{"id":40160,"date":"2017-09-19T08:43:38","date_gmt":"2017-09-19T06:43:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40160"},"modified":"2026-01-27T11:22:36","modified_gmt":"2026-01-27T10:22:36","slug":"das-ist-eine-phantom-mitte-unter-deren-maentelchen-sich-die-taeter-als-retter-ausgeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40160","title":{"rendered":"\u201eDas ist eine Phantom-Mitte, unter deren M\u00e4ntelchen sich die T\u00e4ter als Retter ausgeben\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160118_mausfeld.jpg\" alt=\"Prof. Rainer Mausfeld\" title=\"Prof. Rainer Mausfeld\"><\/div><p>Die Bundestagswahl am 24. September ist, wie erwartet, seit Wochen ein zentrales Thema in den Medien. Doch der Meinungskorridor in der Berichterstattung zur Wahl ist eng. In den politischen Talkshows, den Nachrichtensendungen und in dem, was als Analysen angepriesen wird, findet oftmals nur eine sehr oberfl&auml;chliche Auseinandersetzung mit den Wahlen statt. Die NachDenkSeiten nahmen diese Beobachtung zum Anlass, ein Interview mit dem Kieler Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher Professor <strong>Rainer Mausfeld<\/strong> zu f&uuml;hren. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40044\">Mausfeld<\/a>, der daf&uuml;r bekannt ist, mit einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rk6I9gXwack\">kritischen Auge<\/a> auf Politik und Herrschaftsstrukturen zu schauen, sagt im NachDenkSeiten-Interview unter anderem: &bdquo;Regierung, Regierungsparteien und Medien betreiben einen gro&szlig;en Aufwand, um unseren Blick auf die gesellschaftlichen Realit&auml;ten zu tr&uuml;ben und zu verstellen.&ldquo; Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2763\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40160-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40160-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170919_Interview_mit_Professor_Rainer_Mausfeld_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Mausfeld, bald stehen die Bundestagswahlen an. Welche Partei den Kanzler stellen wird und welche Parteien miteinander eine Koalition bilden werden, ist abzusehen.<\/strong><br>\n<strong>Positiv k&ouml;nnte man sagen: Gut, die &ldquo;politische Mitte&rdquo; wird das Land weiter regieren.<\/strong><br>\n<strong>Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Bevor wir uns zufrieden auf die eigene Schulter klopfen, weil wir glauben, die bestm&ouml;gliche Vertretung zur Sicherung unseres Gemeinwohls gew&auml;hlt zu haben, sollten wir einen etwas genaueren Blick auf die Realit&auml;ten werfen. Aber das ist leider nicht einfach.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Regierung, Regierungsparteien und Medien betreiben einen gro&szlig;en Aufwand, um unseren Blick auf die gesellschaftlichen Realit&auml;ten zu tr&uuml;ben und zu verstellen.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was ist denn die Realit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Die schlichte Realit&auml;t ist, dass gerade diejenigen, die bislang den Kurs bestimmt haben, all die &ouml;konomischen und gesellschaftlichen Probleme und Krisen ausgel&ouml;st haben, f&uuml;r die sie sich nun als Retter anbieten.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Das hei&szlig;t?<\/strong><\/p><p>Die Zertr&uuml;mmerung des Sozialstaates, die massive Ausweitung eines Niedriglohnsektors und die Prekarisierung von Lohnarbeit, die gewaltigen Steuerentlastungen f&uuml;r Reiche und Konzerne, die Preisgabe des Staates an die Finanzm&auml;rkte, den Verfall von Infrastruktur, das finanzielle Strangulieren &ouml;ffentlicher Einrichtungen wie Krankenh&auml;user, Pflegeheime, Kinderg&auml;rten oder Schulen, die Disziplinierung und Entmachtung des Parlaments durch die Exekutive, der Ausbau eines &Uuml;berwachungs- und Sicherheitsstaat, etc., etc.<\/p><p>Die durch diese politischen Weichenstellungen hervorgerufenen gesellschaftlichen Probleme wurden nicht durch angebliche &sbquo;Naturgesetzlichkeiten&lsquo; des &sbquo;globalisierten freien Marktes&lsquo; hervorgerufen, wie es uns immer wieder gesagt wird, sondern bewusst und absichtlich durch die Interessen und den Konsens neoliberaler transatlantischer Machteliten, also in Deutschland durch konkrete Entscheidungen der regierenden Kartellparteien CDU\/CSU, SPD und Gr&uuml;ne.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Kartellparteien?<\/strong><\/p><p>Die traditionellen Volksparteien haben sich seit den 70er Jahren &ndash; also mit Beginn der neoliberalen Revolution &ndash; grundlegend gewandelt, weil ihre gesellschaftliche Verankerung in dem Ma&szlig;e schwand, wie sie sich neoliberale Ziele zu eigen machten. Sie haben sich daher zur Selbsterhaltung zunehmend in die staatlichen Machtapparate integriert. Je mehr die Bindung an die traditionelle W&auml;hlerschaft schwand, um so st&auml;rker haben sich die Parteienspitzen untereinander verflochten. Das brachte f&uuml;r die gro&szlig;en Parteien den Vorteil, dass Wahlniederlagen an Bedeutung verlieren, da sie staatliche Ressourcen und Posten weitgehend unabh&auml;ngig vom Wahlausgang untereinander verteilen k&ouml;nnen. Mit der zunehmenden L&ouml;sung der Parteispitzen von der Parteibasis kommt der Basis nun vor allem die Funktion von Cheerleadern bei Wahlen zu. Dieser Parteienwandel ist empirisch gut studiert. Der renommierte Parteienforscher Peter Mair pr&auml;gte f&uuml;r diesen neu entstandenen Typus politischer Gro&szlig;parteien den Begriff &bdquo;Kartellpartei&ldquo;, der die Sache treffend auf den Punkt bringt.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Und diese Kartellparteien, also: die CDU\/CSU, SPD, Gr&uuml;ne und nicht zu vergessen, die FDP, haben die von Ihnen genannten Folgen absichtlich herbeigef&uuml;hrt?<\/strong><\/p><p>Ja, nat&uuml;rlich. Es sind Folgen sehr konkreter und bewusster Entscheidungen. Es geh&ouml;rt gerade zum Charakter von Kartellparteien, dass sie bei politischen Entscheidungen nicht mehr den Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger verpflichtet sind, sondern den Interessen relevanter Machtgruppierungen: also &ouml;konomischen Interessen von Konzernen und Reichen sowie geopolitischen Interessen transatlantischer Eliten. Schon die Formulierung &sbquo;Notwendigkeiten des Marktes&lsquo; ist ja nicht mehr als eine verklausulierte Formulierung&hellip;<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>&hellip;f&uuml;r?<\/strong><\/p><p>&hellip;&rsquo;die Bed&uuml;rfnisse der besitzenden Klasse&rsquo;. Das mag recht abstrakt klingen, l&auml;sst sich jedoch anhand der konkreten Parlaments-Entscheidungen belegen. Das Abstimmungsverhalten der Parteien im Parlament zu den genannten Beispielen l&auml;sst sich ohne allzu gro&szlig;e M&uuml;hen zur&uuml;ckverfolgen. Gleiches gilt f&uuml;r politische Entscheidungen &uuml;ber die Osterweiterung der NATO, die F&ouml;rderung von v&ouml;lkerrechtswidrigen Kriegen als Mittel der Politik &ndash; von Kosovo bis Libyen und Syrien &ndash;, Waffenexporte an Saudi-Arabien, die Militarisierung der EU etc., etc. All diese Dinge sind ja gut dokumentiert. Die eigentlich dr&auml;ngende politische Frage ist also nicht, wer nun von den Kartellparteien der sog. &sbquo;Mitte&lsquo; die Regierung bildet, sondern warum angesichts all der systematisch und absichtsvoll angerichteten Zerst&ouml;rungen zivilisatorischer Substanz der weit &uuml;berwiegende Teil der W&auml;hler immer wieder gerade diejenigen Parteien w&auml;hlt, die genau f&uuml;r diese Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte verantwortlich sind.<\/p><p><strong>Was sind denn die Gr&uuml;nde?<\/strong><\/p><p>Die Gr&uuml;nde sind vielschichtig. Systematische Desinformation durch Regierung, Kartellparteien und Medien, systematische Erzeugung sozialer &Auml;ngste in der Bev&ouml;lkerung und nat&uuml;rlich die in Ihrer ersten Frage angesprochene Ideologie der &sbquo;politischen Mitte&lsquo;. Diese vorgebliche Mitte ist jedoch nicht mehr als das Banner und die Tarnkappe des neoliberalen Konsenses. Sie stellt als wesentlicher Teil der neoliberalen &sbquo;Revolution von oben&lsquo; eine extremistische Position dar.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Extremistisch?<\/strong><\/p><p>Ja, extremistisch in ihrer Demokratieverachtung und extremistisch in ihrer Verachtung f&uuml;r alle Ideen einer solidarischen Gemeinschaft. Was sich hier als &sbquo;Mitte&lsquo; deklariert, hat mit historischen &ndash; ohnehin schon weitgehend inhaltsleeren &ndash; Konzepten einer politischen Mitte nichts mehr gemein. Das ist eine Phantom-Mitte, unter deren M&auml;ntelchen sich die T&auml;ter als Retter ausgeben &ndash; bislang offensichtlich recht erfolgreich.<\/p><p><strong>Was meinen Sie mit &ldquo;Phantom-Mitte&rdquo;?<\/strong><\/p><p>&sbquo;Mitte&lsquo; ist ja eigentlich ein Begriff, der positiv besetzt ist und mit Gef&uuml;hlen von Harmonie und Stabilit&auml;t einhergeht. Nun beruht der Siegeszug der neoliberalen Revolution von Beginn an darauf, vertrauten und positiv besetzten Begriffen, wie &sbquo;Reform&lsquo;, &sbquo;Flexibilit&auml;t&lsquo;, &sbquo;Freihandel&lsquo; oder &sbquo;Stabilit&auml;t&ldquo;, eine neue Bedeutung zu geben und auf diese Weise das Denken so zu blockieren und zu vergiften, dass die gesellschaftlichen Folgen dieser Revolution geradezu als naturgesetzliche Notwendigkeit eines globalisierten freien Marktes erscheinen. Schon &sbquo;Globalisierung&lsquo; und &sbquo;freier Markt&lsquo; sind jedoch blo&szlig;e Verschleierungsbegriffe: Sie bezeichnen ideologische Truggebilde, die mit den Realit&auml;ten nichts zu tun haben. Sie sollen im Gegenteil die Realit&auml;ten gerade verschleiern. Da aber dennoch in der Bev&ouml;lkerung &ndash; trotz massivster Indoktrinationsbem&uuml;hungen &ndash; die Folgen der neoliberalen Zerst&ouml;rung von Gemeinschaft sp&uuml;rbar werden und zu gro&szlig;en Verunsicherungen f&uuml;hren, ist es f&uuml;r den Erfolg neoliberaler Programme wichtig, das Emp&ouml;rungs- und Ver&auml;nderungspotential in der Bev&ouml;lkerung wirksam zu neutralisieren.<\/p><p><strong>Blair und Schr&ouml;der haben sich ganz gerne des Begriffs der &sbquo;Mitte&lsquo; bedient.<\/strong><\/p><p>Das haben sie in der Tat und zwar, um ihre neoliberale Agenda der Aush&ouml;hlung und Zerst&ouml;rung demokratischer und sozialstaatlicher Substanz voranzutreiben. &Uuml;brigens w&auml;re dies nicht ohne massivste propagandistische Hilfe der Medien m&ouml;glich gewesen. Heribert Prantl hat 2015 das eigentlich Offenkundige offen <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/luegenpresse-debatte-journalismus-als-schlachtfest-1.2479824-2\">ausgesprochen<\/a>: &bdquo;Diese Agenda war auch Ergebnis einer publizistischen Gro&szlig;kampagne, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben hatte.&ldquo; Da nun diese Form des politischen Extremismus unter dem Banner der &sbquo;Mitte&lsquo; geschah und geschieht und zudem als &sbquo;Naturnotwendigkeit globalisierter M&auml;rkte&lsquo; und somit als &sbquo;alternativlos&lsquo; deklariert wurde, kann es nat&uuml;rlich zum Konsens dieser neuen Phantom-Mitte keine grunds&auml;tzliche Opposition mehr geben. Denn schlie&szlig;lich geht es &ndash; nach neoliberalem Konsens &ndash; bei politischen Entscheidungen nur noch darum, m&ouml;glichst &sbquo;rationale&lsquo; und &sbquo;effiziente&lsquo; Probleml&ouml;sungen zur optimalen Anpassung an die &sbquo;Zw&auml;nge&lsquo; globalisierter M&auml;rkte zu entwickeln und diese dann der Bev&ouml;lkerung als &sbquo;unbequeme Wahrheiten&lsquo; zu vermitteln.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Demokratie wirkt da als St&ouml;relement, oder?<\/strong><\/p><p>Demokratie ist damit nat&uuml;rlich nicht vertr&auml;glich und wird folglich als eine Form der &sbquo;Marktst&ouml;rung&lsquo; angesehen. Um solche &sbquo;Marktst&ouml;rungen&lsquo; zu vermeiden, wurde nun alles, was grundlegend von der Phantom-Mitte abweicht, als &sbquo;irrational&lsquo; oder gar &sbquo;extremistisch&lsquo; bezeichnet. Propagandistisch besonders wirksam erweist sich eine Neufassung des &ndash; historisch urspr&uuml;nglich positiv besetzten &ndash; Konzepts des Populismus, mit dem gegenw&auml;rtig die neoliberalen Kartellparteien der Phantom-Mitte jede Form eines grundlegenden politischen Dissens zu delegitimieren suchen. Die Propagandakonzepte &sbquo;Mitte&lsquo;, &sbquo;Alternativlosigkeit&lsquo; und &sbquo;Populismus&lsquo; sind also auf das engste miteinander verbunden und dienen der Stabilisierung des neoliberalen Programms.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Sie f&uuml;hren den Begriff Populismus an. Zu bestreiten ist doch nicht, dass es Akteure gibt, die ein feines Gesp&uuml;r daf&uuml;r haben, was so mancher B&uuml;rger h&ouml;ren m&ouml;chte. Eifrig bedienen sie, unter anderem, rechtsradikale und fremdenfeindliche Ressentiments, um Applaus zu ernten.<\/strong><\/p><p>Alle Parteien zielen opportunistisch darauf, W&auml;hlerstimmen zu gewinnen und bedienen sich dabei einer populistischen Rhetorik, zielen also in ihrer Wahlwerbung auf Gef&uuml;hle und bedienen sich unzul&auml;ssiger Vereinfachungen. Diese populistische Komponente ergibt sich bereits aus dem gegenw&auml;rtigen Standardmodell der kapitalistischen &sbquo;Elitendemokratie&lsquo;, in dem den B&uuml;rgern die Rolle politischer Konsumenten zugewiesen wird.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Aber es gibt auch Unterschiede im Populismus.<\/strong><\/p><p>Unterschiede gibt es nat&uuml;rlich in dem Ausma&szlig;, in dem explizit oder indirekt &uuml;ber politische Ma&szlig;nahmen fremdenfeindliche und kulturrassistische Ressentiments zum Ausdruck gebracht werden.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t? <\/strong><\/p><p>Man denke an die Kampagne gegen &bdquo;die faulen Griechen&ldquo; oder an andere kulturrassistische Ressentiments, wie sie beispielsweise gegen Araber im sogenannten &sbquo;Kampf gegen den Terror&lsquo; oder in der EU-Wirtschaftspolitik gegen&uuml;ber Afrika zum Ausdruck kommen. Oder an das, was Immanuel Wallerstein die &bdquo;Ethnisierung der Arbeiterschaft&ldquo; nennt, durch die Strukturen der Ungleichheit gerechtfertigt werden sollen. Die kulturrassistische Komponente ist also viel tiefer in unserer Gesellschaft verankert, als uns die Kartellparteien suggerieren. Leider sind die &ouml;ffentlichen Sensitivit&auml;ten f&uuml;r solche Ressentiments bereits parteipolitisch verzerrt.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Haben Sie f&uuml;r diese Aussage ein Beispiel? Wie sehen diese Verzerrungen aus?<\/strong><\/p><p>Nehmen wir, um nur ein Beispiel zu nennen, die Hetzkampagne Anfang der 90er Jahre von Wolfgang Sch&auml;uble und anderen Politikern der CDU\/CSU gegen die &bdquo;Asylantenflut&ldquo;. Es ist erstaunlich, wie konsequent diese Hetzkampagne und der Zusammenhang zwischen den &Auml;u&szlig;erungen Sch&auml;ubles und den sich anschlie&szlig;enden Gewaltexzessen aus dem &ouml;ffentlichen Ged&auml;chtnis verdr&auml;ngt wurde. Die Haltungen der Kartellparteien zu expliziten oder indirekten kulturrassistischen Ressentiments sind also sehr viel weniger eindeutig, als uns diese Parteien mit dem Ziel suggerieren, ihren Anspruch auf &sbquo;Alternativlosigkeit&lsquo; noch einmal zu unterstreichen.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Wo und wie wird der Begriff &sbquo;Populismus&lsquo; denn nun zu einem &bdquo;Propagandakonzept&ldquo;, wie Sie es sagen?<\/strong><\/p><p>Genau in dem Bem&uuml;hen der neoliberalen Kartellparteien der &sbquo;Mitte&lsquo;, sich in jeder Hinsicht als alternativlos zu erkl&auml;ren. Und zwar &ouml;konomisch wie auch f&uuml;r eine Abwehr des Rechtsradikalismus. Daher m&uuml;ssen entsprechende &Auml;ngste gesch&uuml;rt werden &ndash; &Auml;ngste vor Verschlechterung des eigenen Status quo und &Auml;ngste vor Parteien am rechten Rand. Diese &Auml;ngste lassen sich dann nutzen, um jede Form grundlegender Kritik am neoliberalen Konsens zu diskreditieren und zu neutralisieren. Da die AfD den neoliberalen Konsens teilt, sehen die Kartellparteien ihren Hauptfeind berechtigterweise auf der Linken. Denn ernsthaft linke Positionen zielen ja gerade auf die Wurzeln gesellschaftlicher Probleme und somit auf Alternativen zur neoliberalen Zerst&ouml;rung gesellschaftlicher und &ouml;kologischer Lebensgrundlagen. Insbesondere sehen sie das Menschenbild, das dem neoliberalen Programm zugrunde liegt, als zutiefst anti-human und pervers an.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was bedeutet das?<\/strong><\/p><p>Da die sozialen und psychischen Auswirkungen der neoliberalen Organisation von Gesellschaft immer deutlicher zutage treten, m&uuml;ssen die neoliberalen Kartellparteien alle Formen einer kollektiven Organisation linker Kritik diskreditieren und zersetzen. Dazu eignet sich der Kampfbegriff des Populismus offensichtlich recht gut. Man erkl&auml;rt einfach alle grundlegende Kritik an der neoliberalen &sbquo;Mitte&lsquo; als populistisch und verklammert dabei linke Positionen mit rechtspopulistischen, Corbyn mit Le Pen oder Trump, Ideen einer solidarischen Organisation von Gemeinschaft mit ausgrenzenden, kulturrassistischen und nationalistischen Haltungen. Durch diese Verklammerung will man vor allem linke Positionen diskreditieren. Der Kampfbegriff des Populismus, der sich vordergr&uuml;ndig gegen rechte Positionen richtet, zielt tats&auml;chlich also auf linke Alternativen zum neoliberalen Konsens. Innenminister de Maizi&egrave;re hat dies ja j&uuml;ngst noch einmal klar erkennen lassen.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Zur&uuml;ck zu den Wahlen: Wie blicken Sie denn auf die bevorstehenden Wahlen?<\/strong><\/p><p>Sie sind weitgehend eine Art Politentertainment und Zuschauersport &ndash; und wurden &uuml;brigens historisch mit der Etablierung von Elitendemokratien genau als solches konzipiert. Sie lockern den politischen Alltag der politisch entm&uuml;ndigten B&uuml;rger auf und vermitteln ihnen die Illusion, dass sie in relevanten Fragen irgend etwas zu entscheiden h&auml;tten.<\/p><p><strong>Und das ist nicht so?<\/strong><\/p><p>Nein. Wer sich an diesen illusion&auml;ren Gef&uuml;hlen, etwas mitentscheiden zu k&ouml;nnen, erfreut, mag den Wahlen mit Spannung entgegenfiebern. Wer ernsthaft an Alternativen zur l&auml;hmenden &sbquo;Alternativlosigkeit&lsquo; interessiert ist, muss sich wohl andere Wege suchen, seinen politischen Pr&auml;ferenzen Ausdruck zu verschaffen. Denn die relevanten politischen Entscheidungen werden in der &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo; nicht durch die Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger bestimmt.<\/p><p><strong>Sondern?<\/strong><\/p><p>Empirische Untersuchungen zeigen vielmehr, dass die Pr&auml;ferenzen der weit &uuml;berwiegenden Mehrzahl der B&uuml;rger &uuml;berhaupt keinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben und die Wahlentscheidung somit politisch konsequenzenlos ist. Daher ist es wenig &uuml;berraschend, dass EU-weit das neoliberale Programm demokratisch nicht mehr abw&auml;hlbar ist. Wer sich also im Status quo mehr oder weniger behaglich eingerichtet hat und beruhigt ist, dass bislang die Konsequenzen der neoliberalen Zerst&ouml;rungen &uuml;berwiegend von sozial oder geographisch fernen Anderen zu tragen sind, wird den Wahlen gelassen entgegensehen. Wer sich damit nicht begn&uuml;gt, hat &ndash; v&ouml;llig unabh&auml;ngig vom Wahlausgang &ndash; Grund zu gr&ouml;&szlig;ter Beunruhigung.<\/p><p><em><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Am 22. Oktober kommt Professor Rainer Mausfeld <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40044\">zum 28. Pleisweiler Gespr&auml;ch<\/a>, das dieses Mal in Landau stattfindet. Beginn der Veranstaltung ist 13:30 Uhr, der Veranstaltungsort ist im Gloria Kulturpalast, Industriestra&szlig;e 3-5.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160118_mausfeld.jpg\" alt=\"Prof. Rainer Mausfeld\" title=\"Prof. Rainer Mausfeld\"\/><\/div>\n<p>Die Bundestagswahl am 24. September ist, wie erwartet, seit Wochen ein zentrales Thema in den Medien. Doch der Meinungskorridor in der Berichterstattung zur Wahl ist eng. In den politischen Talkshows, den Nachrichtensendungen und in dem, was als Analysen angepriesen wird,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40160\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,209,205,189,11,190],"tags":[423,1162,339,1494,1185,1782,1554,1191,288,440,411,278,1254,1122],"class_list":["post-40160","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-interviews","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-parteien-und-verbaende","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-blair-tony","tag-chauvinismus","tag-infrastruktur","tag-marktkonforme-demokratie","tag-mausfeld-rainer","tag-orwell-2-0","tag-populismus","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-schaeuble-wolfgang","tag-schroeder-gerhard","tag-steuersenkungen","tag-tina","tag-waffenexporte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40160"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89418,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40160\/revisions\/89418"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}