{"id":40188,"date":"2017-09-20T10:30:41","date_gmt":"2017-09-20T08:30:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40188"},"modified":"2018-12-30T17:46:52","modified_gmt":"2018-12-30T16:46:52","slug":"kolumbien-nach-50-jahren-dschungelkrieg-mausert-sich-die-farc-als-legale-partei-im-sproeden-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40188","title":{"rendered":"Kolumbien \u2013 Nach 50 Jahren Dschungelkrieg mausert sich die FARC als legale Partei im spr\u00f6den Frieden"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Kolumbien versucht, sich einen Albtraum vom geschundenen Leib zu sch&uuml;tteln. Der Krieg, der vor fast 60 Jahren zwischen b&uuml;rgerlichen Konservativen und Liberalen ausbrach und &uuml;ber Jahrzehnte von ihren Nachfolgern &ndash; Gro&szlig;grundbesitzer- und Narcomilizen im h&auml;ufigen Verbund mit den konventionellen Streitkr&auml;ften gegen linke Guerillas &ndash; ausgefochten wurde, forderte zwischen 220.000 und 260.000 Tote und 60.000 Verschwundene. Nach Abschluss des mit der Regierung Juan Manuel Santos am 22. Juni 2016 vereinbarten Waffenstillstands erf&uuml;llte die bis vor kurzem noch aktive, gr&ouml;&szlig;te Guerilla-Organisation Lateinamerikas, FARC-EP (&bdquo;Revolution&auml;re Streitkr&auml;fte Kolumbiens &ndash; Volksarmee&ldquo;), ein Jahr sp&auml;ter ihren entscheidenden Beitrag zum kolumbianischen Friedensabkommen vom November 2016. Sie gab unter Aufsicht der UN ihr vollst&auml;ndiges Arsenal mit 14.000 Feuerwaffen ab und hielt im vergangenen August einen Kongress zu ihrer politischen Neufindung als legale Partei ab. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vergangenheitsbew&auml;ltigung und konservative Widerst&auml;nde<\/strong><\/p><p>Gleichwohl macht es sich Kolumbien schwer mit der Umsetzung des nach 3 Jahren und 9 Monaten z&auml;her Verhandlungen in Kuba am 12. November 2016 unterzeichneten, endg&uuml;ltigen Friedensabkommens. Die Schwierigkeiten der Vertragsparteien begannen mit dem von der Regierung Santos einberufenen Referendum von Anfang Oktober 2016, als die B&uuml;rger gefragt wurden, &bdquo;Stimmen Sie einem endg&uuml;ltigen Abkommen zur Beilegung des Konflikts und dem Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens zu?&ldquo;. <\/p><p>Die Beteiligung von kaum 38 Prozent der Wahlberechtigten verriet eine unerwartet hohe Indifferenz der Kolumbianer gegen&uuml;ber den Friedensbem&uuml;hungen. Der seit Jahrzehnten vorherrschende politische Riss im Lande wurde noch einmal vom Abstimmungsergebnis best&auml;tigt, als sich 50,21 Prozent gegen und 49,78 Prozent f&uuml;r die erste Fassung des Friedensabkommens aussprachen.<\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die stark von Santos&acute; ultrakonservativem Vorg&auml;nger und ehemaligen <em>Warlord<\/em> &Aacute;lvaro Uribe beeinflussten Nein-Sager erkl&auml;rten ihr Votum als &bdquo;Triumph der Wahrheit&ldquo;. In den Augen der militanten Rechten Kolumbiens ist die FARC nach wie vor eine &bdquo;Narko-Terroristenbande&ldquo;, die keine Existenz als legale Partei verdient und deren F&uuml;hrer wegen angeblichen &bdquo;Massenmorden&ldquo; sofort hinter Gitter gebracht werden sollen. Der Regierung Santos und der FARC blieb nichts anderes &uuml;brig, als den m&uuml;hsam in Havanna ausgehandelten, 297 Seiten starken Befriedungsplan zu &uuml;berarbeiten, dessen endg&uuml;ltige Fassung die &ouml;ffentliche Kritik an 56 der insgesamt 57 Klauseln der Originalfassung ber&uuml;cksichtigte.<\/p><p>Allerdings war schon zu Beginn der Friedensverhandlungen klar, dass zur Verhinderung einseitiger Schuldzuweisungen an dem Krieg ebenso wie zur Aufarbeitung seiner Ursachen, der Erkl&auml;rungen seiner langen Dauer und seiner Folgen eine nationale Auss&ouml;hnung nur mit akribischer und differenzierter Vergangenheitsbew&auml;ltigung zu leisten w&auml;re.<\/p><p>Auf nachdr&uuml;ckliche Anregung der FARC bildete sich daher die &bdquo;Kommission f&uuml;r die Konflikt-Geschichte und seiner Opfer&ldquo;, die mit 12 renommierten Professoren verschiedenster Fachrichtungen und ideologischer Couleur &ndash; darunter der kolumbianische Botschafter in Holland, Eduardo Pizarro, der ehemalige Rektor der Universidad Nacional, V&iacute;ctor Manuel Moncayo, und der systemkritische Soziologe und Schriftsteller Alfredo Molano &ndash; schon w&auml;hrend der Verhandlungen in Havanna die Streitparteien beriet und ma&szlig;geblich f&uuml;r die inhaltliche Bestimmung des Vertragstextes und dessen erfolgreiche Verabschiedung verantwortlich zeichnete. Nichtsdestotrotz verschleppen die konservative Parlamentsopposition, die Staatsanwaltschaft und das Oberste Verfassungsgericht die Implementierung des Friedensabkommens, ehemalige FARC-K&auml;mpfer werden w&auml;hrend ihrem Resozialisierungsprogramm nach wie vor von rechten Killerkommandos umgebracht und es fehlt das Geld f&uuml;r die Entsch&auml;digung von Millionen Opfern.<\/p><p>Mit 600 Millionen Euro will der Treuhandfonds der EU einen Zuschuss ohne Gegenleistung und Verpflichtung zur Umsetzung des Friedensabkommens bewilligen, dem sich die Schweiz und Norwegen als Nichtmitglieder der EU mit getrennten Beitr&auml;gen anschlie&szlig;en wollen. Auch die deutsche Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau stellte 200 Millionen Euro f&uuml;r eine 10-j&auml;hrige Betreuung des Friedensprozesses in Aussicht, kl&auml;rte jedoch nicht sofort, ob die Summe r&uuml;ckzahlungspflichtig ist und wieviel Zinsen Kolumbien daf&uuml;r hinbl&auml;ttern muss.<\/p><p><strong>Die Anf&auml;nge: United Fruit und &bdquo;Hundert Jahre Einsamkeit&rdquo;<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber die Stunde null des Konflikts gibt es unter Fachleuten unterschiedliche Versionen. Eine Deutungsstr&ouml;mung besagt, der Konflikt sei bereits in den 1930-er Jahren ausgebrochen, als das Land vom kapitalistischen Fieber heimgesucht, die ersten Gewerkschaften und sozialen Bewegungen geboren wurden und der Aufruf Alfonso Lopez Pumarejos zur Revolution scheiterte. Ein zweiter Interpretationsstrang macht einen gewaltigen Zeitsprung, sieht die Hauptursache in der Entstehung des Drogenhandels und verlegt den Kriegsbeginn in die 1980er Jahre. Ein dritter, plausibler Ansatz, wie der Molanos, erblickt eine 50-j&auml;hrige Kontinuit&auml;t der K&auml;mpfe, deren Beginn er mit <em>La Violencia<\/em> in den 1950-er Jahren ansiedelt, doch vom weltweiten Kalten Krieg potenziert und fortgesetzt sieht.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-02-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Gabriel Garc&iacute;a M&aacute;rquez&acute; viel&uuml;bersetztes Meisterwerk &bdquo;Hundert Jahre Einsamkeit&rdquo; (<em>Cien a&ntilde;os de soledad<\/em>, 1967) f&uuml;hrt den Leser jedenfalls auf realhistorische Spuren. In einer Passage aus Kapitel XV (dessen deutsche Fassung von Curt Meyer-Clason mir augenblicklich nicht vorliegt, weshalb ich den Abschnitt aus dem spanischsprachigen Original nochmal frei &uuml;bersetzt habe) beschreibt die Erz&auml;hlerstimme einen m&ouml;rderischen &Uuml;berfall auf das Dorf Macondo:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der Nacht, nach der Ausgangssperre, brachen sie T&uuml;ren mit Gewehrkolben auf, jagten die Verd&auml;chtigen aus ihren Betten und nahmen sie mit, auf eine Reise ohne R&uuml;ckkehr &hellip; doch das Milit&auml;r bestritt die Ereignisse gegen&uuml;ber den Opfer-Angeh&ouml;rigen. `War sicherlich ein Traum&acute;, beharrten die Offiziere. `Nichts ist in Macondo passiert, es passiert nichts, wird auch niemals passieren. Dies ist ein gl&uuml;ckliches Dorf &acute;. Auf diese Weise haben sie die Hinrichtung der Gewerkschaftsf&uuml;hrer erledigt&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Das Ereignis wird in der Handlung nicht datiert, doch erf&auml;hrt der Leser von einem B&uuml;rgerkrieg, nachdem sich eine nordamerikanische Bananenfabrik als wichtigster Arbeitgeber im Dorf installiert hat. <\/p><p>Garc&iacute;a M&aacute;rquez&acute; Roman ist eine literarische Bearbeitung des ber&uuml;chtigten &bdquo;Bananen-Massakers&ldquo; (<em>Masacre de las bananeras<\/em>), das am 6. Dezember 1928 vom US-Konzern United Fruit in der K&uuml;stenstadt Ci&eacute;naga, unweit von Aracataca, dem Geburtsort des Literatur-Nobelpreistr&auml;gers von 1982, angerichtet wurde. Den Hintergrund bildete ein Massenstreik von 32.000 Plantagenarbeitern mit vielf&auml;ltigen Forderungen und es gipfelte in der Androhung einer Invasion Kolumbiens durch die US-Streitkr&auml;fte. <\/p><p>Man muss sich die Ereignisse wie in einem von klassischen, kolonialistischen Plattit&uuml;den bespickten Drehbuch vorstellen: nachdem United Fruit und amerikanische Offiziere in Telegrammen an das State Department den Streik als &bdquo;subversiv unterwandert&ldquo; und &bdquo;kommunistisch&ldquo; attackiert hatten, drohte die US-Marine tats&auml;chlich mit einer Landung, falls die kolumbianische Regierung nicht die &bdquo;Interessen&ldquo; des Bananen-Konzerns sch&uuml;tze. Die Regierung Miguel M&eacute;ndez duckte sich, entsandte die Armee und richtete ein Blutbad an. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-07.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Jedoch warum passierte das Gemetzel am Bahnhof? Weil das Ger&uuml;cht ausgegeben worden war, der Provinz-Gouverneur und der Generalmanager von United Fruit w&uuml;rden anreisen, um mit den Streikenden eine Einigung auszuhandeln. Es war jedoch eine hinterh&auml;ltige Falle: Anstelle des Gouverneurs und des Managers traf General Carlos Cort&eacute;s Vargas mit 300 Soldaten ein. Er befahl der Menschenmenge den R&uuml;ckzug. Als sein Befehl keine Wirkung zeigte, erteilte er der Masse eine Minute Frist. Nach Angaben des Historikers Roberto Herrera Soto, Ko-Autor einer akkuraten Untersuchung &uuml;ber das Massaker, soll eine Stimme in der Menge geantwortet haben, &ldquo;Wir schenken Ihnen die fehlende Minute!&rdquo;. Daraufhin er&ouml;ffneten die 300 Soldaten Cort&eacute;s&acute; das Feuer.<\/p><p>Es seien 47 Tote gewesen, log die Staatsmacht. Nach Angaben Sotos k&ouml;nnten es 2.000 Tote gewesen sein. Allerdings beziffern Zeugnisse von &Uuml;berlebenden, Erinnerungsschriften und Legenden die Opferzahl auf 3.000 Hingerichtete, deren Leichen ins Meer geschleudert worden seien.<\/p><p>Ein anderer Literatur-Nobelpreistr&auml;ger und Garc&iacute;a-M&aacute;rquez-Freund, der im September 1973 verstorbene chilenische Dichter Pablo Neruda, widmete dem Massaker das Trauer-und Kampf-Gedicht &bdquo;La United Fruit Co.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.dergeheimekuechenchor.de\/canto-texte.php\">Canto General<\/a>, das von dem  griechischen Komponisten Mikis Theodorakis mit einer magistralen Komposition musikalisch in Szene gesetzt wurde &ndash; <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=g9KuqK6QdaM\">La United Fruit Co live<\/a>)<\/p><p><strong>Der Mord an Jorge Gait&aacute;n und der Bogotazo<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-09.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Mit der zunehmenden Verzahnung der kolumbianischen Plantagenwirtschaft mit dem von US-Konzernen dominierten Weltmarkt expandierte ein Kapitalismus nacktester Ausbeutung und Entrechtung in die hintersten Flure der kolumbianischen Landschaft und erzeugte Massenverelendung der Landarbeiter. Jahrzehnt f&uuml;r Jahrzehnt griff die Expansion der exportabh&auml;ngigen Plantagen jedoch auch auf den urspr&uuml;nglichen Grundbesitz &uuml;ber und ermutigte die tausendfache Vertreibung (<em>Desplazamientos<\/em>) von Kleinbauern von ihren Parzellen. <\/p><p>Nach Angaben kolumbianischer Fachmedien vom Anfang des laufenden Jahrzehnts befanden sich ein halbes Jahrhundert sp&auml;ter mehr als 50 Prozent des Landbesitzes in den H&auml;nden einer winzigen, aber machtvollen Landlord-Clique, die nicht mehr als <a href=\"http:\/\/www.portafolio.co\/economia\/finanzas\/52-tierra-colombia-le-pertenece-poblacion-146162\">1,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung z&auml;hlt<\/a>.<\/p><p>Die unannehmbare Verelendung, die selbst zu Beginn des neuen Millenniums noch 64 Prozent der Landbev&ouml;lkerung in Armut gefangenh&auml;lt, war der explosive Hintergrund des sogenannten <em>Bogotazo<\/em> und seiner Folgen: der zwei Jahrzehnte andauernde B&uuml;rgerkrieg, genannt <em>La Violencia<\/em> (Die Gewalt), mit ann&auml;hernd 200.000 Todesopfern.<\/p><p>Ausl&ouml;ser des als Bogotazo in die Geschichte eingegangenen Aufstands vom 9. April 1948 war die Ermordung des namhaften Politikers und Juristen Jorge Gait&aacute;n. Der zuf&auml;llig als Gast des lateinamerikanischen Studenten-Kongresses in Bogot&aacute; weilende, gerade 22-j&auml;hrige Jura-Student Fidel Castro hatte sich mit Gait&aacute;n f&uuml;r 2 Uhr nachmittags wegen einer geplanten Protestkundgebung gegen die politische Intervention der USA verabredet. Doch es kam nicht zu dem Treffen, Gait&aacute;n wurde wenige Stunden davor erschossen.<\/p><p>Der kolumbianische Jurist und Publizist Gait&agrave;n hatte w&auml;hrend seiner bewegten politischen Karriere als B&uuml;rgermeister Bogot&aacute;s, mehrfacher Staatsminister und Parlamentarier &uuml;ber Jahre hinweg als F&uuml;rsprecher und Rechtsvertreter der Arbeiter auf den Plantagen von United Fruit gewirkt und sich 1948 als Pr&auml;sidentschaftskandidat des linken Fl&uuml;gels der liberalen Partei aufstellen lassen. Sein Engagement gegen United Fruit und der Widerstand der Liberalen gegen die Willk&uuml;r im Lande wurden ihm offenbar zum Verh&auml;ngnis. Der angebliche M&ouml;rder Juan Roa Sierra wurde von einer emp&ouml;rten Menschenmenge gefasst, mit Krawatten geknebelt, &uuml;ber mehrere Stra&szlig;enbl&ouml;cke hinweg an den Gliedern geschleift und schlie&szlig;lich an der Plaza de Bolivar zu Tode gelyncht. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter attestierte die kolumbianische Justiz 1978, Roa Sierra sei schizophren gewesen und habe als Einzelt&auml;ter gehandelt. Vierzehn Jahre zuvor hatten jedoch die ehemaligen CIA-Agenten David Wise und Thomas B. Ross in ihrem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/archive.org\/stream\/HourOfTheTime11012013TheInvisibleGovernmentDavidWise\/Hour_Of_The_Time_11012013-The_Invisible-Government-David_Wise_djvu.txt\">The Invisible Government<\/a>&ldquo; die Teilnahme des amerikanischen Geheimdienstes an Gait&aacute;ns Ermordung best&auml;tigt, deren Hintergr&uuml;nde auch im 2005 produzierten franz&ouml;sischen Dokumentarfilm &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ina.fr\/video\/S66372020\">La fin d&acute;un r&ecirc;ve colombien<\/a>&ldquo; untersucht werden.<\/p><p>Jener 8. April 1948 l&auml;utete jedenfalls eine radikale und brutale Wende in der politischen Szene und im gesellschaftlichen Leben Kolumbiens ein. Im Handumdrehen hatte sich nach den Sch&uuml;ssen auf Gait&aacute;n in der Innenstadt Bogot&aacute;s ein Ansturm zahlloser Menschenmassen gebildet, die mit dem Anr&uuml;cken der Armee Zuflucht im Betondschungel suchten und auf einen Befehl der liberalen Parteif&uuml;hrer hofften, die bereits mit Pr&auml;sident Mariano Ospina Perez notkonferierten. Mit Werkzeugen und Behelfswaffen ausger&uuml;stet &uuml;berfielen die Rebellen Baum&auml;rkte und beschlagnahmten Waffen auf gest&uuml;rmten Polizeistationen. Scharfsch&uuml;tzen, die in Geb&auml;udegiebeln des Regierungsbezirks Stellung bezogen hatten, konnten nur mit gro&szlig;er M&uuml;he die Erst&uuml;rmung des Pr&auml;sidentenpalastes und die T&ouml;tung des konservativen Staatschefs verhindern, dessen sofortiger R&uuml;cktritt gefordert wurde. Vereinzelt schlossen sich Polizisten und Milit&auml;rs dem Aufstand an, Gesch&auml;fte wurden massenweise gepl&uuml;ndert, Kirchen und Stra&szlig;enbahnen in Brand gesteckt, nahezu 140 Geb&auml;ude von dem Ansturm dem Boden gleichgemacht. Der Aufruhr dauerte zwei Monate und forderte nach inoffiziellen Sch&auml;tzungen 3.000 Tote.<\/p><p><strong>Die lange Nacht der <em>Violencia<\/em> als Geburtsstunde der FARC <\/strong><\/p><p>In Bogot&aacute; war in jenen Tagen die IX. Panamerikanische Konferenz unter der F&uuml;hrung der USA versammelt, die die lateinamerikanischen Regierungen f&uuml;r einen Vertrag zur Illegalisierung kommunistischer Organisationen unter Druck setzte; ein Abkommen, das bald in der Gr&uuml;ndung der Organisation der Amerikanischen Staaten (im Spanischen als OEA abgek&uuml;rzt) m&uuml;nden sollte. In Parallelhandlung bereitete die liberale Partei im Kongress eine Misstrauensabstimmung gegen Ospina vor. Als der Staatschef davon Wind bekam, beschloss er die gewaltsame Aufl&ouml;sung des Parlaments mit der Einleitung autorit&auml;rer Dekrete, die ab 1949 schlie&szlig;lich die Macht&uuml;bernahme durch eine 10 Jahre andauernde, blutige Diktatur einleiteten.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Die Reaktion des autorit&auml;ren Regimes lie&szlig; nicht auf sich warten, bald setzte die Hexenjagd auf die Liberalen ein, die sich zu Tausenden ins Hinterland retteten und dort Selbstverteidigungs-Milizen und in Einzelf&auml;llen Guerilla-Einheiten gr&uuml;ndeten. Zu den fl&uuml;chtigen Liberalen z&auml;hlte ein gewisser Pedro Antonio Mar&iacute;n Mar&iacute;n, Lebensmittelh&auml;ndler in Bogot&aacute;, der bald unter dem Alias <strong>Manuel Marulanda V&eacute;lez<\/strong> (siehe Bilder) und sp&auml;ter <strong>Tirofijo<\/strong> (&bdquo;Treffsicherer Sch&uuml;tze&ldquo;) zur Legende wurde. Mit Sympathisanten der Liberalen und der Kommunisten unter armen Bauern geh&ouml;rte er bald zu den Begr&uuml;ndern der Miliz &bdquo;Los chusmeros&ldquo; (soviel wie &bdquo;Die Anst&ouml;&szlig;igen&ldquo;), die sich bewaffnet gegen die Vertreibungen und Ermordung durch H&auml;scher der Gro&szlig;grundbesitzer, der Armee und gew&ouml;hnlicher Banditen sch&uuml;tzten.<\/p><p>Im B&uuml;ndnis mit der Kommunistischen Partei Kolumbiens sowie radikalisierten Bauern beteiligte sich Marulanda sodann an der Gr&uuml;ndung der sogenannten &bdquo;rep&uacute;blicas independientes&ldquo; (unabh&auml;ngige Republiken), die im Hinterland mit politischer Autonomie gegnerische Angriffe abwehrten und eigene Wirtschaftssysteme in Gang setzten. Als bekannte &bdquo;unabh&auml;ngige Republik&ldquo; ging Marquetalia in die Geschichte ein, die 1964 von counter-insurgency-Kommandos des CIA und der kolumbianischen Armee liquidiert wurde.<\/p><p>Mit den &Uuml;berlebenden gr&uuml;ndeten die beiden f&uuml;hrenden Miliz-Kommandanten, Manuel Marulanda und Jacobo Arenas, die professionell ausgebildete Guerilla-Gruppe &bdquo;Bloque Sur&ldquo;, die sich im B&uuml;ndnis mit Abspaltungen konkurrierender Partisanen-Kommandos, wie der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), zu einer robusten, mobilen Guerilla-Armee formierte. Man schrieb den 5. Mai 1966 und es war die Geburtsstunde der FARC, die sich zun&auml;chst zum milit&auml;rischen Arm der Kommunistischen Partei Kolumbiens erkl&auml;rte.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Ihre Anf&auml;nge konnten hier nur angedeutet, die Darstellung ihrer politisch-milit&auml;rischen Entwicklungsgeschichte muss fachkompetenten Autoren und Szene-Insidern &uuml;berlassen werden. Unter den zumeist spanischsprachigen, deutschen Lesern nicht immer zug&auml;nglichen Publikationen sollte die erstklassige Biografie Arturo Alapes &ndash; &ldquo;Las vidas de Pedro Antonio Mar&iacute;n, Manuel Marulanda V&eacute;lez, Tirofijo &ndash; Die Leben des Pedro Antonio Mar&iacute;n, Manuel Marulanda V&eacute;lez, Treffsicherer Schuss&rdquo; (Verlag Planeta, 1989) als <em>must read<\/em> empfohlen werden.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich geh&ouml;ren dazu kritische Analysen der ideologischen und ethischen Verirrungen der FARC, aber auch die Deutung ihres ersten Versuchs, nach den gescheiterten Friedensverhandlungen der 1980-er Jahre mit &bdquo;Uni&oacute;n Patri&oacute;tica&ldquo; als erfolgreiche, legale, politische Partei aufzutreten. Nachdem jedoch nahezu 5.000 f&uuml;hrende Mitglieder der Uni&oacute;n &ndash; darunter zwei Pr&auml;sidentschaftskandidaten &ndash; von Paramilit&auml;rs und Killerkommandos der Narcoszene ermordet wurden, trat die eingesch&uuml;chterte Restpartei den R&uuml;ckzug bis zur Selbstaufl&ouml;sung an.<\/p><p><strong>Friedensprozess, Morde, konservative Torpedierung und Finanzierungsengpass<\/strong><\/p><p>August 2017. Neue Nachtgespenste rauben Regierung Santos und FARC den Schlaf. Kaum war das Friedensabkommen in Kraft getreten, wurden zwischen vergangenem M&auml;rz und Juli sechs aktive und ehemalige FARC-Mitglieder in Hinterhalten ermordet. Juan Fernando Amaya wurde die Kehle durchgeschnitten, in einem anderen Fall wurde die gesamte Familie eines FARC-Mannes umgebracht. Die Mordserie l&ouml;ste Alarm aus, sie bedeutet eine grobe Verletzung der mit der Regierung ausgehandelten Schutzgarantien f&uuml;r ehemalige FARC-K&auml;mpfer. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-08.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Doch auch andere Gr&uuml;nde d&auml;mpften den Optimismus. So lehnte im vergangenen Mai das kolumbianische Verfassungsgericht die sogenannte &bdquo;fast track&ldquo;-Klausel in der eingereichten Friedensakte ab, die im Dezember 2016 mit dem Ziel in Kraft trat, geplante Gesetzes- und Verfassungs&auml;nderungsantr&auml;ge f&uuml;r den Friedensprozess zu beschleunigen. Hinter dem Gerichtsentscheid steht die Offensive der konservativen Partei des sogenannten &bdquo;Demokratischen Zentrums&ldquo; unter F&uuml;hrung Uribes, der Santos die Umgehung des Parlaments und autokratische Entscheidungen vorwirft. Die Taktik Uribes ist jedoch durchschaubar. Sein Kalk&uuml;l ist, die Implementierung des Friedensabkommens bis 2018 hinauszuz&ouml;gern, wenn der Kalender neue Pr&auml;sidentschaftswahlen in Kolumbien vorsieht. Sollte seine Partei, eventuell er selbst, aus dem Disput als Sieger hervorgehen, dann ist die Liquidierung des Abkommens zwischen Santos und der FARC abgemachte Sache.  <\/p><p>Allerdings st&ouml;&szlig;t die Befriedung des Landes auch auf eine physische Grenze. Nahezu 7 Millionen Vertriebene, die ihr bescheidenes Hab und Gut fluchtartig verlie&szlig;en, weil sie w&auml;hrend der K&auml;mpfe zwischen die Fronten geraten waren, haben Anrecht auf Reparationszahlungen. Das sogenannte &bdquo;Ley de V&iacute;ctimas&ldquo; (Opfer-Gesetz) bestimmte, dass administrative Entsch&auml;digungen ab 1985 und die R&uuml;ckgabe verlorenen Anbaulandes seit 1993 beantragt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Auf dieser Grundlage wurden immerhin bisher 690.000 Opfer mit umgerechnet 1,6 Milliarden Euro staatlicher Mittel entsch&auml;digt. Obwohl damit maximal 10 Prozent der Entsch&auml;digungsberechtigten bedient wurden, warnte Santos bereits Mitte August, es g&auml;be &bdquo;keine Mittel f&uuml;r die gleichzeitige Reparation aller Opfer&rdquo;. Die Wiedergutmachung werde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und erfordere Geduld (No hay recursos para reparar a todas las v&iacute;ctimas al mismo tiempo &ndash; Blueradio, 14.08.2017). <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170920-Kolumbien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Kolumbien versucht, sich einen Albtraum vom geschundenen Leib zu sch&uuml;tteln. Der Krieg, der vor fast 60 Jahren zwischen b&uuml;rgerlichen Konservativen und Liberalen ausbrach und &uuml;ber Jahrzehnte von ihren Nachfolgern &ndash; Gro&szlig;grundbesitzer- und Narcomilizen im h&auml;ufigen Verbund mit den konventionellen Streitkr&auml;ften gegen linke Guerillas &ndash;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40188\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[124,170,20],"tags":[1276,2162,912,2161,901,2160,2104,1366,1176,1556,291,1464],"class_list":["post-40188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demokratie","category-friedenspolitik","category-landerberichte","tag-attentat","tag-aufruhr","tag-buergerkrieg","tag-friedensabkommen","tag-geheimdienste","tag-kolumbien","tag-kriegsopfer","tag-reparationen","tag-streik","tag-usa","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-volksabstimmung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40188"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48123,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40188\/revisions\/48123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}