{"id":40589,"date":"2017-10-15T11:00:26","date_gmt":"2017-10-15T09:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40589"},"modified":"2017-10-16T09:15:21","modified_gmt":"2017-10-16T07:15:21","slug":"die-probleme-und-fehler-der-katalanischen-unabhaengigkeitsbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40589","title":{"rendered":"Die Probleme und Fehler der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Katalonien durchlebt die schwerste soziale, politische und demn&auml;chst wirtschaftliche Krise, die es je in den aktuellen demokratischen Zeiten gegeben hat. In einem vorherigen Artikel habe ich die Dimensionen der sozialen Krise in Katalonien, der schwersten in diesem Jahrhundert und dem Ende des vorherigen, ausf&uuml;hrlich geschildert (&ldquo;<a href=\"http:\/\/blogs.publico.es\/vicenc-navarro\/2017\/06\/30\/el-mayor-problema-que-tiene-hoy-catalunya-del-cual-no-se-habla-la-crisis-social\/\">El mayor problema que tiene hoy Catalunya del cual no se habla: la crisis social<\/a>&rdquo; P&uacute;blico, 30 de Junio 2017). Zu dieser Krise kommt die enorme politische Krise hinzu, indem in die Institutionen der Generalitat [der Begriff Generalitat bezeichnet die Gesamtheit der Institutionen katalanischer Selbstverwaltung &ndash; EDE] durch den Zentralstaat eingegriffen wird, mit der M&ouml;glichkeit und der Gefahr (zudem mit erh&ouml;hter Wahrscheinlichkeit), dass die Entscheidungs- und Verwaltungskompetenzen f&uuml;r die katalanische Regierung im Rahmen der katalanischen Institutionen noch weiter beschnitten werden. Auf der anderen Seite hat die Furcht davor, dass die gro&szlig;en politischen Spannungen in Katalonien die gro&szlig;en Firmen und Konzerne mit Sitz in Katalonien negativ beeintr&auml;chtigen, zu einer massiven Flucht vieler Firmen in andere Teile Spaniens gef&uuml;hrt &ndash; wodurch eine wirtschaftliche Krise produziert wird. Von <strong><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Vicen%C3%A7_Navarro\">Vicen&ccedil; Navarro<\/a><\/strong>, aus dem Spanischen von <strong>Em D. Ell<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs muss nicht betont werden, dass die ma&szlig;gebliche Verantwortung f&uuml;r das Geschehen in Katalonien in der Politik der spanischen Zentralregierung, gef&uuml;hrt vom Partido Popular und ihrem Pr&auml;sidenten Mariano Rajoy, liegt. Allerdings, und fern jeglicher Behauptung einer gleichen Verteilung der Verantwortungen und einer neutralen Position einer gerechten Mitte zwischen den jeweiligen Positionen und Gr&uuml;nden, ist das katalanische Regierungsb&uuml;ndnis unter dem Namen Junts Pel S&iacute; [&lsquo;Gemeinsam f&uuml;r das Ja&rsquo;] ebenfalls f&uuml;r jede einzelne dieser Krisen verantwortlich. Auch wenn diese Tatsache in den Medien in Madrid unterstrichen (und auch &uuml;bertrieben) wird, so wird sie in einem Gro&szlig;teil der Medien in Barcelona ignoriert, sowohl in den von der katalanischen Regierung der Sezessionisten kontrollierten &ouml;ffentlichen Medien als auch in den von ihr &uuml;ber gro&szlig;z&uuml;gige &ouml;ffentliche Subventionen hochgradig beeinflussten privaten Medien. Angesichts meiner kritischen Analysen des spanischen Zentralstaats und der spanischen Regierung in vorherigen Artikeln (vgl. &ldquo;<a href=\"http:\/\/blogs.publico.es\/vicenc-navarro\/2017\/09\/28\/la-necesaria-movilizacion-de-las-fuerzas-democraticas-frente-a-los-herederos-del-franquismo\/\">La necesaria movilizaci&oacute;n de las fuerzas democr&aacute;ticas frente a los herederos del franquismo<\/a>&rdquo; P&uacute;blico, 28 de Septiembre 2017), versuche ich mich hier auf das Auftreten der Regierung von Junts Pel S&iacute; zu konzentrieren und ihren Teil der Verantwortung an den eingangs erw&auml;hnten schweren Krisen aufzuzeigen.<\/p><p>Auf die soziale Krise werde ich dabei nicht weiter eingehen, d.h. auf die bereits beschriebene ma&szlig;gebliche Verantwortung an den Einbu&szlig;en der Lebensqualit&auml;t und der sozialen Absicherung der breiten Bev&ouml;lkerung in Katalonien seitens der Regierungen der Converg&egrave;ncia (im B&uuml;ndnis mit Uni&oacute; Democr&aacute;tica bis 2015 und mit ERC danach), durch ihre klar neoliberale Politik (wie etwa in der Arbeitsrechtsreform, mit der Folge des Anstiegs von Arbeitslosigkeit und prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen sowie dem Sinken der L&ouml;hne und des sozialen Schutzes) und die enormen K&uuml;rzungen der Sozialausgaben sowie die Privatisierungen &ouml;ffentlicher Leistungen des Sozialstaates. Diese neoliberale Politik wurde im spanischen Parlament beschlossen (zusammen mit der ebenfalls neoliberalen PP), durch die Partei Converg&egrave;ncia (jetzt unter dem Namen PDeCAT, die in Katalonien die meiste Zeit in der Demokratie ab 1978 regiert hat).<\/p><p><strong>Die politische Krise: Eine Folge des sogenannten &lsquo;Proc&eacute;s&rsquo;<\/strong><\/p><p>Hinsichtlich der politischen Krise liegt ein ma&szlig;geblicher Grund in der entworfenen Strategie, eine Unabh&auml;ngigkeit &lsquo;express&rsquo; zu erreichen. Diese Strategie hat Converg&egrave;ncia umgesetzt, in einer Koalition zusammen mit der Partei ERC, unter dem Namen Junts Pel S&iacute;, und mit Hilfe und Tolerierung seitens der sehr kleinen, doch durch die knappen Mehrheitsverh&auml;ltnisse im katalanischen Parlament einflussreichen CUP, ohne die es keine Regierungsmehrheit gibt. Entscheidend ist hierbei, dass sich diese parlamentarische Mehrheit einem Wahlgesetz verdankt, dessen Entwurf (mit dem Ziel der Begrenzung des Einflusses der Arbeiterklasse) noch aus der vordemokratischen Zeit stammt. Die Regierung von Pujol h&auml;tte es &auml;ndern k&ouml;nnen, doch sie r&uuml;hrte es nicht an, und bevorzugte weiterhin die l&auml;ndlichen Gegenden und Kleinst&auml;dte auf Kosten der Gro&szlig;st&auml;dte, in denen die Mehrheit der Arbeiterklasse lebte. Daraus folgt, dass eine Mehrheit im Parlament nicht einer Mehrheit der Stimmen entspricht. Die Stimmen der Parteien f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit haben nie eine Mehrheit der W&auml;hlerschaft in Katalonien erreicht.<\/p><p>Die als sogenannter &lsquo;Proc&eacute;s&rsquo; bekannte Strategie besteht aus mehreren Komponenten. Eine dieser Komponenten ist die zeitliche Abfolge des Vorgehens zur Erreichung der Unabh&auml;ngigkeit als unmittelbares und immer vorrangiges Ziel gewesen, das vor alle anderen gestellt wurde (tats&auml;chlich ist die eigentliche gesetzgeberische Aktivit&auml;t dieser parlamentarischen Mehrheit sehr gering gewesen). Pr&auml;sident Puigdemont versicherte, 45 Gesetze in den 18 Monaten seiner Regierung zu verabschieden. Doch in Wirklichkeit sind es bisher nur 23 gewesen (18 in diesem und 5 im vergangenen Jahr). (Die geringe Aktivit&auml;t ergibt sich aus dem Schwerpunkt, der auf agitatorische statt auf legislative Funktionen gelegt wurde.)<\/p><p>Die katalanische Regierung wollte sich auf das Erreichen der Unabh&auml;ngigkeit &sbquo;express&lsquo; konzentrieren. Als Teil dieses beschleunigten Prozesses hatte man das Niveau des Vorgehens gesteigert bzw. eskaliert. Sei es durch die politischen Reden und Botschaften, sei es durch die Argumente zur Begr&uuml;ndung des Vorgehens, sei es in Aktionen seitens der katalanischen Regierung, die die Spannung gegen&uuml;ber dem Zentralstaat erh&ouml;hten, mit der Absicht die Unterst&uuml;tzung der &ouml;ffentlichen Meinung f&uuml;r die katalanische Regierung zu mobilisieren. Tats&auml;chlich haben genau dies einige Verantwortliche von Junts Pel S&iacute; mehrmals zu verstehen gegeben. Ihr Ziel war es, den Diskurs zu radikalisieren, um eine gesteigerte Mobilisierung zu erreichen.<\/p><p><strong>Die Monopolisierung des Strebens nach Souver&auml;nit&auml;t durch das Streben nach Unabh&auml;ngigkeit<\/strong><\/p><p>Ein weiteres Charakteristikum dieses Prozesses ist die Monopolisierung der Bedeutung von Souver&auml;nit&auml;t (dem Recht auf Entscheidung) durch die von Unabh&auml;ngigkeit (die Trennung Kataloniens vom Rest Spaniens), und das Vermischen beider Konzepte und Begriffe bis hin zu ihrer Vertauschbarkeit und Gleichsetzung. Der mittels dieser Strategie erzeugte Gegensatz bestand darin, m&ouml;gliche Alternativen zur &lsquo;Unabh&auml;ngigkeit&rsquo; bzw. das, was die Sezessionisten &lsquo;Unionismus&rsquo; nennen, zu begrenzen, indem man als solche alle anderen Optionen jenseits des eigenen Sezessionismus definierte. Diese Strategie hatte die Alternativen enorm begrenzt und nur auf zwei m&ouml;gliche reduziert. Eine war, die Unabh&auml;ngigkeit zu erreichen, und die andere, in dem gegebenen Status Quo fortzufahren. Ein Gegensatz, der die erste Option beg&uuml;nstigte, in dem Ma&szlig;e, in dem das repressive und unsensible Vorgehen gegen&uuml;ber dem katalanischen Identit&auml;tsbewusstsein und das Nichtanerkennen einer katalanischen Nation seitens der Zentralregierung Rajoys die Attraktivit&auml;t der zweiten Option immer mehr verringerte. In dieser Strategie des Sezessionismus war es entscheidend, ganz Spanien als unver&auml;nderbar und Katalonien gegen&uuml;ber feindlich zu pr&auml;sentieren. Und tats&auml;chlich waren in den Augen dieser Unabh&auml;ngigkeitsstrategie die politischen und sozialen Bewegungen in Katalonien, bekannt als En Com&uacute; Podem, angef&uuml;hrt von der B&uuml;rgermeisterin Barcelonas, Ada Colau, sowie die politischen und sozialen Bewegungen in Spanien, Unidos Podemos, Hindernisse f&uuml;r das Erreichen ihres Ziels, denn diese pr&auml;sentierten ein freundliches und attraktives Bild von Spanien. Das Ergebnis von En Com&uacute; in den letzten Wahlen in Katalonien l&ouml;ste gro&szlig;e Beunruhigung innerhalb der konservativen und liberalen Str&ouml;mungen von Junts Pel S&iacute; aus. So stimmte etwa Converg&egrave;ncia (PDeCAT) gegen das konstruktive Misstrauensvotum, das Podemos gegen die Regierung Rajoys einbrachte.<\/p><p>Beide politischen Formationen, En Com&uacute; Podem und Unidos Podemos, unterst&uuml;tzten das Recht auf Entscheidung der katalanischen Bev&ouml;lkerung, das Recht, zwischen mehreren Alternativen zu w&auml;hlen, von denen eine die Sezession w&auml;re, auch wenn keine der beiden Formationen diese Alternative bevorzugte. Die Mehrheit der katalanischen Bev&ouml;lkerung ist f&uuml;r die Souver&auml;nit&auml;t (d.h., sie unterst&uuml;tzt das Recht auf Entscheidung), doch nicht f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit. Alle Anh&auml;nger der Unabh&auml;ngigkeit sind f&uuml;r die Souver&auml;nit&auml;t, doch nicht alle Anh&auml;nger der Souver&auml;nit&auml;t sind f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit. Diese Klarstellung kam nie von den Sezessionisten. Womit sie die Unwahrheit behaupten, wenn sie sagen, dass &lsquo;die katalanische Bev&ouml;lkerung die Unabh&auml;ngigkeit w&uuml;nscht&rsquo;, es sei denn, man begrenzt die Bedeutung des Wortes &lsquo;katalanisch&rsquo;, denn die Daten zeigen, dass die Mehrheit der W&auml;hlerschaft nicht sezessionistisch ist.<\/p><p><strong>Das sogenannte Referendum als Instrument der Mobilisierung<\/strong><\/p><p>Eine weitere Eigenschaft des &lsquo;Proz&eacute;s&rsquo;, verbunden mit der vorgenannten (die Identifizierung des Referendums mit dem Streben nach Unabh&auml;ngigkeit), war der Ausschluss von Organisationen, die nicht sezessionistisch waren, an der Vorbereitung der Kampagne zum Referendum. Tats&auml;chlich marginalisierten sie die Organisation des Pacto Nacional, die neben den Parteien f&uuml;r die Souver&auml;nit&auml;t (Sezessionisten und Nicht-Sezessionisten) die gr&ouml;&szlig;ten Organisationen der Zivilgesellschaft umfasste, wie etwa Gewerkschaften, Nachbarschaftsvereine, Vereinigungen der Freiberufler, der Landarbeiter, der Kleinbetriebe und etliche mehr. Den sichtbarsten Ausdruck fand diese Monopolisierung in der Organisation der Diada in diesem Jahr (wenn die Bev&ouml;lkerung auf der Stra&szlig;e das kollektive Gedenken an Diejenigen begeht, die 1714 zur Verteidigung der Rechte Kataloniens gegen den K&ouml;nig der Bourbonen, Felipe V., k&auml;mpften), die ein lautes Fordern der Unabh&auml;ngigkeit war, in dem gegen die in Spanien fehlende Freiheit protestiert wurde, doch zugleich die fehlende Freiheit und Pluralit&auml;t im Vorgehen der Regierung von Junts Pel S&iacute; und in ihren missbr&auml;uchlicherweise instrumentalisierten Medien (TV3 und Catalunya R&agrave;dio) ignoriert wurde. Die Diada, der Nationalfeiertag Kataloniens, war eine Demonstration f&uuml;r das JA in einer Wahlkampagne, die sich f&auml;lschlicherweise als Referendum ausgab. Dies erkl&auml;rt, weshalb viele, wie auch ich, die sonst jedes Jahr an den zahlreichen Feierlichkeiten des katalanischen Nationalfeiertags teilnahmen, dieses Mal nicht dabei waren, abgesto&szlig;en und beleidigt durch einen derartig einseitigen und sektiererischen Charakter der Veranstaltung. Als Folge dessen lag die Anzahl der Teilnehmer in diesem Jahr niedriger als in den Jahren zuvor.<\/p><p><strong>Der Mobilisierungsgrund: Von der Unabh&auml;ngigkeit zur Demokratie<\/strong><\/p><p>Die Polizeigewalt am 1. Oktober ver&auml;nderte die Art und das Ziel der Mobilisierung. Die Polizeigewalt erkl&auml;rt, weshalb viele der Leute, die vorher nicht am Referendum teilnehmen wollten, nun auf die Stra&szlig;e gingen, um zu w&auml;hlen, als Zeichen ihrer Ablehnung gegen&uuml;ber diesem Vorgehen und gegen&uuml;ber der klar repressiven und antidemokratischen Haltung des Zentralstaates. Besonders bedeutsam ist dabei, dass die Zunahme der Beteiligung in den Arbeitervierteln des &lsquo;roten G&uuml;rtels&rsquo; Barcelonas h&ouml;her ausfiel als in anderen Gegenden Barcelonas und Kataloniens. Die Demonstration verlagerte sich von einer f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit zu einer f&uuml;r die Demokratie. Ein Schritt, der durch die Geschehnisse des 3. Oktober best&auml;tigt wurde, als Katalonien (und speziell Barcelona) stillstand. Dieser Generalstreik wurde organisiert von der Taula Dem&ograve;crata [Der Demokratische Tisch], der sich aus den gro&szlig;en Organisationen der Zivilgesellschaft zusammensetzt, von den Gewerkschaften, &uuml;ber die Nachbarschaftsvereine, die Vereinigungen der Freiberufler, der Landarbeiter, der Kleinbetriebe und etliche mehr. Es war ein Generalstreik in ganz Katalonien. Und es war ein Wechsel in der Ausrichtung der Mobilisierung. Entgegen den Versuchen der Regierung von Junts Pel S&iacute;, und ihrer Werkzeuge wie die Organisationen Omnium und ANC, &uuml;bernahm Der Demokratische Tisch eine Rolle und F&uuml;hrung, die die Unabh&auml;ngigkeitsparteien st&ouml;rte, nahmen sie doch einen solchen Wechsel als Aufweichung ihres Anliegens war.<\/p><p><strong>Die katalanische Arbeiterklasse ist nicht sezessionistisch<\/strong><\/p><p>Ein weiterer Fehler der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung war die mangelnde Attraktivit&auml;t der Unabh&auml;ngigkeit in der Arbeiterklasse Kataloniens. Auch wenn es die Unabh&auml;ngigkeitsparteien ignorieren, so sind die Anzeichen daf&uuml;r bekannt. Die Arbeiterklasse Kataloniens ist nicht sezessionistisch, aus mehreren Gr&uuml;nden. Einer ist, dass die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung von einer Koalition unter Leitung der Partei von Artur Mas [dem vorherigen Pr&auml;sidenten der Generalit&auml;t] angef&uuml;hrt wird, d.h. von der katalanischen Rechten, deren neoliberale Politik von der Arbeiterklasse zurecht als sch&auml;dlich f&uuml;r ihre Interessen wahrgenommen wird. Die N&auml;he von Pr&auml;sident Puigdemont zu Mas ist bekannt, und Mas war nie popul&auml;r in der katalanischen Arbeiterklasse. Ein weiterer Grund f&uuml;r die fehlende Unterst&uuml;tzung der Unabh&auml;ngigkeit durch die Arbeiterklasse ist, dass sie mehrheitlich aus anderen Gegenden Spaniens stammt und sich emotional als spanisch empfindet und gegen die Sezession ist. Die Mehrheit der Arbeiterklasse in Katalonien spricht Spanisch (Castellano). Die Anzeichen daf&uuml;r sind eindeutig, wie sich etwa in den Daten der Umfrage vom Juni 2017 durch das CEO [katalanisches Sozialforschungsinstitut] zeigt, aus denen sich ergibt, dass mit steigendem Haushaltseinkommen die Unterst&uuml;tzung der Unabh&auml;ngigkeit steigt und umgekehrt mit sinkendem Haushaltseinkommen die Unterst&uuml;tzung der Unabh&auml;ngigkeit sinkt. Dar&uuml;ber hinaus sind in Katalonien diejenigen, die sich selbst als einfaches Volk bezeichnen (Klassen der unteren mittleren und der unteren Einkommen), klarerweise keine Sezessionisten: 56,15% dieser Volksklassen sind gegen die Unabh&auml;ngigkeit, gegen&uuml;ber nur 33% daf&uuml;r.<\/p><p>Dies erkl&auml;rt, weshalb die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung in Katalonien nie eine Mehrheitsbewegung war und weiterhin nicht sein wird, denn die Unabh&auml;ngigkeit allein als solche ist kein ausreichendes Motiv f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung. Nur wenn das Projekt Unabh&auml;ngigkeit eine klare und starke soziale Komponente h&auml;tte, g&auml;be es daf&uuml;r eine M&ouml;glichkeit. Doch ein solch soziales Thema fehlt in der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung. Lediglich unbestimmte Generalisierungen, mit zweifelhafter Glaubw&uuml;rdigkeit, fanden sich im sozialen Diskurs der Sezessionisten mit einigerma&szlig;en &uuml;bertriebenen und unglaubw&uuml;rdigen Versprechungen. Ein klarer Fall dessen war die Behauptung f&uuml;hrender Stimmen von Junts Pel S&iacute; und nahestehender &Ouml;konomen, inklusive des &lsquo;Wirtschaftsweisen&rsquo; von TV3 (dem &ouml;ffentlichen TV-Kanal der Generalitat Kataloniens), Xala i Marti, dass die Renten vom &Uuml;bergang in die Unabh&auml;ngigkeit nicht negativ beeinflusst w&uuml;rden. Eine offensichtliche Falschaussage, da eine Zusammenarbeit und Koordination mit dem Zentralstaat, und seiner Sozialversicherung, w&auml;hrend der Phase des &Uuml;bergangs unverzichtbar ist, und im gegenteiligen Fall ein enormes Problem f&uuml;r die katalanischen Rentner best&uuml;nde. Im August 2017 gab es in Katalonien 1.704.692 Rentner mit einer durchschnittlichen Rente in H&ouml;he von 957 &euro;, finanziert zu einem Teil von 3.294.418 Beitragszahlern. Doch diese Beitr&auml;ge sind nicht ausreichend, so dass ein Defizit von 4.700 Millionen Euros besteht (eine h&ouml;here Zahl als die von den Sezessionisten genannte). Dieses Geld m&uuml;sste von der Generalitat kommen, Jahr f&uuml;r Jahr, womit ein formidabler Schuldenberg anw&uuml;chse, denn der spanische Staat k&ouml;nnte die Zahlungen der katalanischen Pensionen wom&ouml;glich verweigern. Die Probleme des &Uuml;berganges f&uuml;r diese Pension&auml;re w&auml;ren enorm und best&uuml;nden &uuml;ber Jahre (und nicht lediglich f&uuml;r 6 Monate, wie einige Sprecher der Sezessionisten prophezeit haben).<\/p><p>In dieser Hinsicht handeln diese Parteien an der Grenze der Unverantwortlichkeit, indem sie klarerweise unhaltbare Versprechungen machen, etwa, dass es keine Lasten und Opfer w&auml;hrend eines &Uuml;berganges g&auml;be, sondern die Beibehaltung der Renten und anderer Transferleistungen und &ouml;ffentlicher Dienste. Doch die gr&ouml;&szlig;te &Uuml;bertreibung aller &Uuml;bertreibungen war die Behauptung, die Unabh&auml;ngigkeit in sechs Monaten zu erreichen. Es ist schwer vorstellbar, dass diejenigen, die solches behaupteten, tats&auml;chlich glaubten, was sie sagten.<\/p><p>In Wirklichkeit hatte Junts Pel S&iacute; in seiner Kampagne f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit die Kosten einer solchen Express-Unabh&auml;ngigkeit kleingerechnet, in einer derart &uuml;bertriebenen und unglaubw&uuml;rdigen Weise, die dennoch als Wahrheit in einer unkritischen Medienlandschaft durchging. Best&auml;ndig unterstrichen sie, dass alles, vom Renten- bis zum Gesundheitswesen, in einem unabh&auml;ngigen Katalonien sehr viel besser w&auml;re, und all dies entgegen den Anzeichen f&uuml;r eine lange Phase der Entbehrungen, auf die man die Bev&ouml;lkerung nicht hinwies (und von der die Firmenflucht einen ersten Vorgeschmack auf die bevorstehende &ouml;konomische Krise gibt). Die Anzeichen solcher Falschaussagen sind &uuml;berw&auml;ltigend.<\/p><p><strong>Wohin f&uuml;hrt uns die aktuelle Situation?<\/strong><\/p><p>Es ist unm&ouml;glich, dass die F&uuml;hrer der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung unter Leitung der katalanischen Regierung nicht sahen, dass dieser Prozess zur aktuellen Situation f&uuml;hren musste, die enorme Frustration und Schmerzen ausl&ouml;st. Es gab etliche Gr&uuml;nde, dass diese Strategie nicht funktionieren konnte. Einer war der spanische Staat, Erbe einer Diktatur und eines spanischen Nationalismus, der sich (als Folge von 40 Jahren einer Diktatur und 40 Jahren einer &uuml;berwachten und unvollst&auml;ndigen Demokratie) in gro&szlig;en Teilen der spanischen Gesellschaft festgesetzt hat. Die Machtverh&auml;ltnisse in Spanien sind f&uuml;r die Kr&auml;fte der Unabh&auml;ngigkeit sehr ung&uuml;nstig gewesen. Und zu diesem enormen Ungleichgewicht der Kr&auml;fte in Spanien kommt noch die fehlende Unterst&uuml;tzung seitens der Europ&auml;ischen Union. Doch nicht nur das, denn durch die Auffassung und Darstellung Spaniens als unver&auml;nderbar hatte es die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung vers&auml;umt, die Transformation in Katalonien an die bestehende Transformation in Spanien anzukn&uuml;pfen. Tats&auml;chlich hatte ihre Kampagne eines Anti-Spanien verhindert, dass gro&szlig;e Teile der Gesellschaft Spaniens sich den Kampf f&uuml;r ein neues Katalonien zu eigen machen konnten.<\/p><p>Das Ergebnis von all dem ist, dass ihre Strategie Katalonien in eine Situation f&uuml;hrt, in der wir den totalen Verlust der Autonomie und den Verlust von Rechten erleben werden. Tats&auml;chlich hat der spanische Staat die Ungeschicktheit der Sezessionisten seinerseits geschickt genutzt, um bereits erlangte Rechte Kataloniens zu beschneiden, und damit gleichzeitig einen enormen R&uuml;ckschritt in ganz Spanien zu erm&ouml;glichen, in dem Ma&szlig;e, in dem radikale Kr&auml;fte aus der Vergangenheit wiedererweckt und wiedererstarkt werden. Es ist besonders frustrierend, wie leicht es vorherzusagen war, dass genau das geschehen w&uuml;rde. Der einzige Grund, der entgegen dieser Offensichtlichkeiten des drohenden Geschehens, das Vorgehen der Sezessionisten erkl&auml;ren k&ouml;nnte, w&auml;re, dass dahinter in Wirklichkeit das Vorhaben steckt, aus der aktuell enormen Mobilisierung in den bald bevorstehenden Wahlen in Katalonien Kapital zu schlagen.<\/p><p><strong>Eine andere Alternative w&auml;re m&ouml;glich gewesen<\/strong><\/p><p>Eine andere Alternative w&auml;re gewesen, weniger die Unabh&auml;ngigkeit zu betonen, sondern stattdessen die Bildung eines neuen Kataloniens im Zusammenwirken mit den linken Kr&auml;ften Spaniens, die bereits versuchen, Spanien zu ver&auml;ndern. Die Bildung eines neuen Kataloniens w&auml;re ein Ausgangspunkt f&uuml;r einen Wechsel in Spanien gewesen, in dem Ma&szlig;e, in dem es der spanischen Bev&ouml;lkerung geholfen h&auml;tte, im Kampf um das Recht auf Entscheidung in Katalonien auch einen Kampf f&uuml;r die Transformation Spaniens erkennen zu k&ouml;nnen. Die zu verfolgende Strategie w&auml;re die der Demokratisierung Kataloniens und Spaniens gewesen, in einem Projekt profunder demokratischer Transformation, in dem die L&ouml;sung der gro&szlig;en sozialen Krise im Zentrum der K&auml;mpfe f&uuml;r die Vielfalt der Nationen Spaniens st&uuml;nde. Der Generalstreik des 3. Oktober, gef&uuml;hrt von Kr&auml;ften mit dem Ziel einer Demokratisierung, war ein Anzeichen f&uuml;r die M&ouml;glichkeit einer solchen Strategie. Dass man eine solche nicht verfolgt hatte, hinterl&auml;sst einen irreparablen Schaden in Katalonien und Spanien. Dass man derart das Thema Nationalismus betont hat, mit einer Polarisierung der Gesellschaft zwischen Sezessionisten und Verteidigern der &lsquo;Nationalen Einheit&rsquo;, schw&auml;cht die progressiven und demokratischen Kr&auml;fte, insbesondere die der Linken, womit wiederum die Reproduktion neoliberalen Gedankenguts erleichtert wird, das auf beiden Seiten dieser Polarisierung federf&uuml;hrend wirkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katalonien durchlebt die schwerste soziale, politische und demn&auml;chst wirtschaftliche Krise, die es je in den aktuellen demokratischen Zeiten gegeben hat. 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