{"id":406,"date":"2004-11-28T17:19:22","date_gmt":"2004-11-28T16:19:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=406"},"modified":"2016-03-22T10:47:58","modified_gmt":"2016-03-22T09:47:58","slug":"neoliberale-mobilmachung-in-der-bildung-schon-wieder-ein-bildungstest-diesmal-von-der-pr-maschine-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=406","title":{"rendered":"Neoliberale Mobilmachung in der Bildung: Schon wieder ein Bildungstest \u2013 diesmal von der PR-Maschine \u201eInitiative Neue Soziale Marktwirtschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die neoliberale Lobby macht auf dem Felde der Bildung mobil. Nach McKineys Studentenranking ver&ouml;ffentlichte wenige Tage danach, am 24.11.04, die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; ihren sog. &bdquo;Bildungstest&ldquo;. Das Ergebnis &uuml;berrascht nicht: Hier wie dort schneiden die S&uuml;dstaaten und CDU-regierte L&auml;nder am besten ab. Der wissenschaftliche Schreibtisch der &bdquo;INSM&ldquo;, das arbeitgebernahe &bdquo;Institut der deutschen Wirtschaft K&ouml;ln&ldquo; hat 105 Indikatoren, die irgendetwas mit Bildung zu tun haben, zusammengetragen, diese in irgendwelche Korrelationen gebracht und kommt dann, ohne dass die Daten in einen plausiblen Bezug zur Bildungspolitik der jeweiligen L&auml;nder gebracht worden w&auml;ren, zu dem Ergebnis, dass Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg, Th&uuml;ringen und Sachsen &uuml;ber dem Durchschnitt und alle anderen L&auml;nder unterdurchschnittlich abschneiden.<br>\nDie Methode ist immer gleich: Erst Miesmachen, um dann neoliberale Reformen &bdquo;mit eiserner Entschlossenheit&ldquo; zu verlangen.<br>\n<!--more--><br>\nSicher nicht ganz zuf&auml;llig werden innerhalb einer Woche zwei Bildungsrankings von wirtschaftsnahen Think-Tanks ver&ouml;ffentlicht: Ein &bdquo;Studentenranking&ldquo; vom Unternehmensberater McKinsey &amp; Co und ein &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; von der neoliberalen PR-Maschine &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Beide Ver&ouml;ffentlichungen kommen zum gleichen Ergebnis: Der konservative S&uuml;den Deutschlands und CDU-regierte L&auml;nder sind an der Spitze. Will sagen: Von den S&uuml;dl&auml;ndern lernen, hei&szlig;t siegen lernen. <\/p><p>Die Art und Weise, wie die INSM die von ihr erforderlich gehaltenen &bdquo;Reformen&ldquo; der nach ihrer Ansicht renitenten Bev&ouml;lkerung vermittelt werden sollen, kennen wir ja schon von anderen Politikfeldern, etwa der Sozialpolitik: Man malt ein Katastrophengem&auml;lde und verlangt, dass mit &bdquo;eiserner Entschlossenheit&ldquo; reformiert wird.<br>\nDas h&ouml;rt sich dann aus dem Munde des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers der Initiative, Tasso Enzweiler, f&uuml;r die Bildungspolitik wie folgt an: &bdquo;Das Bildungssystem in Deutschland ist, gemessen an seiner einstigen Vorrangstellung, in einer schockierend armseligen Verfassung&hellip; Angesichts des zunehmenden Globalisierungsdrucks und des demographischen Wandels (da sind sie also wieder die zwei angeblich &bdquo;objektiven&ldquo; Reformzw&auml;nge) vers&uuml;ndigen wir uns an unseren Kindern, wenn wir unser marodes Bildungssystem nicht mit eiserner Entschlossenheit reformieren.&ldquo; <\/p><p>An Hand des jetzt ver&ouml;ffentlichten Bildungstests will die INSM belegen, dass &bdquo;die Spitzenreiter Bayern und Baden-W&uuml;rttemberg aufgrund intensiver Schwerpunktsetzung noch die Chance besitzen, an das Niveau international f&uuml;hrender Bildungsnationen&hellip; Anschluss zu finden&ldquo;, dass aber &bdquo;die Schlusslichter der INSM-Bildungsstudie&hellip;mit ihrer Bildungsarbeit in der Versenkung verschwinden.&ldquo; <\/p><p>Wer solche apodiktischen Urteile f&auml;llt, m&uuml;sste sich seiner Sache schon ziemlich sicher sein. Sehen wir uns die Sache also einmal etwas genauer an &ndash; hier speziell den Monitor zur Hochschullandschaft (nur dazu kann ich mir ein Urteil erlauben): <\/p><p>Das arbeitgebernahe &bdquo;Institut der deutschen Wirtschaft K&ouml;ln&ldquo;(IW), der wissenschaftliche Schreibtisch der INSM, hat keine Kosten und M&uuml;hen gescheut und 105 Indikatoren, die in irgend einem Zusammenhang mit Bildung stehen, von 10 Wissenschaftlern in 11 Monaten zusammentragen lassen. &bdquo;S&auml;mtliche Statistiken, die bis einschlie&szlig;lich September 2004 verf&uuml;gbaren waren&ldquo;, seien miteinander verglichen worden und mit den dabei gewonnenen Ergebnissen sollten &bdquo;Reformans&auml;tze und Impulse f&uuml;r die Bildungspolitik in den Bundesl&auml;ndern&ldquo; geliefert werden(Siehe Pressemitteilung der INSM 28\/04 vom 24.11.04 www.insm.de). <\/p><p>Der Bildungstest belege also &ndash; so wird behauptet &ndash; dass das &bdquo;Bildungssystem in Deutschland&ldquo; gemessen am &bdquo;Niveau international f&uuml;hrender Bildungsnationen &hellip;in einer schockierend armseligen Verfassung&ldquo; sei. Belege f&uuml;r diese Behauptung gibt es allerdings nicht. Die Studie zieht zwar f&uuml;r den Hochschulbereich immerhin 30 Statistiken heran, Zahlen, die einen internationalen Vergleich zulie&szlig;en, sucht man jedoch vergeblich. Warum die Hochschulen der Schlusslichter des Monitors &ndash; in Berlin, Bremen und in Sachsen-Anhalt &ndash; gemessen am internationalen Niveau &bdquo;in der Versenkung verschwinden&ldquo; sollten, bleibt das tiefe Geheimnis der Verfasser.<br>\nUm einen fairen Vergleich geht es ja auch gar nicht, es geht vor allem darum, Deutschland auf einem weiteren Feld, diesmal der Bildngspolitik schlecht zu reden. (Nur nebenbei bemerkt: Bei der Schulbildung gibt es neben den bekannten Sch&uuml;lervergleichstests, also Pisa und IGLU auch nichts Neues.) <\/p><p>Aber auch die Beziehung der unz&auml;hligen Zahlen zur Hochschulpolitik im Inland oder zu hochschulpolitischen Reformen in den einzelnen L&auml;ndern wird an keiner Stelle klar, noch wird dazu Erhellendes ausgef&uuml;hrt. Durch welche hochschulpolitischen Reformen die S&uuml;dl&auml;nder besser abschneiden sollen als andere, wie und weshalb sie ihre Mittel angeblich &bdquo;effizienter&ldquo; und &bdquo;zielgerichteter&ldquo; einsetzen sollen, all das bleibt v&ouml;llig im Vagen. Es scheint vor allem darum zu gehen, dass man den L&auml;ndern, die in der Spitze eingestuft werden, zutraut, eine solche Politik &ndash; die die Untersuchenden selbst f&uuml;r richtig halten &ndash; am besten auf den Weg gebracht zu haben.<br>\nMan k&ouml;nnte auch sagen, der Bildungsmonitor ist durch einen konservativen politischen &bdquo;Sympathie-Bias&ldquo; verzerrt. <\/p><p>(Das folgt dem gleichen Muster, nach dem die INSM kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen Georg Milbradt zum &bdquo;Ministerpr&auml;sidenten des Jahres&ldquo; gek&uuml;rt hat &ndash; allerdings ohne dass die erw&uuml;nschte Sympathiewerbung sich im Wahlergebnis niedergeschlagen h&auml;tte: Milbradt hatte bei den nachfolgenden Wahlen einen Einbruch und wurde bei der Wiederwahl zum Ministerpr&auml;sidenten selbst von eigenen Parteifreunden im Stich gelassen.) <\/p><p>Ob die &bdquo;Masse&ldquo; der herangezogenen Statistiken bewertende Aussagen &uuml;ber die &bdquo;Klasse&ldquo; der Bildungseinrichtungen und der Bildungsqualit&auml;t zul&auml;sst, ist jedenfalls bei einer ziemlich gro&szlig;en Anzahl der eingeflossenen Indikatoren h&ouml;chst zweifelhaft. Aber selbst wenn man einmal dieser &bdquo;Zahlenideologie&ldquo; folgt (der man wohl eine Immunisierungsabsicht unterstellen darf), dann stellt sich f&uuml;r den Hochschulbereich die Frage, warum Bayern eine Spitzennote erteilt wird, obwohl dieses Land bei fast allen Indikatoren, an denen sich der Ist-Bildungs-Zustand ablesen l&auml;sst, allenfalls durchschnittliche Werte erzielt. <\/p><p>(F&uuml;r den folgenden Absatz bitte ich die Leserinnen und Leser um Entschuldigung, aber um meine Kritik zu belegen, bleibt mir nichts anderes &uuml;brig als wenigstens einen Teil der Indikatoren aufzuz&auml;hlen.) <\/p><p>Bayern liegt allenfalls im Durchschnitt oder sogar im hinteren Mittelfeld etwa<\/p><ul>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Absolventen an der akademischen Bev&ouml;lkerung im Alter zwischen 15 und 65 Jahren&ldquo;,<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Hochschulabsolventen an der Bev&ouml;lkerung im Alter zwischen 25 und 40 Jahren&ldquo;,<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Absolventen in Ingenieurwissenschaften an allen Absolventen&ldquo;,<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Absolventen in Mathematik und Naturwissenschaften an allen Absolventen&ldquo;,<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Studierenden in Ingenieurwissenschaften an allen Studierenden&ldquo;,<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Studierenden in Mathematik und Naturwissenschaften an allen Studierenden&ldquo;,<\/li>\n<li>bei der &bdquo;Relation des Frauenanteils in Mathematik und Naturwissenschaften zum Anteil der Frauen an allen Studierenden&ldquo;, oder<\/li>\n<li>bei dem sonst f&uuml;r den Modernisierungsgrad so wichtig erachteten &bdquo;Anteil der Studienanf&auml;nger in Bachelor- Studieng&auml;ngen&ldquo; oder gar<\/li>\n<li>beim &bdquo;Anteil der Studierenden an der Bev&ouml;lkerung zwischen 18 und 40 Jahren&ldquo; &ndash; wo Bayern zur Schlussgruppe geh&ouml;rt.<\/li>\n<\/ul><p>Sind also gemessen an den vom IW selbst gesetzten Ma&szlig;st&auml;ben die Mittel in Bayern jedenfalls bis zum Zeitpunkt der Untersuchung tats&auml;chlich so &bdquo;effizient&ldquo; und &bdquo;zielgerichtet&ldquo; eingesetzt worden, dass dieses Land bei den doch sonst f&uuml;r die Zustands-&ldquo;Bewertung des Humankapitalniveaus&ldquo; so wichtig erachteten Bestandsgr&ouml;&szlig;en allenfalls mittlerer bis unterer Durchschnitt ist?<br>\nSo viel schlechter k&ouml;nnen andere Bundesl&auml;nder in ihrer Hochschulreformpolitik jedenfalls bis heute gar nicht gewesen sein &ndash; und dennoch hebt man Bayern in die Spitzengruppe. Noch mehr: In keinem einzigen der 30 f&uuml;r den Hochschulbereich angelegten Indikatoren nimmt Bayern die Spitze ein und auf wundersame Weise landet es weit vorne. <\/p><p>Ich will hier keinen Beweis f&uuml;hren, dass die anderen L&auml;nder besser sind, geschweige denn, dass Bayern schlechter ist &ndash; im Gegenteil, aber der Bildungstest der INSM ist ein typisches Beispiel nur die altbekannte Tatsache, dass bei Korrelationsbetrachtungen die Sinnhaftigkeit der Korrelationen und die Gewichtungsfaktoren oder &ndash; wie das IW das nennt &ndash; das &bdquo;Punktevergabeverfahren&ldquo; eine bestimmende Rolle spielen. Sie sind entscheidend f&uuml;r das Ergebnis &ndash; oder genauer gesagt: F&uuml;r das erw&uuml;nschte Ergebnis. <\/p><p>Man k&ouml;nnte auch sagen: Viel Aufwand um nichts. Oder besser: Eine aufw&auml;ndige wissenschaftliche Camouflage f&uuml;r politische Propaganda. <\/p><p>Denn um nicht viel mehr als um politische Propaganda geht es der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; auch bei ihrem &bdquo;Bildungstest&ldquo;: Sie malt von Deutschland eine Katastrophengem&auml;lde, sie versucht einen &bdquo;Reformstau&ldquo; zu suggerieren, sie sch&uuml;rt &Auml;ngste in der Bev&ouml;lkerung um eine rationale Debatte zu verhindern, sie versucht die Politik (diesmal vor allem in den L&auml;ndern) unter Druck zu setzen, um die eigenen neoliberalen Reformkonzepte als Weg aus der selbst inszenierten Misere aufzudr&auml;ngen und durchzusetzen. Es ist eine politische Propaganda nach Art des Kasperletheaters. Dort ist allerdings das Kasperle klug genug, um den Teufel zu &uuml;berlisten. In der politischen Wirklichkeit ging das Theater in den letzten Jahren leider meist anders aus. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.chancenfueralle.de\/Interaktiv\/Bildungsmonitor.html;jsessionid=74ED9C7DC1A0B00EA1C44E7E9FDA2FA2\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.chancenfueralle.de\/Interaktiv\/Bildungsmonitor.html;jsessionid=74ED9C7DC1A0B00EA1C44E7E9FDA2FA2\">INSM &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neoliberale Lobby macht auf dem Felde der Bildung mobil. Nach McKineys Studentenranking ver&ouml;ffentlichte wenige Tage danach, am 24.11.04, die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; ihren sog. &bdquo;Bildungstest&ldquo;. Das Ergebnis &uuml;berrascht nicht: Hier wie dort schneiden die S&uuml;dstaaten und CDU-regierte L&auml;nder am besten ab. 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