{"id":40414,"date":"2017-10-04T11:26:33","date_gmt":"2017-10-04T09:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414"},"modified":"2026-01-27T11:22:31","modified_gmt":"2026-01-27T10:22:31","slug":"ueber-fuehlen-und-mitnehmen-wie-politik-und-medien-durch-sprache-die-wirklichkeit-verschleiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414","title":{"rendered":"\u00dcber \u201ef\u00fchlen\u201c und \u201emitnehmen\u201c: Wie Politik und Medien durch Sprache die Wirklichkeit verschleiern"},"content":{"rendered":"<p>Sprache ist verr&auml;terisch. Zwei Floskeln und Aussagen, die immer wieder auftauchen, wenn Politiker und Journalisten &uuml;ber diejenigen reden, die ihr Vertrauen in die etablierten Parteien verloren haben, fallen seit geraumer Zeit besonders auf. Wann immer Politiker und Medienvertreter davon sprechen, dass sich Menschen <em>&bdquo;abgeh&auml;ngt f&uuml;hlen&ldquo;<\/em> oder dass man sie <em>&bdquo;mitnehmen&ldquo;<\/em> m&uuml;sse, kommen zwei Formulierungen zum Ausdruck, die beispielhaft dokumentieren: Die herrschende Sprache wirkt oft harmlos, aber sie vermag es, ganze Diskurse zu sabotieren. Eine Analyse von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1677\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40414-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40414-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171004_Ueber_fuehlen_und_mitnehmen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn Politik und Medien den Versuch unternehmen, die soziale Realit&auml;t jener Menschen in diesem Land zu erfassen, die den etablierten Parteien den R&uuml;cken zukehren, ist immer wieder Folgendes zu beobachten: Es dauert nicht lange, bis es hei&szlig;t, in Deutschland gebe es Menschen, die sich abgeh&auml;ngt, benachteiligt, an den Rand gedr&auml;ngt <em>f&uuml;hlen<\/em>. Schnell hei&szlig;t es dann auch, man m&uuml;sse diese Menschen <em>mitnehmen<\/em>. <\/p><p>Diese Formulierungen sind ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie Politiker und Journalisten nicht nur Sprache nutzen, um die Realit&auml;t zu verschleiern, sie zeigen auch auf, wie man Diskurse sabotiert, Menschen abwertet und ihre Positionen und Anliegen auf subtile Weise delegitimiert. <\/p><p>Zun&auml;chst das Offensichtliche: Menschen, die von Transferleistungen leben, f&uuml;hlen sich nicht abgeh&auml;ngt &ndash; sie <em>sind<\/em> abgeh&auml;ngt. Kinder, die in einem Hartz-IV-Haushalt leben, f&uuml;hlen sich nicht benachteiligt &ndash; sie sind benachteiligt. Menschen, die f&uuml;r einen Mindestlohn arbeiten, f&uuml;hlen sich nicht an den Rand gedr&auml;ngt &ndash; sie <em>sind<\/em> es. <\/p><p>Zu diesen simplen Tatsachen gibt es keine Diskussionen zu f&uuml;hren. Wenn ein Haus brennt und die Feuerwehr am Brandort ankommt, diskutieren die Feuerwehrleute auch nicht erst einmal stundenlang dar&uuml;ber, dass hier Menschen sind, die das <em>Gef&uuml;hl<\/em> haben, ein Haus brenne. Das w&auml;re absurd. Doch in der Realit&auml;t versuchen Vertreter des politischen und journalistischen Feldes immer wieder die Realit&auml;t hinter Nebelkerzen zu verbergen, indem sie wider besseren Wissens die soziale Wirklichkeit durch ein Gef&uuml;hl ersetzt haben &ndash; und Gef&uuml;hle, wie man wei&szlig;, sind nun mal oft etwas mit wenig Substanz. Ein Reicher mag sich arm, ein Gesunder krank, ein Starker schwach f&uuml;hlen. Gef&uuml;hle k&ouml;nnen der Realit&auml;t entsprechen &ndash; sie m&uuml;ssen es aber nicht. <\/p><p>Wer trotz der Tatsache, dass in Deutschland real Menschen abgeh&auml;ngt, benachteiligt und an den Rand der Gesellschaft gedr&auml;ngt sind, nur davon spricht, dass diese Menschen so ein &bdquo;Gef&uuml;hl&ldquo; haben, besch&ouml;nigt nicht nur die soziale Realit&auml;t, er verf&auml;lscht sie auch. Unterschwellig wird die Botschaft vermittelt: Das einzige Problem, das faktisch existiert, besteht darin, dass diese Menschen ihren Gef&uuml;hlshaushalt nicht im Griff haben.<br>\nDas Schlimme: Diese Methoden praktizieren alle. F&uuml;hrende Politiker, hoch reputierte Journalisten, TV-Moderatoren. Unz&auml;hlige Male kam und kommt zum Vorschein, dass bereits in der verwendeten Sprache die soziale Wirklichkeit falsch erfasst und damit nicht einmal die faktisch existierenden sozialen Verwerfungen anerkannt werden. Einen Tag nach der Bundestagswahl, um ein einfaches Beispiel anzuf&uuml;hren, brachte die ZDF-heute-Sendung einen knappen <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute-sendungen\/170925-19h-100.html\">Beitrag<\/a> &uuml;ber einen kleinen Ort in Sachsen. Name: Dorfchemnitz. In dem Beitrag hei&szlig;t es: &bdquo;In Dorfchemnitz w&auml;hlten sogar gut 47 Prozent die AfD. Zu h&ouml;ren ist, von der Politik <em>f&uuml;hlten<\/em> sich viele B&uuml;rger im Stich gelassen.&ldquo; Anschlie&szlig;end folgt ein kurzes Statement vom B&uuml;rgermeister, der hilflos darauf verweist, dass die Infrastruktur bei ihm im Ort nicht einmal ein &bdquo;ordentliches Internet&ldquo; erm&ouml;gliche. <\/p><p>Frage: W&auml;re es an dieser Stelle nicht angebracht, das zu tun, was Qualit&auml;tsmedien sich auf die Fahnen schreiben? &bdquo;Sagen, was ist&ldquo; &ndash; das ist, mindestens, der <a href=\"https:\/\/kress.de\/news\/detail\/beitrag\/138526-wir-fragen-unsere-kresskoepfe-warum-christian-dezer-beim-zdf-auf-constructive-journalism-setzt.html\">Anspruch<\/a>, den Sender wie das ZDF f&uuml;r sich erheben. Die Realit&auml;t aber ist: Der gelieferte Journalismus scheitert oftmals bei der einfachen Beschreibung der Wirklichkeit. Ist es etwa f&uuml;r einen Reporter, der in eine Region f&auml;hrt, in der es nicht einmal ein ordentliches Internet gibt, zu viel verlangt, zu recherchieren und gegebenenfalls, wenn es die Daten hergeben, in seinem Beitrag zu sagen: Hier in Dorfchemnitz hat die Politik die B&uuml;rger im Stich gelassen. Oder w&auml;re diese Feststellung in einem nachrichtlichen Beitrag in dem hier vorhandenen Kontext bereits ein Zuviel an &sbquo;Parteilichkeit&lsquo;? Wohl kaum.<\/p><p>Ein weiteres Beispiel: Hart aber Fair am 25. September gegen 21:40 Uhr. Thema: &bdquo;Die gerupfte Kanzlerin &ndash; wie reagieren nach dem Debakel der Volksparteien&ldquo;. Der Moderator Frank Plasberg sagt: &bdquo;Wie gro&szlig; ist diese Gefahr, dass die gro&szlig;e Koalition wieder von denen, die jetzt gr&ouml;len&hellip;nicht gr&ouml;len, sondern w&auml;hlen und sich abgeh&auml;ngt <em>f&uuml;hlen<\/em> &ndash; &uuml;ber die Gr&ouml;ler reden wir gleich noch &ndash; , dass die sagen: Schon wieder so ein Eliten-Ding da, schon wieder bin ich nicht dabei.&ldquo;<\/p><p>Es lohnt sich, diese Aussage, die durch die Gedankenspr&uuml;nge des Moderators etwas fragmentiert sind, genauer zu betrachten. Das Offensichtliche: Wieder ist nur davon die Rede, dass Menschen sich abgeh&auml;ngt <em>f&uuml;hlen<\/em>. Die Realit&auml;t einer Gesellschaft, in der Menschen tats&auml;chlich abgeh&auml;ngt <em>sind<\/em>, werden in diesem Moment sprachlich weder sichtbar gemacht noch anerkannt. Doch die Aussagen gehen weit &uuml;ber diese sprachliche Verdeckung der Realit&auml;t durch die Verwendung des Begriffs &bdquo;f&uuml;hlen&ldquo; hinaus. In diesen wenigen Gedanken kommt in verdichteter Form geradezu musterg&uuml;ltig zum Vorschein, wie Medien das Aufbegehren der B&uuml;rger abwerten. <\/p><p>Alleine schon die Verwendung des Begriffs &bdquo;gr&ouml;len&ldquo; delegitimiert das Anliegen derer, die auf der Stra&szlig;e ihren Protest auch durch lautstarke &Auml;u&szlig;erungen zum Ausdruck bringen. Wer gr&ouml;lt, so der Subtext, der hat sein Recht, ernstgenommen zu werden, von vorneherein verwirkt (eine Situation, die man geradezu als pervers bezeichnen kann, wenn man sich vor Augen f&uuml;hrt, dass viele B&uuml;rger, die unter den politischen Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen leiden, auch dann kein Geh&ouml;r finden, wenn sie nicht gr&ouml;len). Auch wenn Plasberg sich hier selbst korrigiert, um Differenzierung &bdquo;bem&uuml;ht&ldquo; ist, so ist durch den Begriff &bdquo;gr&ouml;len&ldquo; die Referenz hin zu denen gesetzt, die in den Augen vieler Eliten aufgrund ihres Auftretens in der Sache nicht ernstzunehmen und nur als Schmuddelkinder zu betrachten sind.<\/p><p>Noch interessanter aber ist die Kernaussage, die Plasberg an dieser Stelle macht. Der Moderator richtet den Fokus darauf, dass Menschen im Hinblick auf eine neue Regierungskoalition den Eindruck bekommen k&ouml;nnten, ihre Interessen w&uuml;rden wieder keine Ber&uuml;cksichtigung finden. Hierbei ist entscheidend, <em>wie<\/em> der Moderator diesen Gedanken ausformuliert. &bdquo;Schon wieder so ein Eliten-Ding da, schon wieder bin ich nicht dabei.&ldquo; <\/p><p>Warum diese Art der Formulierung? Plasberg hat sozusagen dem Volk &lsquo;aufs Maul&rsquo; geschaut und greift das Anliegen von B&uuml;rgern auf, indem er sich ihrer (vermeintlichen) flapsigen Umgangssprache (&bdquo;Eliten-Ding&ldquo;, &bdquo;schon wieder bin ich nicht dabei&ldquo;) bedient. Durch die hier veranschlagte Sprache, die weit weg von jener geschliffen akademischen Ausdrucksweise ist, wie sie in einer Polit-Talkshow zu finden ist, l&auml;sst sich ein impliziter Verweis auf den niedrigen Bildungsgrad, &uuml;ber den einige &bdquo;Abgeh&auml;ngte&ldquo; verf&uuml;gen, freilegen &ndash; ein Verweis, der viele negative Assoziationen und Konnotationen mitschwingen l&auml;sst, wie etwa die, dass der geringe Bildungsgrad zugleich nicht dazu bef&auml;higt, die Komplexit&auml;t der sozialen Wirklichkeit pr&auml;zise zu erkennen, um eine fundierte Kritik zu veranschlagen. Doch abgesehen davon, dass l&auml;ngst nicht alle, die &lsquo;abgeh&auml;ngt&lsquo; sind, ihre Staatskritik auf diese saloppe Weise formulieren: Deutlich wird, dass hier an dieser Stelle nicht ansatzweise die Bereitschaft vonseiten des Moderators besteht, den &lsquo;einfachen Ausdruck&rsquo; des &lsquo;Mannes von der Stra&szlig;e&rsquo; sprachlich aufzuwerten, um ihm so dabei zu helfen, in geschliffener Form sein Anliegen vor denen vorzutragen, gegen die sein Protest gerichtet ist. Die in ihrer einfachen Art zu undifferenzierten Aussagen bilden geradezu eine Steilvorlage f&uuml;r die anderen Teilnehmer.<\/p><p>Die Formulierungen &bdquo;Eliten-Ding&ldquo; und &bdquo;schon wieder bin ich nicht dabei&ldquo;, die Plasberg genau genommen den Kritikern in den Mund legt, werten deren Anliegen ab. Im Kontext des eher bildungsb&uuml;rgerlichen Rahmens der Sendung (die Teilnehmer der Talkshow kann man an diesem Abend alle zur Bildungselite z&auml;hlen) wirken die Formulierungen l&auml;cherlich und ohne Substanz, allenfalls aus H&ouml;flichkeit schenken ihnen die G&auml;ste der Talkrunde Beachtung. Was soll man schon auch ernsthaft zu einem &bdquo;Eliten-Ding&ldquo; sagen? Und wenn erwachsene Menschen, Staatsb&uuml;rger, wie ein kleines n&ouml;rgelndes Kind sagen: &bdquo;Schon wieder bin ich nicht dabei&ldquo;, dann bleibt einem auch nicht mehr viel &uuml;brig als zu anzumerken: Werdet eben erwachsen und seid dann mit dabei.<\/p><p>So dechiffriert, kommt ein Missstand in den Medien zum Vorschein, der immer wieder zu beobachten ist: Auf eine geradezu paradoxe Weise gelingt es Journalisten, &uuml;ber Probleme zu reden, ohne &uuml;ber die Probleme tats&auml;chlich zu reden. Nun legt Plasberg schon den Fokus auf diejenigen, die gro&szlig;en Unmut gegen&uuml;ber der vorherrschenden Politik haben, aber er bedient sich dabei einer Sprache voller Implikationen, die die saubere journalistische Erfassung der Probleme nicht erm&ouml;glicht. Dieser Gedanke zeigt sich noch an einer weiteren Stelle, allerdings muss man genau schauen. <\/p><p>F&uuml;hren wir dazu die Aussage noch einmal an: &bdquo;Wie gro&szlig; ist diese Gefahr, dass die gro&szlig;e Koalition wieder von denen, die jetzt gr&ouml;len&hellip;nicht gr&ouml;len, sondern w&auml;hlen und sich abgeh&auml;ngt <em>f&uuml;hlen<\/em> &ndash; &uuml;ber die Gr&ouml;ler reden wir gleich noch &ndash; , dass die sagen: Schon wieder so ein Eliten-Ding da, schon wieder bin ich nicht dabei.&ldquo;<\/p><p>Zun&auml;chst: Wir haben es hier mit einer Frage zu tun. Das journalistische Erkenntnisinteresse des Hart-aber-Fair-Moderators besteht darin, von seinen G&auml;sten zu erfahren, wie gro&szlig; die Gefahr ist, dass diejenigen, die sich &bdquo;abgeh&auml;ngt f&uuml;hlen&ldquo;, sagen k&ouml;nnten: Wir werden von der neuen Regierung wieder nicht beachtet! <\/p><p>Jetzt der genaue Blick: Plasberg geht es also nicht darum, die anwesenden Vertreter der Politik mit der Realit&auml;t zu konfrontieren und ihnen zu sagen, dass eine neue Regierung aller Voraussicht nach <em>faktisch<\/em> wieder nicht die Interessen der armen und &auml;rmeren Menschen in diesem Land vertreten wird &ndash; einer Ebene, auf der sich dann wunderbar mit Fakten argumentieren lie&szlig;e. <\/p><p>Ihm geht es darum, dass Menschen, die sich nur abgeh&auml;ngt <em>f&uuml;hlen<\/em> (lediglich), sagen (behaupten), die neue Regierung k&ouml;nnte wieder kein Herz f&uuml;r ihre Anliegen haben. Und sagen l&auml;sst sich bekanntlich viel. <\/p><p>Klar wird: Bei solch einer sprachlichen und gedanklichen Rahmung haben die B&uuml;rger, die sich gegen die real existierenden politischen Verfehlungen wehren, nicht den Hauch einer Chance auf ernstes Geh&ouml;r. <\/p><p>Der Soziologe Herbert Marcuse formulierte im Hinblick auf die &bdquo;herrschende Sprache&ldquo; folgende Zeilen: &bdquo;Diese Sprache definiert und verdammt den Feind nicht nur, sie erzeugt ihn auch; und dieses Erzeugnis stellt nicht den Feind dar, wie er wirklich ist, sondern vielmehr, wie er sein muss, um seine Funktion f&uuml;r das Establishment zu erf&uuml;llen.&ldquo;<\/p><p>Diese Aussagen lassen sich auf die hier beschriebene Problematik &uuml;bertragen. Protestierenden wird abgesprochen, dass sie faktisch &bdquo;abgeh&auml;ngt&ldquo; sind, das Augenmerk richtet sich auf &bdquo;Gr&ouml;lende&ldquo; und man hebt dann auch noch eine Sprache aus ihren Reihen hervor, mit der sich das legitime Anliegen ins L&auml;cherliche ziehen l&auml;sst.<\/p><p>Kurz um: Da steht er dann also, der B&uuml;rger, der aufbegehrt und der endlich so ist, wie ihn sich &lsquo;das Establishment&ldquo; vorstellt, um ihn zu bek&auml;mpfen. Um die Kritik an dieser Stelle abzuk&uuml;rzen, blicken wir auf das Offensichtliche: Von &bdquo;gef&uuml;hlten Zust&auml;nden&ldquo; zu reden, ist gef&auml;llig. Man kommt damit den politischen Weichenstellern entgegen und l&auml;uft nicht Gefahr, sich mit den Herausforderungen konfrontiert zu sehen, die zwangsl&auml;ufig auf einen warten, wenn man &bdquo;sagt, was ist&ldquo;. <\/p><p>Doch nicht nur die &lsquo;Verwandlung&rsquo; der Wirklichkeit in eine <em>gef&uuml;hlte<\/em> Wirklichkeit verr&auml;t, wie durch Sprache gegen die Verlierer in diesem Land vorgegangen wird.  Immer wieder ist zu h&ouml;ren, man m&uuml;sse die Menschen <em>mitnehmen<\/em>. Vordergr&uuml;ndig klingt die Formulierung vern&uuml;nftig, vielleicht sogar lobenswert, aber vor allem: harmlos. Schlie&szlig;lich: Was soll schon verkehrt daran sein, wenn man ausdr&uuml;cken m&ouml;chte, dass man Menschen eben nicht &bdquo;zur&uuml;cklassen&ldquo; will? <\/p><p>Es liegt in der Natur der Herrschaftssprache, dass sie sich oft wenig verd&auml;chtig und unbedenklich zeigt. Vorsicht ist angebracht. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Formulierung &bdquo;mitnehmen&ldquo; in dem hier diskutierten Kontext als ein Ausdruck, der es geschickt vermag, das politische Interesse der Armen zu untergraben. Angelegt in der Formulierung ist, dass den Menschen, die unter jener Politik leiden, die sich gegen sie stellt, der Status als vollwertige, ernstzunehmende politische Subjekte abgesprochen wird. <\/p><p>&bdquo;Mitnehmen&ldquo; muss man Kinder, die auf ihren Schulbus warten. Erwachsene, m&uuml;ndige B&uuml;rger, denen unter anderem aufgrund schwerwiegender politischer Fehlentscheidungen, die explizit gegen sie gerichtet waren und sind, nur die Option auf das Leben in der Prekarit&auml;t bleibt, m&uuml;ssen nicht wie kleine unm&uuml;ndige Kinder &bdquo;mitgenommen&ldquo; werden. Es gilt eine Politik zu veranschlagen, die es vermag, die strukturellen und systemimmanenten Ausl&ouml;ser, die dazu f&uuml;hren, dass Menschen in diesem Land real ausgegrenzt sind, zu beseitigen. <\/p><p>Merken Sie den Unterschied im Ausdruck? W&auml;hrend die Formel vom &bdquo;Mitnehmen&ldquo; verniedlicht, r&uuml;ckt der sich anschlie&szlig;ende Satz die Ursachen der sozialen Missst&auml;nde in den Vordergrund. Doch die Ebene sichtbar zu machen, auf der konkrete politische Handlungen erfolgen m&uuml;ssten, um den Armen und Abgeh&auml;ngten wirklich zu helfen, scheuen Politiker und Journalisten oft so wie der Teufel das Weihwasser. <\/p><p>Was wir hier erleben k&ouml;nnen, ist eine brutale Form sprachlicher Herrschaft, die sich vor unseren Augen in der Ausdrucksweise entfaltet, die jeden Tag durch die Medien an unser Ohr dr&auml;ngt.  Die scheinbar harmlose, gut gemeinte Formulierung vom &bdquo;Mitnehmen&ldquo;, zeigt ihre volle Wirkung auf der konnotativen Ebene, von der aus unterschwellig Bilder in die K&ouml;pfe der Rezipienten gelangen, die darauf setzen, die Wahrnehmung zu manipulieren. <\/p><p>Wir reden von Kinderarmut, von Altersarmut, von jungen Menschen, deren Tr&auml;ume sich allenfalls im Leben der b&uuml;rgerlichen Mitte realisieren. Hier geht es nicht darum, dass Menschen zu sp&auml;t an der Haltestelle angekommen sind und nun ein beherzter Busfahrer gro&szlig;z&uuml;gigerweise und ausnahmsweise noch einmal zur&uuml;ckf&auml;hrt, um ihnen &ndash; jetzt aber schnell &ndash; , doch nochmal die M&ouml;glichkeit bietet, an ihren Zielort zu kommen. Die Formulierung vom &bdquo;Mitnehmen&ldquo; impliziert also gar, dass hier m&ouml;glicherweise ein eigenes Verschulden vorliegt (im &Uuml;brigen ein tief in die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36299\">neoliberale Ideologie<\/a> eingewobener Gedanke: Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied. Wer es eben im Leben zu nichts bringt, ist selbst schuld). <\/p><p>Festzustellen ist: Journalisten, die allesamt &uuml;ber die entsprechenden akademischen Hintergr&uuml;nde verf&uuml;gen, um die Sprache der Herrschaft zu dekonstruieren und zu entlarven, &uuml;bernehmen diese Sprache und verbreiten sie mit (man denke nur an all die neoliberalen Wortsch&ouml;pfungen und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2087\">Formeln<\/a>, die Medien hoch und runter beten, wie etwa &bdquo;Verschlankung&ldquo;, &bdquo;Rettungsschirm&ldquo;, &bdquo;Eigeninitiative&ldquo; usw.). Die Gr&uuml;nde f&uuml;r diese Neigung, die Sprache der Herrschaft zu f&ouml;rdern anstatt sie in ihre manipulativen Bestandteile zu zerlegen, sind vielf&auml;ltig. Sie reichen von der Ignoranz, &uuml;berhaupt daran zu denken, dass mit Sprache auch in Demokratien Macht und Herrschaft ausge&uuml;bt werden, &uuml;ber &ndash; ganz ohne b&ouml;se Absicht &ndash; simple Nachl&auml;ssigkeit, bis hin zu der Tatsache, dass es, wie es der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu ausgedr&uuml;ckt hat, eine &bdquo;implizite Komplizenschaft&ldquo; zwischen Vertretern des journalistischen Feldes und den Herrschenden gibt. <\/p><p>Doch darum geht es an dieser Stelle nicht. Diese kleine Auseinandersetzung zum Gebrauch der Formulierungen &bdquo;gef&uuml;hlt&ldquo; und &bdquo;mitnehmen&ldquo; soll nur eine alte Erkenntnis verdeutlichen: Wenn die herrschende Sprache es vermag, sich in den &ouml;ffentlichen Diskurs einzuschleichen, ohne dass sie von Journalisten entsprechend markiert wird, werden zentrale gesellschaftliche Diskurse so sabotiert, dass sie zu Gunsten der Herrschenden gef&uuml;hrt werden.<\/p><p>Schiefe, verzerrende und teilweise v&ouml;llig falsche Vorstellungsbilder entstehen, &uuml;ber die dann die Diskursinhalte wahrgenommen werden. Bilder sind zu identifizieren, die die Realit&auml;t bis zur Unkenntlichkeit verleugnen. Eine Gesellschaft kommt zum Vorschein, in der der &ouml;ffentliche Diskurs nicht mehr zum Abbild, sondern nur noch zu einem Zerrbild der Realit&auml;t wird. Der Schaden f&uuml;r eine Gesellschaft, der durch eine Herrschaftssprache, die nicht als solche deutlich gemacht wird, entsteht, ist gro&szlig;. Eine Art Parallelrealit&auml;t bildet sich heraus, die sich &uuml;ber die eigentliche Realit&auml;t legt und sie zu verdecken versucht. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der jener Teil der B&uuml;rger, gegen den sich die herrschende Sprache richtet, daran gehindert wird, seine Interessen so vorzutragen, dass sie geh&ouml;rt werden. <\/p><p>Diese Sprache, die in der Medien&ouml;ffentlichkeit zu beobachten ist, setzt alles dran, den offenen politischen Diskurs bereits im Keim zu ersticken. Zum Gl&uuml;ck ist dieser Zustand noch nicht erreicht. Gerade auch eine ver&auml;nderte Medienwelt, in der viele unterschiedliche Formate und Plattformen im Internet die Versuche verhindern, durch Sprache Realit&auml;ten zu unterdr&uuml;cken,  er&ouml;ffnet M&ouml;glichkeiten zur Gegensteuerung. Doch dieser Lichtblick &auml;ndert nichts daran, dass die Sprache der Herrschaft bereits schwerste Sch&auml;den im gesellschaftlichen Gef&uuml;ge angerichtet hat.<\/p><p>Aus Sicht der Herrschenden ist die Strategie, durch Sprache gesellschaftliche Missst&auml;nde zu verschleiern, auszublenden und B&uuml;rgern, die von den sozialen Verwerfungen betroffen sind, in ihrer unterlegenen Position noch weiter abzuwerten, nachzuvollziehen.<br>\nSchlie&szlig;lich: Ihnen geht es um Machterhalt und die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und Vorstellungen. F&uuml;r eine Demokratie aber, die sich vor allem auch durch eine kritische &Ouml;ffentlichkeit kennzeichnet, sind diese Versuche, eben jene kritische &Ouml;ffentlichkeit von vorneherein auszuschalten, sch&auml;dlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprache ist verr&auml;terisch. Zwei Floskeln und Aussagen, die immer wieder auftauchen, wenn Politiker und Journalisten &uuml;ber diejenigen reden, die ihr Vertrauen in die etablierten Parteien verloren haben, fallen seit geraumer Zeit besonders auf. Wann immer Politiker und Medienvertreter davon sprechen, dass sich Menschen <em>&bdquo;abgeh&auml;ngt f&uuml;hlen&ldquo;<\/em> oder dass man sie <em>&bdquo;mitnehmen&ldquo;<\/em> m&uuml;sse, kommen zwei Formulierungen zum<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,123,183,11],"tags":[442,2817,690,437,218,244,1540],"class_list":["post-40414","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-eigenverantwortung","tag-hart-aber-fair","tag-neusprech","tag-plasberg-frank","tag-teilhabe","tag-vierte-gewalt","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40414","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40414"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52073,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40414\/revisions\/52073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}