{"id":40342,"date":"2017-09-28T09:16:10","date_gmt":"2017-09-28T07:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40342"},"modified":"2018-12-30T17:45:17","modified_gmt":"2018-12-30T16:45:17","slug":"die-vier-tode-des-pablo-neruda-chilenischer-staat-schloss-sich-mordklage-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40342","title":{"rendered":"Die vier Tode des Pablo Neruda &#8211; Chilenischer Staat schloss sich Mordklage an."},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n4.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Am 20. Oktober 2017 wird in Chile &ndash; hoffentlich aufschlussreich und endg&uuml;ltig &ndash; gekl&auml;rt, wie Pablo Neruda, der Nobelpreistr&auml;ger, linke Chilene und Freund von Pr&auml;sident Allende, zu Tode gekommen ist &ndash; an einer Krankheit gestorben oder von Pinochets Milit&auml;r ermordet. Am 20. Oktober legen Forensiker ihren Schlussbericht vor. Im Anschluss d&uuml;rfte der zust&auml;ndige Richter Carroza ein mit Spannung erwartetes, historisches Urteil sprechen. Unser s&uuml;damerikanischer Korrespondent <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong> berichtet dar&uuml;ber. Lesenswert. Es t&auml;te der demokratischen Welt&ouml;ffentlichkeit und der deutschen &Ouml;ffentlichkeit gut, wenn andere Medien sich dieses Themas wenigstens noch einmal ann&auml;hmen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZw&ouml;lf Tage nach dem blutigen Milit&auml;rputsch gegen die demokratische Regierung Salvador Allendes und dem Tod des Pr&auml;sidenten in den Ruinen des von der eigenen Luftwaffe bombardierten Regierungspalastes La Moneda verstarb am 23. September 1973 der renommierte chilenische Dichter und Literatur-Nobelpreistr&auml;ger Pablo Neruda.<\/p><p>Der Arzt Roberto Vargas Salazar von der Santiagoer Klinik Santa Mar&iacute;a schrieb auf die Todesbescheinigung: &bdquo;Gestorben an einer degenerativen Kachexie als Folge von Prostata-Krebs&ldquo;. Der wohlgen&auml;hrte Pablo Neruda, mit seiner rundlichen Figur, als Opfer einer Kachexie, jener krankhaften, sehr starken Abmagerung? Mit dem Totenschein (siehe Facsimile) stimmte etwas nicht.<\/p><p><strong>Die widerspr&uuml;chlichen Todesscheine<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n3-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Doch die Ungereimtheiten &uuml;berst&uuml;rzten sich bald. Die Tageszeitung <em>El Mercurio<\/em>, eine Art &bdquo;medialer Arm&ldquo; des Putsches, schrieb am 24. September (siehe Repro): &bdquo;Der Dichter Pablo Neruda starb an einem Herzversagen infolge einer Spritze&ldquo;. <\/p><p>Ein Mann hatte die Beschwerden des Dichters &uuml;ber die Spritze in seinen Unterleib behandelt: Manuel Araya Osorio, Nerudas Fahrer und Leibw&auml;chter, legte ihm eine Kompresse auf die Einstichwunde. Als er sich danach dazu aufmachte, im Auftrag des wachhabenden Klinikarztes ein dringendes Schmerzlinderungsmittel in einer Apotheke aufzutreiben, verschwand er spurlos. <\/p><p>Der damalige Erzbischof Santiagos, Ra&uacute;l Silva Ehnr&iacute;quez, entdeckte Araya am n&auml;chsten Tag im Nationalstadion Chile, das von der Milit&auml;rjunta als Konzentrationslager und Folterzentrum f&uuml;r tausende von Anh&auml;ngern Allendes genutzt wurde. Er erz&auml;hlte ihm von Nerudas Tod und forderte von den Milit&auml;rs seine Freilassung, die erst 42 Tage sp&auml;ter erfolgte.<\/p><p>W&auml;hrend Araya, der wie der Dichter Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles war, seine seelischen und k&ouml;rperlichen Misshandlungen, vor allem eine unbehandelte Schusswunde im linken Bein, behandelte, trat er entschlossen einen neuen Leidensweg an: seine Parteigenossen, Juristen und Medien von einem Giftanschlag gegen Neruda zu &uuml;berzeugen. Doch seine Mutma&szlig;ung wurde 38 Jahre lang als abwegige Phantasie, gar als Verschw&ouml;rungstheorie abgetan.<\/p><p>Doch Ende 2011 kam der Stein ins Rollen, als eine mexikanische Wochenzeitung und die spanische <em>El Pa&iacute;s<\/em> mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/elpais.com\/diario\/2011\/12\/04\/domingo\/1322974354_850215.html\">Wurde Neruda umgebracht?<\/a>&rdquo; Arayas Geschichte in Umlauf brachten, die weltweite Resonanz ausl&ouml;ste. Beim Appellationsgericht in Santiago wurde sofort Mordanzeige erstattet, der auch mit dem Fall Colonia Dignidad beauftragte Richter Mario Carroza legte die Akte &ldquo;Der Fall Neruda&rdquo; an und verf&uuml;gte im April 2013 die Exhumierung Nerudas, dessen Leiche seit 1973 zum dritten Mal aus ihrer Gruft geborgen wurde. <\/p><p>Seitdem ermittelten zwei aufeinanderfolgende, internationale Forensiker-Gruppen &uuml;ber die Hypothese fremder Einwirkung durch ein Giftattentat auf den kr&auml;nkelnden Nobelpreistr&auml;ger &ndash; ein Narrativ, das selbst Werke von Leuchten der Kriminalliteratur wie Arthur Conan Doyle und John le Carr&eacute; in den Schatten stellt.<\/p><p><strong>Der leere Mittagstisch vom 11. September<\/strong><\/p><p>Den Beginn der Chronik von den vier Toden Nerudas k&ouml;nnte man auf den 10. September 1973, einen Montag, datieren. Da &uuml;berbrachte Fahrer Manuel Araya dem Pr&auml;sidenten Salvador Allende eine unerwartete Einladung seines engen Freundes Pablo Neruda. Er wolle dem Pr&auml;sidenten und einem intimen Kreis sein Stiftungsprojekt &bdquo;Cantalao&ldquo; vorstellen, eine Residenz nicht nur f&uuml;r mittellose, angehende Schriftsteller, sondern auch f&uuml;r geschundene Minenarbeiter aus den Kupferbergwerken in der Atacama. Also solle Allende am darauffolgenden Tag, den 11. September, bitte zum festlichen Mittagessen nach Isla Negra kommen! Ger&uuml;hrt sagte Allende zu, riss jedoch eine Seite aus seinem Protokollheft, schrieb einen Zettel und dr&uuml;ckte ihn Arayad in die Hand, erz&auml;hlt mir der ehemalige Dichter-Fahrer. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n5.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Allende f&uuml;hlte sich Neruda au&szlig;erordentlich dankbar verbunden, immerhin hatte der ehemalige Senator und zwei Jahre zuvor ausgezeichnete Literatur-Nobelpreistr&auml;ger 1970 seine Pr&auml;sidentschaftskandidatur auf der Liste der Kommunistischen Partei Chiles gro&szlig;z&uuml;gig zugunsten Allendes zur&uuml;ckgezogen.<\/p><p>Um 5 Uhr in der darauffolgenden Nacht wurde Araya jedoch von <em>Due&ntilde;a<\/em> Matilde, Nerudas Ehefrau, mit Rufen und Faustschl&auml;gen an seiner Kammert&uuml;r aus dem Schlaf gerissen. Ein Schaudern fuhr ihm durch die Rippen. Es war noch sehr k&uuml;hl im September, doch ahnte er sofort, dass der Zettel des Pr&auml;sidenten &ndash; den er selbstverst&auml;ndlich nicht gelesen hatte, sowas tat er niemals! &ndash;  ein Unheil ank&uuml;ndigte. Das hatte er dem <em>Chicho<\/em>, wie Allendes Freunde den Pr&auml;sidenten nannten, allerdings angesehen.<\/p><p>Z&auml;hneknirschend &ndash; ja, <em>Don<\/em> Pablo hatte so seine n&auml;chtlichen Macken! &ndash; streifte er sich ein Jackett &uuml;ber den Schlafanzug, warf einen Blick auf seine Pistole auf dem Nachttisch und eilte zu seinem Dienstherrn. Der sa&szlig; aufrecht in seinem Bett und h&ouml;rte gespannt einen argentinischen Sender auf einem Kofferradio: Truppen seien im Anmarsch auf Santiago, hie&szlig; es. Nerudas Antlitz war kreidebleich. <\/p><p>&bdquo;Ich hatte einige R&ouml;hren im Fernseher gel&ouml;st, damit er nicht sehen konnte, was in Santiago los war, doch er war ja nicht bl&ouml;d und machte sich einen Reim drauf&ldquo;, erz&auml;hlt er 40 Jahre sp&auml;ter, als sei es gerade gestern gewesen. <\/p><p>In ganz Chile herrschte Ausgangssperre, der Strand war gespickt mit Polizei. &bdquo;Sie werden uns alle umbringen!&ldquo;, schrie Neruda, er sprach vom spanischen B&uuml;rgerkrieg, immerhin war er als chilenischer Konsul in Spanien Zeuge von Francos Terror gewesen.<\/p><p>Und Nerudas Prostata-Krebs? Nun ja, den hatte er sozusagen &bdquo;im Griff&ldquo;. Dr. Vargas Salazar hatte Matilde zugesichert,<br>\nmit einigen Behandlungen aus der Kobalt-Kanone w&auml;ren ihm noch ein paar Lebensjahre geg&ouml;nnt. Aber die Gicht hatte ihm wieder zugesetzt, auch seine alte Phlebitis plagte ihn wieder, er konnte oft nicht auf seinen Beinen stehen. <\/p><p>Und nun das! Der Morgen wurde zum Albtraum. Um 9 Uhr 20 hielt Allende seine historische Ansprache, diesmal auf Radio Magallanes: &bdquo;&iexcl;Yo no voy a renunciar! &ndash; Ich werde nicht zur&uuml;cktreten!&ldquo;, waren seine mitrei&szlig;enden, letzten Worte.<\/p><p>Um 10 Uhr war Nerudas Telefonleitung stumm, um 11 Uhr 30 war der Pr&auml;sident tot &ndash; das Mittagessen in Isla Negra fiel aus.<\/p><p>Am 14. September &uuml;berfielen sie Nerudas Haus, zuerst das Heer, dann die Marine. Sie suchten nach &bdquo;Waffen und versteckten F&uuml;hrern der KP&ldquo;, fanden weder das Eine noch die Anderen und pl&uuml;nderten des Dichters Eigentum. Aus Santiago erreichte ihn die Mitteilung, das &bdquo;Struwelpeterhaus&ldquo;, &bdquo;Chascona&ldquo; genannt, das er in den 1950-er Jahren seiner damals geheimen Liebe Matilde Urrutia in Santiago hatte bauen lassen, sei schlimm verw&uuml;stet worden.<\/p><p><strong>Die Kanonen und die unheimliche Klinik<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n7.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Am 18. September erlaubten sich die Milit&auml;rs das Unfassbare: Ein Kriegsschiff war wenige hundert Meter vor dem Strand in Stellung gefahren und richtete seine Gesch&uuml;tze auf Nerudas Haus! Von der Au&szlig;enwelt abgeschnitten, dennoch im Bilde von der entfesselten Hetzjagd auf den Stra&szlig;en, verzweifelte der Poet an der eigenen Ohnmacht. Die Trauer &uuml;ber Allende setzte ihm schwer zu. <\/p><p>Einer Weisung des mexikanischen Staatspr&auml;sidenten Luis Echeverr&iacute;a &Aacute;lvarez folgend hatte sein Botschafter in Chile, Gonzalo Mart&iacute;nez Corbal&aacute;, Vorbereitungen getroffen: Mit den Putschisten handelte er Nerudas Ausreise aus, versah seinen Pass mit einem diplomatischen Visum und buchte eine Linienmaschine von Aeromexico, die am 20. September auf dem Santiagoer Flughafen Pudahuel landete; zwei Tage sp&auml;ter sollte der weltbekannte Chilene ins mexikanische Exil ausgeflogen werden. <\/p><p>Doch nach der Bedrohung durch das Kriegsschiff sollte Neruda lieber sofort aus der sprichw&ouml;rtlichen Schusslinie entfernt werden, riet Corbal&aacute; und reservierte ihm ein Zimmer in der Prestigeklinik Santa Mar&iacute;a in Santiago, wo der Dichter nach vielf&auml;ltigen Polizei- und Milti&auml;rschikanen am fr&uuml;hen Abend des 19. September eintraf. Neruda solle erst einmal entspannen, einigte man sich. Der Abflugtermin nach Mexiko wurde auf den 22. September vertagt.<\/p><p>In des Dichters Klinikzimmer herrschte in den folgenden Tagen reger Besucherverkehr, darunter Schwedens Botschafter Harald Edelstam, der in jenen Tagen bedrohte Regimegegner im Kofferraum seines Privatwagens durch die Milit&auml;rsperren zu seiner Botschaft schleuste. <\/p><p>Wie verabredet erschien Botschafter Corbal&aacute; am Samstag, den 22. September, um den Dichter und seine Frau zum Abflug abzuholen, ihre Koffer waren bereits in der startbereiten Maschine verstaut. Neruda hatte jedoch seinen Jugendfreund und Lektor, Homero Arce, in die Klinik gerufen, mit dem er munter an seinen Memoiren, &bdquo;Ich bekenne, ich habe gelebt&ldquo;, arbeitete. Er brauche noch zwei Tage, erwiderte er. Am Montag, den 24. September, stehe er aber startbereit in der T&uuml;r. <\/p><p>Der abgek&auml;mpfte Corbal&aacute; biss die Z&auml;hne zusammen. Immerhin sollte Neruda bereits am 16. September eine Hundertschaft f&uuml;hrender Politiker der Volkseinheits-Koalition &ndash; darunter Allendes Witwe, Hortencia Bussi, und ihre T&ouml;chter &ndash; auf ihrem Flug ins mexikanische Exil begleiten. Der Dichter hatte jedoch abgewiegelt, er wolle Chile nicht als &bdquo;Feigling&ldquo; verlassen. Indes, kaum in Mexiko angekommen, erteilte Staatspr&auml;sident Echeverr&iacute;a seinem Botschafter den Befehl, sofort nach Santiago zur&uuml;ckzufliegen, um Neruda in Sicherheit zu bringen. <\/p><p>Einen Tag vor Abflug bat der Poet, Ehefrau und Fahrer m&ouml;gen doch nochmal nach Isla Negra fahren, um ein paar B&uuml;cher, Bilder und Dekorationsgegenst&auml;nde einzupacken. Jedoch wenige Stunden sp&auml;ter lie&szlig; Neruda sie ans Telefon der benachbarten Pension Santa Elena rufen: Sie sollten dringend zur&uuml;ckfahren, man habe ihm in der Klinik eine Spritze verpasst, es ginge ihm schlecht!<\/p><p>Au&szlig;er Atem raste der Fahrer die Sierra wieder hoch. Als er mit Matilde in der Klinik eintraf, lag Neruda schwei&szlig;gebadet auf seinem Bett und deutete auf einen r&ouml;tlichen Einstich auf Magenh&ouml;he. Da trat der wachhabende Arzt ins Zimmer und bat den Fahrer, er solle rasch in eine nahe gelegene Apotheke fahren, um ein Schmerzlinderungsmittel zu holen, die Klinik hatte es angeblich nicht vorr&auml;tig. Das war gegen 19 Uhr. Der Fahrer fuhr mit dem Fiat davon und kehrte nie mehr zur&uuml;ck.<\/p><p>Um 22 Uhr 30 starb Pablo Neruda.<\/p><p><strong>Erste Wende in der &bdquo;Causa Neruda&ldquo;: die geheimen Fotos im Leichenhaus<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Nerudas ehemaliger Fahrer, Manuel Araya, lud mich im April 2013 zur Exhumierung auf die Residenz Nerudas am Strand von Isla Negra ein, wo er ein ganzes Jahr dem Dichter gedient hatte und nun seinen gro&szlig;en Tag hatte.<\/p><p>W&auml;hrend meiner Recherchen f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/old.brasileiros.com.br\/2013\/06\/cronica-de-um-assassinato-presumido\/\">Exhumierungs-Reportage<\/a> f&uuml;r das brasilianische Monatsmagazin <em>Brasileiros<\/em> stie&szlig; ich auf einen einsamen Nachrichtenhinweis, dass ein brasilianisches Team der inzwischen eingestellten Tageszeitung <em>Jornal do Brasil<\/em> aus Rio de Janeiro mit der Klinik gesprochen und im Leichenhaus insgeheim Fotos des toten Dichters geknipst hatte. Es gelang mir, aus dem historischen Archiv der Zeitung die Ausgabe vom 24. September 1973 und die nicht genehmigten Fotos Nerudas abzurufen. <\/p><p>In der Todesmeldung erkl&auml;rte nun der Direktor der Klinik, Dr. S&eacute;rgio Drapper, dem Reporter Paulo C&eacute;sar Ara&uacute;jo, Neruda sei an einer &bdquo;chronischen Infektion der Harnwege und einer Venenentz&uuml;ndung&ldquo; gestorben (siehe Repro). Im krassen Widerspruch zum ersten Totenschein zeigten die heimlichen schwarz-wei&szlig;-Fotos des <em>Jornal-do-Brasil<\/em>-Fotografen Evandro Teixeira im Leichenhaus der Klinik den aufgebahrten Poeten mit seiner &uuml;blichen, etwa 200 Pfund schweren, pummeligen Figur. <\/p><p>In einem Interview, 40 Jahre nach dem Geschehen, erz&auml;hlte mir Teixeira, dass er am Tag zuvor versucht hatte, Neruda in der Klinik zu fotografieren, er sei jedoch freundlich vom Direktor daran gehindert worden. Die Absage stimmte ihn skeptisch, so schlich er sich bei Tagesanbruch des 24. September 1973 durch eine offene Seitent&uuml;r ein zweites Mal in die Klinik ein und stie&szlig; direkt auf das Leichenhaus, in dem Matilde Urrutia, Nerudas Ehefrau, einsame Totenwache hielt. Da sie ihm das Fotografieren genehmigte, ging er ihr nicht mehr von der Seite bis zur Bestattung des Dichters noch am gleichen Tag. <\/p><p>Meine Reportage und die in Chile unbekannten Bilder Teixeiras wurden von den Familienangeh&ouml;rigen und Richter Carroza als sensationelle Wende in den Ermittlungen gefeiert.  <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>In ihrer Ausgabe vom 13.6.2013 hinterfragte die chilenische Wochenzeitung Cambio 21, &bdquo;Ist die Klinik Santa Mar&iacute;a etwa ein Labyrinth?&ldquo; (&iquest;Es la Cl&iacute;nica Santa Mar&iacute;a un laberinto?), und warnte: &bdquo;Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, dass in derselben Klinik der Pr&auml;sident Eduardo Frei Montalva im Januar 1982 umkam&ldquo;. In der Tat war der chilenischen Justiz nach 30 Jahre langen Ermittlungen der Beweis gelungen, dass Allendes christdemokratischer Vorg&auml;nger Frei, der zun&auml;chst den Putsch begr&uuml;&szlig;t hatte, jedoch sehr bald zu den verhasstesten Feinden der Pinochet-Junta aufstieg, mit aufeinanderfolgenden, geringen Verabreichungen von Senfgas, das in Laboren der Geheimpolizei DINA u.a. auf dem Gel&auml;nde von Colonia Dignidad produziert wurde, ermordet worden war. Die M&ouml;rder, darunter Milit&auml;rs und &Auml;rzte, wurden verurteilt. <\/p><p>Die Ermittlungen Richter Carrozas konzentrierten sich nun auf einen immer engeren Personenkreis in der Klinik Santa Mar&iacute;a.<\/p><p>Die einhellig in Kreisen der ehemaligen Volkseinheit Chiles heute noch vertretene These ist, dass die Milit&auml;rs, die zun&auml;chst Nerudas Ausreise zugestimmt hatten, darin einen Fehler erkannten. Zu gro&szlig; war die Gefahr, dass der weltweit prestigeumrankte Nobelpreistr&auml;ger in Mexiko eine chilenische Exilregierung ausrufen k&ouml;nnte, deren Konsequenz eine ebenso weltweite politische Isolierung und rechtliche Verfolgung der Pinochet-Junta gewesen w&auml;re. Demnach sei die Entsendung des Neruda-Fahrers Araya in eine Apotheke wom&ouml;glich ein raffinierter Trick gewesen, um von vornherein Zeugen der Spritze in Nerudas Bauch auszuschalten.<\/p><p><strong>Die &bdquo;goldenen Trauben&ldquo; und die definitive Wende<\/strong><\/p><p>Sechs Monate nach der Exhumierung meldete das gerichtsmedizinische Institut Chiles Anfang November 2013, Neruda sei nicht aufgrund eines nachweisbaren Giftanschlags, sondern tats&auml;chlich an den Folgen eines Krebses gestorben, wie die urspr&uuml;ngliche Sterbeurkunde meldete.<\/p><p>Die Kl&auml;ger &ndash; die Kommunistische Partei Chiles und Nerudas Angeh&ouml;rige, vertreten durch Neffe und Anwalt Rodolfo Reyes &ndash; fochten das Ergebnis an. Richter Carroza gab dem Einspruch nach und ordnete weitere Ermittlungen an. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n8.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Nach zweij&auml;hrigen Laboruntersuchungen revidierte die zweite von Carroza beauftragte, aus 13 Wissenschaftlern bestehende, internationale Forensiker-Gemeinschaft den Befund des gerichtsmedizinischen Instituts von 2013 und gab im Mai 2015 bekannt, in Knochengeweben des Poeten sei die <em>Staphylococcus aureus<\/em> (&bdquo;Goldene Trauben&ldquo;)-Bakterie gefunden worden, die nichts mit seinem Prostata-Krebs zu tun hatte. Es k&ouml;nne nicht ausgeschlossen werden, dass sie durch &auml;u&szlig;ere Einwirkung Zugang zu Nerudas K&ouml;rper gefunden habe, doch m&uuml;sse deren DNA nachgezeichnet werden.<\/p><p>Richter Carroza ermutigte die Wissenschaftler zum Weitermachen. Er selbst f&uuml;hlte sich auf sicherer Spur: Zwei Monate zuvor, am 25. M&auml;rz 2015, hatte n&auml;mlich das Menschenrechts-Schutzprogramm des chilenischen Innenministeriums einen 11 Seiten langen Geheimbericht an den Richter geschickt. Das mit Zeugnissen und Beweisen angereicherte Dokument warnte nun auch staatlicherseits, dass beim Tod des Nobelpreistr&auml;gers &bdquo;eine fremde Einwirkung ausgesprochen m&ouml;glich und sehr wahrscheinlich&ldquo; sei (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/170928-Geheimbericht.pdf\">siehe PDF<\/a>). Damit schloss sich auch der chilenische Staat der Mordklage an.<\/p><p>Im Dezember 2016 ordnete Richter Carroza die R&uuml;ckf&uuml;hrung der zwischenzeitlich &uuml;ber die Welt verstreuten Gebeine des Dichters in seine Gruft in Isla Negra an. Es war das vierte Begr&auml;bnis Nerudas, der am 24. September 1973 provisorisch im Familien-Mausoleum der Schriftstellerin Adriana Dittborn beigesetzt wurde. Im Mai 1974 wurde der Dichter in ein eigenes Grab umgebettet, jedoch heimlich, damit die Junta ihn nicht orten und sein Grab nicht sch&auml;nden konnte. <\/p><p>Erst 1992 erf&uuml;llte Patricio Aylwin, der erste demokratische Pr&auml;sident nach 17 Jahren Milit&auml;rdiktatur, Nerudas ausdr&uuml;cklichen Wunsch zu Lebenszeiten, in Isla Negra zu ruhen. Also wurde sein zweites Grab in Santiago ge&ouml;ffnet und der Nobelpreistr&auml;ger mit seiner Frau Matilde Urrutia vor den rauschenden Wellen des tiefblauen Pazifiks beigesetzt.<\/p><p>Doch der ungekl&auml;rte &bdquo;Fall Neruda&rdquo; lie&szlig; dem Dichter keinen Frieden. Den soll er endg&uuml;ltig am kommenden 20. Oktober 2017 finden. Dann legen die Forensiker ihren Schlussbericht vor. Im Anschluss d&uuml;rfte Richter Carroza ein mit Spannung erwartetes, historisches Urteil sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170928_n4.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Am 20. Oktober 2017 wird in Chile &ndash; hoffentlich aufschlussreich und endg&uuml;ltig &ndash; gekl&auml;rt, wie Pablo Neruda, der Nobelpreistr&auml;ger, linke Chilene und Freund von Pr&auml;sident Allende, zu Tode gekommen ist &ndash; an einer Krankheit gestorben oder von Pinochets Milit&auml;r ermordet. Am 20. Oktober legen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40342\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,917,20],"tags":[1344,1276,669,1966,1409,2192,1963,663],"class_list":["post-40342","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-kultur-und-kulturpolitik","category-landerberichte","tag-allende-salvador","tag-attentat","tag-chile","tag-colonia-dignidad","tag-gifteinsatz","tag-neruda-pablo","tag-pinochet-augusto","tag-putsch"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40342"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48121,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40342\/revisions\/48121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}