{"id":40429,"date":"2017-10-05T09:13:24","date_gmt":"2017-10-05T07:13:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40429"},"modified":"2021-06-11T12:48:45","modified_gmt":"2021-06-11T10:48:45","slug":"jamaika-bedeutet-auch-dass-wir-einen-transatlantiker-als-aussenminister-bekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40429","title":{"rendered":"Jamaika bedeutet auch, dass wir einen Transatlantiker als Au\u00dfenminister bekommen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171005_la.jpg\" alt=\"Alexander Graf Lambsdorff\" title=\"Alexander Graf Lambsdorff\"><\/div><p>Eine schwarz-gelb-gr&uuml;ne Regierungskoalition wird nicht nur eine b&uuml;rgerliche &bdquo;Mittel-bis-Oberschicht-Koalition&ldquo;, wie Albrecht M&uuml;ller am letzten Freitag schon <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40369\">anmerkte<\/a>, sondern auch die Koalitionsvariante, die so sehr wie keine andere f&uuml;r eine Fortf&uuml;hrung der aggressiven Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik des transatlantischen B&uuml;ndnisses steht. Das wird auch in den Personalien der beiden denkbaren Spitzenkandidaten f&uuml;r das Au&szlig;enministerium deutlich &ndash; Cem &Ouml;zdemir von den Gr&uuml;nen ist &uuml;berzeugter Transatlantiker, dem ein Think Tank sogar in der d&uuml;stersten Periode seiner Karriere rettend unter die Arme griff und Alexander Graf Lambsdorff war bereits w&auml;hrend seines Studiums Fulbright-Stipendiat und setzte seine transatlantische Karriere seitdem zielstrebig fort. Egal welcher der beiden kleinen Koalitionspartner den Ministerposten zugesprochen bekommt &ndash; verschiedene transatlantische Think Tanks, denen es vor allem um amerikanische Hegemonialinteressen geht, werden k&uuml;nftig im Ausw&auml;rtigen Amt mitregieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_134\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40429-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40429-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171005_Jamaika_und_ein_Transatlantiker_als_Aussenminister_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als Cem &Ouml;zdemir noch ein junger Bundestagsabgeordneter war, verwechselte er dummerweise brutto mit netto und erhielt 1997 nach drei Jahren als Abgeordneter einen unerfreulichen Brief vom Finanzamt. Er solle rund 80.000 D-Mark Einkommenssteuer nachzahlen. Doch der junge Schwabe hatte das sch&ouml;ne Geld schon f&uuml;r andere Dinge ausgegeben &ndash; f&uuml;r ein neues Auto f&uuml;r den Vater und die Ausstattung seines Abgeordnetenb&uuml;ros, wenn man ihn selbst fragt; oder aber f&uuml;r teure Designeranz&uuml;ge und einen auch ansonsten unangemessenen Lebenswandel, wie es Kritiker behaupten. Fest steht, die Forderung des Finanzamts konnte er nicht aus der Portokasse begleichen und an dieser Stelle beginnt die erste Merkw&uuml;rdigkeit in &Ouml;zdemirs Lebenslauf.<\/p><p>Denn er versuchte offenbar nicht, mit dem Finanzamt eine Ratenzahlung zu vereinbaren oder die n&auml;chste Sparkasse oder Volksbank um einen Kredit zu bitten, sondern nahm ein Privatdarlehen zu Vorzugskonditionen vom umstrittenen PR-Unternehmer und Kontakte-H&auml;ndler Moritz Hunzinger an. Man kann ja durchaus als Berufsanf&auml;nger schon mal vergessen oder verdr&auml;ngen, dass der Fiskus noch seinen Anteil abbekommt &ndash; aber warum besorgt man sich dann das geforderte Geld von einem Lobbyisten? Das fragte sich damals auch die &Ouml;ffentlichkeit und in Kombination mit Bonusmeilen aus Vielfliegerprogrammen, die &Ouml;zdemir privat genutzt hat, st&uuml;rzte er 2002 &ndash; als die ganze Sache herauskam &ndash;  &uuml;ber seine <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/karriere\/a-206351.html\">&bdquo;Miles&amp;Moritz-Aff&auml;re&ldquo;<\/a>, wie die Zeitungen damals spotteten. Der Realo &Ouml;zdemir wurde von seinen Kollegen im Landesverband sanft bedr&auml;ngt und gab sein drittes Bundestagsmandat kurz nach den Wahlen ab. <\/p><p>Doch was nun? Als hoch verschuldeter Ex-Politiker ohne feste Eink&uuml;nfte stand &Ouml;zdemir im Herbst 2002 vor dem Aus. Just in diesem Moment kam die helfende Hand aus Washington. Der Mann, der bis zu diesem Zeitpunkt als <a href=\"http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/13684296\">&bdquo;Randgruppen-Realo&ldquo;<\/a> auf dem Feld der &bdquo;Ausl&auml;nderpolitik&ldquo; (so nannte man damals noch die Integrationspolitik) unterwegs war, wurde pl&ouml;tzlich von einem transatlantischen Think Tank namens German Marshall Fund zu einem Au&szlig;enpolitiker umgeschult. Als <a href=\"https:\/\/www.oezdemir.de\/cem\/biografie\/\">&bdquo;Transatlantic Fellow&ldquo;<\/a> wurde er zun&auml;chst in Washington D.C. &bdquo;fortgebildet&ldquo; und dann ein paar Monate sp&auml;ter in der Br&uuml;sseler Dependance eingesetzt. &Ouml;zdemir konnte nun nicht nur seine Schulden abbezahlen, sondern wurde von den Realos seines Landesverbandes 2004 sogar f&uuml;r ein nicht sonderlich publicitytaugliches, aber daf&uuml;r finanziell recht lukratives Mandat im Europaparlament nominiert. Dort machte er dann als transatlantischer Au&szlig;enpolitiker sehr schnell Karriere. Kaum im Parlament unterzeichnete er &ndash; als einer der wenigen Deutschen neben Karl-Theodor von und zu Guttenberg &ndash; einen <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20040929083336\/http:\/\/www.newamericancentury.org\/russia-20040928.htm\">offenen Brief<\/a> des neokonservativen Project for the New American Century, das mit so ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Mitgliedern wie Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz, Robert Kagan, Richard Perle oder William Kristol ganz ma&szlig;geblich die US-Invasionen des Nahen und Mittleren Ostens vorbereitet und orchestriert hat. Der offene Brief ist auch deshalb von historischem Interesse, weil er sich bereits im September 2004, kurz nach der Geiselnahme von Beslan, in einem aggressiven Ton an Russlands Pr&auml;sidenten Putin wendet, der damals noch vollkommen un&uuml;blich war und zumindest sprachlich die Wiederaufnahme des Kalten Krieges mit markierte.  <\/p><p>Seit Raymond Shaw im Filmklassiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Botschafter_der_Angst\">&bdquo;Botschafter der Angst&ldquo;<\/a> (The Manchurian Candidate) gab es wohl kein spektakul&auml;reres Comeback unter fremdbestimmter Flagge. Nun begann die Karriere des Mannes, der zwei Jahre zuvor schon vom World Economic Forum (Davos) zu einem &bdquo;Global Leader of Tomorrow&ldquo; gek&uuml;rt wurde, erst richtig. Er wurde als &bdquo;Young Leader&ldquo; Mitglied der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_von_Mitgliedern_der_Atlantik-Br%C3%BCcke\">Atlantik-Br&uuml;cke<\/a> und konnte dort an der Seite von Friedrich Merz, Kai Diekmann und seinem k&uuml;nftigen Koalitionspartner Alexander von Lambsdorff die Feinheiten der transatlantischen Beziehungen vertiefen. Trotz des vermeintlichen Abstellgleises Europaparlament war &Ouml;zdemir bald auch wieder in den Medien allgegenw&auml;rtig und von &bdquo;Miles&amp;Moritz&ldquo; schrieb schon bald niemand mehr.  &Ouml;zdemir beteiligte sich an der Gr&uuml;ndung des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/European_Council_on_Foreign_Relations\">European Council on Foreign Relations<\/a> und engagierte sich in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Atlantische_Initiative\">Atlantischen Initiative<\/a>. 2008 wurde er Bundesvorsitzender der Gr&uuml;nen und seit 2013 ist er auch wieder im Bundestag vertreten. &Ouml;zdemir gilt als &uuml;berzeugter Transatlantiker, der voll und ganz hinter Doktrinen wie der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18547\">&bdquo;Schutzverantwortung&ldquo;<\/a> steht, die seit der Abkehr von der Entspannungs- und Friedenspolitik die au&szlig;en- und sicherheitspolitische Ausrichtung der Gr&uuml;nen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27317\">bestimmen<\/a> &ndash; &Ouml;zdemir und den Think Tanks hinter ihm sei &bdquo;Dank&ldquo;.<\/p><p>Ist Cem &Ouml;zdemir ein &bdquo;Sp&auml;tbekehrter&ldquo; in Sachen transatlantischer Ausrichtung, hat der FDP-Kandidat f&uuml;r die Spitze im Ausw&auml;rtigen Amt sie bereits mit der Muttermilch aufgesogen. Alexander Sebastian L&eacute;once Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ist als Sohn des Diplomaten Hagen Graf Lambsdorff und Neffe des ehemaligen Wirtschaftsministers und neoliberalen Vordenkers Otto Graf Lambsdorff Spross einer transatlantisch orientierten Familie. Der junge Reserveoffizier der Bundeswehr geh&ouml;rte schon als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fulbright-Programm\">Fulbright-Stipendiat<\/a> an der Georgetown University in Washington, D.C. zu den Kandidaten f&uuml;r die k&uuml;nftige Funktionselite Deutschlands. <\/p><p>Diesen Weg setzte er mit geradezu be&auml;ngstigender Stringenz fort. Praktika bei McKinsey, Projekte f&uuml;r die Friedrich Naumann Stiftung und dann der Einstieg in die Diplomatenlaufbahn, wo er unter anderem als B&uuml;roleiter von Klaus Kinkel t&auml;tig war und zuletzt als L&auml;nderbeauftragter im Russlandreferat t&auml;tig war. Dann zog er 2004 &ndash; zeitgleich mit Cem &Ouml;zdemir &ndash; f&uuml;r die FDP ins Europaparlament ein. Lambsdorff ist Mitglied der Atlantik-Br&uuml;cke, der Atlantischen Initiative und dem <a href=\"http:\/\/www.tpnonline.org\/organisation\/eu-parliamentary-group\/\">Transatlantic Policy Network<\/a>. 2006 geh&ouml;rte er zu den Gr&uuml;ndern der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/German_European_Security_Association\">German European Security Association<\/a> &ndash; einer Lobbyisten-Vereinigung der R&uuml;stungsindustrie mit massiven <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2013\/deutsche-eu-abgeordnete-lobbyieren-fur-sicherheitsindustrie\/\">Interessenkonflikten<\/a> f&uuml;r die beteiligten Politiker, die mittlerweile ihren Betrieb einstellen musste. Er wird von der Soros-Stiftung als &bdquo;weise Stimme in seiner Fraktion&ldquo; <a href=\"https:\/\/owc.de\/2017\/08\/10\/person-der-woche-alexander-graf-lambsdorff\/\">gelobt<\/a> und wandelt als Vorstandsmitglied des <a href=\"https:\/\/www.democracyendowment.eu\/about-eed\/\">European Endowment for Democracy<\/a> selbst auf Soros&rsquo; Spuren. Das EED wird von Kritikern als <a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/politik\/politik-eu\/im-langen-schatten-des-antikommunismus\/\">&bdquo;anti-linkes Projekt&ldquo;<\/a> im Stile des von Ronald Reagan gegr&uuml;ndeten amerikanischen Vorbilds <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/National_Endowment_for_Democracy\">National Endowment for Democracy<\/a> bezeichnet. <\/p><p>Das Besondere an Alexander Graf Lambsdorff ist, dass er seine transatlantischen &Uuml;berzeugungen nach au&szlig;en durchaus verbergen kann. Nicht zu Unrecht gilt er als Diplomat, der die Kunst der Diplomatie von der Pike auf gelernt hat. Sowohl Lambsdorff als auch &Ouml;zdemir betonen stets, den gemeinsamen europ&auml;ischen Interessen zu dienen, die jedoch bei den beiden Kandidaten stets nahezu deckungsgleich mit den Interessen der USA sind. Allenfalls in Nuancen unterscheiden sich der schw&auml;belnde gr&uuml;ne Sohn t&uuml;rkischst&auml;mmiger Migranten und der Liberale mit dem beeindruckenden Stammbaum. Eine echte Wahl haben wir aber nicht. Beide Kandidaten f&uuml;r den Chefsessel im Ausw&auml;rtigen Amt sind &uuml;berzeugte Transatlantiker. Eine Entspannungspolitik gegen&uuml;ber Russland ist in den n&auml;chsten vier Jahren also nicht zu erwarten.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7b896eca497940a38972fbdda0dde6c7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171005_la.jpg\" alt=\"Alexander Graf Lambsdorff\" title=\"Alexander Graf Lambsdorff\"\/><\/div>\n<p>Eine schwarz-gelb-gr&uuml;ne Regierungskoalition wird nicht nur eine b&uuml;rgerliche &bdquo;Mittel-bis-Oberschicht-Koalition&ldquo;, wie Albrecht M&uuml;ller am letzten Freitag schon <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40369\">anmerkte<\/a>, sondern auch die Koalitionsvariante, die so sehr wie keine andere f&uuml;r eine Fortf&uuml;hrung der aggressiven Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik des transatlantischen B&uuml;ndnisses steht. 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