{"id":4064,"date":"2009-07-14T08:55:07","date_gmt":"2009-07-14T06:55:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4064"},"modified":"2014-01-27T11:56:59","modified_gmt":"2014-01-27T10:56:59","slug":"der-staat-foerdert-studierende-aus-armen-und-reichen-haushalten-fast-gleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4064","title":{"rendered":"Der Staat f\u00f6rdert Studierende aus armen und reichen Haushalten fast gleich"},"content":{"rendered":"<p>In kaum einem anderen Land auf der Welt ist die Studienfinanzierung so vielf&auml;ltig und un&uuml;bersichtlich wie in Deutschland. In einem Vergleich zwischen Tschechien, England, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und Deutschland stellte ein internationales Forscher-Konsortium unter der <a href=\"http:\/\/www.his.de\/pdf\/pub_fh\/fh-200805.pdf\">Beteiligung der HIS GmbH [PDF &ndash; 1.6 MB]<\/a> fest, dass bei uns die staatliche Unterst&uuml;tzung der Studierenden aus einkommensstarken Familien (&uuml;ber 64.000 Euro p.a.) in H&ouml;he von 5.135 Euro pro Jahr &uuml;ber indirekte Leistungen z.B. in Form von Steuererleichterungen nahezu gleich hoch ist, wie die Unterst&uuml;tzung von Studierenden in H&ouml;he von 5.720 Euro pro Jahr aus einkommensschwachen Familien (bis knapp 31.000 Euro p.a.) durch indirekte zuz&uuml;glich direkter Leistungen z.B. durch das Baf&ouml;g.<br>\nNoch geringer sind die Unterschiede bei den staatlichen Verg&uuml;nstigungen f&uuml;r Studierenden, die bei ihren Eltern wohnen, n&auml;mlich 4.523 Euro pro Jahr bei einkommensstarken Haushalten gegen&uuml;ber 4.669 Euro pro Jahr in der unteren Einkommensstufe.<br>\nIn Deutschland werden &uuml;berwiegend die Eltern gef&ouml;rdert und nicht die Studierenden unmittelbar.<br>\nW&uuml;rde man die direkten und indirekten Unterst&uuml;tzungsleistungen zusammenfassen, dann k&ouml;nnte man damit auch eine elternunabh&auml;ngige F&ouml;rderung der Studierenden &ndash; wie etwa in Finnland &ndash; finanzieren. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Das studierende Kind eines Staatssekret&auml;rs ist dem Staat mehr wert, als das studierende Kind eines Arbeiters. Mit dieser provokanten These habe ich, als ich noch Staatssekret&auml;r war, f&uuml;r ein elternunabh&auml;ngiges Studiengeld geworben. Wir hatten sogar den als &auml;u&szlig;erst sparsam bekannten damaligen Finanzminister Heinz Schleu&szlig;er &uuml;berzeugen k&ouml;nnen. Er lie&szlig; unser Modell durchrechnen und best&auml;tigte, dass wir zum damaligen Zeitpunkt (Ende der 90er Jahre) kostenneutral jedem Studierenden ein Studiengeld von etwa 400 DM h&auml;tten auszahlen k&ouml;nnen, wenn Kindergeld, Steuerfreibetr&auml;ge, sonstige familienbezogene Leistungen und das Geld f&uuml;rs Baf&ouml;g zusammengezogen w&uuml;rden und direkt an die Studierenden ausbezahlt w&uuml;rden. Die nordrhein-westf&auml;lische Initiative ist in der Ministerpr&auml;sidentenkonferenz gescheitert.<\/p><p>Inzwischen ist die Idee einer elternunabh&auml;ngigen Studienf&ouml;rderung vom Leitbild, dass das Studium eine Investition in das private Humankapital sei, &uuml;berlagert worden.<\/p><p>Eine schon im letzten Jahr ver&ouml;ffentlichte Studie von der Hochschul Informations System GmbH (HIS) hat unsere damaligen Befunde best&auml;tigt.<\/p><p>In Deutschland gibt es eine nahezu un&uuml;berschaubare Zahl von Beihilfen, Zusch&uuml;ssen oder Steuererleichterungen, die auf den Status eines Studierenden bezogen sind. Die Studie z&auml;hlt &ndash; ohne den Anspruch auf eine abschlie&szlig;ende Auflistung zu erheben &ndash; 28 Posten auf. Von den Stipendien, die unmittelbar an die Studierenden (abh&auml;ngig vom elterlichen Einkommen oder eben Begabten-Stipendien, die aber &uuml;berwiegend an studierende Kinder von Bessergestellten gehen) &uuml;ber Beihilfen zur Krankenversicherung, dem Kindergeld bis zu den Kinder-, Unterhalts- oder Ausbildungsfreibetr&auml;gen (f&uuml;r nicht zu Hause wohnende Studierende), die steuerlich geltend gemacht werden k&ouml;nnen. (Seite 68f.)<\/p><p>Rund sieben Milliarden Euro j&auml;hrlich an staatlicher Unterst&uuml;tzung gehen an die Familien, rund zehn Milliarden Euro gibt der Staat f&uuml;r die Hochschullehre aus. Das ist ein Verh&auml;ltnis von 42 Prozent f&uuml;r familienbezogene F&ouml;rderma&szlig;nahmen zu 58 Prozent f&uuml;r die Lehre.<\/p><p>Jeden Studierenden f&ouml;rdert der Staat mit durchschnittlich &uuml;ber 5000 Euro pro Jahr. Dabei unterscheidet sich die &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung von Studierenden aus einkommensstarken und einkommensschwachen Haushalten &ndash; wie oben dargestellt &ndash; nur wenig:  &bdquo;When other public subsidies, too, are put in relation to students&rsquo; income, though, it becomes clear that, relatively speaking, the share of public subsidies in their income (including hidden income in the form of direct non-cash support) is almost the same for all students.&rdquo; (Seite 79)<\/p><p>W&auml;hrend der Anteil der staatlichen F&ouml;rderung bei Haushalten mit niedrigem Einkommen f&uuml;r die gesamten Kosten eines Studiums 56% (bei zu Hause wohnenden und 55% bei ausw&auml;rts Studierenden) ausmacht, liegt der Anteil der staatlichen Verg&uuml;nstigungen bei den hohen Einkommensbeziehern bei 54% (bzw. 47% bei ausw&auml;rts Studierenden). <\/p><p>Dies ist f&uuml;r Viele ein erstaunlicher Befund und das sollte vor allem auch deutlich machen, dass das Baf&ouml;g, das nur 42 % der gesamten Unterst&uuml;tzungsleistungen an die Familien ausmacht,  keineswegs eine soziale Ausgleichsfunktion hat oder gar &ndash; so unerl&auml;sslich dieses Teil-Stipendium f&uuml;r Studierende aus gering verdienenden Haushalten auch ist &ndash;  eine besondere F&ouml;rderungsma&szlig;nahme zur Erreichung von Chancengleichheit darstellt. Es sei sehr schwierig einen klaren Steuerungseffekt auszumachen, hei&szlig;t es in der Studie (Seite 72). Jedenfalls werde in der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung die Summe aller anderen, weniger offensichtlichen Formen der Unterst&uuml;tzung sehr untersch&auml;tzt (Seite 70).<\/p><p>Im &Uuml;brigen sei die letzte Baf&ouml;g-Erh&ouml;hung durch die Reform des Kindergeldes mit einer Herabsetzung der Bezugsdauer vom 27. auf das 25. Lebensjahr gr&uuml;ndlich konterkariert worden (Seite 72).<\/p><p>Im Hinblick auf die allgemeine Auffassung, dass es n&ouml;tig ist, mehr Studierende von sozio-&ouml;konomisch benachteiligten Schichten zu mobilisieren, stelle sich die Frage, ob der vorhandene Mix von indirekten und zielgerichteten Unterst&uuml;tzungen angemessen ist, dieses Ziel zu erreichen, res&uuml;miert die Studie. Und weil indirekte Unterst&uuml;tzung in Form von Steuererleichterungen diejenigen Studierenden bevorzugt, deren Eltern ein hohes Einkommen haben, stelle sich die Frage, ob diese Art der Unterst&uuml;tzung wirklich angemessen ist (S. 79f.)<\/p><p>Im Vergleich zu allen anderen L&auml;ndern, die in die Studie einbezogen wurden, liegt der Anteil an F&ouml;rderma&szlig;nahmen, die nicht auf die Studierenden selbst, sondern auf ihre Eltern ausgerichtet sind, weitaus am h&ouml;chsten. <\/p><p>Es stellt sich die Frage, ob es heutzutage noch angemessen ist, dass erwachsene Studierende bis zum 26. Lebensjahr oder gar noch l&auml;nger, w&auml;hrend ihres Studiums finanziell &uuml;berwiegend von den Eltern abh&auml;ngig sein sollten und der Staat ihre F&ouml;rderung haupts&auml;chlich &uuml;ber die Familie leistet.<\/p><p>W&uuml;rde man s&auml;mtliche staatlichen St&uuml;tzen f&uuml;r Studierende (bzw. f&uuml;r die Familien von Studierenden) zusammenfassen, k&ouml;nnte jedem einzelnen ein j&auml;hrliches Studienentgelt von etwa 5.000 Euro gew&auml;hrt werden. (Siehe: <a href=\"http:\/\/www.bafoeg-rechner.de\/Hintergrund\/bafoeg-alternativen.php\">Alternative Modelle der Studienfinanzierung<\/a>)<\/p><p>Sicherlich wird man nicht alle staatlichen Subventionen erfassen k&ouml;nnen. Die Krankenversicherung etwa, die allein 11% der &ouml;ffentlichen Beihilfen ausmacht, oder die Rentenanwartschaften sollten nach wie vor staatlich gef&ouml;rdert werden. Aber wenn man ein Studienentgelt ein St&uuml;ck weit gestaffelt nach dem elterlichen Einkommen ausbezahlen w&uuml;rde, w&auml;re dies sogar weitgehend kostenneutral machbar und w&uuml;rde die Unabh&auml;ngigkeit von (erwachsenen) Studierenden und vor allem die Chancengleichheit deutlich vergr&ouml;&szlig;ern. Andere L&auml;nder machen das vor. In Finnland, wird ab dem 17. Lebensjahr ein Bildungsgeld in H&ouml;he von ca. 260 Euro an alle Studierende gezahlt. Inklusive eines Wohnungszuschusses und einem g&uuml;nstigen Bildungskredit kann sich die maximale <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/finnland.php\">Unterst&uuml;tzung auf rd. 760 Euro erh&ouml;hen<\/a>.<br>\nDie Fakten sprechen f&uuml;r sich: In Finnland ist nicht nur die Studierneigung insgesamt viel h&ouml;her, die Studienbeteiligung von Arbeiterkindern ist sogar doppelt so hoch wie bei uns.<\/p><p><strong>P.s.:<\/strong>Die Studie r&auml;umt &uuml;brigens auch gr&uuml;ndlich mit dem Vorurteil auf, ein Studium sei &bdquo;kostenlos&ldquo;. Bezogen auf die gesamten Kosten  f&uuml;r das Studieren setzt der Staat knapp 17 Milliarden Euro oder 56 % der Kosten ein und die Gesamtausgaben f&uuml;r die privaten Haushalte (vor allem f&uuml;r den Lebensunterhalt) liegen abz&uuml;glich der direkten (vom Staat finanzierten) Beitr&auml;ge bei &uuml;ber 13 Milliarden Euro oder 44%. Dabei sind die Opportunit&auml;tskosten, also ein ggf. entgangener Lohn w&auml;hrend der Zeit des Studiums noch nicht einmal einkalkuliert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In kaum einem anderen Land auf der Welt ist die Studienfinanzierung so vielf&auml;ltig und un&uuml;bersichtlich wie in Deutschland. In einem Vergleich zwischen Tschechien, England, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und Deutschland stellte ein internationales Forscher-Konsortium unter der <a href=\"http:\/\/www.his.de\/pdf\/pub_fh\/fh-200805.pdf\">Beteiligung der HIS GmbH [PDF &ndash; 1.6 MB]<\/a> fest, dass bei uns die staatliche Unterst&uuml;tzung der Studierenden aus<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4064\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[524,523,408,234],"class_list":["post-4064","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-bafoeg","tag-his","tag-soziale-herkunft","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4064"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20296,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4064\/revisions\/20296"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}