{"id":40298,"date":"2017-09-26T08:49:26","date_gmt":"2017-09-26T06:49:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40298"},"modified":"2026-01-27T11:22:32","modified_gmt":"2026-01-27T10:22:32","slug":"auch-bei-uns-ist-der-ausnahmezustand-nicht-ausgeschlossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40298","title":{"rendered":"\u201eAuch bei uns ist der Ausnahmezustand nicht ausgeschlossen\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170926_schaar.jpg\" alt=\"Peter Schaar\" title=\"Peter Schaar\"><\/div><p>Die Gefahr autorit&auml;rer &lsquo;L&ouml;sungen&rsquo; w&auml;chst, wenn &bdquo;der Rechtsstaat abgebaut, unterminiert oder &lsquo;ausgesetzt&rsquo; wird.&ldquo;  Dieser Auffassung ist der ehemalige Bundesdatensch&uuml;tzer <strong><a href=\"https:\/\/peter-schaar.de\/\">Peter Schaar<\/a><\/strong>, der gerade das Buch <em><a href=\"https:\/\/www.koerber-stiftung.de\/publikationen\/shop-portal\/show\/truegerische-sicherheit-237.html\">Tr&uuml;gerische Sicherheit: Wie die Terrorangst uns in den Ausnahmezustand treibt<\/a><\/em>, ver&ouml;ffentlicht hat. Darin betont Schaar, wie wichtig es auch in Zeiten des Terrors ist, auf die demokratische Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols zu achten. Im Interview mit den NachDenkSeiten spricht der ehemalige oberste Datensch&uuml;tzer des Landes unter anderem &uuml;ber den Verrat westlicher Grundwerte im so genannten &lsquo;Kampf gegen den Terrorismus&rsquo; und &uuml;ber die Situation in Frankreich, wo bereits seit November 2015 der Ausnahmezustand herrscht. Schaar &auml;u&szlig;ert die Bef&uuml;rchtung, dass auch in Deutschland bei einem schweren terroristischen Anschlag das Notstandsrecht Anwendung finden k&ouml;nnte. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Schaar, haben die westlichen Staaten ihre Grundwerte im so genannten Kampf gegen den Terrorismus verraten?<\/strong><\/p><p>Nach dem 11. September 2001 wurden nicht nur in den USA im Schnelldurchgang Gesetze verabschiedet, welche Grundrechte massiv einschr&auml;nkten. In Deutschland brachte der damalige Bundesminister Otto Schily den so genannten &bdquo;Otto-Katalog&ldquo; innerhalb weniger Wochen durch den Bundestag. Viele der damals weltweit ohne gr&uuml;ndliche parlamentarische Beratung beschlossenen Gesetzesversch&auml;rfungen lagen schon in den Schubladen der Ministerien, hatten jedoch kaum eine Chance auf eine parlamentarische Mehrheit. Mit den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 &auml;nderte sich dies schlagartig. Diese Erfahrung mussten wir seither immer wieder machen. Stets folgen auf terroristische Anschl&auml;ge dazu reflexartig neue Gesetzesversch&auml;rfungen und Grundrechtseinschr&auml;nkungen. Besonders gravierend ist, dass dabei auch rechtsstaatliche Garantien unter die R&auml;der kommen, die den Kern der westlich-liberalen Werteordnung bilden.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch sprechen Sie von einem Verrat. Wie sieht dieser Verrat denn aus?<\/strong><\/p><p>Nach den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gab es in der internationalen V&ouml;lkergemeinschaft einen Konsens, dass alle Menschen unabh&auml;ngig von ihrer Nationalit&auml;t, Herkunft und Religionszugeh&ouml;rigkeit die gleichen unver&auml;u&szlig;erlichen Menschenrechte besitzen. Der vom damaligen US-Pr&auml;sidenten Bush kurz nach den Anschl&auml;gen vom 11. September erkl&auml;rte &bdquo;global war on terror&ldquo; setzte diese menschenrechtlichen Garantien aus.  Das bis heute bestehende Gefangenenlager von Guantanamo ist der sichtbare Ausdruck dieser Entwicklung. Auch andere Staaten haben sich seitdem schleichend oder erkl&auml;rterma&szlig;en von den durch die Allgemeine Erkl&auml;rung der Menschenrechte verb&uuml;rgten Grund- und Menschenrechten verabschiedet oder diese zumindest suspendiert. Das gilt zum Beispiel f&uuml;r Frankreich, wo seit dem November 2015 der Ausnahmezustand in Kraft ist. Die franz&ouml;sische Regierung hatte seinerzeit gegen&uuml;ber dem Europarat erkl&auml;rt, dass Frankreich die in der europ&auml;ischen Menschenrechtskonvention garantierten Grundrechte nicht mehr anwendet. Durch diesen Grundrechteabbau verspielen die westlichen Staaten ihren moralischen Kredit und sie unterminieren die Glaubw&uuml;rdigkeit von Menschenrechtsargumenten weltweit. Davon profitieren vor allem diejenigen Regimes und Ideologien, bei denen Menschenrechte ohnehin keine Rolle spielen.<\/p><p><strong>Welche Ma&szlig;nahmen sind zu beobachten, mit denen der Staat der Terrorgefahr entgegentritt?<\/strong><\/p><p>Grundrechte wurden auf breiter Ebene beeintr&auml;chtigt. Das betrifft die Pressefreiheit, das Demonstrationsrecht und das Grundrecht auf Privatsph&auml;re. Letztlich geht es darum, den Sicherheitsbeh&ouml;rden und gegebenenfalls dem Milit&auml;r im globalen Anti-Terror-Krieg freie Hand zu lassen.  Zum Instrumentenkasten geh&ouml;ren Geheimhaltung staatlicher Aktivit&auml;ten, gezielte Desinformation und Zensur, ebenso Demonstrationsverbote und umfassende &Uuml;berwachung. Allerdings machen die Regierungen von diesen Werkzeugen in unterschiedlichem Ma&szlig;e Gebrauch. Vielfach werden dabei nicht nur die Rechte von Verd&auml;chtigen eingeschr&auml;nkt. Wie wir derzeit besonders in der T&uuml;rkei beobachten k&ouml;nnen, wird das Argument der Terrorbek&auml;mpfung gegen alle m&ouml;glichen oppositionellen Bestrebungen und sogar gegen Journalisten eingesetzt, die &uuml;ber f&uuml;r den Staat unangenehme Wahrheiten berichten.<\/p><p><strong>Was bedeutet es f&uuml;r einen freiheitlichen Staat, wenn beispielsweise die Video&uuml;berwachung ausgeweitet, Polizisten mit Bodycams und automatisierte Lesesysteme zur Erfassung von KFZ-Kennzeichen eingef&uuml;hrt werden?<\/strong><\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht hat bereits vor mehr als 30 Jahren festgestellt, dass die Grundrechtswahrnehmung beeintr&auml;chtigt wird, wenn der Einzelne damit rechnen muss, dabei durch staatliche Beh&ouml;rden &uuml;berwacht zu werden. Angesichts der zunehmenden &Uuml;berwachung gilt dies heute in besonderem Ma&szlig;e. Deshalb muss &Uuml;berwachung die Ausnahme bleiben. Die von unserer Verfassung geforderte Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit gilt auch in Zeiten terroristischer Bedrohung.<\/p><p><strong>Stimmen Sie der Aussage zu: Das Problem sind nicht so sehr einzelne Ma&szlig;nahmen, mit denen B&uuml;rger &uuml;berwacht werden k&ouml;nnen. Das Problem ist die Etablierung einer regelrechten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39585\">&Uuml;berwachungsinfrastruktur<\/a>, die sich aus vielen verschiedenen Bestandteilen zusammensetzt? <\/strong><\/p><p>Manche sprechen in diesem Zusammenhang ja von einer &bdquo;&Uuml;berwachungsgesamtrechnung&ldquo;. Jede einzelne &Uuml;berwachungsma&szlig;nahme bedarf einer Begr&uuml;ndung. Von besonderer Bedeutung ist aber der Kumulationseffekt, der sich aus unterschiedlichen &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen ergibt: Vorratsdatenspeicherung, Kommunikations&uuml;berwachung, Videokontrolle und so weiter. Selbst wenn jede Einzelma&szlig;nahme f&uuml;r sich genommen angemessen erscheint, kann das Gesamtergebnis inakzeptabel sein.<\/p><p><strong>Sie haben es bereits erw&auml;hnt: In Frankreich wurde nach einem Terroranschlag der Ausnahmezustand eingef&uuml;hrt. Der Ausnahmezustand besteht bereits seit dem 13. November 2015 und wurde erst im Juni dieses Jahres erneut bis zum 1. November verl&auml;ngert.<\/strong><br>\n<strong>Was bedeutet der Ausnahmezustand &uuml;berhaupt und wie nehmen Sie diese Situation war?<\/strong><\/p><p>Der Ausnahmezustand ist die extremste Abweichung von der rechtsstaatlichen Normalit&auml;t. &Auml;hnlich wie in einer Kriegssituation m&uuml;ssen Freiheitsrechte pauschal gegen&uuml;ber dem staatlichen Sicherheitsinteresse zur&uuml;ckstehen. Das franz&ouml;sische Beispiel zeigt, dass es sich dabei nicht um eine kurzfristige Ma&szlig;nahme handeln muss und dass dem Ausnahmezustand die Tendenz innewohnt, permanent zu werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn die ausl&ouml;senden Faktoren, hier: die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus, fortbestehen.&#8232;<\/p><p><strong>Der Regierung stehen also praktisch unbegrenzte Machtmittel durch die Verh&auml;ngung des Ausnahmezustandes zur Verf&uuml;gung.<\/strong><\/p><p>Der Ausnahmezustand gibt der Exekutive jedenfalls zus&auml;tzliche Machtmittel und schw&auml;cht die parlamentarische und gerichtliche Kontrolle &ndash; die Gewaltenteilung ist nicht mehr gew&auml;hrleistet.<\/p><p><strong>Sie &auml;u&szlig;ern in Ihrem Buch die Bef&uuml;rchtung, dass es auch in Deutschland bei schweren Anschl&auml;gen zur Anwendung des Notstandsrechts kommen kann. Auf welcher rechtlichen Basis k&ouml;nnte das passieren und was w&uuml;rde das bedeuten? <\/strong><\/p><p>Die 1968 von der Gro&szlig;en Koalition durchgesetzten Notstandsgesetze erm&ouml;glichen bei bewaffneten Auseinandersetzungen den Einsatz von Milit&auml;r und die Aussetzung parlamentarischer Kontrollmechanismen. Nat&uuml;rlich stellt sich die Frage, ob eine Bundesregierung nach Attentaten, die wie in Paris mit milit&auml;rischen Waffen erfolgen, den Notstand ausrufen k&ouml;nnte. Auch bei uns ist der Ausnahmezustand also nicht ausgeschlossen.<\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sowohl staatliche als auch nichtstaatliche &bdquo;Trittbrettfahrer&ldquo; ihren Nutzen aus der Terrorangst ziehen.<\/strong><br>\n<strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Normale&ldquo; Kriminelle nutzen die Situation, indem sie etwa Erpressungen unter dem Mantel des Terrorismus organisieren, wie dies etwa bei dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund geschehen ist. Die aufgeflogene rechtsradikale Terrorzelle in der Bundeswehr plante Attentate, die sie Asylbewerbern zuschreiben wollte. Wie staatliche Stellen den Antiterrorkampf f&uuml;r ganz andere Zwecke verwenden, zeigt sich nirgends so deutlich wie in der T&uuml;rkei.<\/p><p><strong>Vor welchen Gefahren steht unsere Demokratie im Zusammenhang mit der Terrorgefahr?<\/strong><\/p><p>Demokratie ist ohne Rechtsstaat nicht &uuml;berlebensf&auml;hig. Indem der Rechtsstaat abgebaut, unterminiert oder &bdquo;ausgesetzt&ldquo; wird, w&auml;chst die Gefahr autorit&auml;rer L&ouml;sungen. Letztlich geht es also um eine existenzielle Frage.<\/p><p><em>Leseempfehlung: Peter Schaar. Tr&uuml;gerische Sicherheit: Wie die Terrorangst uns in den Ausnahmezustand treibt. Edition K&ouml;rber.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170926_schaar.jpg\" alt=\"Peter Schaar\" title=\"Peter Schaar\"\/><\/div>\n<p>Die Gefahr autorit&auml;rer &lsquo;L&ouml;sungen&rsquo; w&auml;chst, wenn &bdquo;der Rechtsstaat abgebaut, unterminiert oder &lsquo;ausgesetzt&rsquo; wird.&ldquo; Dieser Auffassung ist der ehemalige Bundesdatensch&uuml;tzer <strong><a href=\"https:\/\/peter-schaar.de\/\">Peter Schaar<\/a><\/strong>, der gerade das Buch <em><a href=\"https:\/\/www.koerber-stiftung.de\/publikationen\/shop-portal\/show\/truegerische-sicherheit-237.html\">Tr&uuml;gerische Sicherheit: Wie die Terrorangst uns in den Ausnahmezustand treibt<\/a><\/em>, ver&ouml;ffentlicht hat. 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