{"id":40146,"date":"2017-09-18T12:01:18","date_gmt":"2017-09-18T10:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40146"},"modified":"2017-09-19T08:08:56","modified_gmt":"2017-09-19T06:08:56","slug":"warum-spielt-das-thema-armut-im-wahlkampf-eigentlich-keine-rolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40146","title":{"rendered":"Warum spielt das Thema Armut im Wahlkampf eigentlich keine Rolle?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>Schon beim TV-Duell nahmen die AfD-Themen &bdquo;Migration&ldquo;, &bdquo;Islam&ldquo; und &bdquo;Terrorismus&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/tv-duell-angela-merkel-vs-martin-schulz-keine-zeit-fuer-bildung-und-klima-a-1166078.html\">mehr als die H&auml;lfte<\/a> der gesamten Sendezeit ein. F&uuml;r das Thema Armut waren da nur noch ein paar Nebens&auml;tze &uuml;brig. Dieses Missverh&auml;ltnis l&auml;sst sich spiegelbildlich auf den gesamten Wahlkampf &uuml;bertragen. Uns geht es doch gut &hellip; so k&ouml;nnte man meinen. Die offiziellen Zahlen zur Armutsgef&auml;hrdung, die das Statistische Bundesamt Ende August <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/GesellschaftStaat\/Soziales\/Sozialberichterstattung\/Sozialberichterstattung.html\">ver&ouml;ffentlicht hat<\/a>, sprechen da jedoch eine ganz andere Sprache. <strong>W&auml;hrend der gesamten Kanzlerschaft Merkels stieg die Armutsgef&auml;hrdungsquote und liegt heute auf dem historisch h&ouml;chsten Stand.<\/strong> Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Thema weitestgehend ignoriert wird. <strong>Kann es sein, dass es den Eliten sehr gelegen kommt, dass Deutschland sich lieber &uuml;ber Fl&uuml;chtlinge und Kopft&uuml;cher aufregt als &uuml;ber die allgegenw&auml;rtige Armut?<\/strong> Denn so muss man wenigstens nichts &auml;ndern. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9604\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40146-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40146-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170918_Armut_im_Wahlkampf_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>2006, im ersten Jahr der Merkel-Kanzlerschaft, betrug die offizielle Armutsgef&auml;hrdungsquote 14,0%. Seitdem stieg sie Jahr f&uuml;r Jahr stetig an und betr&auml;gt nun 15,7%. Besonders armutsgef&auml;hrdet sind Alleinerziehende und Personen mit niedrigem Ausbildungsniveau. Bemerkenswert ist hier vor allem, dass die Armut in diesen Problemgruppen w&auml;hrend der Merkel-Jahre nicht etwa ab-, sondern ganz im Gegenteil besonders stark zugenommen hat. So stieg die Quote bei den Alleinerziehenden von 37,0% auf 43,6% und bei den Personen mit niedrigem Bildungsabschluss von 32,0% auf 40,2%. <\/p><p>Eine besondere Rolle nehmen hier &uuml;brigens die Rentner und Pension&auml;re ein, die erst seit 2014 &uuml;berhaupt zur Problemgruppe geh&ouml;ren. Bei ihnen ist die Armutsgef&auml;hrdungsquote von 10,3% im Jahr 2006 um ganze 50% auf heute 15,9% gestiegen. <strong>Waren Bezieher von Renten und Pensionen 2006 noch deutlich geringer von Armut bedroht als der Rest der Bev&ouml;lkerung, sind sie heute &uuml;berdurchschnittlich h&auml;ufig von Armut bedroht.<\/strong> Auch dies ist eine der Schattenseiten der Merkel-&Auml;ra.<\/p><p>Heute ist Deutschland &ndash; mit Ausnahme von Polen &ndash; von V&ouml;lkern umringt, die teils deutlich weniger armutsgef&auml;hrdet sind. Diese Entwicklung ist im Kern schon lange im Gange. Seit 1973 steigt die Armut in Deutschland. Seit Verabschiedung der Agenda 2010 und den letzten Rentenk&uuml;rzungen hat die Steigerung der Armut jedoch erheblich zugenommen. Es mag ja sein, dass es Angela Merkel und den Journalisten, die immer und immer wieder repetieren, dass es uns doch so gut ginge, wirklich gut geht &ndash; f&uuml;r einen immer gr&ouml;&szlig;eren Teil der Bev&ouml;lkerung trifft dies jedoch nicht zu. Und das ist kein subjektiver Wahlkampfslogan, sondern objektive Realit&auml;t &ndash; basierend auf dem Mikrozensus, zertifiziert vom Statistischen Bundesamt.<\/p><p>Gr&uuml;nde f&uuml;r die Entwicklung gibt es viele. Die Folgen der Agenda und die Rentenk&uuml;rzungen sind da nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem die viel zu geringen Lohnsteigerungen im unteren und mittleren Einkommensspektrum sind ma&szlig;geblich verantwortlich. Streichungen von Sozialleistungen und die Verschlechterung der beruflichen Fort- und Weiterbildung tun ihr &uuml;briges. Im Gro&szlig;en und Ganzen geht es daher um die auf den NachDenkSeiten schon h&auml;ufig thematisierte Umverteilung von unten nach oben, deren Folgen immer offensichtlicher werden. <\/p><p>Wie kann es sein, dass dieses elementar wichtige Thema im Wahlkampf nahezu keine Rolle spielt? Die Antworten d&uuml;rften kaum &uuml;berraschen: <\/p><ul>\n<li>Die Analyse wird von den gro&szlig;en Parteien und den reichweitenstarken Medien noch nicht einmal geteilt. Wenn man ein Problem nicht sieht, kann man auch nicht dar&uuml;ber diskutieren.<\/li>\n<li>Es gibt bei diesem Thema zwischen den beiden gro&szlig;en Parteien keine gro&szlig;en Unterschiede.<\/li>\n<li>Parteien, die den Eliten in den Medienh&auml;usern und Sendeanstalten nahestehen, k&ouml;nnen bei diesem Thema nichts gewinnen. Daher spricht man das Thema &bdquo;Armut&ldquo; lieber gar nicht an. <\/li>\n<li>Soziale Themen passen nicht in unsere Glanz-und-Gloria-Medienwelt; sie sind nicht sexy und es geht um Gruppen, die ohnehin f&uuml;r die Werbewirtschaft nicht sonderlich relevant sind. Werbung f&uuml;r neue SUVs passt halt schlecht ins redaktionelle Umfeld von armen Rentnern, Hilfsarbeitern und Alleinerziehenden.<\/li>\n<li>Das Thema ist zwar nicht &uuml;berkomplex, bietet sich aber auch nicht f&uuml;r stark vereinfachte Antworte &aacute; la &bdquo;Ausl&auml;nder raus&ldquo; oder &bdquo;Grenzen dicht&ldquo; an.<\/li>\n<li>Das Thema ist nicht im Interesse derer, die von der Umverteilung von unten nach oben profitieren.<\/li>\n<\/ul><p>Zugespitzt k&ouml;nnte man sagen: Die Folgen der Armut merkt man im Speckg&uuml;rtel oder in der feinen Elbchaussee nun mal nicht, Schlagzeilen und Talkshowthemen werden jedoch nicht in den Plattenbausiedlungen der Trabantenst&auml;dte gemacht. Das Sein bestimmt nun einmal das Bewusstsein und in der &ouml;konomischen Belle Etage sind arbeitgebernahe Positionen weit verbreitet. Wenn die Antwort auf die steigende Armut eine Umkehr der Verm&ouml;gensumverteilung ist und k&uuml;nftig von oben nach unten umverteilt werden soll, ist das nicht im Eigeninteresse der Medienmacher, Werbetreibenden und sonstigen Verantwortlichen im Mediensystem. Und die &Ouml;ffentlich-Rechtlichen? Dort bestimmt bekannterma&szlig;en das Parteibuch &uuml;ber das berufliche Weiterkommen und die Fokussierung auf ein Thema, das beiden gro&szlig;en Parteien nicht gelegen kommt, ist da sicher nicht unbedingt hilfreich.<\/p><p>Bei den AfD-Themen sieht das ganz anders aus. Im Mittelmeer ertrinkende Afrikaner, brennende Fl&uuml;chtlingsheime und Burkas bringen Quote, ziehen auch Konsumenten an, die f&uuml;r die Werbewirtschaft interessant sind und bieten eine herrliche Projektionsfl&auml;che f&uuml;r unsere Weltvereinfacher. Wichtiger ist jedoch: Wenn Kevin aus M&uuml;mmelmannsberg in seinem Nachbar Mustafa den &bdquo;wahren Feind sieht&ldquo;, kann der Verleger aus Blankenese ruhig schlafen. Und wenn der Grundsicherungsrentner aus Pirna vor allem Angst vor der Islamisierung der S&auml;chsischen Schweiz hat, muss sich der Talkshow-Moderater keine Sorgen machen, dass er k&uuml;nftig h&ouml;here Abgaben oder Steuern zahlen muss. Nein &ndash; so lange der Michel sich ins Bockshorn jagen l&auml;sst, &auml;ndert sich an den Zust&auml;nden nicht viel. Teile und herrsche &ndash; dieses alte Herrschaftsprinzip ist auch heute noch sehr beliebt. Hoffen wir nur, dass Goethes Zauberlehrling auch in den Chefetagen der Medienh&auml;user bekannt ist.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/fdaa132674f04f1893cdf66c26f42b92\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>Schon beim TV-Duell nahmen die AfD-Themen &bdquo;Migration&ldquo;, &bdquo;Islam&ldquo; und &bdquo;Terrorismus&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/tv-duell-angela-merkel-vs-martin-schulz-keine-zeit-fuer-bildung-und-klima-a-1166078.html\">mehr als die H&auml;lfte<\/a> der gesamten Sendezeit ein. F&uuml;r das Thema Armut waren da nur noch ein paar Nebens&auml;tze &uuml;brig. 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