{"id":40543,"date":"2017-10-12T08:48:15","date_gmt":"2017-10-12T06:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40543"},"modified":"2018-12-30T17:44:00","modified_gmt":"2018-12-30T16:44:00","slug":"die-haende-des-che-guevara-eine-groteske-fussnote-zum-50-jahrestag-seines-todes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40543","title":{"rendered":"Die H\u00e4nde des Che Guevara \u2013 eine groteske Fu\u00dfnote zum 50. Jahrestag seines Todes"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&Uuml;ber Ernesto Guevara de la Serna, genannt der <em>Che<\/em>, zu schreiben, ist ein Wagnis oder vergeudete M&uuml;he. Ist etwa seit seinem Tod nicht alles &uuml;ber ihn gesagt worden? Nein doch, <em>Che!<\/em>, w&uuml;rde ein beredter Argentinier an dieser Stelle mit den magischen drei Buchstaben ins Wort fallen. <em>Che<\/em> ist ein Zwischenruf, &uuml;ber dessen Etymologie sich allerdings die Geister streiten. Er k&ouml;nnte italienischen, iberischen, doch auch indianischen &ndash; Guarany oder Mapuche &ndash; Ursprungs sein. Jedenfalls wird er von Argentiniern als Interjektion genutzt, die den Gespr&auml;chspartner zur Aufmerksamkeit oder Richtigstellung auffordert, wie etwa &bdquo;Hey!&rdquo;. Da er diesen permanenten Einwurf lustig fand oder dessen &uuml;berdr&uuml;ssig war, legte der Kubaner &Ntilde;ico L&oacute;pez dem 1954 in Guatemala weilenden Ernesto Guevara den Spitznamen <em>Che<\/em> zu. Von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nImmerhin wurden in den vergangenen 50 Jahren Leben und Tod des Kuba-Argentiniers in mindestens 20 Biografien, Dutzenden Dokumentarfilmen und Reportagen, 7 Spielfilmen, 30 Liedern, 8 Gedichtb&auml;nden, mindestens 7 internationalen thematischen Museen und rund 20.000.000 Internet-Links interpretiert, rekonstruiert und beharrlich debattiert.<\/p><p>Dennoch: Am 10. Oktober 1967, vom CIA f&uuml;r den weltweiten Mainstream als zerzauster, ausgemergelter, besiegter &bdquo;Terrorist&rdquo; und Troph&auml;e ausgestellt, ist Guevara auch 50 Jahre sp&auml;ter nicht totzukriegen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Bolivien ehrt Guevara, doch die H&auml;scher rebellieren<\/strong><\/p><p>Dem 50. Todestag des mythenhaftesten Revolution&auml;rs aller Zeiten wurde weltweit gedacht, Hauptb&uuml;hne der Gedenkfeiern war jedoch sein Hinrichtungsort La Higuera, woran sich landesweit in Bolivien f&uuml;nft&auml;gige Feierlichkeiten bis zum 14. Oktober anschlossen.<\/p><p>In dem gottverlassenen Kaff in der bolivianischen Ein&ouml;de gibt es erst ab 4 Uhr nachmittags Wasserversorgung und abends keinen elektrischen Strom, geschweige denn Wi-Fi-Zeichen oder Netzversorgung f&uuml;r Handys. Gleichwohl folgten mindestens 10.000 Menschen dem Aufruf von Pr&auml;sident Evo Morales zu einem Pilgermarsch auf dem &bdquo;Che-Guevara-Pfad&rdquo; (siehe Foto) in La Higuera und Umgebung. In einem Polohemd mit dem Aufdruck des elegischen Che-Fotos Alberto Kordas erkl&auml;rte Morales: &bdquo;W&auml;hrend wir der letzten Stunden des Che gedachten, bekr&auml;ftigen wir unser Engagement f&uuml;r seine Ideale. Sein Opfer ist das Licht, das den revolution&auml;ren Weg beleuchtet&ldquo;. <\/p><p>Allerdings h&auml;tten der CIA und die damaligen bolivianischen Streitkr&auml;fte niemals zu tr&auml;umen gewagt, dass zum ersten Mal nach jenem verfluchten Hinrichtungstag des 9. Oktober 1967 auch die bolivianischen Streitkr&auml;fte ihrem Opfer die Ehre erweisen sollten, obendrein an der Seite des Vizepr&auml;sidenten Kubas und ehemaligen Guevara-Gef&auml;hrten im Befreiungskrieg von Sierra Maestra, Ramiro Vald&eacute;s.<\/p><p>Die Regierung Morales hatte auch ehemalige Guerillak&auml;mpfer und Guevara-Gef&auml;hrten &ndash; darunter die Kubaner Harry Villegas und Leonardo Tamayo &ndash;  und ihre damaligen Feinde der bolivianischen Armee samt Angeh&ouml;rigen zum gemeinsamen Auftritt und einer historischen Auss&ouml;hnung aufgerufen, doch es hagelte Widerspruch aus den Reihen der Veteranen, die vor 50 Jahren die Jagd auf Guevara kommandierten. Ihr Sprecher Mario Moreira erkl&auml;rte: &bdquo;Wir werden nicht an den Gedenkfeierlichkeiten teilnehmen, weil dies eine politische Angelegenheit geworden ist. Warum sollten wir den Guerillak&auml;mpfern Ehre erweisen? Die Regierung sollte sich lieber bei uns Soldaten bedanken, schlie&szlig;lich haben wir die Nation verteidigt und hatten 59 Todesopfer zu beklagen.&rdquo;<\/p><p>Was Moreira verschwieg, ist, dass die Guevara-J&auml;ger seit einem halben Jahrhundert durch die Bank von s&auml;mtlichen Regierungen allj&auml;hrlich als &bdquo;Befreier der Nation&ldquo; gefeiert wurden. Weil nun aber zum ersten Mal in 50 Jahren die Regierung Morales auch die Guerilleros ehrt, beschlossen die Ex-Milit&auml;rs eigene Veranstaltungen in drei St&auml;dten durchzuziehen. Wobei nicht zu &uuml;berh&ouml;ren ist, dass sich der Widerstand noch einmal in der konservativen Hochburg des reichen, von einer wei&szlig;en Minderheit beherrschten bolivianischen <em>Oriente<\/em> (Osten), mit seiner Hauptstadt Santa Cruz, zu Worte meldet, der sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr als nur einmal von Bolivien abzuspalten drohte.<\/p><p>Der eigentliche Hintergrund der von Moreira angedeuteten &bdquo;politischen Angelegenheit&ldquo; ist ein anderer: In den Augen der linken Regierung Morales haben sich die einfachen Soldaten, die gegen Guevara im Einsatz waren, keiner Verbrechen schuldig gemacht, &bdquo;weil sie Befehle ausf&uuml;hrten&ldquo;. Anders steht es um die Offiziere, die als &bdquo;M&ouml;rder&rdquo; bezeichnet werden, weil sie die Anweisungen der US-Regierung ausf&uuml;hrten.<\/p><p>&Auml;hnlich wie Moreira &auml;u&szlig;erte sich mehrfach Gary Prado Salm&oacute;n, Hauptmann der Rangers-Abteilung, die am 9. Oktober 1967 Guevara und einige seiner Leute bei La Higuera gefangen nahm, und der sich seit 1990 als General a.D. in Santa Cruz nicht nur als Buchautor, sondern auch als politischer Schreibtischt&auml;ter der extremen Rechten bet&auml;tigt. Die bolivianische Justiz beschuldigt Prado Salm&oacute;n, 2009 zusammen mit dem bolivianisch-ungarisch-kroatischen Journalisten und S&ouml;ldner Eduardo R&oacute;zsa einen Mordanschlag auf Evo Morales geplant zu haben. <\/p><p>In den Augen des Generals war Guevara kein Befreiungsk&auml;mpfer. Nach wie vor belehrt der Milit&auml;r ausl&auml;ndische Journalisten dar&uuml;ber, Guevara sei nicht F&uuml;hrer einer sozialistischen Revolution, sondern schlichtweg Kommandeur einer &bdquo;ausl&auml;ndischen Besatzungsarmee &rdquo; in Bolivien gewesen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Das uns&auml;gliche Bolivien-Unternehmen des Che <\/strong><\/p><p>Als Autor von &bdquo;The Defeat of Che Guevara Military Response to Guerrilla Challenge in Bolivia&ldquo; (Praeger Ed., 1990), gemeinsam mit den US-Amerikanern John Deredita und Lawrence H. Hall, untersuchte Prado Salm&oacute;n 20 Jahre nach der Zerschlagung von Guevaras Nationaler Befreiungsarmee (ELN) Strategien und Fehler sowohl der Guerilla als auch der bolivianischen Armee und versuchte die Verwirrungen um den Tod des Che mit schein-ehrenhaftem Einsatz zu umranken.<\/p><p>Dennoch wirft Prado Salm&oacute;n Guevaras Bolivien-Abenteuer nicht zu Unrecht schlechte Planung, begrenzte Ressourcen und eine pathetische Unkenntnis der Ortsgeographie und -geschichte und der lokalen Politik vor. Wie konnte es dazu kommen, dass die Guerilla ausgerechnet jene Gegend um den Rio Grande als Einsatzgebiet w&auml;hlte, in der sie keinen Zulauf der bolivianischen Bauern erhielt? Ganz in krassem Widerspruch zu Guevaras Standardwerk &bdquo;<em>La Guerra de Guerrillas<\/em>&ldquo; (deutsch: Der Partisanenkrieg, 1962), der den bewaffneten Bauernaufstand zu den Gr&uuml;ndungsmythen des neuen Kuba propagiert hatte. <\/p><p>Gleichwohl hatte Guevara darin zwei umstrittene Thesen vertreten. &ldquo;1. Die Kr&auml;fte des Volkes k&ouml;nnen einen Krieg gegen eine regul&auml;re Armee gewinnen. 2. Nicht immer muss man warten, bis alle Bedingungen f&uuml;r eine Revolution gegeben sind, der aufst&auml;ndische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen&rdquo;.<\/p><p>Diese Rechnung ging in Bolivien nicht auf, sie versagte.<\/p><p><strong>Bruch mit der Sowjetunion, der Funke der Guerilla<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seri&ouml;se Guevara-Biografen wie Jorge Casta&ntilde;eda (<a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Companero-Life-Death-Che-Guevara\/dp\/0679759409\">Companero: The Life and Death of Che Guevara<\/a>) sehen in der bolivianischen Trag&ouml;die auch Spuren von Guevaras Temperament, das seit seiner Jugend einerseits zwar von unbestrittener Sensibilit&auml;t, gro&szlig;z&uuml;gigem Humanismus, sozialem Mitgef&uuml;hl und Rebellion, andererseits auch von Individualismus, jener Abenteuerlust seiner legend&auml;ren Fahr- und Motorrad-Odysseen quer durch Argentinien und Lateinamerika und einem Hang zu starken Meinungen gepr&auml;gt war. Energischer, unvers&ouml;hnlicher Widerspruch pr&auml;gte zum Beispiel sein Verh&auml;ltnis zur damaligen Sowjetunion und diente als Ausl&ouml;ser f&uuml;r Guevaras neues Guerilla-Engagement in Afrika und Lateinamerika.<\/p><p>Bekannterweise schloss sich Guevara 1958 in Mexiko der kubanischen Guerilla unter F&uuml;hrung Fidel Castros gegen das Regime Fulgencia Batistas an, nach dessen Sturz er 1959 den Posten des Pr&auml;sidenten der Zentralbank und des Industrieministers bekleidete. Jean-Paul Sartre erinnerte sich an einen ironischen Satz des Che, als er ihn 1960 zusammen mit Simone de Beauvoir in Havanna besuchte: &ldquo;Guevara, Direktor der Nationalbank, hat mir in seinem B&uuml;ro einen ausgezeichneten Kaffee angeboten und mir gesagt, &acute;Zuerst bin ich Arzt, dann Soldat und schlie&szlig;lich, wie Sie sehen, ein Bankier.` &rdquo; <\/p><p>Sartre schrieb sp&auml;ter, dass der Che &bdquo;das vollst&auml;ndigste menschliche Wesen unserer Zeit&rdquo; sei. Der franz&ouml;sische Philosoph &uuml;bertrieb nicht, bezog er sich wahrscheinlich auf das geistige Gro&szlig;kaliber des belesenen Argentiniers, der mit seiner Ironie wiederum was ganz anderes meinte, n&auml;mlich dass er sich viel lieber seinen Umtrieben als vieltalentierter Arbeitsw&uuml;terich hingeben wolle, der sich l&auml;ngst als Mechaniker, Ingenieur, Landwirt, Sportler, Journalist, Schriftsteller, Diplomat, Arzt, Wissenschaftler, Fotograf, Politikwissenschaftler, Stratege und so weiter bew&auml;hrt hatte.<\/p><p>Sp&auml;testens 1965 war es soweit: Offiziell war Che Guevara des Regierens und der B&uuml;roatmosph&auml;re &uuml;berdr&uuml;ssig, es trieb ihn wieder &bdquo;nach drau&szlig;en&ldquo;. Selbstverst&auml;ndlich wusste der engste Kreis um den eingeb&uuml;rgerten Argentinier, dass seine unvers&ouml;hnliche Kritik an der b&uuml;rokratischen Dekadenz, dem staatskapitalistischen &bdquo;Verrat&ldquo; der Sowjetunion und die Gefahr, dass Kuba in eine politische Sackgasse hineinschliddern w&uuml;rde, die eigentlichen Gr&uuml;nde seines Ausstiegswunschs bildeten. Im Oktober 1965 ver&ouml;ffentlichte Fidel Castro einen Brief des Che, in dem er die Aufgabe seiner &Auml;mter &bdquo;in der kubanischen Revolution&rdquo; mitteilte, um sich anderen &bdquo;Schlachtfeldern&rdquo; zu widmen.<\/p><p>Zun&auml;chst brach Guevara in den Kongo auf, wo drei Jahre zuvor Patrice Lumumba vom CIA ermordet worden war und die Opposition um Hilfe rief. Der Versuch scheiterte erb&auml;rmlich und gipfelte in einer politischen Fehde mit Tansanias Pr&auml;sident Julius Nyerere und der exilierten kongolesischen Opposition, denen Guevara mangelnde Unterst&uuml;tzung und Feigheit vorwarf. <\/p><p>Nach dem Scheitern des &bdquo;Unternehmens Afrika&ldquo; kehrte Guevara 1966 heimlich nach Havanna zur&uuml;ck, wo er nun die &bdquo;Verbreitung der Revolution in Lateinamerika&rdquo; von Bolivien aus vorbereitete, dabei mittelfristig das Entflammen der Guerilla in seinem Heimatland Argentinien im Auge hatte. Als erste Partisanen-Initiative in Argentinien hatte Guevara die Idee der Guerilla-Armee des Volkes (EGP) befeuert, die 1964 unter F&uuml;hrung des befreundeten Journalisten und Begr&uuml;nders der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina, Jorge Masetti, im nordwestlichen Jujuy auf politisches Feindgebiet vorstie&szlig; und f&uuml;r ewig vom Erdboden verschwand, inklusive Masettis.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Der gescheiterte Fokus<\/strong><\/p><p>Mit dem Strategie-Doppel, &bdquo;die Kr&auml;fte des Volkes k&ouml;nnen einen Krieg gegen eine regul&auml;re Armee gewinnen&ldquo; und &bdquo;nicht immer muss man warten, bis alle Bedingungen f&uuml;r eine Revolution gegeben sind, der aufst&auml;ndische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen&rdquo;, &uuml;berschritt ein kahlgeschorener Guevara mit falschen uruguayischen Papieren Ende 1966 von Brasilien aus die Grenze nach Bolivien und tauchte unter. Aus anderen Richtungen sickerte eine Gruppe Kubaner ein und bildete mit Abtr&uuml;nnigen der Kommunistischen Partei Boliviens den Kern der sogenannten Nationalen Befreiungsarmee (ELN).<\/p><p>Mit der Theoretisierung der kubanischen Revolution hatte es Guevara nicht genau genommen. Der Charakter des kubanischen Aufstands wurde fehlinterpretiert, das Gewicht des st&auml;dtischen Widerstands, insbesondere der Arbeiter- und der sozialen Bewegungen, verlor sich im toten Winkel der Betrachtung und wurde durch ein voluntaristisches Konzept ersetzt, in dem der Wille als zentraler Hebel des Widerstands <a href=\"http:\/\/www.lateinamerika-studien.at\/content\/lernpfade\/pfad1\/pfad1-220.html\">hochstilisiert wurde<\/a>.<\/p><p>Die Probleme vor Ort verurteilten die ELN zum programmierten Scheitern: Die &ouml;rtliche Kommunistische Partei, in erbitterte Fl&uuml;gelk&auml;mpfe zwischen Moskau- und Peking-Treue verwickelt, konnte und wollte keine wirkliche Unterst&uuml;tzung leisten, die &ouml;rtlichen Bauern reagierten verschreckt auf die b&auml;rtigen und bewaffneten Partisanen, die nach dem Weg fragten, und informierten die Armee. Guevara und Kameraden hatten nicht korrekt eingesch&auml;tzt, dass w&auml;hrend der nationalistischen Revolution von 1952 eine bescheidene Agrarreform in Bolivien zur St&auml;rkung des b&auml;uerlichen Mittelstandes durchgesetzt worden war, dessen ungebildete Schichten auch in der hinter den Kulissen von den USA kontrollierten, bolivianischen Armee keinen Feind erkannten.<\/p><p><strong>Epilog &ndash; Die H&auml;nde des Che<\/strong><\/p><p>Allerdings fand die bolivianische Armee am 9. Oktober 1967 einen ehrlosen Eingang in die Geschichte. Damals musste n&auml;mlich Sergeant Mario Ter&aacute;n Salazar f&uuml;r die angereisten US-Rangers und den CIA die &bdquo;Drecksarbeit&rdquo; verrichten. <\/p><p>Zuerst schoss er dem verhafteten Guevara in Unterarm und Oberschenkel. Der Che zuckte zusammen, forderte jedoch den zaudernden, jungen Unteroffizier heraus: &bdquo;Zielen Sie genau, Sie schie&szlig;en auf einen richtigen Mann!&ldquo;. Ter&aacute;n Salazar erschauderte, jagte ihm jedoch eine zweite Kugel in den Hals. Es war kurz vor 1 Uhr mittags, der Che blutete vor sich hin. Da trat Sergeant Bernardino Huanca in das Klassenzimmer der als Gefangenenlager benutzten Schule, versetzte Guevara ein paar Fu&szlig;tritte und jagte ihm den Gnadenschuss ins Herz. <\/p><p>Verhaftet worden war Guevara von General Prado Salm&oacute;n, jedoch Einsatzleiter und Massaker-Befehlshaber war der angereiste kubanische CIA-Agent, F&eacute;lix Ismael Rodr&iacute;guez Mendigutia, sekundiert von den kubanischen Agenten Julio G. Garc&iacute;a und Gustavo Vollobo. Rodr&iacute;guez Mendigutia hatte die gescheiterte US-exilkubanische Schweinebucht-Invasion von 1961 &uuml;berlebt, wurde vom CIA auf Guevara angesetzt und war seit Anfang 1967 der kaum 30 Mann starken und obendrein in zwei getrennten Kolonnen operierenden Guerilla-Einheit auf den Fersen.<\/p><p>Im drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter erschienenen Buch &ldquo;El asesinato del Che en Bolivia. Revelaciones&rdquo; (Die Ermordung des Che in Bolivien. Aufschl&uuml;sse) dokumentierten die Investigativ-Kubaner Adys Cupull und Froil&aacute;n Gonz&aacute;lez, dass die vom CIA befohlene Soldateska der Leiche mit geradezu d&auml;monischer Gewalt zusetzte. Dem toten Guerillero wurde die Kehle an-, doch nicht vollkommen durchgeschnitten, daf&uuml;r wurden ihm die H&auml;nde abgehackt. &bdquo;Zweck&rdquo; des barbarischen Aktes sei die &Uuml;berpr&uuml;fung Guevaras Fingerabdr&uuml;cke durch drei ebenfalls angereiste Agenten der argentinischen Polizei gewesen, erkl&auml;rte seinerzeit die bolivianische Milit&auml;rregierung.<\/p><p>Juan Coronel Quiroga, ein Mitglied der Kommunistischen Partei Boliviens, der im Auftrag des ehemaligen Innenministers Antonio Arguedas Mendieta die in Formol konservierten Guevara-H&auml;nde im Januar 1970 auf himmelschreiendem, abenteuerlichem Weg &ndash; von La Paz &uuml;ber Lima, Guayaquil, Caracas, Madrid, Paris und Budapest &ndash; der kubanischen Botschaft in Moskau &uuml;bergab, <a href=\"http:\/\/eju.tv\/2012\/10\/juan-coronel-quiroga-por-las-manos-del-che-me-ofrecieron-us-400-mil\/\">erkl&auml;rte jedoch<\/a>, die Verst&uuml;mmelung sei vom CIA als Warnung befohlen worden und sollte hei&szlig;en: &bdquo;Finger weg aus fremden Angelegenheiten!&ldquo;.<\/p><p>Der Leichnam Guevaras wurde nach einer gro&szlig;angelegten Suchaktion argentinischer Forensiker erst 1997 in einem Massengrab an einer Landepiste des Ortsflughafens in Valle Grande entdeckt und die &Uuml;berreste der kubanischen Regierung &uuml;bereignet, die sie im Mausoleum von Santa Clara bestattete. <\/p><p>Indes hatten die Ermordung und die H&auml;nde Che Guevaras vier Jahre sp&auml;ter ein kriminalistisches Nachspiel in Deutschland. Am 1. April 1971 wurde Roberto Quintanilla Pereira, bolivianischer Generalkonsul in Hamburg, in seinem Dienstb&uuml;ro erschossen. Der T&auml;ter entkam, doch am Tatort fand die Polizei einen Zettel mit der Parole &bdquo;Victoria o Muerte!&ldquo; (&bdquo;Sieg oder Tod!&ldquo;), der auf einen politisch motivierten Mord hinwies. Personenbeschreibung des T&auml;ters plus vorherige Polizei-Observierung passten auf die 37-j&auml;hrige Deutsch-Bolivianerin Monika Ertl, Tochter des sich in den sp&auml;ten 1940-er Jahren nach Bolivien abgesetzten, ehemaligen Kameramanns Leni Riefenstahls, Hans Ertl. <\/p><p>Quintanilla Pereira, in Bolivien als Polizei-Oberst &bdquo;Toto&ldquo; Quintanilla bekannt, war seit Oktober 1967 von der ELN als einer der Hauptverantwortlichen f&uuml;r die Ermordung Guevaras beschuldigt worden. Nach Aussagen von Anna Elena Recacoechea, der Witwe des 1967 nach Chile entkommenen, jedoch 1969 ebenfalls in Bolivien ermordeten Guevara-Mitk&auml;mpfers <a href=\"http:\/\/www.elortiba.org\/old\/inti.html\">Inti Peredo<\/a>, seien die H&auml;nde des Che auch auf Befehl von Quintanilla abgehackt worden. <\/p><p>&bdquo;Quintanilla, Quintanilla&hellip;, Du wirst in Deinen N&auml;chten keinen Frieden mehr finden&hellip;Du raubtest Inti das Leben&hellip; Und du meintest das ganze Volk&hellip;&ldquo;, soll Monika Ertl daraufhin gedroht haben.<\/p><p>Monika Ertl wurde zwei Jahre sp&auml;ter, im Mai 1973, in Bolivien in einen Hinterhalt gelockt und erschossen; angeblich mit Beihilfe des seit Ende der 1940-er Jahre heimlich in Bolivien lebenden und zehn Jahre sp&auml;ter an Frankreich ausgelieferten Nazi-Massenm&ouml;rders Klaus Barbie (alias &ldquo;Klaus Altmann&rdquo;), bekannt als der &bdquo;Schl&auml;chter von Lyon&ldquo;. Ertls Leichnam wurde fotografiert und an unbekanntem Ort verscharrt. Seitdem gilt Ertl als verschollen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Der Zeitgeist und der Auftakt zum Mythos<\/strong><\/p><p>Auf die Frage, warum Guevara &bdquo;unkaputtbar&rdquo; ist, gibt es vielerlei Mutma&szlig;ungen. Sicherlich tat das legend&auml;re Che-Foto des kubanischen Fotografen Alberto Korda das seine bei der Erhebung Guevaras zum Mythos. Das ber&uuml;hmte Bild, auf dem ein langhaariger Guevara jene Baskenm&uuml;tze mit dem Stern in der Stirnmitte tr&auml;gt und dabei seinen Blick auf den Horizont heftet, als schaue er in die Unendlichkeit, hatte Korda zuf&auml;llig bei einer Trauerfeier am 5. M&auml;rz 1960 geknipst, doch nach der Entwicklung in seinen Schubladen aufbewahrt. F&uuml;r die fl&auml;chenbrandartige Verbreitung des Bildes sorgte erst ein Buch, das der italienische Verlag Feltrinelli 1967 als Reaktion auf den Tod Guevaras ver&ouml;ffentlichte, wof&uuml;r Korda eine Bildauswahl zur Verf&uuml;gung gestellt hatte.<\/p><p>Das Foto gilt als das am meisten nachgedruckte und meistgenutzte Bild in der Geschichte der Menschheit.<\/p><p>Korda konnte nicht ahnen, in welchem Kontext das Che-Foto mit dem erh&ouml;hten Blick in Umlauf gebracht w&uuml;rde. Der beherrschende Zeitgeist in den Metropolen der Industriel&auml;nder war der des Protests gegen den Vietnam-Krieg der USA, in dem sich Beatniks, Hippies und Linke zu einer diffusen Gegenkultur mischten und sich bald das Foto des lateinamerikanischen Guerillero als Symbol der Rebellion aneigneten. Hatte er doch einst gesagt, &bdquo;wie gl&auml;nzend und nah w&auml;re die Zukunft, wenn zwei, drei, viele Vietnams auf der Oberfl&auml;che des Erdballs entst&uuml;nden, mit ihrer Todesrate und ihren ungeheuren Trag&ouml;dien, mit ihren allt&auml;glichen Heldentaten, mit ihren wiederholten Schl&auml;gen gegen den Imperialismus&hellip;&ldquo; &ndash; woraus Rudi Dutschke den Aufruf adaptierte, &bdquo;schafft zwei, drei viele Vietnams!&ldquo;.<\/p><p>Dass die Popkultur das legend&auml;re Che-Bild bis zum Exzess vermarktete, tut dem Ansehen Guevaras keinen Schaden. Seine ungebrochene Weiterverehrung erkl&auml;rt sich wohl in der deutschen Version des Liedtextes &bdquo;Comandante Che Guevara&ldquo;, in der es mit den kernigen Versen Wolf Biermanns hei&szlig;t:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&hellip; Und bist kein Bonze geworden,<br>\nkein hohes Tier, das nach Geld schielt<br>\nund vom Schreibtisch aus den Helden spielt<br>\nin feiner Kluft mit alten Orden.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171012-Guevara-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&Uuml;ber Ernesto Guevara de la Serna, genannt der <em>Che<\/em>, zu schreiben, ist ein Wagnis oder vergeudete M&uuml;he. Ist etwa seit seinem Tod nicht alles &uuml;ber ihn gesagt worden? Nein doch, <em>Che!<\/em>, w&uuml;rde ein beredter Argentinier an dieser Stelle mit den magischen drei Buchstaben ins<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40543\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,212],"tags":[965,2186,2004,2185,1120,901,1368,1507,1556,357],"class_list":["post-40543","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-gedenktagejahrestage","tag-argentinien","tag-bolivien","tag-castro-fidel","tag-che-guevara-ernesto","tag-friedensbewegung","tag-geheimdienste","tag-kuba","tag-morales-evo","tag-usa","tag-vietnam"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40543","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40543"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40543\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48119,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40543\/revisions\/48119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40543"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40543"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40543"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}