{"id":40495,"date":"2017-10-09T13:46:18","date_gmt":"2017-10-09T11:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40495"},"modified":"2018-12-30T13:51:44","modified_gmt":"2018-12-30T12:51:44","slug":"15-monate-dutertismo-annaeherungen-an-ein-philippinisches-phaenomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40495","title":{"rendered":"15 Monate Dutertismo &#8211; Ann\u00e4herungen an ein philippinisches Ph\u00e4nomen"},"content":{"rendered":"<p>Dr. <strong>Rainer Werning<\/strong>, Sozialwissenschaftler und Publizist mit den Schwerpunkten S&uuml;dost- und Ostasien hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Informationstext zur Entwicklung in den Philippinen geschrieben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>15 Monate Dutertismo <\/strong><br>\n<strong>Ann&auml;herungen an ein philippinisches Ph&auml;nomen<\/strong><\/p><p><strong>Von Rainer Werning<\/strong><\/p><p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p><p>Der seit Ende Juni 2016 amtierende 16. Pr&auml;sident der Philippinen, Rodrigo R. Duterte, polarisiert die Gesellschaft des Inselstaates wie kein Politiker vor ihm. F&uuml;r seine Anh&auml;nger ist &bdquo;Rody&ldquo; oder &bdquo;Digong&ldquo;, wie er von ihnen liebevoll genannt wird, ein &bdquo;langersehnter Messias&ldquo;. Seine Gegner und Kritiker sehen in ihm indes einen mit hoher krimineller Energie aufgeladenen &bdquo;Macho-Haudegen&ldquo; oder einen &bdquo;Soziopathen&ldquo;.<\/p><p>Den Politikstil des Pr&auml;sidenten bezeichne ich als <em>Dutertismo<\/em>, der sich wie folgt charakterisieren l&auml;sst: Es ist dies ein Politikstil, der sich durch bizarres M&auml;andrieren zwischen populistischem, mitunter finster reaktion&auml;rem Poltern und links drapiertem Habitus auszeichnet. Inszeniert wird diese Pendelpolitik gem&auml;&szlig; knallhartem Machtkalk&uuml;l oder sie geschieht in impulsivem Stakkato.<\/p><p><strong>Entstehung und Auspr&auml;gung des Dutertismo<\/strong><\/p><p>Gedeihen konnte der Dutertismo im Klima von Zerst&ouml;rung und Gewalt in S&uuml;dostasiens &auml;ltester Konfliktregion &ndash; Mindanao und der Sulu-See &ndash; sowie im Ausgang einer vor drei Jahrzehnten zelebrierten &bdquo;Revolution&ldquo;, die sich letztlich als Machtrochade entpuppte. <\/p><p>Ende Februar 1986 fand die Herrschaft von Ferdinand E. Marcos (1965-86) und seiner Klientel im Zuge der national wie international &uuml;berschw&auml;nglich gefeierten &bdquo;People Power&ldquo; zwar ein Ende. Doch in den Pr&auml;sidentenpalast Malaca&ntilde;ang zog als dessen Nachfolgerin mit Corazon C. Aquino ein Spross der landesweit m&auml;chtigsten Clans und Feudaldynastien ein. In den Sattel gehoben von den vormaligen Korsettstangen des Marcos-Regimes: Fidel V. Ramos, langj&auml;hrig Chef der gef&uuml;rchteten Philippine Constabulary-Integrated National Police, der Vorl&auml;uferin der heutigen Philippinischen Nationalpolizei (PNP), und Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile.<\/p><p>Lange bevor das Wort &bdquo;Wendehals&ldquo; die Runde machte, hatten die um Ramos und Enrile gruppierten Segmente staatlicher &bdquo;Sicherheits&ldquo;kr&auml;fte das Privileg genossen, als einst gef&uuml;rchtete <em>buwaya<\/em> (Krokodile) mit h&ouml;chsten Weihen der m&auml;chtigen Katholischen Bischofskonferenz (CBCP) &bdquo;freigesprochen&ldquo; worden zu sein und sich in einem telegenen politischen Showdown &uuml;ber Nacht zu Helden zu mausern. Marcos&rsquo; Sturz bedeutete die Reinstallierung einer &bdquo;Elitendemokratie&ldquo;, deren St&uuml;tzpfeiler bis heute intakt sind: S&auml;mtliche Regierungen bis 2016 bedienten vorrangig ihre G&uuml;nstlinge und bereicherten sich durch Bestechung und Korruption auf Kosten einer Bev&ouml;lkerung, die nach wie vor mehrheitlich in Armut verharrt. Nirgends innerhalb der aus zehn Staaten bestehenden Vereinigung s&uuml;dostasiatischer Nationen (ASEAN) ist die Kluft zwischen Arm und Reich derma&szlig;en gro&szlig; wie in den Philippinen.<\/p><p>Der H&ouml;henflug des aus beh&uuml;tetem b&uuml;rgerlichen und Marcos-freundlichem Elternhaus stammenden Politologie- und Jurastudenten &bdquo;Digong&ldquo; begann ausgerechnet zu Beginn der Amtszeit Frau Aquinos. Sie berief ihn 1987 als <em>Officer-in-Charge<\/em> (OIC), als vor&uuml;bergehend eingesetzten Politiker, zum Vizeb&uuml;rgermeister der Hafenstadt Davao City. Davao ist mit gut 1,5 Millionen Einwohnern die politisch, wirtschaftlich und kulturell bedeutsamste Stadt auf der gr&ouml;&szlig;ten s&uuml;dlichen Insel Mindanao. Dort stellte sich 1988 Duterte das erste Mal zur Wahl und gewann auf Anhieb den B&uuml;rgermeisterposten. Bis zum Sommer 2016 sa&szlig;en dann er selbst oder seine beiden Kinder Sara und Paolo an den Schalthebeln der Macht. Seit Juli 2016 hat Tochter Sara dort wieder den Posten ihres Vaters &uuml;bernommen. Sein Erfolgsrezept? Ganz einfach, antwortete Duterte jedem, der es h&ouml;ren wollte: &bdquo;In Wahlzeiten sage ich den Leuten immer wieder klipp und klar: Wenn ihr einen B&uuml;rgermeister wollt, der keine Kriminellen t&ouml;tet, dann sucht euch gef&auml;lligst einen anderen.&ldquo;<\/p><p><strong>Davao als Treibhaus von Gewalt<\/strong><\/p><p>Davao &ndash; das war Mitte der 1980er ein Ort, wo stramm antikommunistische Vigilantegruppen Hatz auf (vermeintliche) Mitglieder und Sympathisanten der Neuen Volksarmee (NPA), der Guerillaorganisation der Kommunistischen Partei (CPP), machten. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Letztere wiederum waren zeitweilig in Davaos Stadtbezirk Agdao derma&szlig;en stark verankert und mit eigenen Liquidationskommandos, sogenannten &bdquo;<em>sparrow units<\/em>&ldquo; (&bdquo;Spatzeneinheiten&ldquo;), pr&auml;sent, dass man den Bezirk zeitweilig in &bdquo;Nikaragdao&ldquo; umbenannte. Gleichzeitig hatte eine CPP-intern sogenannte &bdquo;<em>Knoblauch-Kampagne<\/em>&ldquo; zur &bdquo;S&auml;uberung&ldquo; der eigenen R&auml;nge gef&uuml;hrt, in deren Verlauf Hunderte von Genossen als mutma&szlig;liche Informanten der Armee oder als vermeintlich &bdquo;tief eingeschleuste Agenten&ldquo; gefoltert und hingerichtet wurden &ndash; das d&uuml;sterste Kapitel in der Geschichte der 1968\/69 gegr&uuml;ndeten CPP und NPA!<\/p><p>Wer sich in einem solchen Klima aufgeheizten Militarismus&rsquo; als Politiker dauerhaft etablieren wollte, musste entweder &uuml;ber ein klassen&uuml;bergreifendes Charisma verf&uuml;gen oder mit knallharten Bandagen auftreten. F&uuml;r Letzteres war &bdquo;Digong&ldquo; nachgerade geschaffen; das Gros der Davaoe&ntilde;os liebte &bdquo;ihren Saubermann&ldquo; par excellence, wie denn im Gegenzug &bdquo;Digong&ldquo; nicht m&uuml;de wurde, von Davao als &bdquo;meiner Stadt&ldquo; zu schw&auml;rmen. Je l&auml;nger Duterte im Sattel sa&szlig;, desto gr&ouml;&szlig;er wurde sein Ego, was ihn dazu verleitete, auch und gerade in eliminatorischen Dimensionen zu denken und zu handeln. Vor allem Gesch&auml;ftsleute sch&auml;tzten des B&uuml;rgermeisters Sinn f&uuml;r &bdquo;Stadtversch&ouml;nerung&ldquo; und &bdquo;Sicherheit&ldquo;. Bettler, Stra&szlig;enkinder und Kleinkriminelle waren den Stadtoberen und dem Business ein Dorn im Auge. F&uuml;r sie waren sie &bdquo;Gesindel&ldquo;, das es zu &bdquo;beseitigen&ldquo; galt. <em>Human Rights Watch<\/em> brachte bereits vor acht Jahren einige Machenschaften Dutertes ans Tageslicht und gelangte zu dem Schluss, dass er zumindest das Wirken der &bdquo;Davao Death Squad&ldquo; (DDS) gutgehei&szlig;en hat, wenn nicht sogar direkt in deren Unwesen involviert war. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Neben Human Rights Watch und Amnesty International haben auch die nationale Menschenrechtsorganisation Karapatan sowie die staatliche Menschenrechtskommission (HRC) die Regierungen in Manila aufgefordert, das Treiben der DDS zu untersuchen. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Es geschah aber nichts bzw. lediglich eine neuerliche Kostprobe elastischer Strafrechtsjustiz. Im Jahre 2012 legte die HRC aufgrund eigener Untersuchungen dem B&uuml;ro des Ombudsman nahe, wegen Mordes gegen Duterte zu ermitteln. Der Ombudsman leitete sodann lediglich Verfahren gegen 21 Polizisten wegen &bdquo;Pflichtvernachl&auml;ssigung&ldquo; ein. Deren Verurteilungen zu Geldstrafen wurden von einem Berufungsgericht kassiert. Die Beweislage sei zu d&uuml;rftig gewesen, befand es &ndash; &bdquo;Kultur der Straflosigkeit&ldquo; als vornehmlich den Herrschenden dienliche Konstante der Politik.<\/p><p><strong>Unerbittlicher &bdquo;Antidrogenkrieg&ldquo;<\/strong><\/p><p>Kein Wunder, dass Duterte seinen Wahlkampf im Fr&uuml;hjahr 2016 mit seiner in Davao erprobten Agenda f&uuml;hrte. Gnadenlos werde er den &bdquo;Kampf gegen Drogen, Kriminalit&auml;t und Korruption&ldquo; f&uuml;hren &ndash; koste es, was es wolle. Und &bdquo;Digong&ldquo; w&auml;re nicht &bdquo;Digong&ldquo;, h&auml;tte er nicht vollmundig hinzugesetzt, diesen Kampf in drei bis sp&auml;testens sechs Monaten zu gewinnen. Andernfalls verdiene er es selbst, umgebracht zu werden. O-Ton Duterte am Sonntag, dem 16. Januar 2016: &bdquo;Wenn ich [in dem Kampf] erfolgreich bin, w&uuml;rde das wohl mein gr&ouml;&szlig;ter Beitrag f&uuml;r mein Land sein. Mi&szlig;gl&uuml;ckt mir das, t&ouml;tet mich.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Gleichzeitig verstand Duterte seinen Feldzug als Revolte gegen die dem Volk entr&uuml;ckte, verhasste Politikerkaste in der Metropole Manila und als l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Aufwertung der Peripherie. Aus dem von Armut, R&uuml;ckst&auml;ndigkeit und vielf&auml;ltigen Konflikten gezeichneten, doch an nat&uuml;rlichen Ressourcen &uuml;beraus reichen S&uuml;den hatte noch nie ein Politiker den Sprung in Manilas Pr&auml;sidentenpalast Malaca&ntilde;ang geschafft.<\/p><p>Ein weiteres bedeutsames Merkmal des Dutertismo ist die ihm eigene Farbenlehre. Dutertes vier Grundfarben sind Schwarz, Braun, Rot und Wei&szlig;. Sackt er zu Beginn einer Woche in uns&auml;glichen Vergleichen mit Hitler und Ugandas Idi Amin in tiefes Braun und Schwarz ab, schickt er sich an, die Restwoche in rotem Gewande mit Hammer und Sichel zu wedeln. Was immer er tut: Der Pr&auml;sident w&auml;hnt sich stets als der Nation und dem Volk dienender Saubermann mit lupenreiner wei&szlig;er Weste. Wer auch immer seinen &bdquo;Krieg gegen Drogen&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] mit bislang mindestens 10.000 Opfern &ndash; meist arme Schlucker aus Elendsquartieren &ndash; anprangert, gilt als ausgekochter Feind oder &bdquo;Hurensohn&ldquo;, der sich unbefugt in die inneren Belange des Landes einmischt. In diesem Sinne versteht sich die von Duterte mal avisierte <em>Achse Manila-Beijing-Moskau<\/em> als Gegengewicht zur einstigen Kolonialmacht USA (1898-1946).<\/p><p>Er sei, so betont der Pr&auml;sident bei jeder sich bietenden Gelegenheit, Staatschef eines souver&auml;nen Landes und kein Knecht oder Befehlsempf&auml;nger einer ausl&auml;ndischen Macht. In diesem Zusammenhang wurde Duterte nicht m&uuml;de, sich antiimperialistisch zu geb&auml;rden und auf die Verbrechen der USA als ehemalige Kolonialmacht sowie deren &bdquo;schmutzigen Drogenkrieg&ldquo; als Bestandteil des &bdquo;Krieges niedriger Intensit&auml;t&ldquo; (&bdquo;<em>low-intensity warfare<\/em>&rdquo;) seit Beginn der 1970er Jahre zu verweisen.<\/p><p>Vor Weihnachten 1989 lie&szlig; Washington sogar unter dem Deckmantel der Drogenbek&auml;mpfung 27.000 GIs in Panama einmarschieren, um in der &bdquo;Operation Gerechte Sache&ldquo; dessen k&uuml;rzlich verstorbenen Staatschef Manuel Noriega festzunehmen. Trotz langj&auml;hrig &uuml;ppig verg&uuml;teter Zusammenarbeit mit der CIA hatte man Noriega verd&auml;chtigt, sein Land zur Drehscheibe des internationalen Drogenhandels und Geldw&auml;sche gemacht zu haben. Ganz zu schweigen von den zivilen Opfern in Rahmen v&ouml;lkerrechtswidriger Invasionen in Afghanistan und Irak und des damit verst&auml;rkten Einsatzes von Drohnen. &bdquo;Duterte t&ouml;tet im Rahmen der Drogenbek&auml;mpfung&ldquo;, schrieb die in Hongkong erscheinende Tageszeitung <em>South China Morning Post<\/em>, &bdquo;doch der Tribut, der in den Philippinen gezollt wird, wird von all jenen Leichen in den Schatten gestellt, welche die USA aufgestapelt haben.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p><strong>Rhetorik und inszenierte Volksn&auml;he<\/strong><\/p><p>Duterte wird nicht m&uuml;de, gro&szlig;e Infrastrukturvorhaben als Segnungen anzupreisen, die er f&uuml;r die Armen und Marginalisierten bereit halte. Es werde keine Vertreibungen aus Slums mehr geben, Land werde f&uuml;r arme Bauern und Tagel&ouml;hner bereitgestellt, umweltverschmutzender Tagebau geh&ouml;re ebenso der Vergangenheit an wie die Praxis befristeter Anstellungsvertr&auml;ge (<em>contractualization<\/em>). Das unabh&auml;ngige Forschungsinstitut <em>IBON<\/em> gelangte anl&auml;sslich des vorgelegten <em>Philippine Development Plan 2017-2022<\/em> indes zu dem n&uuml;chternen Fazit: &bdquo;Die ersten sechs Monate von Dutertes Amtszeit offenbaren die klare Tendenz, dass seine sich populistisch geb&auml;rdende Administration die neoliberale Agenda ihrer Vorg&auml;nger fortsetzt &ndash; dies aber hinter einer Nebelwand des Kriegs gegen Drogen, nationaler Rhetorik und linker Fassade.&rdquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Wenngleich Duterte gern kumpelhaft auftritt und den armen Schlucker mimt, erhielt er im vergangenen Jahr nicht weniger als 375 Mio. Peso an Wahlkampfspenden (umgerechnet etwa 7,5 Mio. Euro). Davon stammten 334 Mio. Peso von nur gut einem Dutzend Gesch&auml;ftsleuten oder Multimillion&auml;ren. Im Gegenzug wurde mindestens ein halbes Dutzend M&auml;zene mit Kabinettsposten bedacht &ndash; darunter Mark Villar als Minister f&uuml;r Stra&szlig;enbau, dessen Vater Manuel B. Villar Jr. einst Senatspr&auml;sident und 2010 Pr&auml;sidentschaftskandidat war &ndash; oder ihnen lukrative Regierungsauftr&auml;ge zugeschanzt. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Wenn immer ihm Dinge zu entgleiten drohen, beschw&ouml;rt Duterte die Notwendigkeit herauf, qua Kriegsrecht Land und Leute vor Unbill zu bewahren: &bdquo;Mich k&uuml;mmert nicht der Oberste Gerichtshof. (&hellip;) Wenn ich will, erkl&auml;re ich das Kriegsrecht. Keiner kann mich stoppen und davon abhalten.&ldquo; Wenige Wochen zuvor hatte der Pr&auml;sident noch erkl&auml;rt, er w&uuml;rde schon deshalb kein Kriegsrecht in Erw&auml;gung ziehen, weil es dem Land nichts Gutes beschert habe. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p><strong>Kokettieren mit der radikalen Linken oder<br>\nDer kurze Traum vom langw&auml;hrenden Frieden<\/strong><\/p><p>Dutertismo &ndash; der spiegelt sich auch wider in des Pr&auml;sidenten Kabinettsriege. Diese ist ein Sammelsurium aus hartgesottenen Neoliberalen, m&auml;chtigen Businessleuten, fortschrittlichen Politikern und Linken, die f&uuml;r die Ressorts Arbeit, Soziales, Agrarreform und Umwelt zust&auml;ndig waren bzw. es noch sind. (Die Ministerin f&uuml;r Umwelt, Gina Lopez, sowie die Ministerin f&uuml;r Soziales, Judy Taguiwalo, und Rafael Mariano, Minister f&uuml;r Agrarreform, wurden bis zum 6. September von der zust&auml;ndigen Benennungskommission (COA) abgelehnt und ihres Postens enthoben.) Urspr&uuml;nglich hatte Duterte dieses Angebot dem linken Untergrundb&uuml;ndnis der Nationalen Demokratischen Front (NDFP) beziehungsweise ihrer bedeutendsten Mitgliedsorganisation, der CPP, unterbreitet. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Mit der NDFP begann im August 2016 eine furiose Wiederaufnahme von Friedensgespr&auml;chen, die allerdings Ende Mai j&auml;h im holl&auml;ndischen Seebad Nordwijk aan Zee endeten. Mal nannte Duterte Jos&eacute; Maria Sison, den im holl&auml;ndischen Utrecht im Exil lebenden CPP-Gr&uuml;ndungsvorsitzenden und politischen Chefberater der NDFP, seinen Freund und Mentor. Um dann im Gleichklang mit hartgesottenen US-freundlichen Milit&auml;rs und Politikern wie Verteidigungsminister Delfin Lorenzana die NDFP des &bdquo;Terrorismus&ldquo; zu zeihen. Im August eskalierte die pers&ouml;nliche Sison-Duterte-Fehde in einer Weise, dass selbst nationale Medien nicht darum herum kamen, dar&uuml;ber zu berichten. In einem Interview mit dem Autor Mitte August bezeichnete Sison Duterte als beides &ndash; &bdquo;einen Sozio- und Psychopaten&ldquo;, der &uuml;berdies von dem Opioid &bdquo;Fentanyl abh&auml;ngig ist&ldquo;.<\/p><p><strong>Nun also doch Kriegsrecht<\/strong><\/p><p>Ausgerechnet auf seiner ersten Russlandreise drang b&ouml;se Kunde an die Ohren des Pr&auml;sidenten. In Marawi City, im Zentrum Mindanaos gelegen, liefern sich Regierungstruppen (AFP) seit dem 23. Mai Gefechte mit K&auml;mpfern der dschihadistischen Abu Sayyaf- und Maute-Gruppen. Offensichtlich misslang den AFP eine Operation zur Ergreifung des international als &bdquo;Topterrorist&ldquo; eingestuften Abu Sayyaf-F&uuml;hrers Isnilon Hapilon. Dessen Operationsgebiet war bis dahin die weiter s&uuml;dlich gelegene Insel Basilan, wo er mit seiner Gefolgschaft den Treueeid auf den Islamischen Staat geleistet hatte und von diesem als Emir anerkannt worden war. Hapilon war es gelungen, sich unerkannt nach Marawi durchzuschlagen, um sich dort mit der lokalen Maute-Gruppe zu verb&uuml;nden.<\/p><p>Noch am selben Abend des 23. Mai unterzeichnete Pr&auml;sident Duterte in Moskau die <em>Proklamation 216<\/em>, mit der er das Kriegsrecht &uuml;ber den gesamten S&uuml;den der Inselrepublik verh&auml;ngte und das zwischenzeitlich bis zum 31. Dezember verl&auml;ngert wurde. Der Pr&auml;sident brach seine Russlandreise kurzerhand ab und versicherte seinen Landsleuten bei seiner R&uuml;ckkehr in Manila, die &bdquo;Krise in Marawi&ldquo; schnellstm&ouml;glich zu l&ouml;sen. Doch noch immer dauern die K&auml;mpfe in der weitgehend zerst&ouml;rten Stadt an &ndash; laut offiziellen Angaben mit weit &uuml;ber 700 Toten, darunter 528 &bdquo;militante K&auml;mpfer&rdquo; und 122 Regierungssoldaten und Polizisten.<\/p><p>W&auml;hrend sich Duterte anfangs &bdquo;&uuml;berrascht&ldquo; zeigte, dass &uuml;berhaupt US-Soldaten vor Ort operierten, wurde zunehmend klarer, dass deren Einsatz sich nicht nur auf logistische und nachrichtendienstliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die AFP beschr&auml;nkt, sondern sie auch in direkte Kampfeins&auml;tze einbezogen sind. Zeitgleich mit dem Manila-Besuch von US-Au&szlig;enminister Rex Tillerson am 7. August, der anl&auml;sslich des 50. Gipfeltreffens der ASEAN in der philippinischen Hauptstadt weilte und dort am selben Tag mit Pr&auml;sident Duterte konferierte, tauchten in Washington und Manila Medienberichte auf, denen zufolge die US-Luftwaffe Eins&auml;tze in Marawi erw&auml;gt. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Es ist kein Zufall, dass fast auf den Tag genau mit den &bdquo;Ereignissen&ldquo; in Marawi Duterte die Friedensverhandlungen mit der NDFP f&uuml;r gescheitert und sie zum n&auml;chsten Feind erkl&auml;rte.<\/p><p>So haben in Manila denn heute jene (Ex-)Milit&auml;rs das Sagen, die stets einen stramm pro-amerikanischen Kurs favorisierten und einen Dialog mit den Linken ablehnten. Eine Entwicklung, die auch den Man&ouml;vrierspielraum der vitalen zivilgesellschaftlichen Kr&auml;fte und progressiven Gruppierungen einschr&auml;nkt und die Gefahr eines neuerlichen B&uuml;rgerkrieges wie Mitte der 1970er Jahre heraufbeschw&ouml;rt. Dann allerdings unter dem Deckmantel des gegen&uuml;ber dem &bdquo;Antidrogenkrieg&ldquo; international besser pr&auml;sentierbaren &bdquo;Feldzugs gegen den Terror(ismus)&ldquo;.<\/p><p><em><strong>&Uuml;ber den Autor<\/strong><\/em><br>\nDr. <strong>Rainer Werning<\/strong>, Sozialwissenschaftler und Publizist mit den Schwerpunkten S&uuml;dost- und Ostasien, befasst sich seit 1970 intensiv mit den Philippinen und ist u.a. Koherausgeber des 2018 in 6., erw. und akt. Ausgabe erscheinenden <em>Handbuch Philippinen<\/em> (regiospectra Verlag, Berlin).<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] CIA\/Directorate of Intelligence: <em>Philippine Counterinsurgency &ndash; Prospects for Improvement Under the Aquino Government: An Intelligence Assessment<\/em>, Washington, D.C., September 1986, S. 31 &amp; Duterte urged: Tell the truth about murdered journalist Jun Pala, in: <em>The Philippine Star<\/em>, 16.9.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Human Rights Watch (HRW): <em><a href=\"http:\/\/www.hrw.org\/sites\/default\/files\/reports\/philippines0409webwcover_0.pdf\">The Philippines: &rsquo;You Can Die Any Time&rsquo; &ndash; Death Squad Killings in Mindanao<\/a><\/em>, New York 2009 &ndash; siehe ferner: Holmes, Oliver et al.: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2016\/dec\/14\/philippines-president-rodrigo-duterte-personally-killed-criminals\">Philippines President Rodrigo Duterte says he personally killed criminals<\/a>, in: <em>The Guardian<\/em>, 12.12.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Kine, Phelim: <em><a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2015\/07\/17\/rodrigo-duterte-rise-philippines-death-squad-mayor\">Rodrigo Duterte &ndash; The Rise of Philippines&rsquo; Death Squad Mayor<\/a><\/em>, Washington, D.C., 17.7.2015 &ndash; Der Autor ist stellvertretender Direktor der Asienabteilung von Human Rights Watch.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Hegina, Aries Joseph: Duterte: Kill me if I fail to bust crime, corruption in 6 months, in: <em>Philippine Daily Inquirer<\/em>, 17.1.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Agence France-Presse: &lsquo;Go ahead and kill drug addicts&rsquo;: Philippine President Rodrigo Duterte issues fresh call for vigilante violence&rdquo;, in: <em>South China Morning Post (Hong Kong)<\/em> vom 2.7.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Chowdhury, Debasish Roy: There&rsquo;s too much drug blood on America&rsquo;s hands to lecture Duterte, in: <em>South China Morning Post (Hong Kong)<\/em>, 24.9.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Olea, Ronalyn V.: &#65279;&lsquo;Duterte&rsquo;s economic policies pro-oligarch, anti-poor&rsquo; &ndash; think-tank, in: <em>Bulatlat<\/em> (Online-Magazin), Quezon City, 4.1.2017.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Ilagan, Karol &amp; Mangahas, Malou: <em><a href=\"http:\/\/www.gmanetwork.com\/news\/archives\/authors\/maloumangahas\">PCIJ (Philippine Center for Investigative Journalism) Special Report &ndash; P334M from only 13 donors funded Duterte&rsquo;s presidency<\/a><\/em>, 5.12.2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Cabacungan, Gil; Aning, Jerome; Salaverria, Leila B.: On threat to impose martial law, Duterte just frustrated &ndash; Aguirre, in: <em>Philippine Daily Inquirer<\/em>, 17.1.2017 &ndash; siehe ferner: Placido, Dharel: <a href=\"http:\/\/news.abs-cbn.com\/news\/12\/01\/16\/watch-duterte-says-martial-law-didnt-improve-filipinos-lives\">Duterte says martial law didn&rsquo;t improve Filipinos&rsquo; lives<\/a>, in: <em>ABS-CBN<\/em>, Quezon City, 1.12. 2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Pagaduan-Araullo, Carol: <em>Unmasking Duterte<\/em>, in: BusinessWorld (Manila) vom 31.7.2017 &amp; Werning, Rainer: <em>Ein Pr&auml;sident sieht rot<\/em>, in: Neues Deutschland (Berlin) vom 2.8.2017.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Werning, Rainer: <em>Militante &bdquo;Hilfestellung&ldquo;<\/em>, in: Junge Welt (Berlin) vom 10.8.2017.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. <strong>Rainer Werning<\/strong>, Sozialwissenschaftler und Publizist mit den Schwerpunkten S&uuml;dost- und Ostasien hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Informationstext zur Entwicklung in den Philippinen geschrieben. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,126,20,127],"tags":[2169,1092,2183,1202,1760,1971,1191,1556],"class_list":["post-40495","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-ausnahmezustand","tag-drogen","tag-duterte-rodrigo","tag-isis","tag-kriminalitaet","tag-philippinen","tag-populismus","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40495"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48052,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40495\/revisions\/48052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}