{"id":4067,"date":"2009-07-15T16:39:03","date_gmt":"2009-07-15T14:39:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4067"},"modified":"2014-01-27T11:52:58","modified_gmt":"2014-01-27T10:52:58","slug":"ueber-einige-mythen-und-denkfehler-im-fortschrittlichen-lager-heute-wachstum-und-saettigung-links-gestrickte-mythen-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4067","title":{"rendered":"\u00dcber einige Mythen und Denkfehler im fortschrittlichen Lager. Heute: Wachstum und S\u00e4ttigung (links gestrickte Mythen I)"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich macht es wenig Sinn, in den Reihen der Gegner der m&auml;chtigen neoliberalen Bewegung Auseinandersetzungen zu pflegen. Aber es gibt Auffassungsunterschiede im fortschrittlichen Lager, &uuml;ber die man reden muss. Es gibt aus meiner Sicht l&auml;hmende und irref&uuml;hrende Denkfehler und Mythen. Einige davon sollen in den NDS nacheinander zur Sprache gebracht werden. Unmittelbarer Ansto&szlig; f&uuml;r den heutigen Text ist ein Beitrag von Karl Georg Zinn in Le Monde Diplomatique, auf den wir von Lesern der NachDenkSeiten schon mehrmals hingewiesen wurden. Siehe Anlage 1. Der Beitrag von Karl Georg Zinn ist dabei nur der Aufh&auml;nger. In anderen Texten werden &auml;hnliche Thesen vertreten. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nIch setze mich in den folgenden Anmerkungen nicht mit dem gesamten Text von Karl Georg Zinn auseinander. Zum gesamten Text nur soviel: mir kommt er so vor, als w&uuml;rde ein Schmetterling von einer Bl&uuml;te zu anderen fliegen. Es folgt eine interessante Aussage auf die andere, aber die Begr&uuml;ndung und der rote Faden lassen oft vergeblich auf sich warten. Ich h&auml;tte gerne mehr Belege gehabt.<br>\nUnd noch eine Vorbemerkung: Von Zinn unterscheide ich mich darin, dass ich noch nie Anh&auml;nger einer Schule der &Ouml;konomie war. Was Keynes gemeint haben k&ouml;nnte, interessiert mich fast nicht. Ich halte f&uuml;r gut, was er damals empfohlen hat und suche mir das aus, was mir heute brauchbar erscheint.<\/p><p><strong>Wachstum als Schl&uuml;sselgr&ouml;&szlig;e?<\/strong><\/p><p><strong>1. Das Wachstum und die Siebzigerjahre<\/strong><\/p><p>Bei Zinn wie auch bei vielen anderen Autoren taucht der Gedanke auf, in den siebziger Jahren habe ein Bruch, eine Art Zeitenwende stattgefunden. In den siebziger Jahren sei das hohe Wachstum zu Ende gewesen. Bei Zinn wird der Bruch auf das Jahr 1973 datiert. Er spricht in Anlehnung an Keynes von einer dauerhaften Wachstumsabschw&auml;chung.<\/p><p>Zinn behauptet dann noch, damals (1973 folgende) habe man die hohen Wachstumsraten der Zeit zwischen 1950 und 1973 zur&uuml;ck haben wollen. &bdquo;So w&auml;re Vollbesch&auml;ftigung zu erreichen, lautete das hohle Versprechen.&ldquo; Und dann wird noch behauptet man habe versucht, &bdquo;Wachstum durch marktradikales Neo-Laissez-faire&ldquo; zu st&uuml;tzen<\/p><p>Diese Darstellung widerspricht nicht nur dem, was ich pers&ouml;nlich erlebt habe, es widerspricht auch den Fakten: <\/p><ul>\n<li>Der Verlauf der Konjunktur und der Wachstumsraten wie auch der Ereignisse waren ein ganzes St&uuml;ck anders. Es gab schon in den sechziger Jahren einen Einbruch mit einem minus vor der Wachstumsrate im Jahr 1967, vor allem aber gab es auch nach 1973 noch beachtliche Wachstumsraten. Auf einen Einbruch von 0,2 % und -1,3 % in 1974 und 1975 folgten dann vier Jahre mit einem Durchschnitt von 3,8 % realem Wachstum mit Spitzen-Ziffern von 5,3 und 4,2 %. Also: Die Entwicklung war viel differenzierter, als Zinn und viele andere vor und mit ihm es darstellen.<\/li>\n<li>Entscheidend aber ist die Tatsache, dass die verschiedenen Entwicklungen zu einem beachtlichen Teil die Folge von politischen und &ouml;konomischen Entscheidungen waren: der Einbruch von 1974 bis 1975 hatte (normalerweise anerkannterma&szlig;en) etwas mit der &Ouml;lpreisexplosion vom Oktober 1973 zu tun. Und die Entwicklung in Deutschland wurde wesentlich von gegenl&auml;ufigen Wirtschafts- und Geldpolitiken bestimmt, von widerstreitenden Ideologien, wenn man so sagen will. In den siebziger Jahren gab es klassische Konjunkturprogramme. Es ist eben nicht richtig, dass es damals schon durchg&auml;ngig &bdquo;marktradikales Neo-Laissez-faire&ldquo; gegeben habe.<\/li>\n<li>Die Vertreter dieser Vorstellungen haben sich &uuml;ber Bundesbank und teilweise &uuml;ber Lambsdorff, Tietmeyer und einige Sozialdemokraten schon in der Regierung Helmut Schmidt bemerkbar gemacht und Einfluss gehabt, aber eben im Kampf mit den anderen Kr&auml;ften. Und wenn man diese Epoche richtig beschreiben will, dann muss man das Wirken der gegenl&auml;ufigen Konzepte beschreiben.<\/li>\n<\/ul><p><strong>2. Missachtung der Gestaltungsspielr&auml;ume<\/strong><\/p><p>Bei einer differenzierteren Darstellung w&uuml;rde man entdecken, dass es damals wie heute politische und wirtschaftspolitische Gestaltungsspielr&auml;ume gegeben hat. Diese wurden schon in der Regierungszeit Schmidt von den angebots&ouml;konomisch bestimmten Kr&auml;ften immer wieder eingeengt und dann ab 1982 mit der Regierung Kohl\/Lambsdorff\/Tietmeyer weiter geschw&auml;cht.<\/p><p>Bei Licht betrachtet ziehen jene Autoren, die wie Zinn bestreiten, dass es damals besch&auml;ftigungspolitische Spielr&auml;ume gegeben h&auml;tte, wenn man die schon 1967\/68 erprobte, an Keynes angelehnte Besch&auml;ftigungspolitik eingesetzt h&auml;tte, mit den Angebots&ouml;konomen an einem Strang. Beide Gruppierungen behaupten, dass die aktive Besch&auml;ftigungspolitik der erprobten Art damals gescheitert sei. Diese stille Koalition reicht im Grunde bis heute. Zinn schreibt, gegen die dauerhafte Wachstumsschw&auml;che und die mit ihr einhergehende Massenarbeitslosigkeit k&ouml;nnten Konjunkturprogramme nur wenig ausrichten. Das ist eine ideologisch bedingte Kapitulation. Sie gr&uuml;ndet auf falschen Analysen und ist unn&ouml;tig. Sie mindert obendrein die M&ouml;glichkeit einer harten Auseinandersetzung mit der neoliberalen Bewegung. <\/p><p>Die Konjunkturprogramme und ihr Erfolg in den siebziger Jahren sind sp&auml;ter systematisch schlecht gemacht worden. Das war eine von Seiten der rechtskonservativen Kr&auml;fte strategisch betriebene Meinungsmache. Sie k&ouml;nnen sich dar&uuml;ber freuen, von einem Autor wie Karl Georg Zinn best&auml;tigt zu werden.<\/p><p><strong>3. Wachstum als Ziel? Ziel ist die Besch&auml;ftigung. Wachstumsziffern sind statistische End-Ergebnisse<\/strong><\/p><p>Ich wiederhole: Zinn schreibt, man habe damals, 1973 ff., die hohen Wachstumsraten der fr&uuml;heren Jahre wiederhaben wollen. &bdquo;So w&auml;re Vollbesch&auml;ftigung zu erreichen, lautete das hohle Versprechen.&ldquo; Ich kann mich an dieses Versprechen und auch an die von Zinn formulierte Zielvorstellung nicht erinnern. Nat&uuml;rlich kann ich nicht f&uuml;r jede Rede die Hand ins Feuer legen, die ein Minister damals gehalten hat. Aber die damals Verantwortlichen im Bundeskanzleramt wie au&szlig;erhalb hatten sicher nicht die Vorstellung, eine bestimmte Wachstumsrate anzustreben und damit Vollbesch&auml;ftigung zu schaffen. Das Versprechen war in der Tat Vollbesch&auml;ftigung oder mehr Besch&auml;ftigung. Das Versprechen lautete nicht: Wachstumsraten von X. Das ist ein gro&szlig;er Unterschied. <\/p><p>Wachstumsziffern sind statistische End-Ergebnisse. Wenn ich zum Beispiel im Blick auf heute davon spreche, wir br&auml;uchten &uuml;ber mehrere Jahre Wachstumsraten von ungef&auml;hr 4 %, um endlich aus der Talsohle herauszukommen und die Arbeitnehmer aus der Erpressungsposition auf dem Arbeitsplatzmarkt herauszuholen, dann ist die genannte Ziffer doch immer nur als Ma&szlig;zahl dessen gemeint, was sich bei einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik dann als statistische Ziffer am Ende des Jahres ergibt. Alles andere w&auml;re Unsinn.<\/p><p>Ich wiederhole noch einmal: das politische Ziel ist mehr Besch&auml;ftigung und m&ouml;glichst Vollbesch&auml;ftigung, weil andernfalls die Arbeitnehmer keine Alternative haben und deshalb nur schwer Nein sagen k&ouml;nnen, wenn sie Erpressungen ausgesetzt sind. Ohne diesen Kampf zur nachhaltigen Verringerung der Reservearmee wird nach meiner Einsch&auml;tzung auch die Einkommensverteilung nicht grundlegend verbessert werden k&ouml;nnen. Deshalb ist aktive Besch&auml;ftigungspolitik ein Schl&uuml;ssel zum Erfolg. Wenn dies dann am Ende des Jahres statistisch gemessen mehr Wachstum bedeutet, was ist daran so schlimm, wenn die richtigen Sachen gewachsen sind?<\/p><p><strong>4. &bdquo;Exponentielles Wachstum geht nicht&ldquo;. Wer will das schon? <\/strong><\/p><p>Gelegentlich ist zu h&ouml;ren und zu lesen, Wachstum sei schon deshalb schlecht, weil es zu einem exponentiell wachsenden Bruttoinlandsprodukt f&uuml;hre und damit quasi im Unendlichen lande. Dieses Argument leuchtet mathematisch gebildeten Zeitgenossen ohne weitere Fragen und Zweifel ein. Eine Kurve, die im Himmel endet, kann nichts Vern&uuml;nftiges wiedergeben. &ndash; Ich stehe staunend davor, dass diese Argumentation Menschen einleuchtet. Wir haben heute, im Jahr 2009, nicht das Problem, dass wir zeitlich im Unendlichen landen. Wir wollen das auch nicht und es geschieht in absehbarer Zeit nicht. <\/p><p>In abgeschw&auml;chter Form wird dieses Argument gebracht, um Besorgnis dar&uuml;ber auszul&ouml;sen, dass bei fortw&auml;hrenden Wachstum das Bruttoinlandsprodukt sich in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden verdoppelt und dass damit ein exponentiell wachsender Ressourcenverbrauch verbunden sei. Das ist in der Tat dann eine beunruhigende Perspektive, wenn dieser Ressourcenverbrauch zwangsl&auml;ufig damit verbunden ist. Das ist aber nicht so.<\/p><p><strong>5. &Ouml;kologisches Wirtschaften und Wachstum sind selbstverst&auml;ndlich zugleich m&ouml;glich.<\/strong><\/p><p>In den Auseinandersetzungen zum Thema wird oft der Club of Rome mit seinen Thesen zu den Grenzen des Wachstums zitiert. Auch bei Zinn taucht das auf. Wenn man wie in Ziffer 3 erl&auml;utert Wachstum als Ma&szlig;zahl f&uuml;r die Ver&auml;nderung des Bruttoinlandsprodukt am Jahresende versteht, dann begreift man auch, dass in einer Volkswirtschaft sehr Verschiedenes passieren kann, was sich dann in diesen Wachstumsziffern niederschl&auml;gt. Es kann zum Beispiel etwas unternommen werden und produziert werden, was Ressourcen schont, statt sie zu vergeuden. Es kann Bruttoinlandsprodukt geschaffen, es k&ouml;nnen &bdquo;Werte gesch&ouml;pft&ldquo; werden, die &ouml;kologisch zumindest neutral wenn nicht positiv sind. Zur Erl&auml;uterung ein paar Beispiele:<\/p><ul>\n<li>Wenn wir nicht nur &uuml;ber die Sch&auml;den der Verbl&ouml;dung und Verrohung durch die Kommerzialisierung des Fernsehens und der Medien insgesamt lamentieren, sondern mit Programmen zur Heilung der Sch&auml;den und zur besseren Ausbildung antworten w&uuml;rden, dann w&auml;re das &ouml;kologisch ausgesprochen unbedenklich, es w&uuml;rde die Wachstumsrate erh&ouml;hen, aber doch nicht an die Grenzen des Wachstums sto&szlig;en.<\/li>\n<li>Wenn wir uns darauf verst&auml;ndigen k&ouml;nnten, dass die L&auml;nder und die Gemeinden gro&szlig;e Programme zur Sprachf&ouml;rderung und besseren Eingliederung von Aussiedlern und Zuwanderern auflegen, dann w&uuml;rde dies bei erfolgreicher Umsetzung soziale Konflikte mildern helfen und die Basis f&uuml;r berufliche M&ouml;glichkeiten dieser Menschen schaffen. Arbeitslose und schlecht besch&auml;ftigte Sozialarbeiter und Sprachkundige k&ouml;nnten eine Stelle finden. &Ouml;kologisch w&auml;re dieses Integrations- und Besch&auml;ftigungsprogramm unbedenklich. Am Ende h&auml;tten wir eine h&ouml;here Wachstumsziffer, aber wir w&uuml;rden nicht an die Grenze des Wachstums sto&szlig;en.<\/li>\n<li>Wenn wir die Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation den Schwierigkeiten anpassen w&uuml;rden, die heterogene Sch&uuml;lergruppen zur Folge haben, dann w&uuml;rden wir den Schulen, den Lehrern und den Kindern helfen, wir w&uuml;rden mehr Besch&auml;ftigung schaffen, h&ouml;here Wachstumsraten ernten und dennoch keine Ressourcen vergeuden.<\/li>\n<li>Wenn Menschen mit niedrigem Einkommen besser verdienen w&uuml;rden und gelegentlich die finanzielle M&ouml;glichkeit h&auml;tten, mit ihrer Familie Urlaub zu machen oder auch nur eine Kneipe zum Essen aufzusuchen, dann w&uuml;rde sich das in einer Erh&ouml;hung der Wachstumsrate niederschlagen, es w&uuml;rden aber kaum zus&auml;tzliche Ressourcen vergeudet, vorhandene Kapazit&auml;ten w&uuml;rden besser ausgenutzt und die Grenzen des Wachstums auch hiermit nicht &uuml;berschritten.<\/li>\n<li>Wenn wir B&auml;che und Fl&uuml;sse, die in den letzten 60 Jahren begradigt wurden, wieder renaturieren w&uuml;rden, dann w&uuml;rde sich das in h&ouml;heren Wachstumsziffern niederschlagen, es w&uuml;rden aber Ressourcen geschont und die Grenzen des Wachstums keinesfalls &uuml;berschritten.<\/li>\n<li>Wenn wir die Flurbereinigungen der letzten Jahrzehnte korrigieren und die W&uuml;sten in unserer Landschaft wieder etwas auflockern w&uuml;rden, dann w&uuml;rden kleine Tiefbauunternehmen und ihre Besch&auml;ftigten besch&auml;ftigt und wir w&uuml;rden dabei helfen, die Minderung der Artenvielfalt zu verlangsamen und vielleicht da und dort zu stoppen. W&uuml;rde uns das an die Grenzen des Wachstums f&uuml;hren?<\/li>\n<li>Wenn wir den Armen und Hungernden in der Welt helfen w&uuml;rden, ihre n&ouml;tigsten Bed&uuml;rfnisse zu stillen, dann w&auml;re damit ebenfalls nichts schlimmes passiert, obwohl solche Programme die Besch&auml;ftigung- und Wachstumsrate der damit besch&auml;ftigten Menschen und V&ouml;lker erh&ouml;hen w&uuml;rde.<\/li>\n<li>Usw. es gibt Tausende von weiteren Beispielen f&uuml;r die M&ouml;glichkeiten, volkswirtschaftlich, sozial und &ouml;kologisch Sinnvolles zu tun und damit auch die Wachstumsraten zu steigern, ohne Ressourcen zu belasten beziehungsweise zu verschwenden. Die Wachstumsziffer wird in einer Volkswirtschaft nachtr&auml;glich erhoben. Was in diese Ziffer eingeht, ist doch v&ouml;llig offen. Als die Politik begannen, die Umweltprobleme zu begreifen, da wurde Ende der 60er\/anfangs der Siebzigerjahre zum Beispiel der Bodensee gerettet durch den Bau von Kl&auml;ranlagen u.a.m.. Aufgrund dieser Investitionen gab es in Baden-W&uuml;rttemberg und dar&uuml;ber hinaus beachtliche Wachstumssch&uuml;be, die sich in hohen Wachstumsraten niederschlugen.<br>\nIn den siebziger Jahren wurden mit Unterst&uuml;tzung eines St&auml;dtebauf&ouml;rderungsgesetzes viele St&auml;dte saniert und zum Beispiel Fu&szlig;g&auml;ngerzonen angelegt. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs aufgrund dieser Besch&auml;ftigungsimpulse. Gegen dieses Wachstum zu polemisieren, ist doch absolut sinnlos.<\/li>\n<\/ul><p>Was heute wichtig ist und getan werden muss, das f&uuml;hrt statistisch betrachtet oft zu einem h&ouml;heren Wachstum, aber &ouml;kologisch und sozial bedenklich ist diese Art von Wachstumspolitik nicht.<\/p><p>Es bleibt an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass in der Praxis der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung genau dieses Verst&auml;ndnis von Wachstum &uuml;blich ist. Die Reparaturen an unserer Gesellschaft und an unserem Planeten gehen als Wertsch&ouml;pfung in die Wachstumsrate ein. Dass wir uns &uuml;ber diese Wachstumsraten so aufregen und ganze Theorien auf dieser Aufregung aufbauen, verstehe ich nicht.<\/p><p><strong>6. &bdquo;Endogen bedingte Wachstumsabschw&auml;chung&ldquo;?<br>\nDer Mythos von der S&auml;ttigung.<\/strong><\/p><p>Zinn spricht im Kontext seiner Beobachtungen &uuml;ber die Siebzigerjahre von &bdquo;endogenbedingter Wachstumsabschw&auml;chung&ldquo;. Die S&auml;ttigung des Konsums ist dabei wohl eine dieser endogenen Faktoren. <\/p><p>&bdquo;Fragen Sie einmal einen Alg II-Empf&auml;nger oder die Besch&auml;ftigten im Niedriglohnsektor, was sie von der Stagnationsthese aufgrund von Konsums&auml;ttigung&nbsp; halten&ldquo;, schrieb einer unserer Nutzer nach Lekt&uuml;re des Papiers von Zinn. Oder fragen Sie einmal die Hungernden in der Welt, k&ouml;nnte ich erg&auml;nzen. Oder: fragen Sie einmal die Neugeborenen. Wollen wir ihnen &uuml;bel nehmen, dass sie nicht in unseren Klamotten herumlaufen und nicht auf unseren Matratzen schlafen wollen? Oder fragen Sie die &ouml;kologisch interessierten Menschen. Sie wissen in der Regel, dass unglaublich viel zu tun ist<\/p><p>Zinn beruft sich auf Keynes. Wenn Keynes behauptet, wir h&auml;tten eine &bdquo;dauerhafte Wachstumsschw&auml;che&ldquo;, dann kann ich nur sagen: So what, Herr Keynes! Mich interessiert doch, ob das stimmt. Siehe oben, es stimmt nicht.<\/p><p>Die S&auml;ttigungsthese ist beliebt, sie verf&auml;ngt offensichtlich bei konservativen und bei marxistisch geschulten Zeitgenossen. Aber ihre Beliebtheit macht sie nicht richtiger. Es gibt bei vielen Gruppen unseres Volkes und vielen Menschen in der Welt noch unglaublich viele Bed&uuml;rfnisse. Und es gibt einen Riesenbedarf an sozialer und &ouml;kologischer Heilung. Und wenn wir diese Heilung organisieren und betreiben, dann entsteht dabei statistisch betrachtet neues Wachstum. Also m&uuml;ssen wir aufh&ouml;ren mit dieser sachlich falschen Polemik.<\/p><p><strong>Anlage 1<\/strong><\/p><p><strong>S&auml;ttigung oder zwei Grenzen des Wachstums<br>\nJohn Maynard Keynes hat &uuml;ber die kleine Not des Augenblicks hinausgedacht<br>\nvon Karl Georg Zinn<\/strong><\/p><p>Die erste gro&szlig;e Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts markiert das Ende eines gescheiterten wirtschaftspolitischen Experiments. Oberfl&auml;chlich betrachtet erscheint sie als eine Finanzkrise, die den Einbruch des realwirtschaftlichen Wachstums ausgel&ouml;st hat. Tats&auml;chlich aber hatten wir es von Anfang an mit einer Doppelkrise zu tun, deren Ursachen bis in die 1970er-Jahre zur&uuml;ckreichen. Damals wollte man die hohen Wachstumsraten der Zeit zwischen 1950 und 1973 wiederhaben. So w&auml;re Vollbesch&auml;ftigung zu erreichen, lautete das hohle Versprechen. In den folgenden drei Jahrzehnten hat sich die Wirtschaftspolitik bem&uuml;ht, Wachstum durch marktradikales Neo-Laissez-faire und eine beispiellose globale Kreditexpansion zu st&uuml;tzen. Doch die Hoffnungen, auf diese Weise die Massenarbeitslosigkeit zu &uuml;berwinden, haben sich nicht erf&uuml;llt.<br>\nDer Fehler lag in der grunds&auml;tzlichen Fehleinsch&auml;tzung der Wachstumsm&ouml;glichkeiten hoch entwickelter kapitalistischer Volkswirtschaften &ndash; schlie&szlig;lich war f&uuml;r diese das Wachstumsparadigma schon in den 1970er-Jahren &uuml;berholt. Daf&uuml;r lassen sich zwei prinzipielle Begr&uuml;ndungen heranziehen: die &ldquo;&ouml;kologische&rdquo;, nach der auf dem begrenzten Planeten Erde kein unbegrenztes Wachstum m&ouml;glich ist,(1) und die auf John Maynard Keynes (1883-1946) zur&uuml;ckgehende Theorie der endogen bedingten Wachstumsabschw&auml;chung.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2009\/07\/10.mondeText1.artikel,a0055.idx,12\">www.monde-diplomatique.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich macht es wenig Sinn, in den Reihen der Gegner der m&auml;chtigen neoliberalen Bewegung Auseinandersetzungen zu pflegen. Aber es gibt Auffassungsunterschiede im fortschrittlichen Lager, &uuml;ber die man reden muss. Es gibt aus meiner Sicht l&auml;hmende und irref&uuml;hrende Denkfehler und Mythen. Einige davon sollen in den NDS nacheinander zur Sprache gebracht werden. 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