{"id":40448,"date":"2017-10-06T10:18:19","date_gmt":"2017-10-06T08:18:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40448"},"modified":"2019-03-11T13:48:20","modified_gmt":"2019-03-11T12:48:20","slug":"alternativer-geschichtsunterricht-der-fesselt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40448","title":{"rendered":"Alternativer Geschichtsunterricht, der fesselt"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt B&uuml;cher, ja auch Sachb&uuml;cher und historische B&uuml;cher, die schl&auml;gt man auf &ndash; und nach wenigen Zeilen des Lesens m&ouml;chte man sie gar nicht mehr aus der Hand legen. Zu diesen Werken geh&ouml;rt sicherlich <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/hundert-jahre-heimatland\/\">Rolf Verlegers &bdquo;Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen N&auml;chstenliebe und Nationalismus.&ldquo;<\/a> Bemerkenswert an dem Titel ist zun&auml;chst einmal das gro&szlig;e Fragezeichen. Denn nach dem gut 250 Seiten umfassenden alternativen Geschichtsunterricht wird dem Leser klar, warum hinter dem Wort Heimatland im Titel ein Fragezeichen steht: Israel, jedenfalls nicht dieses Israel, ist keineswegs die politische Heimat des Autors. Vom g&auml;ngigen Narrativ der deutschen Staatsraison, die Israels Sicherheit zu garantieren habe, und vom Recht Israels, sich gegen sein feindliches Umland verteidigen zu d&uuml;rfen, bleibt am Ende nicht viel &uuml;brig. Rolf Verleger zerzaust diese Lesart wie der Wind einen Baum im Herbst, der nach dem Sturm einem kahlen Ger&uuml;st in einer &ouml;den Landschaft &auml;hnelt. Eine Rezension von <strong>Heiko Flottau<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40448#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6638\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40448-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40448-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171006_Alternativer_Geschichtsunterricht_der_fesselt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Aber aufgepasst: der Autor ist weder ein Holocaustleugner noch ist er ein Selbsthasser, wie Kritiker von Israels Mainstreampolitikern gerne genannt werden. &Uuml;ber seine Familie schreibt der Autor: &bdquo;Mein Vater war 1942 in Auschwitz, seine Frau und seine drei Kinder wurden dort umgebracht. Er hat &uuml;berlebt. Meine Mutter wurde 1942 mit ihren Eltern von Berlin nach Estland deportiert. Sie allein hat &uuml;berlebt. &hellip; 1948 heirateten meine Eltern. Mein Vater wollte wieder Kinder haben, j&uuml;dische Kinder.&ldquo; Bewusst, schreibt Rolf Verleger weiter, h&auml;tten sich seine Eltern f&uuml;r Deutschland entschieden, wo sein Vater &bdquo;eigentlich gern&ldquo; gewohnt habe. Der Autor selbst wurde Psychologe, war bis 2017 Professor an der Universit&auml;t L&uuml;beck und von 2006 bis 2009 Mitglied im &bdquo;Zentralrat der Juden in Deutschland&ldquo;. Davon sp&auml;ter.<\/p><p>Gleich zu Beginn seines Buches l&auml;sst der Autor keinen Zweifel daran, wie er den israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikt sieht. Sozusagen als Antidote zum westlichen, insbesondere deutschen pro-israelischen politischen Glaubensbekenntnis zitiert er den j&uuml;dischen Schriftsteller Issac Deutscher (1907 &ndash; 1967), der die Verantwortung f&uuml;r den Holocaust bei der westlichen Zivilisation und deren &bdquo;degeneriertem Nachfolger&ldquo;, dem Nationalsozialismus, sieht. &bdquo;Doch es waren die Araber&ldquo;, schreibt Deutscher im Jahre 1967, &bdquo;die schlie&szlig;lich den Preis f&uuml;r das Verbrechen zahlen mussten, die der Westen an den Juden begangen hat. Man l&auml;sst sie auch heute noch zahlen, denn das Schuldbewusstsein des Westens ist nat&uuml;rlich pro-israelisch und anti-arabisch.&ldquo; Dieses f&uuml;nfzig Jahre alte Diktum gilt auch noch heute, da gut 2,6 Millionen Pal&auml;stinenser im Westjordanland und etwa zwei Millionen im Gazastreifen von israelischen Grenzz&auml;unen, Mauern und Kontrollposten eingepfercht leben m&uuml;ssen. <\/p><p>Rolf Verleger bricht noch ein zweites Tabu, indem er dem viel propagierten &bdquo;christlich-j&uuml;dischen&ldquo; Kulturraum eine islamisch-j&uuml;dische Kultur entgegenstellt &ndash; n&auml;mlich jene, die der j&uuml;dische, im muslimischen Spanien und sp&auml;ter in &Auml;gypten beheimatete j&uuml;dische Philosoph Moshe Ben Maimon, bekannt als Maimonides ( etwa 1135-1204) mit gepr&auml;gt hat. Wer etwa wei&szlig; schon, dass das j&uuml;dische Glaubensbekenntnis &bdquo;Gro&szlig; ist der lebendige Gott&ldquo; haarscharf dem muslimischen entspricht, welches lautet &bdquo;Allahu akbar&ldquo; &ndash; Gott ist gro&szlig; bzw. Gott ist der Gr&ouml;&szlig;te.<\/p><p>Die deutsche politische Wirklichkeit ist indessen von Isaac Deutscher und Maimonides weit entfernt. Kleinkr&auml;merischer politischer Opportunismus beherrscht die Szenerie, historische Analysen, wie sie Rolf Verleger bietet, sind nicht erw&uuml;nscht. Als etwa Rolf Verleger in Berlin eine Laudatio auf den Dirigenten Daniel Barenboim halten sollte und neben anderen prominenten G&auml;sten der damalige Regierende B&uuml;rgermeister Klaus Wowereit eingeladen und, zun&auml;chst, zugesagt hatte, warf die j&uuml;dische Lobby ihren Public Relations Apparat an und machte Wowereit klar, so vermutet der Autor, was eine Teilnahme an der Preisverleihung f&uuml;r Wowereit und andere m&ouml;gliche Ersatzleute f&uuml;r ihre &bdquo;weitere politische Karriere bedeuten w&uuml;rde&ldquo;. Wowereit sagte &bdquo;aus Termingr&uuml;nden&ldquo; ab. Dass diese politischen Erpressungsversuche immer wieder stattfinden und, leider, Erfolg haben, beweist der Autor an einer Liste &auml;hnlicher Vorf&auml;lle. Der Fall Barenboim ist exemplarisch, denn der weltber&uuml;hmte Maestro setzt sich mit dem von ihm gegr&uuml;ndeten West-&Ouml;stlichen Diwanorchester, in dem Israelis und Pal&auml;stinenser zusammen musizieren, f&uuml;r ein friedliches Zusammenleben der beiden V&ouml;lker ein.<\/p><p>Liest man Rolf Verlegers Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber den &bdquo;Zentralrat der Juden in Deutschland&ldquo;, dessen Mitglied er von 2006 bis 2009 war, so kommt man um die Feststellung nicht herum, dass diese Vereinigung nicht recht an einem Ausgleich mit den Pal&auml;stinensern interessiert ist. Der Rat wurde 1950 gegr&uuml;ndet, als noch kaum vorstellbar war, dass es wieder j&uuml;disches Leben in Deutschland geben w&uuml;rde. Daher, vermutlich, der Name &bdquo;Zentralrat der Juden in Deutschland, eine Formulierung, die, im Gegensatz zur Grundhaltung des Autors, wenig Identifikation mit dem neuen, demokratischen Deutschland erkennen l&auml;sst. Inzwischen gibt es gl&uuml;cklicherweise wieder j&uuml;disches Leben in Deutschland, allein in Berlin leben 20 000 Juden mit israelischem Pass. Rolf Verleger ist deshalb der Meinung, dass der Name eigentlich nicht mehr die reale Situation im Lande wiedergebe und pl&auml;diert f&uuml;r eine &Auml;nderung in &bdquo;Zentralrat der deutschen j&uuml;dischen Gemeinden.&ldquo;<\/p><p>Zum Konflikt zwischen Rolf Verleger und dem Zentralrat kam es, nachdem, wie der Autor schreibt, das Gr&uuml;ndungsmitglied Heinz Galinski 1988 wieder Vorsitzender des Zentralrats geworden sei und damit gl&uuml;cklicherweise eine Epoche begonnen habe, in welcher der Zentralrat &bdquo;eine Rolle als Kontrollinstanz f&uuml;r die Einhaltung der Menschenrechte&ldquo; &uuml;bernommen habe (welche er bis zu Galinskis Tod 1992 innehatte). Diese Rolle habe der Zentralrat sp&auml;ter aber leider aufgegeben, weil er sich &bdquo;vorbehaltlos mit der Politik des Staates Israel&ldquo; identifiziere und so seine Rolle als moralische Instanz&ldquo; aufgegeben habe. Denn Israels Politik verletze &bdquo;in vielf&auml;ltiger Weise die Menschenrechte der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung&ldquo;.<\/p><p>Nach diesen eher aktuell-politischen Ausf&uuml;hrungen folgen im Buch &uuml;beraus lesenswerte Kapitel &uuml;ber &bdquo;Nationalismus und N&auml;chstenliebe in j&uuml;discher Tradition&ldquo; und &uuml;ber &bdquo;Das Judentum aus dem Osten und das Empire aus dem Westen&ldquo; &ndash; Ausf&uuml;hrungen, die in die ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Balfour-Erkl&auml;rung von 1917 m&uuml;nden, an deren hundertsten Jahrestag am kommenden 2.November Israelis und Pal&auml;stinenser in ganz unterschiedlicher Form erinnern werden.<\/p><p>Die historischen Ausf&uuml;hrungen des Autors sind von aktueller Bedeutung &ndash; etwa dann, wenn er daran erinnert, dass in der Epoche der im Alten Testament beschriebenen Herrschaft der K&ouml;nige stets Propheten aufgetreten seien, welche gegen eine &bdquo;blinde Verabsolutierung weltlicher Macht und f&uuml;r Mildt&auml;tigkeit und N&auml;chstenliebe zu allen Menschen predigten&ldquo;. Wer w&uuml;rde angesichts dieser historischen Vorlage nicht sofort an die Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser durch den von Premier Benjamin Netanjahu so charakterisierten &bdquo;j&uuml;dischen Staat Israel&ldquo; denken?<\/p><p>Auch eine andere historische Richtigstellung hat einen aktuellen Bezug. Der Begriff von den Juden als &bdquo;auserw&auml;hltem Volk&ldquo; bedeute nicht, schreibt Rolf Verleger, dass Juden, historisch gesehen, wertvoller seien als &bdquo;die &Auml;thiopier im S&uuml;den, die Philister im Westen, die Syrer im Norden&ldquo;. Auserw&auml;hlt hei&szlig;e dagegen vor allem, &bdquo;sich an das Gesetz Gottes halten zu m&uuml;ssen und die eigenen schlechten Eigenschaften besiegen zu k&ouml;nnen&ldquo;. Diese Forderung hat, im &Uuml;brigen, im sp&auml;ter entstandenen muslimischen Konzept des Dschihad ihre Entsprechung, welches in seiner urspr&uuml;nglichen Bedeutung ebenfalls den Kampf jedes Einzelnen gegen seine eigenen schlechten Charakterz&uuml;ge beinhaltet.<\/p><p>Sprung in die Gr&uuml;nderzeit Israels, in die Epoche j&uuml;discher Emigration aus dem Zarenreich (dessen j&uuml;discher Bev&ouml;lkerung der Autor ein &uuml;beraus lehrreiches Kapitel widmet), Sprung in die historische Z&auml;sur des Zionismus, welche die Region bis heute in Unruhe versetzt. Der fr&uuml;he Zionist Leo Pinsker (1821-1891), vor allem aber der Wiener j&uuml;dische Journalist Theodor Herzl (mit seiner Schrift &bdquo;Der Judenstaat&ldquo; von 1896) versuchten, dem allgemeinen europ&auml;ischen Antisemitismus mit dem j&uuml;dischen Nationalkonzept des Zionismus &ndash; der Einwanderung m&ouml;glichst vieler Juden nach Pal&auml;stina &ndash; zu begegnen. Beide verdr&auml;ngten indessen zumindest in der &Ouml;ffentlichkeit die Tatsache, da&szlig; Pal&auml;stina kein menschenleeres Land war, sondern seit Jahrhunderten von Arabern, Pal&auml;stinensern, bewohnt wurde. Herzls Konzept war, wie Rolf Verleger zurecht betont, ein durchaus imperialistisches. Er wolle die Finanzen der T&uuml;rkei regeln, schrieb Herzl, er wolle ein St&uuml;ck des Walles gegen asiatische Barbarei bauen, der zuk&uuml;nftige j&uuml;dische Staat werde ein Vorposten westlicher Kultur im Orient sein . Zu Recht entzaubert Rolf Verleger Theodor Herzl, die Ikone des politischen Zionismus. Vergessen habe dieser, &bdquo;was das Land seit tausendzweihundert Jahren gepr&auml;gt&ldquo; habe &ndash; n&auml;mlich &bdquo;die islamische und christliche Bev&ouml;lkerung und die beiden dem Islam heiligen Moscheen in Jerusalem&ldquo;. Im &Uuml;brigen war sich Herzl insgeheim durchaus bewusst, dass Pal&auml;stina nicht menschenleer war; in seinen Tageb&uuml;chern empfiehlt er n&auml;mlich nichts anderes als eine ethnische S&auml;uberung des Landes, denn die einheimische Bev&ouml;lkerung will er au&szlig;er Landes verbringen, indem er ihr in den &bdquo;Durchgangsl&auml;ndern&ldquo; Arbeit verschaffe. Nur: diese Durchgangsl&auml;nder gab es nicht, es gab nur das zusammenh&auml;ngende Osmanische Reich, das keineswegs bereit war, ein St&uuml;ck seines Territoriums abzugeben.<\/p><p>Geflissentlich &uuml;bersehen hatte Herzl die fr&uuml;hen Proteste gegen ein solches Konzept &ndash; vorgetragen etwa von Asher Ginsberg (1856-1927), der unter seinem angenommenen j&uuml;dischen Namen Achad haAm nach einem Besuch der fr&uuml;hen j&uuml;dischen Siedlungen 1891 gefordert hatte, die Einwanderer m&uuml;ssten den Einheimischen mit Respekt begegnen. Doch das Gegenteil war der Fall. Rolf Verleger zitiert Ahad haAm wie folgt: &bdquo;Was tun unsere Br&uuml;der in Pal&auml;stina? Knechte waren sie in den L&auml;ndern der Diaspora&ldquo; , in Pal&auml;stina aber behandelten sie &bdquo;die Araber mit Feindschaft und Grausamkeit, berauben sie ihrer Rechte, beleidigen sie grundlos und prahlen obendrein mit ihren Taten &hellip;&ldquo;<\/p><p>Doch es war nicht ausschlie&szlig;lich der europ&auml;ische Antisemitismus, der Menschen wie Theodor Herzl &uuml;ber die Gr&uuml;ndung eines &bdquo;Judenstaates&ldquo; in Pal&auml;stina nachdenken lie&szlig;. Hinzu kamen die imperialen Interessen Gro&szlig;britanniens. Antisemitismus wie Imperialismus b&uuml;ndelte der britische Au&szlig;enminister Lord Balfour vor einhundert Jahren, am 2.November 2017, in einem Brief an den j&uuml;dischen Bankier Lord Rothschild. Die Regierung Seiner Majest&auml;t betrachte die &bdquo;Einrichtung eines nationalen Heims in Pal&auml;stina f&uuml;r das j&uuml;dische Volk mit Wohlwollen&ldquo;. Dabei sollten, selbstverst&auml;ndlich, die Rechte der einheimischen Bev&ouml;lkerung nicht verletzt werden. <\/p><p>Der verborgene Antisemitismus in dieser Erkl&auml;rung: seit 1905 waren, wie der Autor berichtet, &uuml;ber 100 000 j&uuml;dische Fl&uuml;chtlinge aus dem Zarenreich nach England gekommen, durch diese Zuwanderung und durch die nat&uuml;rliche Geburtenrate sei die j&uuml;dische Einwohnerzahl bis 1919 auf 250 000 gestiegen. Gegen diese Immigration habe sich bereits 1902 die britische &bdquo;Brothers League&ldquo; gebildet, welche den Slogan &bdquo;England for the English&ldquo; verk&uuml;ndet habe. <\/p><p>Der Imperialismus in der Balfour-Erkl&auml;rung: Gro&szlig;britannien hatte sich 1882 in &Auml;gypten festgesetzt, hatte die Aktienmehrheit des Suezkanals von Frankreich erworben, hatte die arabischen Golfemirate von Kuwait bis Oman unter seiner Kontrolle und wollte dieses koloniale Besitztum entlang des Persischen Golfes nun durch einen weiteren Posten in Pal&auml;stina sichern &ndash; vor allem auch, um den Zugang zu seinem indischen Kolonialreich zu sch&uuml;tzen. Zudem hatten Gro&szlig;britannien und Frankreich 1916 in dem von Mark Sykes und Francois Georges-Picot ausgehandelten Geheimabkommen in Hinblick auf die bevorstehende Niederlage des Osmanischen Reiches das gesamte territoriale Erbe des Vielv&ouml;lkerstaates unter sich aufgeteilt. In diesem Erbe war Pal&auml;stina jener Landstrich, in den Gro&szlig;britannien die aus dem Zarenreich eingewanderten Juden verbringen wollte.<\/p><p>Indessen, im Kabinett von Premier David Lloyd George , in welchem 1917 Lord Balfour Au&szlig;enminister war, gab es auch Edwin Samuel Montagu, zur Zeit der Balfour-Erkl&auml;rung Staatssekret&auml;r f&uuml;r Indien. Der j&uuml;dische Politiker hatte ein feines Gesp&uuml;r daf&uuml;r, was Antisemitismus bedeutete. In einem Memorandum, welches Autor Rolf Verleger ausf&uuml;hrlich zitiert, wandte sich Montagu gegen die Balfour-Erkl&auml;rung. &bdquo;Ich m&ouml;chte zu Protokoll geben&ldquo;, hei&szlig;t es da, &bdquo;dass die Politik der Regierung Seiner Majest&auml;t antisemitisch ist&hellip;&ldquo; Zur Begr&uuml;ndung schrieb Montagu: &bdquo;Wenn man den Juden sagt, ihre Heimat sei Pal&auml;stina, dann wird sofort jedes Land danach trachten, seine j&uuml;dischen B&uuml;rger loszuwerden&ldquo; Er, Montagu, lehne einen Beschluss ab, der aus allen j&uuml;dischen Mitb&uuml;rgern &bdquo;Fremde und Ausl&auml;nder per Implikation&ldquo; mache.<\/p><p>Schlie&szlig;lich, zur Gegenwart, die deutsche Staatsraison, welche die Sicherheit Israels, von Angela Merkel immer wieder beschworen, zu garantieren habe. Rolf Verleger sieht das, gelinde gesagt, etwas anders. &bdquo;Da Israel&ldquo;, schreibt der Autor zum Schluss, &bdquo;gezielt und geplant durch Vertreibung und Landraub an der arabischen Bev&ouml;lkerung entstanden ist (Kapitel 14), sind nun auch Vertreibung und Landraub deutsche Staatsraison. Das ist grotesk.&ldquo; Und der Holocaust ? Verleger argumentiert, dass eine arabische Familie, die etwa in Haifa seit Hunderten Jahren gewohnt habe und 1948 von den Zionisten vertrieben worden sei, nicht f&uuml;r den Judenmord der Nationalsozialisten zur Rechenschaft zu ziehen sei. <\/p><p>Anmerkung des Rezensenten: Vielleicht trifft die j&uuml;dische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) mit ihrem Diktum aus den ersten Nachkriegsjahren am besten die Situation. Arendt, eigentlich dem Zionismus nicht abgeneigt, argumentierte, dass ein rein j&uuml;discher Staat mit den Interessen der Pal&auml;stinenser nicht zu vereinbaren sei. Vielmehr m&uuml;sse man an eine F&ouml;deration von Juden und Arabern denken. Igle sich aber ein neuer Judenstaat im Nahen Osten ein und mache sich durch eine solche Haltung die Araber endg&uuml;ltig zu Feinden, so werde Israel stets in einer &bdquo;Wagenburgmentalit&auml;t&ldquo; leben.<\/p><p>Prophetische Worte, bis auf den heutigen Tag.<\/p><p>PS Nummer 1: Wen wundert es nach Lekt&uuml;re dieses Buches, dass Autor Rolf Verleger Gr&uuml;ndungsmitglied des k&uuml;rzlich geschaffenen &bdquo;B&uuml;ndnisses f&uuml;r die Beendigung der Besatzung Pal&auml;stinas&ldquo;, abgek&uuml;rzt BIB, ist?<\/p><p>PS Nummer 2: Empfehlung an das Talkshowtrio Maischberger-Illner-Will: Es gibt noch einen anderen Gespr&auml;chspartner zum Thema Nahostkonflikt als den &ouml;ffentlich-rechtlichen Hofstammgast Michael Wolffsohn.<\/p><p>Rolf Verleger: &bdquo;Hundert Jahre Heimatland ? Judentum und Israel zwischen N&auml;chstenliebe und Nationalismus.&ldquo;<br>\n255 S., Westend Verlag Frankfurt a.M. Oktober 2017.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Heiko Flottau war von 1985 bis 1992 und von 1996 bis 2004 Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, mit Sitz in Kairo, von 2005 bis 2009 freier Journalist in Kairo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt B&uuml;cher, ja auch Sachb&uuml;cher und historische B&uuml;cher, die schl&auml;gt man auf &ndash; und nach wenigen Zeilen des Lesens m&ouml;chte man sie gar nicht mehr aus der Hand legen. Zu diesen Werken geh&ouml;rt sicherlich <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/hundert-jahre-heimatland\/\">Rolf Verlegers &bdquo;Hundert Jahre Heimatland? 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