{"id":4023,"date":"2009-06-26T16:54:25","date_gmt":"2009-06-26T14:54:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4023"},"modified":"2014-01-27T12:41:36","modified_gmt":"2014-01-27T11:41:36","slug":"bekommen-wir-die-verschuldung-ueberhaupt-noch-in-den-griff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4023","title":{"rendered":"Bekommen wir die Verschuldung \u00fcberhaupt noch in den Griff?"},"content":{"rendered":"<p>Viele Menschen sind angesichts der wachsenden Staatsverschuldung in Sorge und fragen, ob es &uuml;berhaupt noch einmal m&ouml;glich sein wird, diese Schulden abzubauen. Diese Sorgen sollte man ernst nehmen, auch dann, wenn das Thema erkennbar benutzt wird, um politische Entscheidungen gegen die Interessen der Mehrheit zu begr&uuml;nden &ndash; etwa um eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung auf 25 % durchzudr&uuml;cken oder den Abbau sozialer Leistungen fortzusetzen. Ich will versuchen, einige eher zuversichtliche Antworten zum gesamten Fragenkomplex zu geben. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Ist es &uuml;berhaupt m&ouml;glich, die Schulden wieder abzubauen?<\/strong>\n<p>Leicht ist das nicht, aber es ist m&ouml;glich, wenn richtige wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen werden. Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung des Staatsschuldenstandes im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt in einigen L&auml;ndern zwischen 1991 und 2003 (sie stammt aus dem Buch &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo;).<\/p>\n<p><em><strong>Tabelle A3:<\/strong> Staatsschuldenstand im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in vergleichbaren L&auml;ndern<\/em><\/p>\n<p><a href=\"upload\/pdf\/20090626_tabelle1.pdf\"><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20090626_tabelle1.gif\" alt=\"Staatsschuldenstand im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in vergleichbaren L&auml;ndern\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: OECD (Hrsg.): Economic Outlook 2003, Paris 2003, S. 227. F&uuml;r die Werte des Jahres 2003 OECD (Hrsg.): Economic Outlook 2004, Volume 2, Paris 2004, S. 234.<\/em><\/p>\n<p>In Belgien wurde in dieser Zeit der Staatsschuldenstand von maximal 138 auf 104 heruntergefahren; in D&auml;nemark von 90,1 auf 49,5; in Gro&szlig;britannien von 60,6 auf 42, in Finnland von maximal 66,5 im Jahr 1996 auf 47,2 im Jahr 2002; in Schweden von 84,6 im Jahre 1996 auf 59,7 im Jahre 2002; auch in den USA von 75,6 auf 62,5. In anderen L&auml;ndern stieg der Schuldenstand, in Japan, in Frankreich und in Deutschland. &ndash; Inzwischen sieht unter dem Eindruck einer anderen Politik wie in den USA mit George Bush zum Beispiel oder unter dem Eindruck der Finanzkrise und der deshalb unternommenen Rettungsaktionen die Welt anders aus. Der Staatsschuldenstand steigt.<br>\nDas &auml;ndert aber nichts an der Tatsache, dass man politische Gestaltungsm&ouml;glichkeiten hat.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ob der Abbau von Staatsschulden gelingt, h&auml;ngt zentral von der wirtschaftlichen Entwicklung ab &ndash; und dann auch noch von der Steuerpolitik und der Ausgabenpolitik<\/strong>\n<p>In Schweden, in den USA, in Gro&szlig;britannien folgte die Verringerung der Staatsschulden in den neunziger Jahren erkennbar auf eine bewusst herbeigef&uuml;hrte &ouml;konomische Erholung. In Schweden, in den USA, in Gro&szlig;britannien, in den Niederlanden war der Abbau des Staatsschuldenstandes im Verh&auml;ltnis zum BIP vor allem deshalb m&ouml;glich, weil diese Volkswirtschaften unter dem Eindruck einer expa du nsiven Geld- und Wirtschaftspolitik mehrere Jahre lang hohe Wachstumsraten um die 4 % herum erreicht haben.<\/p>\n<p>Selbst die kleine Verbesserung der Lage in Deutschland zwischen 1998 und dem Jahr 2001 &ndash; von 63,2 auf 60,2 &ndash; war eng korreliert mit dem damaligen kleinen Aufschwung. Und genauso war der Anstieg der Verschuldung danach eng verbunden mit dem Abbruch der konjunkturellen Entwicklung zwischen 2002  und 2005. Auf diesen Widersinn, dass n&auml;mlich die Sparpolitik des Hans Eichel genau das Gegenteil bewirkte, haben wir in den NachDenkSeiten auf der Basis einer Grafik aus &bdquo;Machtwahn&ldquo; schon mehrmals hingewiesen. Hier ist die Abbildung:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20090626_grafik.gif\" alt=\"Machtwahn\" title=\"\"><\/p><\/li>\n<li><strong>Die Darstellung der Abl&auml;ufe und der Ursachen der Verschuldung in der &ouml;ffentlichen Debatte ist oft l&uuml;ckenhaft und teilweise irref&uuml;hrend:<\/strong>\n<p>So wird in vielen Darstellungen der Hinweis auf die Bedeutung der deutschen Vereinigung weggelassen, oder es wird schlicht &bdquo;vergessen&ldquo;, welche negative Wirkung die Steuersenkungen der Regierung Schr&ouml;der f&uuml;r hohe Einkommen und Unternehmen f&uuml;r den Stand der Staatsverschuldung hatten. Heute wird oft gar nicht erw&auml;hnt, welche Wirkung die Rettungsschirme und die daf&uuml;r bereitgestellten Milliarden auf den Schuldenstand haben. Da ist viel davon die Rede, dass die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise und die Konjunkturprogramme und die Zusch&uuml;sse zur Sozialversicherung eine h&ouml;here Verschuldung verursachen w&uuml;rden, dass auch die Zahlungen an die IKB, an die HRE, die Commerzbank und einige Landesbanken ihre Spuren im Schuldenstand hinterlassen haben, wird aus durchsichtigen Gr&uuml;nden &bdquo;geschlabbert&ldquo;. <\/p>\n<p>In der Frankfurter Rundschau erschien am 24.6. ein Beitrag mit dem Titel &bdquo;Kabinett beschlie&szlig;t den Schuldenrekord&ldquo;. In diesem Beitrag wurde mit Recht die Frage nach der politischen Gestaltungsm&ouml;glichkeit gestellt und dann auf Wolfgang Streeck, den Direktor am Max-Planck-Institut f&uuml;r Gesellschaftsforschung hingewiesen. Schon vor der Finanzkrise seien der Politik durch die &bdquo;ererbten Verpflichtungen&ldquo; die H&auml;nde gebunden gewesen. So k&ouml;nne eine Regierung kaum die Kosten f&uuml;r den Schuldendienst, die Zusch&uuml;sse zur Sozialversicherung (vor allem Rente) und andere Sozialbudgets beeinflussen. Weiter hie&szlig; es: Rechne man diese der politischen Gestaltung praktisch entzogenen Ausgaben zusammen, so habe die sozial-liberale Koalition 1970 rund 43 % des Bundeshaushaltes f&uuml;r selbst gew&auml;hlte Ausgaben zur Verf&uuml;gung gehabt. Beim rot-gr&uuml;nen B&uuml;ndnis sei dieser Anteil bis 2005 auf unter 19 % gesunken.<\/p>\n<p>In dieser Darstellung ist leider einiges Wichtige nicht erw&auml;hnt:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Regierung Schr&ouml;der hat ihren Gestaltungsspielraum selbst eingeengt durch eine der gr&ouml;&szlig;ten Steuerreformen zu Gunsten der h&ouml;heren Einkommen, Verm&ouml;gen und vor allem der Unternehmen. Sie hat die K&ouml;rperschaftsteuer massiv reduziert, die Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen steuerfrei gestellt usw.<\/li>\n<li>Au&szlig;erdem hat auch die Regierung Schr&ouml;der wie vorher schon die Regierung Kohl in den Jahren 1992 und 93 die Konjunktur in den Keller gefahren, damit die Steuereinnahmen weiter reduziert und vor allem den Zuschussbedarf f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme erh&ouml;ht.<\/li>\n<li>Bei Streeck &ndash; jedenfalls nach Frankfurter Rundschau &ndash; wird auch die Reduzierung des Gestaltungsraums und die Erh&ouml;hung der Staatsverschuldung durch die Art der Vereinigung beider Teile Deutschlands nicht erw&auml;hnt.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Konsolidierung &uuml;ber Steuererh&ouml;hungen und wie?<\/strong>\n<p>Zurzeit wird von verschiedenen Seiten, unter anderem schon zum wiederholten Male vom Pr&auml;sidenten des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Klaus Zimmermann die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer auf 25 % als Ma&szlig;nahme zur Konsolidierung ins Gespr&auml;ch gebracht. Das w&auml;re aus vielerlei Gr&uuml;nden heute und auf absehbare Zeit der falsche Weg. Es w&auml;re wie schon die letzte Mehrwertsteuererh&ouml;hung ein Beitrag zur D&auml;mpfung der ohnehin schwachen Konjunktur; es w&uuml;rden vor allem die schw&auml;cheren Einkommen mehr belastet. Dass solche Vorschl&auml;ge parallel zu Vorschl&auml;gen zur Steuersenkung im Bereich der Einkommen zur Sprache kommen, ist sachlich nicht zu verstehen.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Menschen sind angesichts der wachsenden Staatsverschuldung in Sorge und fragen, ob es &uuml;berhaupt noch einmal m&ouml;glich sein wird, diese Schulden abzubauen. Diese Sorgen sollte man ernst nehmen, auch dann, wenn das Thema erkennbar benutzt wird, um politische Entscheidungen gegen die Interessen der Mehrheit zu begr&uuml;nden &ndash; etwa um eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung auf 25 % durchzudr&uuml;cken<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4023\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,137,30],"tags":[325,402],"class_list":["post-4023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-steuern-und-abgaben","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-staatsschulden","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4023"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20321,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4023\/revisions\/20321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}