Gesellschaft auch nicht gut.<\/p><p><strong>Eine Schl&uuml;sselsituation Ihrer Politisierung?<\/strong><\/p><p>Im Grunde gibt&rsquo;s da zwei. Zun&auml;chst einmal war ich als Jugendliche eigentlich mehr mathematisch-naturwissenschaftlich interessiert und gar nicht politisch. Ich habe dann aber mit 16 Jahren angefangen, Goethe zu lesen, klassische Literatur zu lesen, und da habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben &uuml;berhaupt die Frage gestellt, warum sind Gesellschaften so, wie sie sind, warum beispielsweise, damals f&uuml;r mich, ist die DDR so ein versteinertes System geworden, obwohl sie doch eigentlich mal andere Anspr&uuml;che hatte oder andere Ideale dahinterstanden. Und da habe ich angefangen, &uuml;ber gesellschaftliche Fragen nachzudenken und habe dann nat&uuml;rlich auch sp&auml;ter sehr viel Marx gelesen und Rosa Luxemburg, aber dass ich mich wirklich politisch engagiere, das war erst das Ergebnis der Wendezeit, also als ich pl&ouml;tzlich in der Bundesrepublik gelebt habe. Ich wollte immer eine andere DDR, ich war nie besonders gl&uuml;cklich mit den Verh&auml;ltnissen, die ich in der DDR hatte. Aber ich wollte auch nicht im Kapitalismus leben. Und als ich mich dann nach der Wende auf einmal in eben dieser Bundesrepublik wiederfand, stand nat&uuml;rlich f&uuml;r mich die Frage im Raum, welchen Lebensweg gehe ich jetzt. Vorher wollte ich eigentlich Philosophin werden, wollte an einer Universit&auml;t arbeiten und dann dachte ich, nee, also irgendwo, wenn ich ehrlich sein will zu mir selbst, muss ich mich auch politisch engagieren und deswegen habe ich schlie&szlig;lich 1990\/91 damit angefangen.<\/p><p><strong>Was k&ouml;nnen wir heute noch von Goethe lernen?<\/strong><\/p><p>Goethe war einer der fr&uuml;hesten Kapitalismuskritiker. Wenn man den &bdquo;Faust&ldquo;, vor allen Dingen &bdquo;Faust II&ldquo; liest, entdeckt man, dass das ein unglaublich prophetisches Werk ist. Goethe hat auf der einen Seite nat&uuml;rlich die Potenziale des Kapitalismus gesehen, Reichtum zu schaffen, Wohlstand zu schaffen, aber eben auch die ganzen Gefahren dahinter. Faust ist ja zum Schluss quasi der Gebieter &uuml;ber einen Weltkonzern und dieser Weltkonzern expandiert weiter und Faust h&auml;lt es nicht aus, dass ein kleiner H&uuml;gel nicht zu seinem Besitz geh&ouml;rt. Weil er aber eben alles beherrschen will, wird er am Ende dadurch zum Verbrecher: Er schickt Mephistopheles und l&auml;sst die alten Leute, Philemon und Baucis, verbrennen. Und Goethes &bdquo;Faust&ldquo; enth&auml;lt auch die prophetische Beschreibung: &bdquo;Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen&ldquo;. Also Welthandel und kriegerische Konflikte um Rohstoffe, das geh&ouml;rt schon f&uuml;r Goethe alles zum Kapitalismus dazu. Also, da steckt unheimlich viel drin, was man entdecken kann und entdecken sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann w&auml;re der Anspruch auf den politischen Wechsel sichtbar geworden. 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Am Beispiel eines Interviews mit Sahra Wagenknecht, dessen Verschriftung unten folgt, will ich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40095\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,195,198,190],"tags":[635,277,1504,1601,374,2013,1903,1494,1080,909,315,1475,633,288,411,1193,1113,520,291,632,1817],"class_list":["post-40095","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-die-linke","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-wahlen","tag-altersarmut","tag-ddr","tag-egoismus","tag-ehrenamtlichkeit","tag-eliten","tag-entspannungspolitik","tag-gemeinwohl","tag-infrastruktur","tag-kanzlerkandidat","tag-kapitalismus","tag-merkel-angela","tag-parteispenden","tag-politikerverdrossenheit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-schroeder-gerhard","tag-schulz-martin","tag-soziale-medien","tag-vermoegensteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wagenknecht-sahra","tag-zuzahlungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40095"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40135,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40095\/revisions\/40135"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}