{"id":40209,"date":"2017-09-21T09:36:52","date_gmt":"2017-09-21T07:36:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40209"},"modified":"2019-01-30T11:21:39","modified_gmt":"2019-01-30T10:21:39","slug":"vom-bewaffneten-kampf-zur-strategie-des-gluecks-ueber-die-autobiographie-von-lutz-taufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40209","title":{"rendered":"Vom bewaffneten Kampf zur Strategie des Gl\u00fccks &#8211; \u00dcber die Autobiographie von Lutz Taufer"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Es dauerte lange, bis ich in meinem F&uuml;hlen und Denken zulassen konnte, dass die T&ouml;tung zweier Geiseln auf grausame Weise, f&uuml;r die ich mitverantwortlich bin, ein Verbrechen ist, das durch nichts zu rechtfertigen ist&ldquo;, notiert Lutz Taufer in seiner Autobiographie &Uuml;ber Grenzen. Er beschreibt den Weg aus der badischen Provinz in die antiautorit&auml;re Revolte und nach deren Aufl&ouml;sung in den bewaffneten Kampf der RAF. Im Gef&auml;ngnis setzten Lernprozesse ein und es wurde ihm klar, dass die befreite Gesellschaft bereits in den Mitteln erkennbar sein muss, die zu ihrer Erreichung angewandt werden. Hass und Gewalt verzerren die Z&uuml;ge der K&auml;mpfenden und entstellen das Antlitz der Revolution. Am Ende kommt es zu der grotesken Situation, dass sich die, um deren Befreiung es gehen soll, von denen bedroht f&uuml;hlen, die sie befreien wollen. Nach der zwanzigj&auml;hrigen Haft ging Lutz Taufer als Entwicklungshelfer nach Brasilien und versuchte dort in den Favelas, Ans&auml;tze einer &bdquo;Strategie des Gl&uuml;cks&ldquo; zu verwirklichen. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40209#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Ich bin ein alter Revolution&auml;r, der den Hoffnungen, die er begraben musste, treu geblieben ist.&ldquo; <\/em><br>\n(Man&egrave;s Sperber)\n<\/p><\/blockquote><p>Eigentlich bin ich in den S&uuml;den der Niederlande gereist, um Rad zu fahren, im Meer zu schwimmen und meinen Kopf in die Seeluft zu halten. Aber seit ich hier bin, regnet und st&uuml;rmt es unabl&auml;ssig. An Baden kein Gedanke, Rad fahren geht nur in wenigen regen- und sturmfreien Stunden. Unter solchen Bedingungen greift unsereiner zum Buch. Vor der Abreise hatte ich eine Tasche mit B&uuml;chern vollgepackt, aus der ich nun das Buch von Lutz Taufer hervorzog, das <em>&Uuml;ber Grenzen. Vom Untergrund in die Favela<\/em> hei&szlig;t. Und das war, um es gleich vorwegzunehmen, ein guter Griff. Das Buch passte zu den st&uuml;rmischen Bedingungen um mich herum und hat mir die vergangenen Tage gerettet. Selten hat mich in letzter Zeit eine Lekt&uuml;re so gefesselt und in Atem gehalten. Und das liegt nicht nur daran, dass ich schnell auf Einiges stie&szlig;, das uns verbindet, obwohl Lutz Taufer einige Jahre &auml;lter ist als ich. <\/p><p><strong>Putsch in Chile<\/strong><\/p><p>Ich begann am 11. September damit, diese Rezension zu schreiben. Dieses Datum ist f&uuml;r Lutz Taufer wie f&uuml;r mich in erster Linie der Jahrestag des 11. September 1973, als das chilenische Milit&auml;r mit tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung der USA gegen den demokratisch gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Salvador Allende putschte und diesen ermordete, und erst in zweiter Linie der Jahrestag der Ereignisse, f&uuml;r die sich das K&uuml;rzel 9\/11 eingeb&uuml;rgert hat. Der damalige US-Au&szlig;enminister Henry Kissinger hatte dem chilenischen Botschafter Orlando Letelier gegen&uuml;ber den Putsch mit den Worten angek&uuml;ndigt: &bdquo;Chile hat keinerlei strategischen Wert. Wir k&ouml;nnen unser Kupfer aus Peru, Sambia, Kanada beziehen. Ihr habt nichts, was entscheidend sein k&ouml;nnte. Aber wenn dieses Projekt Sozialismus &agrave; la Allende sich durchsetzt, werden wir in Frankreich und Italien ernsthafte Probleme bekommen, wo Sozialisten und Kommunisten gespalten sind, sich aber an diesem Projekt ein Beispiel nehmen und sich zusammenschlie&szlig;en k&ouml;nnten. Und dies w&uuml;rde die Interessen der Vereinigten Staaten substantiell tangieren. Wir werden es nicht zulassen, dass es zum Erfolg gef&uuml;hrt wird. Nehmen Sie dies zur Kenntnis.&ldquo; Drei Jahre nach dem Putsch wurde Letelier im Exil von der chilenischen Geheimpolizei ermordet. <\/p><p>Der Sieg der <em>Unidad Popular<\/em> im Jahr 1970 und die von ihr eingeleiteten tiefgreifenden Reformen hatten bei der Linken weltweit Hoffnungen geweckt, dass es einen friedlichen Weg in eine gerechte und menschlichere Gesellschaft geben k&ouml;nnte. Aus dem gewaltsamen Ende zogen Lutz Taufer und viele andere den Schluss, dass diese Hoffnung illusion&auml;r sei und dass es nirgendwo auf der Welt einen friedlichen &Uuml;bergang zum Sozialismus geben w&uuml;rde. Sein Fazit: &bdquo;So wenig die Sowjetunion in der Tschechoslowakei einen demokratischen Sozialismus in ihrem Herrschaftsbereich hinnehmen wollte, wo wenig die USA in ihrem lateinamerikanischen Hinterhof.&ldquo; Als 1974 in Portugal die Nelkenrevolution weitgehend friedlich siegte, war Lutz Taufer bereits auf dem Weg in den bewaffneten Kampf und gegen andersartige Erfahrungen abgeschottet. <\/p><p><strong>Ein gemeinsamer Freund<\/strong><\/p><p>Gleich zu Beginn seines Buches erz&auml;hlt Taufer von seinem Karlsruher Jugendfreund Lothar, mit dem er zusammen zur Schule ging und eine freie, ein wenig anarchische Pfadfindergruppe besuchte. Aus ihm wurde sp&auml;ter der &Uuml;bersetzer, Essayist und Schriftsteller Lothar Baier. Mit diesem war auch ich befreundet, und ich erinnere mich, dass mir Lothar von einem Freund erz&auml;hlte, der wegen des RAF-&Uuml;berfalls auf die Stockholmer Botschaft im Gef&auml;ngnis sa&szlig; und den er gelegentlich dort besuchte. Im Jahr 2004 hat Lothar Baier sich in Montreal das Leben genommen. Ich habe 2012 anl&auml;sslich seines 70. Geburtstags auf den <em>Nachdenkseiten<\/em> <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13230\">an ihn erinnert<\/a>. Als ich Mitte der 1980er Jahre anfing, im Knast zu arbeiten, haben Lothar und ich h&auml;ufig &uuml;ber die Identit&auml;tsprobleme derer gesprochen, die unter diesen Bedingungen zu leben gezwungen sind. Und &uuml;ber meine, die darin bestanden, als Linker im innersten Bezirk der Macht zu arbeiten und Menschen wie Lutz wegzuschlie&szlig;en. Lothar verdanke ich den Hinweis auf das Buch <em>Ausbruchsversuche<\/em> der beiden britischen Soziologen Stanley Cohen und Laurie Taylor, das mir dabei geholfen hat, einen verstehenden Zugang zu den oft verqueren und verzweifelten Bem&uuml;hungen zu finden, die Gefangene unternehmen, um unter Bedingungen nahezu totaler Kontrolle als Subjekte durchzuhalten. Ein Mittel dieser Selbstbehauptung ist der Hungerstreik. Er dient neben der Verfolgung programmatischer Ziele vor allem der Rekonstruktion der Menschenw&uuml;rde, die der Knast systematisch untergr&auml;bt, indem er Menschen zu Mitteln fremder Zwecke degradiert. <\/p><p><strong>Kampf um Identit&auml;t<\/strong><\/p><p>Im Gef&auml;ngnis zielt Herrschaft auf totale Kontrolle. Sie will jede Lebens&auml;u&szlig;erung dessen, der ihr &uuml;berantwortet ist, regeln, will pr&uuml;fen, ob eine Lebens&auml;u&szlig;erung sein darf oder nicht. Und wenn sie sein darf, gibt die kontrollierende Instanz Ort, Termin, Dauer, Qualit&auml;t, Quantit&auml;t und Form vor; nicht einmal elementare Lebensfunktionen wie Schlaf, Nahrungsaufnahme, k&ouml;rperliche Bewegung oder sinnliche Wahrnehmung sind davon ausgenommen. Dem Gefangenen wird fast jede Entscheidungskompetenz genommen und man h&auml;lt dies f&uuml;r den Beginn der Resozialisierung. Erving Goffman hat in seinem bahnbrechenden Buch <em>Asyle<\/em> beschrieben, wie <em>totale Institutionen<\/em> die ihnen ausgelieferten Menschen ihrer Identit&auml;tsausr&uuml;stung berauben. Im Kern der Aufnahmeprozedur stehen das Abgeben der mitgebrachten zivilen Kleidung und das Einkleiden mit Anstaltsklamotten. Die Eingelieferten m&uuml;ssen sich ihrer pers&ouml;nlichen Habe entledigen. Die Gegenst&auml;nde, die sie im Gegenzug ausgeh&auml;ndigt bekommen, sind Anstaltseigentum und extrem standardisiert und uniform. &bdquo;Diese Ersatzgegenst&auml;nde sind deutlich als der Anstalt geh&ouml;rend gekennzeichnet, und in manchen F&auml;llen werden sie in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden eingefordert, so als sollten sie von allen Spuren einer Identifikation gereinigt werden.&ldquo; Die regelm&auml;&szlig;igen Kontrollen und Durchsuchungen der Haftr&auml;ume dienen nicht nur der &bdquo;Sicherheit und Ordnung&ldquo;, sondern tilgen nebenbei auch Spuren emotionaler Besetzungen. Alle Gegenst&auml;nde werden von fremden H&auml;nden ber&uuml;hrt und dadurch emotional enteignet und mit Macht kontaminiert. St&auml;ndige Verlegungen verhindern die Besetzung der R&auml;ume und die Entstehung von Bindungen. Das Einsperren von Menschen und ihre Unterwerfung unter solche Bedingungen ist eine Tortur. Das gilt schon f&uuml;r den &bdquo;Normalvollzug&ldquo;, wieviel mehr erst f&uuml;r Gefangene in Hochsicherheitstrakten! Lutz Taufer und andere politische Gefangene waren oft Jahre lang in solchen Trakten und unter Bedingungen beinahe vollst&auml;ndiger Isolation untergebracht. Taufer hatte irgendwann das Gef&uuml;hl, wahnsinnig zu werden und &bdquo;statt Gehirnmasse Styropor unter der Sch&auml;deldecke zu haben&ldquo;. Er unternahm einen Suizidversuch, wurde aber gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Manchmal, daran hat unser Freund Lothar Baier in einem Essay &uuml;ber Jean Am&eacute;rys Buch <em>Hand an sich legen<\/em> erinnert, bringt ein Mensch sich um, und rettet durch diese Tat sein Leben &ndash; so paradox es klingen mag.<\/p><p>Der Hungerstreik ist unter solchen Extrembedingungen ein Mittel, ein St&uuml;ck Kontrolle &uuml;ber das enteignete Leben zur&uuml;ckzuerobern. In die Einsamkeit des Hungerns, der gewaltlosen Verweigerung, kann, so scheint es, Herrschaft dem Gefangenen nicht mehr folgen. Jetzt liegt die Kontrolle seines Lebens wieder bei ihm. Dieser Erfolg geht jedoch meist auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en, denn irgendwann wird der Gefangene von der Macht eingeholt und der qualvollen Prozedur der Zwangsern&auml;hrung unterworfen. F&uuml;r politische Gefangene hat der Hungerstreik nat&uuml;rlich noch eine andere Bedeutung: Es geht um die Aufrechterhaltung der Identit&auml;t als K&auml;mpfer gegen das System, die Bannung der Zentrifugalkr&auml;fte und die St&auml;rkung der Koh&auml;sion der Gruppe. Von diesen K&auml;mpfen, Triumphen und Niederlagen berichtet Lutz Taufer in eindringlichen Passagen seines Buches, in denen er von der Zeit in verschiedenen Gef&auml;ngnissen berichtet. <\/p><p>Zu den Mitteln der Selbstbehauptung geh&ouml;rt auch die Schaffung von kleinen Bastionen des Eigensinns. Gefangene entwickeln einen unglaublichen Einfalls- und Erfindungsreichtum, um sich selbst Gerichte zuzubereiten und ihren Zellen und ihrer Kleidung eine individuelle Note zu verleihen. Lutz Taufer hat im Knast angefangen zu backen und ist nach seiner Haftentlassung zwischenzeitlich darauf zur&uuml;ckgekommen. Gef&auml;ngnisinsassen werden &ndash; von Rosa Luxemburg, Ernst Toller  bis zum Mann von Alcatraz &ndash; zu Ornithologen. Gefangene schauen den Zugv&ouml;geln nach. Fliegende, fl&uuml;chtige Gedanken, die sie mitnehmen in die Welt. Man streut zerbr&ouml;seltes Brot auf das Fensterbrett, um die Spatzen zu f&uuml;ttern, sofern die vielerorts eingezogenen engmaschigen Zusatzgitter das noch zulassen. &bdquo;Ich f&auml;nde es sch&ouml;n, wenn ich einen Spatz &uuml;berreden k&ouml;nnte, bei mir ein- und auszugehen&ldquo;, schrieb Adriano Sofri, der als politischer H&auml;ftling viele Jahre in italienischen Gef&auml;ngnissen einsa&szlig;. F&uuml;r Lutz Taufer wurde der Knast zur Schule des <em>Empowerment<\/em>, zur Erfahrung, dass man selbst unter widrigen Umst&auml;nden etwas tun und wirkm&auml;chtig sein kann. <em>Empowerment<\/em> k&ouml;nnte auch als Motto &uuml;ber Taufers weiterem Lebensweg stehen, der durch Versuche gekennzeichnet ist, diese Erfahrung an andere weiterzugeben. Aber jetzt habe ich vorgegriffen.<\/p><p><strong>Politisierungsgeschichte<\/strong><\/p><p>Zu den Gemeinsamkeiten zwischen Lutz Taufer und mir geh&ouml;ren auch Teile unserer Politisierungsgeschichte. Sie ist im Grunde die einer ganzen Generation. Ich nenne deswegen nur Stichworte. Am Anfang steht die Revolte gegen das Waschen mit Kernseife, gegen den Kochpottschnitt, gegen die Tischmanieren: &bdquo;Sitz gerade, linke Hand am Tellerrand, nimm den Ellbogen vom Tisch!&ldquo;, gegen die Sonntagshosen und die B&uuml;gelfalten, gegen die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit der Elterngeneration und die daraus r&uuml;hrende Erstarrung des Lebens. Das Gros der Lehrer war autorit&auml;r; sie schwadronierten vom Krieg und manch einer musste den Impuls unterdr&uuml;cken, aus alter Gewohnheit reflexartig die Hand zum &bdquo;Deutschen Gru&szlig;&ldquo; hochzurei&szlig;en, wenn der Direktor am Horizont auftauchte. Taufers Eltern waren im Unterschied zu meinen keine aktiven Nazis, sondern haben sich so durchlaviert und manchmal sogar kleine Subversionen begangen. Aber auch Lutz vermisste im Elternhaus W&auml;rme, die er anderswo suchte und zu seinem Gl&uuml;ck auch fand. Vielen von uns haben solche externen W&auml;rmequellen das Leben gerettet. Gegen diese ganze p&auml;dagogische Paranoia, die man Erziehung nannte und gegen uns in Stellung brachte, geschah die Revolte. Bernward Vesper hat es in seinem autobiographischen Roman <em>Die Reise<\/em> so ausgedr&uuml;ckt: &bdquo;Der Aufstand geschieht gegen diejenigen, die mich zur Sau gemacht haben, es ist kein blinder Hass, kein Drang, zur&uuml;ck ins Nirwana, vor die Geburt. Aber die Rebellion gegen die zwanzig Jahre im Elternhaus, gegen den Vater, die Manipulation, die Verf&uuml;hrung, die Vergeudung der Jugend, der Begeisterung, des Elans, der Hoffnung &ndash; da ich begriffen habe, dass es einmalig, nicht wiederholbar ist. Ich wei&szlig; nicht, wann es d&auml;mmerte, aber ich wei&szlig;, dass es jetzt Tag ist und die Zeit der Klarstellung. Denn wie ich sind wir alle betrogen worden, um unsere Tr&auml;ume, um Liebe, Geist, Heiterkeit, ums Ficken, um Hasch und Trip (werden weiter alle betrogen).&ldquo; <\/p><p>Das Spezifikum der 68er Revolte bestand darin, dass sich dieser Autorit&auml;tsprotest politisierte und mit dem Protest gegen den Krieg in Vietnam und das Elend und das Leiden der &bdquo;Verdammten dieser Erde&ldquo; (Frantz Fanon) zu einer weltweiten Bewegung verband. Lutz Taufers politischer Weg f&uuml;hrte &uuml;ber die Basisgruppe Politische Psychologie ins Heidelberger <em>Sozialistische Patientenkollektiv<\/em> (SPK). Dieses war eine Patientenselbstorganisation, die aus dem Widerstand gegen das Psychiatrische Landeskrankenhaus Wiesloch und die dort &uuml;bliche &bdquo;Behandlung&ldquo; hervorgegangen war. Man wollte das traditionelle Arzt-Patient-Verh&auml;ltnis, in dem der Arzt handelndes, gesundes Subjekt und der Patient krankes und zu behandelndes Objekt ist, aufheben und in ein solidarisches Handeln verwandeln. &bdquo;Ein Krankheitssymptom&ldquo;, hie&szlig; es im programmatischen Gr&uuml;ndungs-Text, &bdquo;ist ein Protest des Organismus gegen krankmachende Lebens- und Arbeitsbedingungen, zugleich aber Hemmung des Protests, da er sich gegen den eigenen Organismus richtet. Es kommt darauf an, den Protest freizusetzen und gegen die krankmachenden Verh&auml;ltnisse zu richten: Aus der Krankheit eine Waffe machen.&ldquo;<\/p><p><strong>Fraktionierung der Revolte<\/strong><\/p><p>Anfang der 1970er Jahre ging die Phase des Aufbruchs und des &ouml;ffentlichen Gl&uuml;cks zu Ende. Die geschlossenen Fabriktore am Tag der Verabschiedung der Notstandsgesetze hatten eindringlich signalisiert, dass die Bewegung die Arbeiterklasse nicht erreicht hatte und als auf Jugendliche und Studierende begrenzte das Ganze der Gesellschaft nicht treffen und ver&auml;ndern konnte. &Uuml;berall stie&szlig; die Revolte auf Begrenzungen und Hindernisse. Das SPK wurde 1971 auf beh&ouml;rdliche Anordnung aufgel&ouml;st. &Uuml;berall verst&ouml;rte und ratlose Akteure, die sich fragten: &bdquo;Wie und wo geht&rsquo;s zur Revolution weiter? Was tun?&ldquo; <\/p><p>Die bislang gemeinsamen Wege trennten sich: &bdquo;Die Freunde, die hier sich trafen und umarmten, sind fort \/ Jeder zu seinen eigenen Fehlern&ldquo;, hei&szlig;t es in einem Gedicht des englisch-amerikanischen Schriftstellers W. H. Auden. Zeilen, die auch die Phase und die Stimmung nach der Revolte charakterisieren. Die in der Bewegung geb&uuml;ndelten Intentionen entmischten sich und sie zerfiel in lauter sich untereinander bek&auml;mpfende Fraktionen. Eine davon war die <em>Rote Armee Fraktion<\/em> (RAF), die der blockierten Geschichte durch gewaltsame und bewaffnete Aktionen auf die Spr&uuml;nge helfen wollte, sich mehr und mehr in eine milit&auml;rische Logik entfremdete und schlie&szlig;lich auch vor sinnentleerten Morden nicht zur&uuml;ckschreckte. Sandor M&aacute;rai hat aus bitteren eigenen Erfahrungen in seinen Tageb&uuml;chern formuliert, &bdquo;dass der deutsche Kommunist, sobald er eine Waffe in der Hand hat, nicht l&auml;nger Kommunist ist, sondern Deutscher&ldquo;.<\/p><p>Ich entschied mich am Ende einer langen Suchbewegung und allerhand auch politischer Eskapaden f&uuml;r den &bdquo;langen Marsch durch die Institutionen&ldquo;, den Rudi Dutschke propagiert hatte. Ich ging in den Knast. Das ist eine weitere, wenn auch eher ironische Gemeinsamkeit zwischen Taufer und mir. Denn ich war als Gef&auml;ngnispsychologe ja &bdquo;auf der anderen Seite&ldquo;. Nach rund drei&szlig;ig Jahren Arbeit im Gef&auml;ngnis muss ich feststellen, dass ich die Institution nicht ver&auml;ndert habe. Der &bdquo;steingewordene Riesenirrtum&ldquo; (Eberhard Schmidt) des Gef&auml;ngnisses hat sich als hart wie Granit erwiesen und hat mich und meine Aktivit&auml;ten locker verkraftet. Aber es hat mich auch nicht gebrochen und bis zur Unkenntlichkeit verbogen &ndash; so hoffe ich jedenfalls. <\/p><p><strong>Stockholm<\/strong><\/p><p>Lutz Taufers Weg f&uuml;hrte in Gruppierungen, die sich um die ersten inhaftierten RAF-Gefangenen und in Heimen untergebrachte und drangsalierte Jugendliche k&uuml;mmerten. Er balancierte eine Weile auf dem schmalen Grat zwischen Legalit&auml;t und Illegalit&auml;t, bis er sich nach dem Tod von Holger Meins im Kontext des dritten Hungerstreiks der RAF-Gefangenen entschloss, den Drahtseilakt zu beenden und den Schritt in den bewaffneten Kampf zu tun. Er hatte das unabweisbare Gef&uuml;hl, etwas tun zu m&uuml;ssen, und sehnte sich nach einer &Uuml;bereinstimmung von Denken und Handeln. Er schloss sich mit einigen Mitk&auml;mpferinnen und Mitk&auml;mpfern aus alten SPK-Zeiten zum Kommando Holger Meins zusammen, das im April 1975 in die deutsche Botschaft in Stockholm eindrang. Man beabsichtigte, die Botschaftsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter als Geiseln zu nehmen, um die Freilassung der inhaftierten politischen Gefangenen zu erzwingen. Die Bundesregierung erwies sich als unnachgiebig, und die Aktion endete in einem Desaster. Zwei Botschaftsmitarbeiter wurden get&ouml;tet und auch zwei der Geiselnehmer verloren ihr Leben. Die vier &Uuml;berlebenden wurden vom Oberlandesgericht D&uuml;sseldorf wegen zweifachen Mordes zu einer zweifachen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Lutz Taufer verbringt 20 Jahre in verschiedenen Gef&auml;ngnissen, den gr&ouml;&szlig;ten Teil davon in Hochsicherheitstrakten und in nahezu vollst&auml;ndiger Isolation von anderen H&auml;ftlingen. Lutz Taufer beginnt bereits in der Haft, sich kritisch mit der Strategie des bewaffneten Kampfes und seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Im Buch hei&szlig;t es: &bdquo;Die Ermordung von Geiseln besch&auml;digt irreparabel die Hoffnung auf eine menschlichere Welt&hellip;&ldquo; und er schlie&szlig;t die Frage an: &bdquo;D&uuml;rfen Militante, die f&uuml;r eine menschlichere Gesellschaft k&auml;mpfen, alles in Frage stellen, auch ethische Grunds&auml;tze, ohne die eine menschlichere Gesellschaft, frei von Ausbeutung und Unterdr&uuml;ckung, gar nicht denkbar ist? Und was macht die Verletzung solcher ethischen Grunds&auml;tze mit denen, die sie verletzen?&ldquo; Letztlich gelangt Taufer dahin, dass es darauf ankomme, statt des verbissenen milit&auml;rischen Kampfes eine &bdquo;Strategie des Gl&uuml;cks&ldquo; zu entwickeln. Lernprozesse dieser Art sind unter diesen Umst&auml;nden keineswegs selbstverst&auml;ndlich. Die &uuml;bersch&uuml;ssige &Uuml;belzuf&uuml;gung in der Haft, das &uuml;ber den Normalvollzug Hinausgehende, wird als Schikane erlebt und f&uuml;hrt h&auml;ufig dazu, dass Gefangene sich verh&auml;rten. <\/p><p><strong>Entsagende Rache<\/strong><\/p><p>Die oben bereits erw&auml;hnten verzweifelten K&auml;mpfe um Selbstbehauptung, das sich h&auml;ufig &uuml;ber Monate, ja mitunter &uuml;ber Jahre hinziehende &bdquo;Armedr&uuml;cken&ldquo; mit den Justizbeh&ouml;rden binden derart gro&szlig;e Mengen kognitiver und emotionaler Energien, dass f&uuml;r die Auseinandersetzung mit der Tat keine Valenzen mehr frei sind. Das Gef&auml;ngnis f&uuml;gt dem schuldig Gewordenen derart viele unn&ouml;tige, &uuml;bersch&uuml;ssige &Uuml;bel zu, dass das Gef&uuml;hl der Schuld schnell dem Empfinden weicht, nicht l&auml;nger T&auml;ter, sondern selber Opfer zu sein. Die eigene Not und Entw&uuml;rdigung verengt das Bewusstsein und l&auml;sst das anderen Menschen zugef&uuml;gte Leid und das Gef&uuml;hl der Schuld hinter dem eigenen beklagenswerten Zustand zur&uuml;cktreten. &bdquo;Wenn ich in t&ouml;dlicher Lungenentz&uuml;ndung liege und man meldet mir, dass mein Nachbar gestorben sei, und zwar durch mein Verschulden, mag sein, ich werde es h&ouml;ren, ich werde die Bilder sehen, die man mir vor die Augen h&auml;lt; aber es erreicht mich nicht&ldquo;, hat Max Frisch diesen Mechanismus am Beispiel der Nachkriegsdeutschen in seinem fr&uuml;hen Tagebuch beschrieben. Wie das Tr&uuml;mmerelend der zerbombten St&auml;dte es den Deutschen nach 1945 erm&ouml;glichte, sich in den Wiederaufbau zu st&uuml;rzen und zu vergessen, dass sie kurz zuvor ganz Europa in Schutt und Asche gelegt und Millionen von Menschen ermordet hatten, so arbeitet das Gef&auml;ngniselend der Verdr&auml;ngung dessen in die H&auml;nde, was der Gefangene anderen Menschen vor seiner Inhaftierung angetan hat. Die einem demokratischen Rechtsstaat angemessene Form des Strafens ist entsagende Rache, und dieser Verzicht w&uuml;rde Lernprozesse wie die Lutz Taufers eher beg&uuml;nstigen. <\/p><p><strong>Vom Knast in die Favelas<\/strong><\/p><p>1995 wird Lutz Taufer entlassen. Da ihn das linksradikale Milieu in Deutschland langweilt und er keine Neigung versp&uuml;rt, dauernd den Ex-Terroristen zu geben und sich so erneut in eine Rolle zu entfremden, wendet er sich nach einem kurzen Zwischenstopp in Berlin nach S&uuml;damerika. Das letzte Drittel seines Buches finde ich besonders interessant, weil es uns mitnimmt in eine den meisten vollkommen fremde Welt, die Welt der &bdquo;Verdammten dieser Erde&ldquo;. Als Mitarbeiter des Weltfriedensdienstes arbeitete er als eine Art Entwicklungshelfer in den Favelas von Rio de Janeiro. Er verstand diese Arbeit so, seine m&uuml;hsam gelernte Lektion in <em>Empowerment<\/em> an andere weiterzugeben und ihnen zu der Erfahrung zu verhelfen, selbst unter widrigsten Bedingungen etwas bewirken und auf die Beine stellen zu k&ouml;nnen. Unter seiner Mitwirkung wurden Multiplikatoren ausgebildet, Theaterprojekte aus der Taufe gehoben, Werkst&auml;tten eingerichtet und Formen solidarischer &Ouml;konomie aufgebaut. Ihm und seinen Mitstreitern ging und geht es darum, Menschen aus ihrer Vereinzelung herauszuholen und ihnen zum Bewusstsein ihrer F&auml;higkeiten zu verhelfen. Zur Strategie des Gl&uuml;cks geh&ouml;rt es auch, anderen zu der Gl&uuml;ckerfahrung zu verhelfen, sich in Solidarit&auml;t mit anderen als jemand zu erleben, der &uuml;ber sich hinausw&auml;chst und eine Kraft entfaltet, von der er zuvor nichts geahnt hat. &bdquo;Meine Jahre in Brasilien&ldquo;, res&uuml;miert Taufer gegen Ende seines Buches, &bdquo;geh&ouml;ren zu den besten in meinem Leben. Ich habe Vieles gelernt, nicht zuletzt als Linker, was ich in Deutschland nie h&auml;tte lernen k&ouml;nnen.&ldquo; Nach dem Ende seiner T&auml;tigkeit als Entwicklungshelfer und seiner R&uuml;ckkehr nach Berlin wurde Lutz Taufer in den Vorstand des <em>Weltfriedensdienstes<\/em> gew&auml;hlt und setzt sich nun in dieser Funktion daf&uuml;r ein, dass Frieden und Gerechtigkeit zueinander finden und sich die Strategie des Gl&uuml;cks ausbreitet &ndash; in einer Welt, die im Gro&szlig;en genau das Gegenteil betreibt: die Ungerechtigkeit vergr&ouml;&szlig;ert und auf einen kriegerischen Abgrund zutaumelt. <\/p><p>Ich bin Lutz Taufer dankbar f&uuml;r dieses Buch, das Mut macht zum &Uuml;berschreiten von Grenzen, aber auch Grenzen benennt, die nicht &uuml;berschritten werden d&uuml;rfen &ndash; auch nicht im Namen hehrer Ziele. Mut macht es aber auch in einer anderen Hinsicht. &bdquo;Eine der Trag&ouml;dien des Gef&auml;ngnislebens liegt darin, dass es das Herz eines Mannes zu Stein macht&ldquo;, schrieb Oscar Wilde nach seiner Entlassung aus dem Gef&auml;ngnis. Lutz Taufer liefert den lebenden Beweis, dass das nicht unbedingt so sein muss. <\/p><p><em>Lutz Taufer: &Uuml;ber Grenzen: Vom Untergrund in die Favela. Assoziation A, Berlin 2017, 288 S., 19,80 Euro<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der &bdquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&ldquo; erschien im Juli 2016 unter dem Titel &raquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&laquo; der zweite Band seiner &raquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&laquo;. Der erste Band &bdquo;Zwischen Amok und Alzheimer&ldquo; ist 2015 im Verlag Brandes &amp; Apsel erschienen. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Es dauerte lange, bis ich in meinem F&uuml;hlen und Denken zulassen konnte, dass die T&ouml;tung zweier Geiseln auf grausame Weise, f&uuml;r die ich mitverantwortlich bin, ein Verbrechen ist, das durch nichts zu rechtfertigen ist&ldquo;, notiert Lutz Taufer in seiner Autobiographie &Uuml;ber Grenzen. 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