{"id":40639,"date":"2017-10-18T08:41:24","date_gmt":"2017-10-18T06:41:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40639"},"modified":"2026-01-27T11:24:03","modified_gmt":"2026-01-27T10:24:03","slug":"die-frage-der-ungleichheit-muss-stets-auf-der-tagesordnung-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40639","title":{"rendered":"\u201eDie Frage der Ungleichheit muss stets auf der Tagesordnung sein\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171018_per-molander_.jpg\" alt=\"Per Molander\" title=\"Per Molander\"><\/div><p>Woher kommt Ungleichheit? Und wie kann man sie in den Griff bekommen? Diesen Fragen geht der Mathematiker <strong>Per Molander<\/strong> in seinem aktuellen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-anatomie-der-ungleichheit\/\">Die Anatomie der Ungleichheit<\/a>&ldquo; nach. Im NachDenkSeiten-Interview erkl&auml;rt Molander, der sich f&uuml;r die schwedische Regierung an wohlfahrts- und haushaltspolitischen Reformprojekten beteiligt hat, wie soziale <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=132\">Ungleichheit<\/a> entsteht und zeigt auf, wie die unterschiedlichen politischen Ideologien mit ihr umgehen. &#8232;Den Sozialdemokraten stellt Molander kein gutes Zeugnis aus. &bdquo;Wir haben gesehen&ldquo;, so der Experte f&uuml;r Verteilungsfragen, &bdquo;wie sozialdemokratische Parteien die Politik des konservativen Lagers in manchen Gebieten akzeptiert oder sogar &uuml;bernommen haben.&ldquo;&#8232; Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5671\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-40639-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=40639-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"171018_Die_Frage_der_Ungleichheit_muss_auf_der_Tagesordnung_sein_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Molander, soziale Ungleichheit besteht, weil Menschen nun mal unterschiedliche F&auml;higkeiten haben und verschiedene Arbeitsleistungen erbringen. Ist mit diesen Gedanken auf den Punkt gebracht, warum es soziale Ungleichheit gibt? <\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nNein, die Unterschiede in Einkommen und Verm&ouml;gen sind zu gro&szlig;, um in dieser Weise erkl&auml;rt zu werden. Eine kleine Gruppe von den reichsten Menschen in der Welt besitzt ebenso viel als die &auml;rmere H&auml;lfte der Weltbev&ouml;lkerung, und so gro&szlig;e Unterschiede in Produktivit&auml;t sind &uuml;berhaupt nicht denkbar. Letzten Endes hat ein Tag nur 24 Stunden f&uuml;r uns alle.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Wie entsteht denn dann soziale Ungleichheit?<\/strong><\/p><p>Gesellschaftliche Prozesse als Verhandlungen oder Marktaustausch weisen einen selbstverst&auml;rkenden Effekt auf. Wenn zwei Parteien &uuml;ber einen Kuchen verhandeln sollen und beide Parteien gleich stark sind, dann bekommt jeder die H&auml;lfte. Aber wenn der eine st&auml;rker ist, bekommt er mehr als die H&auml;lfte, und wenn die Verhandlung sich wiederholt, wird dieser Effekt jedes Mal st&auml;rker.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Und dieses Prinzip gilt auch in einer Markt&ouml;konomie? <\/strong><\/p><p>Ja, man kann sich hypothetisch eine Gesellschaft vorstellen, wo alle Menschen dieselben F&auml;higkeiten und dieselbe Arbeitswilligkeit haben. Sie schaffen einen &Uuml;berschuss, den sie im Finanzmarkt investieren. Im ersten Jahr haben einige Gl&uuml;ck und andere Pech, sodass einige ein bisschen reicher und andere ein bisschen &auml;rmer als der Durchschnitt werden. Die Reichen k&ouml;nnen ein gr&ouml;&szlig;eres Risiko im Finanzmarkt eingehen und werden daf&uuml;r im zweiten Jahr mit einem h&ouml;heren Gewinn belohnt. So geht es weiter; man kann zeigen, dass in dieser theoretischen Gesellschaft ein einziger Mensch langfristig das ganze Verm&ouml;gen besitzen wird.<br>\nKurzum: Es gibt ein egalit&auml;res Gleichgewicht, aber es ist nicht stabil. Es gibt keinen Mechanismus, der die Gesellschaft zu diesem Gleichgewicht zur&uuml;ckf&uuml;hrt. In wirklichen Gesellschaften gibt es nat&uuml;rlich Unterschiede zwischen den Menschen, aber wegen der Instabilit&auml;t stehen Unterschiede bez&uuml;glich Einkommen und Verm&ouml;gen nicht in angemessenem Verh&auml;ltnis zu Unterschieden in F&auml;higkeiten oder Arbeitswilligkeit.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Sie gehen in Ihrem Buch auf drei gro&szlig;e Ideologien im Zusammenhang mit Ungleichheit ein. Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus. Was ist Ihnen denn im Liberalismus besonders aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Die Liberalen erkennen im Allgemeinen die Ungleichheit als ein legitimes politisches Problem an, aber sie haben ein allzu optimistisches Bild dieses Problems, weil sie glauben, dass alle Unterschiede in Einkommen oder Status, die wir in wirklichen Gesellschaften finden, Unterschiede in F&auml;higkeiten oder Arbeitswilligkeit widerspiegeln. Ich habe gezeigt, dass das nicht der Fall ist.<\/p><p><strong>Was noch?<\/strong><\/p><p>Weil die Liberalen eine falsche Vorstellung des Ursprungs der Unterschiede haben, untersch&auml;tzen sie auch den Bedarf politischer Eingriffe im sozialen Geschehen. Man muss die Voraussetzungen ausgleichen, um jedem Kind dieselben Lebenschancen zu erm&ouml;glichen, vor allem mithilfe des Ausbildungssystems, aber das ist nicht genug. Wegen des selbstverst&auml;rkenden Effekts und der Instabilit&auml;t der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse muss man auch die Ergebnisse ausgleichen &ndash; mithilfe Einkommensteuer, Erbschaftssteuer und Transfersysteme. In Ermangelung solcher Ma&szlig;nahmen werden die Voraussetzungen langfristig auch nicht gleich sein.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit dem Konservatismus aus?<\/strong><\/p><p>Das konservative Lager m&ouml;chte am liebsten die Frage von der politischen Tagesordnung entfernen. <\/p><p><strong>Werfen wir einen Blick auf die Sozialdemokratie.<\/strong><\/p><p>Die klassische Sozialdemokratie hat ein richtiges Bild des Problems und hat auch die Forderung nach gleichen Voraussetzungen am ehesten ernstgenommen, besonders mittels einer allgemeinen und kostenlosen Ausbildung, aber auch mithilfe einer Reihe von anderen Ma&szlig;nahmen &ndash; Gesundheitswesen, Steuer- und Transfersystemen usw.<\/p><p><strong>Wo liegen hier noch Probleme?<\/strong><\/p><p>Die klassische Umverteilungspolitik der Sozialdemokratie ist in Zeiten internationalisierter M&auml;rkte in vielerlei Hinsicht schwieriger geworden, da die Konzertierung von Gesetzgebung und Gewerkschaften &uuml;ber die Grenzen kompliziert und das Kapital weitaus flexibler ist. Gewisse traditionelle Instrumente der Ausgleichspolitik sind also heute schw&auml;cher. Wenn man sich zu denselben politischen Idealen wie zuvor bekennt, sollte man in der sozialdemokratischen Bewegung mit den anderen Instrumenten, &uuml;ber die man noch verf&uuml;gt &ndash; Bildungspolitik, Sozialversicherungen, Einkommensteuer &ndash; intensiver arbeiten. Das Gegenteil aber ist der Fall. Wir haben gesehen, wie sozialdemokratische Parteien die Politik des konservativen Lagers in manchen Gebieten akzeptiert oder sogar &uuml;bernommen haben.<\/p><p><strong>Was sind Ihre Schlussfolgerungen? <\/strong><\/p><p>Die Risse und die Spalten des <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/blog\/der-langsame-abschied-vom-schwedischen-%E2%80%9Evolksheim%E2%80%9C\">Volksheims<\/a> m&uuml;ssen restauriert werden. Insbesondere das Bildungssystem muss gest&auml;rkt werden, um damit Gruppen, die einen schwachen sozio&ouml;konomischen Hintergrund haben, Perspektiven f&uuml;r die Zukunft zu erm&ouml;glichen. Nur auf der Basis einer deutlich formulierten Linksalternative mit einer solchen allgemeinen Ausrichtung ist es m&ouml;glich, die politische Unterst&uuml;tzung von marginalisierten Gruppen wiederzugewinnen und den Populismus in die Schranken zu weisen.&#8232;&#8232;<\/p><p><strong>Was konkret kann unternommen werden, um Ungleichheit entgegenzutreten? <\/strong><\/p><p>Es gibt keine einfache L&ouml;sung und keine einzige Ma&szlig;nahme. Man braucht einen Staat, und dazu einen reichhaltigen Werkzeugkasten, der Instrumente f&uuml;r die Ausgleichung sowohl von M&ouml;glichkeiten als auch von Ergebnissen enth&auml;lt. In der ersten Kategorie ist Ausbildung das wichtigste Werkzeug, in der zweiten Gesundheitswesen, Sozialversicherungen, Steuer- und Transferleistungen. <\/p><p><strong>Wie sieht es denn mit Deutschland aus? Was l&auml;uft hier falsch?<\/strong><\/p><p>Mit der deutschen &Ouml;konomie steht es gut, aber ein positives allgemeines Bild ist keine Garantie daf&uuml;r, dass es allen Menschen gut geht. Die Frage der Ungleichheit muss stets auf der Tagesordnung sein, damit die Fr&uuml;chte des &ouml;konomischen Wachstums in angemessenem Ma&szlig;e verteilt werden. Das ist f&uuml;r das Niveau des Vertrauens in der Gesellschaft entscheidend.<\/p><p><em>Leseempfehlung: Per Molander. <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-anatomie-der-ungleichheit\/\">Die Anatomie der Ungleichheit<\/a>. Woher sie kommt und wie wir sie beherrschen k&ouml;nnen. Westend Verlag.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171018_per-molander_.jpg\" alt=\"Per Molander\" title=\"Per Molander\"\/><\/div>\n<p>Woher kommt Ungleichheit? Und wie kann man sie in den Griff bekommen? Diesen Fragen geht der Mathematiker <strong>Per Molander<\/strong> in seinem aktuellen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-anatomie-der-ungleichheit\/\">Die Anatomie der Ungleichheit<\/a>&ldquo; nach. Im NachDenkSeiten-Interview erkl&auml;rt Molander, der sich f&uuml;r die schwedische Regierung an wohlfahrts- und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40639\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,201,209,146,132],"tags":[427,535,2191,687,291],"class_list":["post-40639","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-ideologiekritik","category-interviews","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-einkommensteuer","tag-erbschaftsteuer","tag-molander-per","tag-ungleichheit","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40639"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89414,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40639\/revisions\/89414"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40639"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}