{"id":4029,"date":"2009-06-30T08:49:50","date_gmt":"2009-06-30T06:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4029"},"modified":"2014-01-27T12:35:28","modified_gmt":"2014-01-27T11:35:28","slug":"der-bildungsstreik-linksautonome-protestromantik-mit-gestrigen-forderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4029","title":{"rendered":"Der Bildungsstreik \u2013 linksautonome Protestromantik mit gestrigen Forderungen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bef&uuml;rchtungen vor Start des Bildungsstreiks waren gro&szlig;. Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) erwartete &bdquo;plumpe Krawallaktionen&ldquo;, &bdquo;sinnlosen Populismus&ldquo;, die CDU-Bundestagsfraktion gar &bdquo;Wahlkampf-Events der Linken&ldquo;. Den Hauptgrund daf&uuml;r sahen viele Organisationen in einer &bdquo;aktiven Unterwanderung der Bildungsstreikforen durch linksradikale Gruppen&ldquo; (Philologenverband). Die FDP im Bundestag bef&uuml;rchtete, der Bildungsstreik k&ouml;nne f&uuml;r &bdquo;anarchistische Gewalt&ldquo; missbraucht werden. Statt sich jedoch inhaltlich mit der Bewegung, den Inhalten und den konkreten Missst&auml;nden zu besch&auml;ftigen, reichte wohl der Blick auf die Liste der unterst&uuml;tzenden Organisationen, um sich eine pauschale Ablehnungshaltung zu eigen zu machen. Der Erkenntnis, dass es um eine ernsthafte Verbesserung und Ver&auml;nderung des herrschenden Bildungssystems ging und nicht um die Austragung &bdquo;ideologischer&ldquo; Konflikte ging, standen vorgefertigte Urteile entgegen. Von Michael Kolain<br>\n<!--more--><\/p><p>Statt sich zu beteiligen, in einem basisdemokratischen B&uuml;ndnis teilzuhaben und den direkten Diskurs zu suchen, wurden Vorurteile bedient und sich pauschal distanziert. Der Vorwurf des &bdquo;ideologischen&ldquo; Handelns m&uuml;ssen sich konservative Verb&auml;nde nun wohl oder &uuml;bel selbst gefallen lassen: denn keine der Prophezeiungen ist eingetreten. Sie haben die gr&ouml;&szlig;ten Bildungsproteste der letzten Jahrzehnte verschlafen. <\/p><p>Nie waren Bildungsthemen so in der &Ouml;ffentlichkeit, selten haben Studierende und Sch&uuml;lerInnen so viel Anteilnahme aus der Bev&ouml;lkerung und den Medien erfahren.  &bdquo;Wer am Bildungsstreik teilnimmt, ist einfach nur dumm&ldquo;, lie&szlig; der RCDS-Bundesvorsitzende verlautbaren. Man bemerke: dieselbe Person, die vor Populismus im Bildungsstreik warnte. Wenn der Heidelberger RCDS jetzt dazu aufruft, auf die Macht der Argumente und nicht auf die Macht der Aktion zu vertrauen, muss er sich klarmachen, dass den Bildungsstreik gerade die Verbindung von beidem zum Erfolg gemacht hat und gerade das Vertrauen auf die Gespr&auml;chsbereitschaft und Offenheit gegen&uuml;ber studentischen Anliegen, der Grund daf&uuml;r sind, dass der RCDS keine nennenswerte Erfolge, geschweige denn jemals eine gr&ouml;&szlig;ere Mobilisierung unter Studierenden, vorweisen kann.  <\/p><p>Oft ge&auml;u&szlig;ert und voneinander abgeschrieben wurde auch die Kritik, ein &bdquo;Streik&ldquo; schade nur den Lernenden selbst. &bdquo;Wer so Sch&uuml;ler und Studenten davon abhalten will, ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen, offenbart, wie wenig ihm tats&auml;chlich an der Bildung junger Menschen gelegen ist&ldquo; (CDU-Bundestagsfraktion). Sich &uuml;ber die langfristige Entwicklung des Bildungssystems Gedanken zu machen und Forderungen f&uuml;r eine Woche in die &Ouml;ffentlichkeit zu tragen, gespickt mit reichhaltigem Alternativprogramm an den Bildungseinrichtungen, damit abzulehnen, dass das regul&auml;re Programm &ndash; das ja kritisiert wird &ndash; dann zu kurz kommt? <\/p><p>B&uuml;rgerschaftliches Engagement von jungen Menschen, die Ein&uuml;bung staatsb&uuml;rgerlicher Rechte, Artikulation eigener Interesse und die basisdemokratische Selbstorganisierung; all das wiegt geringer, als die vorgegebenen Inhalte einer Schul- oder Hochschulwoche? Welches Verst&auml;ndnis von Bildung wohl hier mitschwingt?! Allen, die w&auml;hrend der Streikwoche brav weiterlernten, &bdquo;um sich nicht selbst zu bestreiken&ldquo;, kann an dieser Stelle nur die Frage gestellt werden, ob sie ernsthaft glauben, dadurch auch nur irgendeinen Vorteil in kommenden Klausuren, Semestern oder Vorstellungsgespr&auml;chen zu haben oder vielleicht doch aus Linientreue, Autorit&auml;tsh&ouml;rigkeit und Zukunftsangst die gr&ouml;&szlig;te bildungspolitische Auseinandersetzung seit Jahren verpasst haben.<\/p><p>Im Laufe der Woche meldete sich Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zu Wort. Die Forderungen seien zum Teil &bdquo;gestrig&ldquo;; &bdquo;Wer sagt, wir m&uuml;ssen Bachelor- und Masterstudieng&auml;nge wieder abschaffen, der nimmt nicht zur Kenntnis, dass Deutschland Teil des europ&auml;ischen Bildungsraums ist.&ldquo;. Ein durchaus geschickter Schachzug, den sich auch der Bundesverband liberaler Hochschulgruppen nicht nehmen lie&szlig;: &bdquo;reaktion&auml;r und zukunfts&auml;ngstlich&ldquo; sei der Bildungsstreik. Interessant: man nehme eine inhaltlich fundierte Kritik, die man in Teilen offen selbst teilt, und stelle einen Zusammenhang her, den die Kritisierenden selbst nicht stellen. Den &bdquo;Bologna-Prozess&ldquo; in Deutschland zu kritisieren und den status quo &ndash; Verschulung, Dauer&uuml;berpr&uuml;fung und einseitige Orientierung an &ouml;konomischen Interessen &ndash; abzulehnen, wird von Schavan gleichgestellt mit einer vermeintlichen Ablehnung eines europ&auml;ischen Hochschulraums. Woher sie diesen Zusammenhang nimmt, sagt sie nicht. Einen national abgeschotteten Bildungsraum sucht man jedenfalls vergebens in den &Auml;u&szlig;erungen der Bildungsstreikenden. Progressive, langfristige &Uuml;berlegungen zur Zukunft unseres Bildungssystems werden lapidar von konservativen Politikern, als r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt dargestellt. Taktisch nett, bei genauerem Hinsehen &ndash; wof&uuml;r sich Schavan wohl keine Zeit genommen hatte &ndash; jedoch logisch nicht nachvollziehbar. <\/p><p>Interessant &auml;u&szlig;erte sich auch die Hochschulrektorenkonferenz. Die Bologna-Reform d&uuml;rfe nicht grunds&auml;tzlich in Frage gestellt werden. Den Appell zu mehr Demokratisierung oder den Protest gegen die &Ouml;konomisierung der Bildung, erinnerte die HRK-Pr&auml;sidentin Wintermantel &bdquo;sehr an fr&uuml;here ideologische Auseinandersetzungen&ldquo; und erschienen ihr daher &bdquo;zur L&ouml;sung gegenw&auml;rtiger Herausforderungen unbrauchbar&ldquo;. Ah ja. <\/p><p>Wenigstens ehrlich in war Wissenschaftsminister Peter Frankenberg. Er sagte: &bdquo;F&uuml;r einen Bildungsstreik gibt es in unserem Land wirklich keinen Anlass&ldquo;. Punkt. Dass er sich nicht mit den Anliegen auseinandersetzen m&ouml;chte, macht er zumindest deutlich, ohne ein vermeintliches Verst&auml;ndnis vorzuspielen.<\/p><p>Abschlie&szlig;end bleibt eigentlich nur zu fragen: war der Bildungsstreik ein &bdquo;ideologisch h&ouml;chst einseitiger und rechtsstaatlich &auml;u&szlig;erst fragw&uuml;rdiger Aktionismus&ldquo; (Lehrerverband)? Ging es letztendlich &bdquo;nicht um die Sache, sondern um Gewalt, die gegen jeden und alles ausartet&ldquo; (RCDS)? &bdquo;Wurden bildungspolitische Themen &bdquo;einem Mob &uuml;berlassen&ldquo; (RCDS)? Wird der &bdquo;Aktionismus des so genannten Bildungsstreiks schnell verpuffen und ohne langfristige Wirkungen bleiben&ldquo; (Philologenverband)? War er gar ein &bdquo;Wahlkampfevent der Linken&ldquo; (CDU)?<\/p><p>Ein Blick in das Medien-Echo, Gespr&auml;che mit Menschen auf der Stra&szlig;e und der nun angesto&szlig;ene Diskurs an Schule, Hochschule und in Politik &uuml;ber unser Bildungssystem zeigen: Karrieristen in Studierendenverb&auml;nde und Besitzstandwahrer in der Politik wurde auf rechtsstaatlichem und demokratischem Wege gezeigt, wie unbegr&uuml;ndet ihre Kritik an einer der gr&ouml;&szlig;ten Bildungsbewegungen, sollte sie jemals ernst gemeint sein, war und ist. <\/p><p>Quellen:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rcds.de\">www.rcds.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.lhg-umzug.de\/dokumente\/bildungsstreik.asp\">www.lhg-umzug.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rcds-heidelberg.de\">www.rcds-heidelberg.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.dphv.de\/index.php?id=20&amp;tx_ttnews[tt_news]=234&amp;tx_ttnews[backPid]=5&amp;cHash=3a6212da34\">www.dphv.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.lehrerverband.de\/streik.htm\">www.lehrerverband.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.liberale.de\/webcom\/show_websiteprog.php?wc_c=730&amp;wc_lkm=167&amp;wc_id=12522&amp;bis=\">www.liberale.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.cducsu.de\/Titel__pressemitteilung_linke_nutzen_bildungsstreiks_als_wahlkampf_events\/TabID__6\/SubTabID__7\/InhaltTypID__1\/InhaltID__13362\/Inhalte.aspx\">www.cducsu.de<\/a>\n<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.netzeitung.de\/politik\/deutschland\/1381339.html\">www.netzeitung.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/bildungsklick.de\/pm\/68642\/hrk-praesidentin-wintermantel-zum-bildungsstreik\/\">www.bildungsklick.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"upload\/pdf\/090630_grottian_bildungsstreik.pdf\">Grottian Bildungsstreik [PDF &ndash; 18KB]<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bef&uuml;rchtungen vor Start des Bildungsstreiks waren gro&szlig;. 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