{"id":40663,"date":"2017-10-19T09:04:36","date_gmt":"2017-10-19T07:04:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40663"},"modified":"2017-10-19T11:56:22","modified_gmt":"2017-10-19T09:56:22","slug":"weshalb-die-rechten-und-viele-der-linken-nicht-verstehen-oder-nicht-verstehen-wollen-was-in-katalonien-geschieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40663","title":{"rendered":"Weshalb die Rechten und viele der Linken nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, was in Katalonien geschieht"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171019-verstehen-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Einer der Gr&uuml;nde, die in den Kreisen des politisch-medialen Establishments in Spanien zirkulieren, um das Anwachsen der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung in Katalonien zu erkl&auml;ren, ist, dass die Mehrheit der katalanischen Bev&ouml;lkerung w&auml;hrend der meisten Zeit der nationalistischen Regierungen in Katalonien einer best&auml;ndigen Gehirnw&auml;sche unterzogen worden ist, woraus ihr Wunsch einer Trennung von Spanien resultiert, ein Wunsch, der somit ein Ergebnis einer anti-spanischen Indoktrinierung w&auml;re. Solche Stimmen hat es gegeben, vornehmlich seitens der katalanischen konservativen und\/oder neoliberalen Rechten, die einer Wahrnehmung Vorschub geleistet haben, wie sie sich in Slogans &agrave; la &lsquo;Spanien raubt uns aus&rsquo; manifestiert, und womit sie zu einer solchen Sicht im restlichen Spanien auf die Geschehnisse in Katalonien beigetragen haben. Die &Auml;u&szlig;erungen im Programm La Sexta Noche [mehrst&uuml;ndige &lsquo;Politshow&rsquo; im Fernsehen, jeden Samstag zur besten Sendezeit] des ehemaligen Pr&auml;sidenten von Castilla-La Mancha, und Verteidigungsministers der PSOE-Regierung (von Pr&auml;sident Zapatero), Jos&eacute; Bono, sind ein klarer Fall dieses vorherrschenden Denkens, das die Vorg&auml;nge in Katalonien auf Manipulationen des &ouml;ffentlichen Mediensystems sowie der Institutionen zur Vermittlung kultureller Werte durch die Regierungsparteien der Generalitat in Katalonien zur&uuml;ckf&uuml;hrt. Von <strong><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Vicen%C3%A7_Navarro\">Vicen&ccedil; Navarro<\/a><\/strong>. Aus dem <a href=\"http:\/\/blogs.publico.es\/vicenc-navarro\/2017\/10\/18\/por-que-las-derechas-y-muchas-izquierdas-espanolas-no-entienden-o-no-quieren-entender-lo-que-pasa-en-catalunya\/\">Spanischen<\/a> von <strong>Em D. Ell<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nOhne die Instrumentalisierung dieser Medien durch die Regierungen Pujol, Mas und Puigdemont (die ich ausgiebig kritisiert habe) im Geringsten in Abrede zu stellen, und die sich sogar mit gr&ouml;&szlig;erer Intensit&auml;t in anderen autonomen Regionen Spaniens ereignen (wo die Medien ebenfalls von den Regierungsparteien instrumentalisiert werden), reicht allein diese Tatsache nicht aus, um den zunehmenden Wunsch gro&szlig;er Teile der katalanischen Bev&ouml;lkerung nach einer Trennung von Spanien zu erkl&auml;ren. Die besagte Manipulation der Medien durch die nationalistischen Regierungen Kataloniens ist w&auml;hrend mehr als drei&szlig;ig Jahren eine Konstante gewesen, wohingegen die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung erst in j&uuml;ngster Zeit, zudem in derartiger Geschwindigkeit, zugenommen hat, und zwar ganz besonders nach der Ablehnung seitens des spanischen Verfassungsgerichts von wesentlichen Teilen der von der katalanischen Regierung des Tripartito [Dreiparteienb&uuml;ndnis] unter dem Sozialisten Pasqual Maragall vorgeschlagenen Reform der Regionalverfassung (w&auml;hrend der wenigen Jahre einer linken Regierung in Katalonien), die vom katalanischen und vom spanischen Parlament sowie sp&auml;ter in einer Volksabstimmung in Katalonien angenommen wurde.<\/p><p><strong>Die wahren Gr&uuml;nde f&uuml;r die Zunahme der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung: der einseitige Nationalismus des bourbonischen spanischen Staates und des politisch-medialen Establishments in Spanien<\/strong><\/p><p>Die Tatsache, dass die Rechten und etliche der spanischen Linken die Verantwortung f&uuml;r diese Zunahme der Informations- und Erziehungspolitik der katalanischen Regierung zuschreiben, verdankt sich ihrem Wunsch, jegliche Verantwortung seitens des spanischen Staates f&uuml;r die Zunahme der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung zu verneinen, was wiederum genau den ma&szlig;geblichen Grund f&uuml;r den Wunsch weiter Teile der Bev&ouml;lkerung Kataloniens nach einer Trennung von Spanien ausmacht. Der Grund f&uuml;r diese Zunahme findet sich nicht in Katalonien, sondern vornehmlich in der Politik des spanischen Zentralstaates mit Sitz in der Hauptstadt des K&ouml;nigreichs (die kaum etwas mit dem Madrid des normalen Volkes zu tun hat), dem Zentrum des spanischen Nationalismus, der die erste und wichtigste Ursache f&uuml;r diese Zunahme ist. Es sollte klar sein, dass man zum Verstehen dessen, was in Katalonien geschieht, die verborgene Vergangenheit (vors&auml;tzlicherweise verborgen &ndash; bzw. nicht Teil &ndash; in der offiziellen Geschichtsschreibung Spaniens) sowie die verzerrte Darstellung des Zeitgeschehens seitens des politisch-medialen Establishments &ndash; f&uuml;r das Jos&eacute; Bono repr&auml;sentativ ist &ndash; kennen muss. Dieser Nationalismus, dessen maximaler Ausdruck die 40j&auml;hrige Franco-Diktatur war und dessen Kultur w&auml;hrend der ihr nachfolgenden Demokratie weiter bestanden hat, lebt fort als Folge dessen, dass die (unzutreffenderweise als &lsquo;vorbildlich&rsquo; genannte) Transici&oacute;n [&lsquo;Der &Uuml;bergang&rsquo; &ndash; feststehender Begriff in Spanien] von der Diktatur zur Demokratie kein Bruch mit dem bisherigen Staat war, sondern eine &Ouml;ffnung zur Integration von demokratischen Elementen, die einen Beitritt zur Europ&auml;ischen Union erlaubten, die jedoch unvollst&auml;ndig waren, um die in Spanien existierende Demokratie an jene der Mehrzahl der &uuml;brigen L&auml;nder dieser Staatengemeinschaft anzugleichen.<\/p><p><strong>Der einseitige spanische Nationalismus, der sich nicht als solcher definiert<\/strong><\/p><p>Der spanische Staat ist immer das wichtigste Werkzeug dieses spanischen Nationalismus gewesen, angef&uuml;hrt von der bourbonischen Monarchie. Diese einseitig nationale Sicht herrscht auch unter den spanischen Intellektuellen vor. Und sie ist derma&szlig;en m&auml;chtig und verbreitet, dass deren Autoren sich ihrer nicht einmal bewusst sind. Es ist ein Kennzeichen vorherrschender diskriminierender Diskurse, dass diejenigen, die sie reproduzieren, es &uuml;berhaupt nicht bemerken. Wie beispielsweise die in der Kultur des Machismus benutzte Sprache von denen, die sie benutzen, nicht als solche erkannt wird, ja sie sich dessen nicht einmal bewusst sind. Solche Begriffe sind derart im vorherrschenden Sprechen und Denken verankert, dass sie nicht im Geringsten als ideologisch gelten: sie gelten als neutrale Sprache, als rational und\/oder logisch bzw. selbstverst&auml;ndlich. Der Begriff &lsquo;Nationalismus&rsquo; wird benutzt zur Definition der Nationalismen der Peripherie als katalanisch, baskisch oder galizisch. Doch niemals zur Definition des spanischen Nationalismus. Einen Vargas Llosa oder Fernando Sabater oder Jos&eacute; Bono sagen zu h&ouml;ren, die Nationalismen seien sch&auml;dlich und als solche nur die der Peripherie zu verstehen, ohne anzuerkennen, dass sie ihrerseits zutiefst nationalistisch sind und ihren Nationalismus allen anderen &uuml;berst&uuml;lpen, ist charakteristisch f&uuml;r das, was heute in Spanien geschieht. Sie alle haben Artikel ver&ouml;ffentlicht und &Auml;u&szlig;erungen get&auml;tigt, in denen sie die Nationalismen der Peripherie d&auml;monisieren, mit den typischen Argumenten des spanischen Nationalismus, der Betonung der alleinigen spanischen Nationalit&auml;t, verbreitet &uuml;ber El Pa&iacute;s und andere Medien des politisch-medialen Establishments des bourbonischen Staates.<\/p><p>Dieser einseitige Nationalismus wurde mit Blut und Feuer in Katalonien w&auml;hrend des B&uuml;rgerkriegs durchgesetzt. Man will beispielsweise nicht anerkennen, dass die katalanische Sprache unter den Besatzern in Katalonien verboten war (sie war lediglich geduldet im famili&auml;ren Umfeld), und es lediglich erlaubt war, &lsquo;Die Sprache des Reiches&rsquo; zu sprechen, als welches man das Kastilische definierte. Der Faschismus, h&ouml;chster Ausdruck dieses spanischen Nationalismus, bedeutete nicht nur die Unterdr&uuml;ckung der sozialen Klassen, sondern auch die der Nation. Diesen letzten Punkt erkennt man weder an, noch l&auml;sst man ihn zu. Man vergisst vors&auml;tzlicherweise die enorme Brutalit&auml;t, die sogar F&uuml;hrer des deutschen Nazismus und italienischen Faschismus w&auml;hrend ihres Aufenthaltes in Barcelona zu Zeiten der Besatzung &uuml;berraschte (vgl. Kapitel X, &ldquo;La llarga nit del franquisme&rdquo;, en Josep Fontana, La formaci&oacute; d&rsquo;una identitat. Una historia de Catalunya). Der Terror war eine Taktik der Putschisten, die in ein republikanisch demokratisches System einbrachen, denn die Besatzungskr&auml;fte waren sich dessen wohl bewusst, dass sie die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung gegen sich hatten. (Vgl. &ldquo;Una breve historia personal de nuestro pa&iacute;s&rdquo; en <a href=\"http:\/\/www.vnavarro.org\/\">vnavarro.org<\/a>, 26.09.17)<\/p><p><strong>Die Durchsetzung des einseitigen spanischen Nationalismus<\/strong><\/p><p>In Katalonien gab es einen Versuch kulturellen Genozids, eine weitgehend unbekannte Tatsache, ignoriert, verborgen oder verneint seitens des spanischen Nationalismus. Es gab eine brutale Unterdr&uuml;ckung, zus&auml;tzlich zum in ganz Spanien verbreiteten Terror, durchgesetzt von der Oligarchie und den Eliten der Machtstruktur gegen die Mehrheit der Volksklassen, einen Terror durch die selben Minderheiten, die gegen die katalanische Kultur vorgingen. Hier liegt der Grund, weshalb die katalanischen Linken immer den Kampf f&uuml;r die Befreiung der Volksklassen als identisch mit dem f&uuml;r die katalanische Nation ansahen, eine Tatsache, die sogar der rechte katalanische Nationalismus unter der F&uuml;hrung von Pujol anerkennen musste.<\/p><p>In Spanien erkl&auml;rt der gro&szlig;e Einfluss des spanischen Nationalismus, dass jegliche Verteidigung der katalanischen Identit&auml;t und der nationalen Vielfalt des Staates immer als Sezessionismus angesehen wird. Die Marginalisierung von Pasqual Maragall, sozialistischer Pr&auml;sident der Generalitat Kataloniens, durch Teile der Parteif&uuml;hrung der PSOE w&auml;hrend der Regierung von Zapatero und seiner Mannschaft, inklusive seines Verteidigungsministers, Jos&eacute; Bono, die dem Versuch Maragalls der rechtlichen nationalen Wiederanerkennung Kataloniens geschuldet war, illustriert diesen Einfluss. Der Verteidigungsminister Bono bezichtigte ihn der Sympathien f&uuml;r die Sezessionisten. In Wirklichkeit entsprach diese Anerkennung Kataloniens niemals sezessionistischer Zielsetzung. Es war eine zutiefst solidarische Anerkennung, auf Grundlage der Vision nationaler Vielfalt, mit einem klaren Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit und Demokratie f&uuml;r ganz Spanien. Es war Pr&auml;sident Companys (der zudem Direktor einer Zeitschrift namens &lsquo;Neues Spanien&rsquo; war), der als Sezessionist durch die &lsquo;Nationalen Truppen&rsquo; der Putschisten hingerichtet wurde. Companys hatte alle progressiven Kr&auml;fte Spaniens (unter denen er au&szlig;erordentlich popul&auml;r war) eingeladen, ihre Basis in Katalonien zu errichten, um der Situation, die Spanien durchlitt, widerstehen zu k&ouml;nnen. Die Unabh&auml;ngigkeitsbewegung in Katalonien ist nur in dem Ma&szlig;e gewachsen, wie der spanische Staat die nationale Vielfalt nicht akzeptiert hat. Die aktuelle Situation ist ein Beispiel daf&uuml;r.<\/p><p><strong>Die bourbonischen Symbole sind in Katalonien nie popul&auml;r gewesen<\/strong><\/p><p>Die enorme Brutalit&auml;t, mit der der spanische Nationalismus sich in Katalonien durchsetzte, erkl&auml;rt beispielsweise auch, dass die bourbonische spanische Flagge, als h&ouml;chster Ausdruck dieses Nationalismus, in dieser Region nie besonders beliebt gewesen ist. Eine Tatsache, die b&ouml;sartigerweise vom spanischen Nationalismus als Ausdruck anti-spanischer Einstellungen dargestellt wird, eine Einstellung, die es so in Katalonien nicht gibt. Man darf nicht vergessen, dass die Truppen der Putschisten, die sich selbst als &lsquo;Nationalisten&rsquo; bezeichneten (und sich durch enorme Brutalit&auml;t und Unterdr&uuml;ckung auszeichneten), Katalonien mit dem Hissen der bourbonischen Fahne und dem Abspielen des K&ouml;niglichen Marsches als Nationalhymne besetzten. Wie kommt also das politisch-mediale Establishment auf die Idee zu glauben, solche Symbole seien in Katalonien popul&auml;r? Merken sie nicht, dass die Leute ein Ged&auml;chtnis haben? In Katalonien war die bourbonische Flagge Spaniens nur in den wohlhabenden Gebieten beliebt, in denen diese Fahne jene repr&auml;sentierte, die ihre Rechte zur&uuml;ckerlangt hatten. Nicht so in den Stra&szlig;en der einfachen Leute, in denen die spanische Fahne die der Republik war, der Fahne, die die Soldaten, die das demokratische System an der Front verteidigten, zusammen mit der katalanischen Flagge trugen. Tausende Katalanen haben in ihrem Grab die Fahnen Kataloniens und Spaniens, die emotionell die der Republik war, und es noch immer ist.<\/p><p>Und so ist es besonders bemerkenswert, dass auf den letzten Demonstrationen, wie der vom 3. Oktober, neben vielen Fahnen der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung [La Estalada] viele derjenigen, die sich als Spanier, jedoch ebenso als Gegner des bourbonischen spanischen Staats empfinden, die Fahne der Republik trugen (neben der katalanischen Flagge, La Senyera). F&uuml;r die katalanische Bev&ouml;lkerung mit historischer Erinnerung ist die Fahne Spaniens die der Republik, die Fahne, unter der sie f&uuml;r ein anderes Spanien gek&auml;mpft hatten. Es ist ein Zeichen der Niedertracht sowie des Fanatismus des spanischen Nationalismus, dass w&auml;hrend des Gedenkens an diejenigen, die f&uuml;r die Republik k&auml;mpften, Jos&eacute; Bono als damaliger Pr&auml;sident des spanischen Parlaments, das Tragen dieser Fahne untersagte. Ein weiteres Zeichen f&uuml;r das moralische Niveau dieser Pers&ouml;nlichkeit ist die manipulative Kommentierung in einem Interview mit dem Kanal La Sexta von Jahre zur&uuml;ckliegenden Aussagen Pablo Iglesias&lsquo; [Vorsitzender von UnidosPodemos], in denen dieser davon sprach, sich nicht von der bourbonischen Fahne Spaniens repr&auml;sentiert zu f&uuml;hlen, was Herr Bono mit den Worten kommentierte, dass er offensichtlich die Fahne Afghanistans bevorzuge (ja, er sagte Afghanistan, nicht Venezuela, das hatte er seinerzeit noch nicht auf dem Schirm). Offenbar fiel Herrn Bono nicht ein, dass tausende Spanier, anderer famili&auml;rer Herkunft als seiner eigenen (er stammt aus einer Familie der Franco-Anh&auml;nger), emotionell mit der Fahne der Republik verbunden sind. Tats&auml;chlich w&auml;re zu w&uuml;nschen, dass in dem Ma&szlig;e, in dem sich eine weitere Ablehnung der Monarchie durchsetzt, Symbole der Republik benutzt werden.<\/p><p><strong>Die Kritik einer vermeintlichen Opferhaltung in Katalonien<\/strong><\/p><p>Ein anderes Charakteristikum f&uuml;r das politisch-mediale Establishment Spaniens ist es, den katalanischen Nationalismus der Opferhaltung zu bezichtigen, ihn darzustellen, als litte er an einem paranoiden Opferkomplex in den gemeinsamen Beziehungen, ihrer Ansicht nach haltloserweise, denn Katalonien sei vom spanischen Staat immer bevorzugt behandelt worden. Eine objektive Analyse der Vorg&auml;nge rund um die Regionalverfassung von 2006 (dessen Veto gegen wesentliche Teile seitens des spanischen Verfassungsgerichtes am Ursprung der aktuellen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung steht) widerlegt diese Vorw&uuml;rfe. Eine der Sympathien f&uuml;r Sezessionismus derart unverd&auml;chtige Person wie Josep Borell, ehemaliger Pr&auml;sident des Europaparlaments und Minister in der PSOE-Regierung von Felipe Gonz&aacute;lez, hat eine kurze Auflistung der Beleidigungen in Richtung Katalonien erstellt. 2005 legte die linke Regierung des Tripartito des Sozialisten Pasqual Maragall eine Regionalverfassung zur Neuausrichtung der Beziehungen zwischen der Regierung der Generalit&auml;t Kataloniens und dem spanischen Staat vor, die u.a. die Anerkennung Kataloniens als Nation innerhalb eines Staates mehrerer Nationen vorschlug. Wie bereits erw&auml;hnt, wurde diese Regionalverfassung vom katalanischen Parlament angenommen, sp&auml;ter (mit Ver&auml;nderungen) vom spanischen Parlament und schlie&szlig;lich von der katalanischen Bev&ouml;lkerung in einer Volksabstimmung. Doch dieser ganze Prozess fortlaufender Entscheidungen durch Organe verschiedener Souver&auml;nit&auml;ten wurde einfach vollkommen ignoriert. Borell verweist darauf, dass wesentliche Teile der Regionalverfassung vom durch die PP kontrollierten spanischen Verfassungsgericht verworfen wurden, ein Vorgang, den der Verfassungsrechtler Javier P&eacute;rez Royo als Staatsstreich bezeichnet hat, der aus parteiischem Interesse s&auml;mtliche souver&auml;ne Entscheidungen einfach &uuml;bergeht. Die Krone der Beleidigung war dann schlie&szlig;lich, dass sogar Teile verworfen wurden, die f&uuml;r andere autonome Regionen, wie etwa Andalusien, akzeptiert worden sind. Wo also liegt die Paranoia?<\/p><p>Ein weiteres von Borell zitiertes Beispiel betrifft die wiederholten Eingaben, das Konzept der Rangordnung zwischen den autonomen Regionen zu ber&uuml;cksichtigen, was kein Ausdruck mangelnder Solidarit&auml;t ist, sondern dem Wunsch entspricht, dass eine als solche akzeptierte Solidarit&auml;t sich nicht negativ auf das Entwicklungspotential der katalanischen Autonomie auswirkt, ein auch in anderen L&auml;ndern &ndash; mit einer Konfiguration &auml;hnlich der spanischen &ndash; akzeptiertes Prinzip.<\/p><p>Borell f&uuml;hrt desweiteren noch nicht eingel&ouml;ste Versprechen an, wie die 4.200 Mio. Euro f&uuml;r Investitionen zum Ausbau des mediterranen Korridors [eine durchgehende Bahnverbindung f&uuml;r Personen- und G&uuml;terverkehr entlang der spanischen Mittelmeerk&uuml;ste, von der franz&ouml;sischen Grenze bis nach Algeciras, aktuell lediglich in Teilen existent], die jedoch nie im Staatshaushalt Spaniens auftauchten. In Wirklichkeit hatte der Entwurf dieses Bahnprojekts, wie Borell ebenfalls anmerkt, teilweise absurde Dimensionen, wie etwa in dem von der andalusischen Pr&auml;sidentin, Susana Diaz, unterst&uuml;tzten Vorschlag, diesen Bahnkorridor &uuml;ber Madrid laufen zu lassen.<\/p><p>Kaum extra betont werden muss, dass die Argumentationen in der Welt der Sezessionisten auf diesen Diskriminierungen aufbauen, &uuml;bertrieben in einigen Teilen, wie etwa bzgl. eines angeblichen fiskalischen Defizits (das sie als Raub bezeichnen) von nicht weniger als 16.000 Mio. Euro, rund 8% des katalanischen Bruttoinlandsprodukts, wohingegen die reale Gr&ouml;&szlig;enordnung bei 4.000 Mio. Euro liegt. Solche &Uuml;bertreibungen sind unn&ouml;tig, denn die Wirklichkeit selbst verdeutlicht ja bereits eine inakzeptable Situation. Zudem verspielt man mit &Uuml;bertreibungen lediglich die Glaubw&uuml;rdigkeit, die unverzichtbar gerade bei Themen ist, die leicht Empfindungen verletzen k&ouml;nnen. Borell gibt zu, dass die aktuelle Situation viele Ungerechtigkeiten birgt, und schlie&szlig;t, dass &Auml;nderungen n&ouml;tig sind, die angegangen werden m&uuml;ssen. Das Verneinen dieser derart offensichtlichen und vergessenen Realit&auml;ten ist eine Konstante im politisch-medialen Establishment Spaniens.<\/p><p>Und diese Haltung ist best&auml;ndig. Oder wie anders soll man eine Mobilisierung zum Gedenken an die Nationalpolizei und die Zivilgarde interpretieren, die f&uuml;r die rund 900 Opfer am 1. Oktober, die medizinische Behandlung ben&ouml;tigten, verantwortlich sind, als einen Akt des spanischen Nationalismus, schlie&szlig;lich agierten diese Sicherheitskr&auml;fte als Werkzeuge des spanischen Staates zur Durchsetzung seines Rechts? Und niemand aus den Reihen dieser Sicherheitskr&auml;fte bat um Entschuldigung f&uuml;r die angerichteten Sch&auml;den? Merken sie nicht, wie solch ein Gedenken dazu beitr&auml;gt, viele Katalanen zu beleidigen?<br>\nDas exzessive Betonen der Notwendigkeit des Respektes von Recht und Gesetz &ndash; ein weiteres der am h&auml;ufigsten benutzten Argumente seitens des einseitigen spanischen Nationalismus &ndash; ignoriert seinerseits, dass das Gesetz &ndash; wie die Verfassung &ndash; in einer Situation des &Uuml;bergangs, gesteuert von den M&auml;chtigen, in einem klaren Ungleichgewicht geschrieben wurde, in der die Sieger des B&uuml;rgerkrieges (die den Staatsapparat und die Mehrzahl der Medien kontrollierten) alle Macht hatten, und die Besiegten dieses Konfliktes (die frisch aus den Gef&auml;ngnissen, aus dem Exil oder dem Untergrund kamen) nahezu machtlos waren. Der fortw&auml;hrende Hinweis, Recht und Gesetz zu respektieren, ist die Botschaft derjenigen, die dieses Ungleichgewicht in den Machtverh&auml;ltnissen aufrechterhalten wollen. Es ist eine simple Ausrede zur Verteidigung des Status Quo.<\/p><p>Und bzgl. des Arguments, dass die Verabschiedung der Verfassung durch die spanische Bev&ouml;lkerung dazu legitimierte, diese als Bezugspunkt f&uuml;r alle Demokraten zu betrachten, gilt es darauf hinzuweisen, dass dieses Argument unterschl&auml;gt, dass die beiden dem Volk pr&auml;sentierten m&ouml;glichen Alternativen daraus bestanden, entweder die Demokratie anzunehmen (repr&auml;sentiert in der Verfassung) oder in der Diktatur zu verbleiben. Bei diesen beiden Optionen war es klar, dass die Bev&ouml;lkerung sich f&uuml;r die erste Alternative statt der zweiten entschied. Die Tatsache, dass in Katalonien die Zustimmung am h&ouml;chsten war, verdankt sich weniger dem Enthusiasmus f&uuml;r die Verfassung, sondern der &uuml;berw&auml;ltigenden Ablehnung der Diktatur.<\/p><p><strong>Eine abschlie&szlig;ende Anmerkung<\/strong><\/p><p>In der heutigen Situation ist es ausgesprochen schwierig f&uuml;r all die Katalanen, die sich auch als Spanier empfinden, f&uuml;r eine alternative Haltung gegen&uuml;ber dem Separatismus einzutreten, denn das Bild, das Spanien heutzutage bietet, ist alles andere als einladend. Und so ist es gerade hier so ausgesprochen positiv, dass &uuml;berall in Spanien neue und progressive Kr&auml;fte auftauchen, die die nationale Vielfalt anerkennen, schlie&szlig;lich sind sie die einzigen, die Spanien retten k&ouml;nnten, denn die Unterdr&uuml;ckung und wiederholte Beleidigung Kataloniens durch den spanischen Staat hat nahezu das erreicht, was sich der Separatismus immer gew&uuml;nscht hat: eine massive Ablehnung in weiten Teilen der katalanischen Gesellschaft gegen&uuml;ber dem spanischen Staat und gegen&uuml;ber Spanien (letzteres durch das Schweigen und die Apathie gro&szlig;er Teile des politisch-medialen-intellektuellen Establishments Spaniens). Heute ist es n&ouml;tiger denn je zu unterstreichen, dass ein anderes Spanien m&ouml;glich ist, ein national vielf&auml;ltiges und republikanisches, von dem ein neues Katalonien ein Teil sein kann. Die Fortsetzung der best&auml;ndigen Vorherrschaft des aktuellen bourbonischen Staates hat zu einer emotionalen Trennung gro&szlig;er Teil der katalanischen Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/171019-verstehen-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Einer der Gr&uuml;nde, die in den Kreisen des politisch-medialen Establishments in Spanien zirkulieren, um das Anwachsen der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung in Katalonien zu erkl&auml;ren, ist, dass die Mehrheit der katalanischen Bev&ouml;lkerung w&auml;hrend der meisten Zeit der nationalistischen Regierungen in Katalonien einer best&auml;ndigen Gehirnw&auml;sche unterzogen worden ist,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40663\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,11],"tags":[2179,835,1203,564,2128],"class_list":["post-40663","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-katalonien","tag-nationalismus","tag-separatismus","tag-spanien","tag-verfassung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40663","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40663"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40666,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40663\/revisions\/40666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}