{"id":4038,"date":"2009-07-02T13:05:09","date_gmt":"2009-07-02T11:05:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4038"},"modified":"2014-01-27T12:14:03","modified_gmt":"2014-01-27T11:14:03","slug":"betreff-wort-des-rates-der-ekd-zur-globalen-finanzmarkt-und-wirtschaftskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4038","title":{"rendered":"Betreff: Wort des Rates der EKD zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise"},"content":{"rendered":"<p>Franz Segbers macht auf ein <a href=\"upload\/pdf\/090702_EKD_Texte_100.pdf\">Wort des Rates der EKD [PDF &ndash; 116 KB]<\/a> aufmerksam und kommentiert dieses. Ein Text f&uuml;r die Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo;. Ich teile nicht alle Anmerkungen des Kommentators, dem ich mich sonst sehr verbunden f&uuml;hle. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Nicht mehr kontrollierbare Risiken wurden in Kauf genommen, weil man auf diese Weise Wachstumschancen und hohe Risiken erwartete.&ldquo; So steht es im Wort des Rates. Wir wissen aber, dass es den Betreibern des Kapitalmarkt-Casinos nicht um Wachstumschancen ging. Das Kettenspiel des Herrn Madoff mit einem Schaden von rund 50.000.000.000 $ wie auch die Auslagerung der Risiken der Industriekreditbank in ihre Zweckgesellschaften und der Kauf von amerikanischen Hypothekenpapieren hatten mit Wachstumschancen nichts zu tun. Es war die reine Spekulation. Auch die Evangelische Kirche sollte endlich aufh&ouml;ren, sich und uns etwas vorzumachen.<\/p><p>Segbers schreibt: &bdquo;Im Vorwort wird Bischof Wolfgang Huber noch klarer, wenn er den Glauben an &bdquo;Privatisierung und Deregulierung als wirtschaftliche Heilsbringer&ldquo; urs&auml;chlich f&uuml;r die Krise benennt. &ndash; Das ist sehr nett. Aber ich habe Wolfgang Huber als Verfechter der Agenda 2010 kennen gelernt. Und das Mitglied in der Spitze der Evangelischen Kirche, Bisch&ouml;fin K&auml;smann, war Teil der so genannten Biedenkopf-Kommission, die in besonderer Weise f&uuml;r die Privatisierung der Altersvorsorge warb.<br>\nSo einfach sollten die Wendeh&auml;lse in der Evangelischen Kirche nicht davon kommen, denke ich.<br>\nProfessor Segbers schreibt dann noch: &bdquo;Denn wer es liest, der sieht, dass die EKD der Politik die Leviten liest.&ldquo; Das sollte die Spitze der Evangelischen Kirche nicht tun. Wenn man sich einfangen l&auml;sst &ndash; wie Wolfgang Huber und Margot K&auml;smann von Gerhard Schr&ouml;der, Kurt Biedenkopf und Hans-Werner Sinn (Mitglied der erw&auml;hnten Biedenkopf Kommission) &ndash; dann sollte man zumindest der Politik nicht die Leviten lesen, eher sich selbst.<br>\nIch gebe zu: Meine Kritik an den Spitzen der Evangelischen Kirche und an der gn&auml;digen Kommentierung von Franz Segbers folgt nicht der reinen Vernunft, sondern ist gepr&auml;gt von einer eigenen Geschichte mit dieser Einrichtung. Ich gebe auch zu, dass meine Kritik an der EKD unfair erscheint und ist, wenn man die Verh&auml;ltnisse in der katholischen Kirche vergleichend unter die Lupe nimmt.<\/p><p><em>Nun folgt der verdienstvolle Kommentar von:<\/em><\/p><p><strong>Dr. Franz Segbers<\/strong><br>\nProf. f&uuml;r Sozialethik an der Universit&auml;t Marburg<\/p><p><strong>Wie ein Riss in einer hohen Mauer.<br>\nWort des Rates der EKD zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise<br>\nEKD-Texte Nr. 100, Hannover 2009<\/strong><\/p><p>Schon lange wurde ein kl&auml;rendes Wort der Kirchen zur Wirtschaft- und Finanzkrise erwartet. Endlich ist es da. Und es ist ein erstaunlich klares Wort zur Lage. Der Titel ist dem Propheten Jesaja entnommen, der mit dem Wort &bdquo;Wie ein Riss in einer hohen Mauer&ldquo; die Verantwortungslosigkeit der Eliten beklagte. Hier setzt die EKD an: &bdquo;Die Verantwortungslosigkeit, die in die globale finanz- und Wirtschaftskrise gef&uuml;hrt hat, kann katastrophale folgen habe &ndash; wie der Riss in einer hohen Mauer.&ldquo; (S.11). Die EKD analysiert als Ursache der Finanzmarktkrise den Mangel an Verantwortung. &bdquo;Nicht mehr kontrollierbare Risiken wurden in Kauf genommen, weil man auf diese Weise Wachstumschancen und hohe Risiken erwartete.&ldquo; (S. 13) Im Vorwort wird Bischof Wolfgang Huber noch klarer, wenn er den Glauben an &bdquo;Privatisierung und Deregulierung als wirtschaftliche Heilsbringer&ldquo;(S. 5) urs&auml;chlich f&uuml;r die Krise benennt. Krise gef&uuml;hrt  Kritisiert wird, dass Wohlhabende sich ihrer sozialen Verpflichtung durch Steueroasen entz&ouml;gen. &bdquo;Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung wird jedoch in ihren Fundamenten besch&auml;digt, wenn der erwirtschaftete Wohlstand nicht zum Motor des sozialen Ausgleichs wird.&ldquo; (s. 13) im Klartext: Hier wird einer Steuerpolitik das Wort geredet, die dem sozialen Ausgleich dient. <\/p><p>Nicht die Reichen und M&auml;chtigen, welche die Krise verursacht haben, bekommen die Folgen ihrer Verantwortungslosigkeit zu sp&uuml;ren, sondern die Arbeitnehmer, die Angst um ihre Arbeitspl&auml;tze haben, die Rentner, die sich um ihre Altersbez&uuml;ge sorgen und die armen &ndash; hierzulande wie weltweit. Die EKD fordert ein, dass die Kosten der Krise von den Starken zu tragen seien. <\/p><p>Die EKD pl&auml;diert f&uuml;r eine Wirtschaft, in der jene, die Verantwortung tragen, auch f&uuml;r ihre Verantwortung einzustehen haben. &bdquo;Die gegenw&auml;rtige Krise zeigt deutlich, dass nur verantwortete Freiheit wirkliche Freiheit ist.&ldquo; (Bischof Huber im Vorwort)<\/p><p>Von diesem Ausgangspunkt her macht die EKD  &bdquo;Verantwortungslosigkeit&ldquo; auf vier Ebenen aus:<\/p><ol>\n<li>Auf der politischen Ebene wurde die Regulierung der Finanzprodukte nicht politisch in Angriff genommen.<\/li>\n<li>Auf der Ebene der Finanz- und Wirtschaftsunternehmen hat man sich einseitig am Shareholder, den Kapitaleignerinteressen ausgerichtet.<\/li>\n<li>Auf der Individuellen Ebene haben die verantwortlich nur ihr Eigeninteresse im Blick gehabt.<\/li>\n<li>Die Mentalit&auml;t des schnellen Geldes haben Verantwortung missen lassen.<\/li>\n<\/ol><p>Wenn &bdquo;Verantwortung&ldquo; als Schl&uuml;ssel gew&auml;hlt wird, besteht die Gefahr einer individualistischen Verengung. Gier ist Bestandteil des Systems, weshalb man sie kaum den Banken vorwerfen kann, die sich gem&auml;&szlig; den Regeln des Systems verhalten haben. Wer hat das System so vorangetrieben? Wer hat ein System struktureller Verantwortungslosigkeit politisch bef&ouml;rdert und &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glicht? Mit Renditevorgaben von 20 bis 25 Prozent leistet man verantwortungslosem Handeln Vorschub, denn die sind realwirtschaftlich normalerweise nicht zu erreichen. <\/p><p>Es ist ja nicht so, dass der unbedingte Marktglaube und das Privatisierungsfieber unumstritten gewesen w&auml;re. Doch dieser unbedingte Marktglaube wurde durch Medien und von interessierter Seite in Politik und Wissenschaft massiv vorangetrieben, weil sie sich als n&uuml;tzlich erwiesen hat.<\/p><p>So sehr es auf politische Ordnungen und Regulierungen ankomme, so darf nicht &uuml;bersehen werden, dass Einzelne rigoros ihr Eigeninteresse durchsetzen. Deshalb fordert die EKD eine &bdquo;moralische Pr&auml;gung&ldquo; der Verantwortungstr&auml;ger, denn Strukturen allein reichen nicht aus. Mit dem &ouml;kumenischen Sozialwort der Kirchen fordert die EKD: &bdquo;Die Strukturen m&uuml;ssen, um dauerhaft Bestand zu haben, eingebettet sein in eine sie tragende und st&uuml;tzende Kultur.&ldquo; (S.21) <\/p><p>Die Kirche bel&auml;sst es nicht dabei, an ihre wirtschaftsethischen Grund&uuml;berzeugungen anzuschlie&szlig;en: &bdquo;Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da, sie ist kein Selbstzweck. Wo das Geld zum Mittelpunkt wird, wird das Wirtschaftssystem unmenschlich.&ldquo; (S.15) Sie fordert auch eine Neuorientierung in der Wirtschaftstheorie. &bdquo;Die Vorstellung von durchweg effizient funktionierenden Finanzm&auml;rkten ist durch die Krise widerlegt worden.&ldquo; (S.14) Dass der Markt ohne rechtliche und politische Schranken &uuml;berhaupt funktioniert, ist ein Aberglaube. Ideale M&auml;rkte gibt es nicht.<\/p><p>Nicht die blo&szlig;e Reparatur von Krisensch&auml;den, sondern ein Neustart jenseits des Finanzkapitalismus ist die angemessene Antwort auf die zweifache Krise: Die Finanz- und Wirtschaftskrise einerseits und die &ouml;kologische Krise andererseits. Dass die EKD diesen Zusammenhang sieht, ist ihr in Zeiten, wo alle allein auf die Wirtschaftskrise starren, hoch anzurechnen.<\/p><p>Die EKD fordert eine Umkehr ein, damit sich &bdquo;die Krisenspirale nicht weiter dreht&ldquo;. Die Wirtschafts- und Finanzkrise m&uuml;sse zu einer Chance werden, dass endlich eine sozial, &ouml;kologisch und global verpflichteten Marktwirtschaft geschaffen wird. Jahrelang wurde der Staat und seine Verantwortung f&uuml;r das Gemeinwohl schlecht geredet. Diese Zeiten sind vorbei. Auch und gerade in Zeiten der Globalisierung ist staatliches und &uuml;berstaatliches Handeln gefordert. Die Epoche des Neoliberalismus und des Vertrauens auf den Markt ist vorbei. Deshalb fordert die EKD eine robuste Regelung des Weltmarktes und eine wirksame Regelung f&uuml;r Haftung der verantwortlichen. Hier ist mehr gefragt als blo&szlig;es Krisenmanagement. <\/p><p>Die Politiker werden das Wort der Kirchen beklatschen und begr&uuml;&szlig;en &ndash; nur damit sie sich mit ihm nicht auseinandersetzen m&uuml;ssen. Denn wer es liest, der sieht, dass die EKD der Politik die Leviten liest. Sie fordert, dass Konjunkturprogramm sich vorrangig am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung auszurichten h&auml;tte. Das ist die Abwrackpr&auml;mie keineswegs! Die sogenannten Konjunkturpakete haben n&auml;mlich bisher weder die unteren Einkommensschichten erreicht noch auf jenen im Vorjahr beschworenen gef&auml;hrlichen Klimawandel angemessen reagiert. Die EKD fordert auf, die Verantwortliche zu Rechenschaft zu ziehen. Dass dies getan wird, ist nirgends zu sehen &ndash; vielmehr sitzen die Brandstifter von gestern heute auf den L&ouml;schz&uuml;gen. Die EKD fordert, dass die Kosten der Krise vor allen von den St&auml;rkeren zu tragen seien. Darauf warten wir alle noch. Zu Recht hei&szlig;t es, dass &bdquo;diese Krise nur politisch bew&auml;ltigt werden kann&ldquo;. <\/p><p>Die EKD fordert zwar einen gr&uuml;ndlichen politischen Neustart, hat aber nicht den Mut mit diesem Neustart auch eine Abwendung vom Finanzkapitalismus zu fordern, der das monet&auml;re und realwirtschaftliche Desaster verursacht hat. Deshalb argumentiert die EKD auch viel zu vorsichtig, wenn sie meint, es reiche aus, die &bdquo;spekulative Aufbl&auml;hung fl&uuml;chtiger Finanzblasen so weit wie m&ouml;glich zu verhindern&ldquo; (19). Die Befreiung vom destruktiven Finanzkapitalismus w&uuml;rde ein makro&ouml;konomisches, politisches Regime erfordern. Auch wenn die EKD eine Neubewertung des Staates einfordert, springt sie doch zu kurz. Sie fordert nach dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft einen Staat, der die Rahmenordnung f&uuml;r den Markt schafft und die Rolle als Schiedsrichter einer fairen Wettbewerbsordnung &uuml;bernimmt. Diese Beschreibung des Staates ist rein ordnungspolitisch. Der Staat ist aber weder der Retter aus der Krise noch deren L&ouml;sung. Denn es war der Staat, der die Rahmenordnung geschaffen hat, die den M&auml;rkten und den wirtschaftlichen Akteuren erst jene macht gegeben hat, die sie genutzt haben. Marktversagen erkl&auml;rt nur einen Teil der aktuellen Krise. Ein neuer Ordnungsrahmen ist wichtig, l&ouml;st aber nicht die Krise des kapitalistischen Produktions- und Konsummodells. Eine R&uuml;ckbesinnung auf die ordoliberalen Grundlagen der so genannten Sozialen Marktwirtschaft, die jetzt auch noch globalisiert werden sollen, f&uuml;hrt hingegen direkt in die Sackgasse. Es wird darauf ankommen, den Staat als regulierende und umverteilende Institution sowie als Investor und Dienstleister im gesamtgesellschaftlichen Interesse zu st&auml;rken.<\/p><p>Gefordert ist eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik, eine produktivit&auml;tsbezogene Einkommens- und Lohnpolitik sowie eine Finanzpolitik, die alle Einkommensbezieher und Verm&ouml;genseigent&uuml;mer nach der Leistungsf&auml;higkeit besteuert. Die Vermarktung der Arbeit muss durch eine Festigung und Wiederbelebung der Tarifautonomie zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden, denn anders l&auml;sst sich eine ausgewogene und gerechte Verteilung der wirtschaftlichen Wertsch&ouml;pfung nicht erzielen. <\/p><p>Eine andere Politik ist daf&uuml;r n&ouml;tig. Wer die Umkehr ernst nimmt, welche die EKD fordert, der muss sich auch von der riskanten Exportorientierung der deutschen Wirtschaft abwenden. <\/p><p>Dieses Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland ist trotz aller kritischen Anmerkungen beachtlich. Im Sommer des letzten Jahres hatte die EKD am Vorabend des Ausbruchs der Finanzkrise noch eine Unternehmerdenkschrift ver&ouml;ffentlicht, die ihr scharfe Kritik eingebracht hatte. Es scheint, dass sie aus dieser massiven Kritik gelernt hat.  <\/p><p>Quelle: <a href=\"upload\/pdf\/090702_EKD_Texte_100.pdf\">Wort des Rates der EKD [PDF &ndash; 116 KB]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Segbers macht auf ein <a href=\"upload\/pdf\/090702_EKD_Texte_100.pdf\">Wort des Rates der EKD [PDF &ndash; 116 KB]<\/a> aufmerksam und kommentiert dieses. Ein Text f&uuml;r die Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo;. Ich teile nicht alle Anmerkungen des Kommentators, dem ich mich sonst sehr verbunden f&uuml;hle. 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