{"id":401,"date":"2004-11-18T16:53:18","date_gmt":"2004-11-18T15:53:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=401"},"modified":"2016-03-23T10:46:52","modified_gmt":"2016-03-23T09:46:52","slug":"sachverstandigenrat-bleibt-auf-dem-wirtschaftspolitischen-holzweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=401","title":{"rendered":"Sachverst\u00e4ndigenrat bleibt auf dem wirtschaftspolitischen \u201eHolzweg\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Holzweg ist bekanntlich ein Weg, der in den Wald hineinf&uuml;hrt, also weg vom Ort wo Menschen leben. Diesen Weg, weg von der Wirklichkeit der Menschen, schl&auml;gt das Jahresgutachten 2004\/05 des Sachverst&auml;ndigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung unter dem Titel &bdquo;Erfolge im Ausland &ndash; Herausforderungen im Inland&ldquo; einmal mehr vor. Das Gutachten schreibt seine fr&uuml;heren Empfehlungen fort, die genau dahin gef&uuml;hrt haben, wo wir heute sind. Also weiter mit Sparen, Steuersenkungen, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und weitere Kapitaldeckung (Privatisierung) der Sozialversicherungssysteme.<br>\n<!--more--><br>\nDass die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Unternehmen sich deutlich verbessert hat, kann inzwischen auch der Sachverst&auml;ndigenrat nicht mehr leugnen. Es ist auch immerhin erfreulich, dass der These von der &bdquo;Basar&ouml;konomie&ldquo;, wonach die Exporterfolge zunehmend nur dem Import aus Billiglohnl&auml;ndern geschuldet seien, nicht gefolgt wird.<br>\nDie f&uuml;nf &bdquo;Wirtschafsweisen&ldquo; gestehen endlich ein, was seit Jahren offen auf der Hand liegt, n&auml;mlich dass unsere andauernde Wachstumsschw&auml;che nicht an der mangelnden Wettbewerbsf&auml;higkeit liegt, sondern vor allem auf die mangelnde Binnennachfrage zur&uuml;ck zu f&uuml;hren ist. Wer aber nun ein Programm zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur erwartet, wird bitter entt&auml;uscht. Es folgen nur die alten &ndash; schon in der Vergangenheit wenig erfolgreichen &ndash; Rezepte: &bdquo;R&uuml;ckf&uuml;hrung der Defizite in den &ouml;ffentlichen Haushalten&ldquo;, &bdquo;Schaffung eines die Wachstums- und Investitionsanreize st&auml;rkenden Steuersystems&ldquo;, &bdquo;mehr Flexibilit&auml;t insbesondere auf Teilbereichen des Arbeitsmarktes&ldquo;, eine st&auml;rkere Kapitaldeckung bei der &bdquo;Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Pflegeversicherung&ldquo;. Hinzu kommen noch die Empfehlungen zur &bdquo;Beseitigung der erkennbaren M&auml;ngel auf allen Ebenen des deutschen Bildungssystems&ldquo; sowie einer &bdquo;teilweisen Neuausrichtung des Aufbaus Ost&ldquo;. <\/p><p>Dass Sparappelle und Sparabsichten der &Ouml;ffentlichen Hand bei schwacher Binnenkonjunktur nicht zu Sparerfolgen f&uuml;hren m&uuml;ssen, sondern das Wachstum nur zus&auml;tzlich d&auml;mpfen, hat nun der &bdquo;eiserne Hans&ldquo; seit sechs Jahren erfahren und die Finanzminister vor ihm auch schon, wie man am wachsenden Schuldenberg erkennen kann. <\/p><p>Was die Arbeitsmarktreformen von Hartz, &uuml;ber die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes, bis hin zu Niedrigl&ouml;hnen und Mini-Jobs zur Belebung auf dem Arbeitsmarkt und vor allem zur Steigerung der Binnennachfrage beitragen, k&ouml;nnen wir seit einiger Zeit beobachten: steigende Arbeitslosigkeit, R&uuml;ckgang des Konsums und Ausblutung der Sozialkassen. <\/p><p>Welchen Effekt eine st&auml;rkere Kapitaldeckung gegen&uuml;ber dem Umlageverfahren bei den Sozialversicherungssystemen hat, k&ouml;nnen wir bei der &bdquo;Riester-Rente&ldquo; beobachten. Der tendenziell gleiche Effekt wird auch bei der Krankheits- und Pflegeabsicherung eintreten: Eine Entlastung der Arbeitgeberseite, eine Mehrbelastung der privaten Haushalte, eine K&uuml;rzung der Leistungen und eine weitere Verschlechterung der Situation der Bezieher niedriger Einkommen. <\/p><p>Immerhin versprechen sich unsere protokollarisch h&ouml;chstangesiedelten Wirtschaftsexperten von einer generellen Arbeitszeitverl&auml;ngerung ohne Lohnausgleich &bdquo;keine merklich Erh&ouml;hung der Anzahl der Besch&auml;ftigten&ldquo;, aber dagegen sind sie auch nicht.<br>\nUnd gegen Mindestl&ouml;hne sind sie auch. Ihre Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Ablehnung l&auml;sst die Denkstrukturen der &ouml;konomischen Ideologie erkennen, der jedenfalls die Mehrzahl der vier weisen M&auml;nner, neuerdings erg&auml;nzt durch eine Frau huldigen: Eine &bdquo;besch&auml;ftigungsfreundliche&ldquo; Mindestsicherung stelle im Vergleich zu Mindestl&ouml;hnen das &bdquo;weitaus &uuml;berlegenere Instrument dar&ldquo;. &bdquo;Besch&auml;ftigungsfreundlich&ldquo; darf man ohne b&ouml;sartig zu sein, so &uuml;bersetzen: Die Mindestsicherung muss man so niedrig ansetzen, dass die pure Not die Menschen in Besch&auml;ftigung zwingt, egal f&uuml;r welchen Lohn. <\/p><p>Die in Deutschland absolut herrschende &bdquo;angebotsorientierte&ldquo; &ouml;konomische Lehre, schl&auml;gt, wie in den fr&uuml;heren Gutachten, bis in die Nuancen der Empfehlungen durch. Man fragt sich wie das Mitglied Peter Bofinger, den man eher zu den Kritikern dieser &bdquo;Pferde-Spatzen-Theorie&ldquo; z&auml;hlen konnte, dieses &bdquo;Jahres&ldquo;-Gutachten mit seinen Philippika, die er das &uuml;brige Jahr &bdquo;gegen &ouml;konomische Halbwahrheiten und Fehldiagnosen&ldquo;(Vgl. z.B. seine Aufsatzserie in der Frankfurter Rundschau) h&auml;lt, in einen wissenschaftlichen geschweige denn wirtschaftspolitischen Einklang bringen kann. Dabei soll allerdings sein Pl&auml;doyer f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne nicht verschwiegen werden. <\/p><p>Wenn man der &Ouml;ffentlichkeit aus Versehen das letzte Jahresgutachten vor einem Jahr vorgelegt h&auml;tte, w&auml;re das allenfalls dem aufgefallen, der auf die Zahlen geschaut h&auml;tte, an den Ratschl&auml;gen h&auml;tte man es wohl kaum bemerkt, selbst das jetzt neu in die Debatte geworfene Modell der &bdquo;B&uuml;rgerpauschale&ldquo; bei der Krankenversicherung war im letzten Gutachten schon angelegt. <\/p><p>Da die Wirtschaftswissenschaften sich inzwischen zur Leitwissenschaft f&uuml;r alle Lebenszusammenh&auml;nge empor geschwungen haben, nimmt die Selbstverst&auml;ndlichkeit nicht wunder, mit der sich die Wirtschaftsweisen in ihrem Gutachten der Bildungspolitik annehmen. Sie sehen in &bdquo;den&ldquo; Wirtschaftswissenschaften &bdquo;wichtige und origin&auml;re Beitr&auml;ge zum Verst&auml;ndnis und zur Reform des Bildungssystems (Ziff. 565 des Gutachtens). Dass Bildung dann nur noch in den Kategorien von &bdquo;Humankapital&ldquo; als ein &bdquo;zentraler Faktor des Wachstums&ldquo; oder als privates Investment vorkommt, l&ouml;st kein Erstaunen mehr aus. Der &ouml;konomische Omnipotenzanspruch reicht bis zur &bdquo;Akkumulation von Humankapital&ldquo; auf dem Felde der &bdquo;Sekund&auml;rtugenden&ldquo;, n&auml;mlich &bdquo;Zuverl&auml;ssigkeit, Arbeitsdisziplin, Teamf&auml;higkeit&ldquo;. Resignierend stellt das Gutachten fest, dass diese Tugenden eben &bdquo;teilweise angeboren&ldquo; seien. Es l&ouml;st damit mit leichter Hand manche umstrittene p&auml;dagogische Streitfrage (Siehe Ziff. 559 des Gutachtens). <\/p><p>Was bleibt von Bildung &uuml;brig, wenn sich &Ouml;konomen ihrer bem&auml;chtigen: Zitat: &bdquo;Letztlich zielt die Analyse des Bildungsprozesses jedoch auf den dadurch hervorgebrachten Produktionsfaktor Humankapital und die damit zu erwirtschaftenden Ertr&auml;ge. Denn erst diese Ertr&auml;ge rechtfertigen die besondere Bedeutung, die dem Bildungssystem in der &Ouml;konomie zukommt. F&uuml;r die folgende Betrachtung wird Bildung daher prim&auml;r als Humankapitalinvestition verstanden, die in der Folgeperiode Ertr&auml;ge abwirft.&ldquo; Zitat Ende. (Ziff. 560) <\/p><p>Es ist selbstverst&auml;ndlich, dass Bildung bei einem solchen Verst&auml;ndnis nicht mehr &ndash; wie in der Phase der Bildungsexpansion &ndash; als ein &ouml;ffentliches gemeinn&uuml;tziges Gut betrachtet wird, dessen F&ouml;rderung eine &ouml;ffentliche Aufgabe ist, sondern Bildung wird reduziert als ein weitgehend privates Investment, bei dem es vor allem um den &bdquo;return on investment&ldquo; geht. Mit den inzwischen wohlfeilen pseudo&ouml;konomischen Argumenten fordert der Sachverst&auml;ndigenrat dann auch die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren. <\/p><p>Auf finanzwissenschaftliche Fachfragen, f&uuml;r die &Ouml;konomen eigentlich zust&auml;ndig sein sollten, werden Antworten verweigert. So etwa, wie in der Bundesrepublik der von der EU geforderte Anteil von 3% f&uuml;r Forschungsinvestitionen gemessen am Bruttosozialprodukt aufgebracht werden k&ouml;nnte. Da besch&auml;ftigt man sich lieber ausf&uuml;hrlich mit der Verschuldensgrenze von 3% nach dem Maastrichter Vertrag. Und wenn man schon Bildung ausschlie&szlig;lich unter dem Blickwinkel von Produktivit&auml;t und Rentabilit&auml;t betrachtet und wenn man dann auch noch &bdquo;Flexibilit&auml;t&ldquo; von den Arbeitnehmern abverlangt, so h&auml;tte man in fachlicher Selbstbescheidenheit doch wenigstens einen Hinweis erwarten k&ouml;nnen, wie jenseits von Schule und Hochschule, Weiterbildung von Arbeitnehmern organisiert und vor allem finanziert werden k&ouml;nnte.<br>\nAber statt sich mit solchen konkreten Fragen zu befassen, wo &Ouml;konomen gefordert w&auml;ren, begibt man sich lieber aufs glatte Eis der Bildungspolitik &ndash; und aufs Eis begibt sich bekanntlich nur der Esel der sich zu wohl f&uuml;hlt. <\/p><p>Bei einem solche &ouml;konomistischen Bildungsverst&auml;ndnis braucht man sich nicht mehr wundern, wenn sich die Wertorientierung, die Bildung vermitteln soll, auf solche Wertkategorien reduziert, wie viel Gewinne aus Spekulationsblasen abgesahnt werden k&ouml;nnen &ndash; ganz so, wie das Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, am Rande des Mannesmann-Prozesses so trefflich zusammengefasst hat. <\/p><p>Sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen bedienen zu k&ouml;nnen, so hat Immanuel Kant einmal Bildung definiert. Das ist zwar schon lange her, aber man kann ja trotzdem noch hoffen, dass der Bundeskanzler, dem das Gutachten &uuml;bergeben wurde, genug Bildung hat, um sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, statt dass er sich von diesem &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrat&ldquo; anleiten l&auml;sst. Schlie&szlig;lich ist Gerhard Schr&ouml;der ein Kind der Bildungsreformen der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts &ndash; als Bildung noch etwas mit M&uuml;ndigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen leben zu tun hatte und nicht nur etwas mit effizienter Faktorallokation. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/gutacht\/04_v.pdf\" title=\"Externer Link - PDF - zu http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/gutacht\/04_v.pdf\">www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/gutacht\/04_v.pdf<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/aktuell\/04_press.pdf\" title=\"Externer Link - PDF - zu http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/aktuell\/04_press.pdf\">www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/aktuell\/04_press.pdf<\/a>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Holzweg ist bekanntlich ein Weg, der in den Wald hineinf&uuml;hrt, also weg vom Ort wo Menschen leben. 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