{"id":40451,"date":"2017-10-09T09:00:47","date_gmt":"2017-10-09T07:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40451"},"modified":"2019-01-04T12:17:23","modified_gmt":"2019-01-04T11:17:23","slug":"die-zahlentrickser-oder-wie-der-statistikprofessor-gerd-bosbach-lobbyisten-und-andere-beim-produzieren-von-fake-news-erwischt-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40451","title":{"rendered":"\u201eDie Zahlentrickser\u201c \u2013 oder wie der Statistikprofessor Gerd Bosbach Lobbyisten und Andere beim Produzieren von \u201eFake-News\u201c erwischt hat"},"content":{"rendered":"<p>Wenn heutzutage in den Medien von &bdquo;Fake-News&ldquo; die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit russischen Hackern, US-Pr&auml;sident Donald Trump oder Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Selten h&ouml;rt man jedoch etwas vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der arbeitgebernahen Denkfabrik Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), der Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit (BA), dem Meinungsforschungsinstitut Forsa oder dem International Institute for Strategic Studies (IISS). All diese Adressen sind aber dem Koblenzer Statistikprofessor <strong>Gerd Bosbach<\/strong> in den vergangenen Jahren beim Produzieren von &bdquo;Fake-News&ldquo; aufgefallen und haben es deswegen in sein neues Buch <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Paperback\/Die-Zahlentrickser\/Gerd-Bosbach\/Heyne\/e508776.rhd\">&bdquo;Die Zahlentrickser &ndash; Das M&auml;rchen von den aussterbenden Deutschen und andere Statistikl&uuml;gen&ldquo;<\/a> geschafft. Ko-Autor ist der Historiker und <strong>Politologe Jens J&uuml;rgen Korff<\/strong>, der im Wesentlichen die Kapitel zum Klimawandel und zur Automobillobby beigesteuert hat. Das Anliegen der Beiden ist es, &bdquo;Zahlentrickser&ldquo; in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu entlarven und den Leser f&uuml;r deren Methoden, Tricks und Kniffe sowie die dahinterliegenden Interessen zu sensibilisieren. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40451#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1602\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40451-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40451-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171009_Rezension_Die_Zahlentrickser_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Die &bdquo;Pro-TTIP-L&uuml;ge&ldquo;<\/strong><\/p><p>Viele dieser Tricksereien d&uuml;rften uns allen schon einmal irgendwo begegnet sein. Ein prominentes Beispiel ist die &bdquo;Pro-TTIP-L&uuml;ge&ldquo; von BDI und INSM. Auf dem H&ouml;hepunkt der Debatte um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP erkl&auml;rten die beiden Arbeitgeberorganisationen, dass die Wirtschaft Europas durch TTIP pro Jahr um 119 Milliarden Euro wachsen wird. F&uuml;r jeden Vier-Personen-Haushalt ergebe sich dadurch ein zus&auml;tzliches Einkommen von 545 Euro j&auml;hrlich. Die Zahlen waren ma&szlig;los &uuml;bertrieben. Sie stammten aus dem Extremszenario einer Studie, die die EU-Kommission in Auftrag gegeben hatte. BDI und INSM hatten dies jedoch als gesicherte Prognose verkauft. (S.84f)<\/p><p>Eine weitere prominente Behauptung ist die, dass jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abh&auml;nge. Tats&auml;chlich gibt es in der Automobilbranche einschlie&szlig;lich Zulieferbetriebe und Werkst&auml;tten rund 775.000 Arbeitspl&auml;tze. Bei 42 Millionen Erwerbst&auml;tigen ist dies lediglich jeder 55. Arbeitsplatz. Wem also n&uuml;tzt es, die wirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie derart zu &uuml;bertreiben? (S.179ff)<\/p><p>Auf solche und &auml;hnliche Fragen wollen Bosbach und Korff dem Leser eine Antwort geben. Angefangen haben sie damit bereits 2011. Damals erschien ihr <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Taschenbuch\/Luegen-mit-Zahlen\/Gerd-Bosbach\/Heyne\/e405392.rhd\">Buch &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo;<\/a>, in dem sie die g&auml;ngigen Methoden der Manipulation offenlegten: Langzeitprognosen als k&uuml;nftige Wirklichkeit verkaufen, Gaga-Rankings erstellen, vorsortierte Stichproben, das Basisjahr geschickt ausw&auml;hlen, Grafiken kreativ gestalten, hohe absolute Zahlen produzieren &ndash; die Methoden der Manipulation sind mannigfaltig. In ihrem neuen Buch &bdquo;Die Zahlentrickser&ldquo; nehmen sich Bosbach und Korff nun jene Themengebiete vor, in denen besonders gern getrickst wird. Dazu z&auml;hlen der demografische Wandel, die Arbeitsmarktstatistik, der Fachkr&auml;ftemangel, die Messung von Armut und Reichtum oder aber die Bereiche R&uuml;stung, Klimawandel und Europ&auml;ische Union (EU).<\/p><p><strong>Der Beh&ouml;rdenchef und Bataillonskommandeur Weise<\/strong><\/p><p>Besonders gelungen sind etwa die Ausf&uuml;hrungen zum Arbeitsmarkt, neben der Demografie eines der Steckenpferde von Gerd Bosbach. Dass die offiziellen Arbeitslosenzahlen k&uuml;nstlich runtergerechnet werden, ist ja schon l&auml;ngst kein Geheimnis mehr. Weniger bekannt d&uuml;rfte vielen aber die Rolle des fr&uuml;heren BA-Chefs Frank-J&uuml;rgen Weise sein. Dieser ist laut Bosbach nicht nur f&uuml;r das Sch&ouml;nf&auml;rben der Arbeitslosenzahlen verantwortlich, sondern hatte auch beim Herbeireden des Fachkr&auml;ftemangels seine Finger im Spiel. Unter anderem prognostizierte er f&uuml;r die deutsche Wirtschaft eine Arbeitskr&auml;ftel&uuml;cke von sechs Millionen bis sieben Millionen Personen, was sich im Nachhinein als komplett haltlos herausstellte.<\/p><p>Bosbach f&auml;llt in diesem Zusammenhang ein hartes Urteil: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Das Ergebnis einer theoretischen Modellrechnung zu ver&ouml;ffentlichen, ist an sich keine L&uuml;ge. Zur L&uuml;ge wurde die Weise-Zahl als Weise und seine publizistischen Unterst&uuml;tzer diese Zahl ohne die zugrundeliegenden Annahmen als realistische Prognose f&uuml;r die deutsche Zukunft ver&ouml;ffentlichten und dazu benutzten, eine politische Droh- und Druckkulisse aufzubauen.&ldquo; (S.145)<\/p><\/blockquote><p>Interessant in diesem Zusammenhang ist auch Weises Biografie. Dieser war vor seiner Zeit bei der BA bei der Bundeswehr zum Bataillonskommandeur der Reserve aufgestiegen und obendrein Manager in mehreren Industrieunternehmen. Sp&auml;testens aber seit seiner Berufung an die Spitze des Bundesamtes f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge galt er als &bdquo;Merkels Allzweckwaffe&ldquo;. Hierzu schreibt Bosbach:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Und ich m&ouml;chte aus meinen Erfahrungen in Bundesbeh&ouml;rden und Ministerien erg&auml;nzen: Menschen, die die W&uuml;nsche der F&uuml;hrungsspitze und Regierenden erf&uuml;llen, ohne dass diese ausgesprochen werden m&uuml;ssen, werden sehr gerne in Leitungspositionen gebracht. Und dazu d&uuml;rften 12 Jahre Anpassung und Unterordnung in der Armee sehr hilfreich sein.&ldquo; (S.146f)<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Tricksereien bei Forsa und dem Statistischen Bundesamt<\/strong><\/p><p>Neben Weise sind auch noch Forsa-Chef Manfred G&uuml;llner und der fr&uuml;here Pr&auml;sident des Statistischen Bundesamtes, Robert Egeler, als Zahlentrickser und Faktenverdreher aufgefallen. G&uuml;llner hatte im Sommer 2015 durch eine &auml;u&szlig;erst einseitige Auswahl von Antwortoptionen Umfragen zum Thema Griechenland derart frisiert, dass dabei die Schlagzeile &bdquo;Merkels Griechenland-Politik gef&auml;llt vielen Gr&uuml;nen-Anh&auml;ngern&ldquo; herauskam. Damals war gerade die Griechenlandkrise auf ihrem H&ouml;hepunkt, in der Merkel aufgrund ihres strengen Austerit&auml;tskurses stark in der Kritik stand. (S.95ff) <\/p><p>Egeler hingegen erkl&auml;rte auf einer Pressekonferenz im April 2015, dass das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland bis 2060 um 30 Prozent schrumpfen wird. Ein demografisches Horrorszenario, das in den Medien auf entsprechenden Widerhall stie&szlig;. Bosbach hingegen rechnete noch einmal nach und kam auf einen R&uuml;ckgang von lediglich 0,28 Prozent pro Jahr. <em>&bdquo;Eine an sich harmlose Ver&auml;nderung haben Robert Egeler und andere unter Nutzung dreier Rechentricks zu einem Monster aufgeblasen und somit k&uuml;nstlich eine Dramatik erzeugt&ldquo;<\/em>, erkl&auml;rte Bosbach hierzu. (S.112)<\/p><p><strong>Gute Erg&auml;nzung zu den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Beispiele dieser Art finden sich in dem Buch etliche, und einige davon d&uuml;rften regelm&auml;&szlig;igen &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;-Lesern in irgendeiner Form bekannt vorkommen, da &uuml;ber viele dieser Themen auch schon auf dieser Website berichtet wurde. Insofern kann man Bosbachs Buch auch als eine gute Erg&auml;nzung zu den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; betrachten, da es Vieles, was hier schon gesagt wurde, noch einmal systematisch aufbereitet und somit dabei hilft, die Methoden der Desinformation und Manipulation besser zu erkennen.<\/p><p>Doch Vorsicht! Bei aller Aufkl&auml;rungsarbeit kann der Schuss auch mal nach hinten losgehen. Wie Bosbach auch berichtete, hatte ein Techniker-Newsletter das Vorg&auml;ngerbuch &bdquo;L&uuml;gen mit Zahlen&ldquo; seinen Abonnenten, zumeist F&uuml;hrungskr&auml;fte aus dem Technik-Bereich, zur Lekt&uuml;re empfohlen. Sie sollten Methoden kennenlernen, mit denen man Kennzahlen gut frisieren kann.<\/p><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/8eb4a384f87d48d7853df0a968002d32\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn heutzutage in den Medien von &bdquo;Fake-News&ldquo; die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit russischen Hackern, US-Pr&auml;sident Donald Trump oder Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. 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