{"id":40683,"date":"2017-10-20T12:51:25","date_gmt":"2017-10-20T10:51:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40683"},"modified":"2017-10-20T14:31:16","modified_gmt":"2017-10-20T12:31:16","slug":"vertrauen-die-menschen-den-medien-nicht-mehr-weil-die-zu-komplex-sind-umgekehrt-wird-ein-schuh-daraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40683","title":{"rendered":"Vertrauen die Menschen den Medien nicht mehr, weil die zu komplex sind? Umgekehrt wird ein Schuh daraus"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>Man kann Sascha Lobos SPIEGEL-Online-Kolumne &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/spon_lobo\/\">Die Mensch-Maschine<\/a>&ldquo; vieles vorwerfen &ndash; langweilig ist sie jedenfalls nie. Oft schreibt Lobo schlaue Sachen, oft liegt er jedoch auch meilenweit daneben. Ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r Letzteres stellt seine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/woran-die-medien-wirklich-schuld-sind-sascha-lobo-kolumne-a-1173504.html\">aktuelle Kolumne<\/a> dar, in der er sich dem Vertrauensverlust der Medien widmet. Darin macht er unter anderem den vermeintlich vergeblichen Wunsch, &bdquo;einfache L&ouml;sungen f&uuml;r komplexe Probleme&ldquo; serviert zu bekommen, f&uuml;r das gestiegene Misstrauen gegen&uuml;ber den Medien aus. Dabei wird doch eher umgekehrt ein Schuh daraus. Ein Gro&szlig;teil der Medien versucht sich darin, eine immer komplexer werdende Welt mit unzul&auml;ssigen Vereinfachungen zu erkl&auml;ren. Das durchschauen und kritisieren immer mehr Menschen und reagieren mit Misstrauen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nVielleicht sollte man den Spie&szlig; ganz einfach mal herumdrehen, um sich dem Thema Vertrauensverlust zu n&auml;hern. Dass &bdquo;die Medien&ldquo; auch liefern k&ouml;nnen, wenn sie nur wollen und man sie l&auml;sst, bewies beispielsweise 2008 ein achtk&ouml;pfiges Team von SPIEGEL, als man die Finanzkrise in einer <a href=\"http:\/\/magazin.spiegel.de\/EpubDelivery\/spiegel\/pdf\/62127252\">34seitigen Titelgeschichte<\/a> analysierte und dabei ein journalistisches Meisterwerk ablieferte. Der Artikel &bdquo;Der Bankraub&ldquo; brilliert vor allem deshalb, weil er ein &auml;u&szlig;erst komplexes Thema ohne Vereinfachungen, komplex und dennoch allgemeinverst&auml;ndlich erkl&auml;rt. W&uuml;rde der SPIEGEL sich daran ein Beispiel nehmen und regelm&auml;&szlig;ig solche St&uuml;cke bringen, h&auml;tte er kein Imageproblem und die meisten aktuellen und ehemaligen Leser w&uuml;rden ihm immer noch vertrauen. Sascha Lobos Kolumnenthema w&uuml;rde sich gar nicht stellen, wenn &bdquo;die Medien&ldquo; nach diesem Muster funktionieren w&uuml;rden. Doch leider ist diese handverlesene Ausnahme ja beileibe nicht die Regel.<\/p><p>Die Regel sind eher Titelgeschichten wie die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40516\">Schulz-Story<\/a>, die (nicht nur) die NachDenkSeiten massiv kritisiert haben. Belanglose Homestorys, bei denen die journalistische Distanz auf der Strecke bleibt und komplexe Themen dadurch gnadenlos vereinfacht werden, dass man sie personalisiert. Nicht die Komplexit&auml;t, sondern die Vereinfachung ist das Problem. Schauen wir uns doch ein paar Fallbeispiele an, um dies zu verdeutlichen.<\/p><ol>\n<li>Finanz- und Eurokrise\n<p>Volkswirtschaftliche Themen sind immer undankbar, da der Gro&szlig;teil des Publikums vom komplexen System der makro&ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge noch nie etwas geh&ouml;rt hat. Woher auch, tauchen &bdquo;die Medien&ldquo; doch nur in vereinzelten Ausnahmef&auml;llen so tief in die Thematik ein, dass beim Leser oder Zuschauer auch wirklich etwas von den Basics h&auml;ngenbleibt. Die beiden arte-Dokumentationen &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Lslo3CNVdag\">Staatsgeheimnis Bankenrettung<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Sw3gdliKYBM\">Macht ohne Kontrolle<\/a>&ldquo; von Harald Schumann geh&ouml;rten beispielsweise dazu. Aber auch dies sind nur Ausnahmen, die die Regel best&auml;tigen. Unz&auml;hlige Male haben die NachDenkSeiten die einseitige und unkritische Berichterstattung, die nun einmal charakteristisch f&uuml;r die deutschen Medien ist, kritisiert. Muss man da &ndash; wie Sascha Lobo es vorexerziert &ndash; nun die Begriffskombo &bdquo;die Medien&ldquo; relativieren und penibel differenzieren? Weil man mit der Generalisierung &bdquo;die Medien&ldquo; ja auch die tollen Dokus von Schumann mitverurteilt? Diese Frage kann jeder f&uuml;r sich selbst beantworten. F&uuml;r mich macht eine schumannsche Schwalbe noch lange keinen Sommer und wenn es drau&szlig;en d&uuml;ster ist und schneit, ist es &ndash; zumindest f&uuml;r mich &ndash; tiefer Winter. <\/p>\n<p>Aber zur&uuml;ck zur Systematik: Auch Schumann versucht komplexe Zusammenh&auml;nge komplex und dennoch allgemeinverst&auml;ndlich zu erkl&auml;ren. Darum geht es aber bei der Kritik doch gar nicht. Es sind &ndash; ganz im Gegenteil &ndash; die Artikel, die wir von den NachDenkSeiten stets kritisieren, die auf Teufel komm raus vereinfachen und komplexe Zusammenh&auml;nge unterkomplex darstellen. Da wird dann aus der Eurokrise eine Staatsschuldenkrise und die zugrundeliegenden makro&ouml;konomischen Ursachen werden schon gleich gar nicht thematisiert.  Nun sind die Leser aber nicht dumm und merken es, wenn sie durch unzul&auml;ssige Vereinfachungen nicht vollst&auml;ndig informiert werden. Und wenn die Leser dann noch spitzkriegen, dass hinter den Vereinfachungen auch Interessenkonflikte und ideologische Ziele stehen &ndash; wer die Eurokrise als Staatsschuldenkrise umdefiniert, will damit in der Regel den Staat zu K&uuml;rzungen und damit Privatisierungen dr&auml;ngen -, entsteht ein Misstrauen. Und dies zu Recht.<\/p><\/li>\n<li>Rentenpolitik\n<p>Dieses Schema trifft auch die Rententhematik zu. Es ist ja beileibe nicht so, dass es in den Zeitungen, Zeitschriften oder Onlineplattformen nur so vor Hintergrundartikeln wimmeln w&uuml;rde, die die Zusammenh&auml;nge des Umlagesystems genau erkl&auml;ren und die teils komplexen Wechselwirkungen unter die Lupe nehmen. Stattdessen wird auch hier auf Teufel komm raus vereinfacht &ndash; mal ist es der demographische Wandel, der monokausal f&uuml;r niedrige Renten verantwortlich gemacht wird, mal die Automatisierung und der technische Fortschritt. Ersteres kommt wunderbar beim konservativen Klientel an, Letzteres bei der liberalen Leserschaft. Beides ist jedoch falsch. Der komplexere Zusammenhang zwischen der Rentenformel und dem Volkseinkommen ist hingegen offenbar kein Thema f&uuml;r Publikumsmedien. Stattdessen werden Leser und Zuschauer in private Vorsorgemodelle getrieben. <\/p>\n<p>Auch hier w&uuml;nschen sich die Menschen doch keine einfache Erkl&auml;rung f&uuml;r ein komplexes Problem. Im Gegenteil &ndash; der gr&ouml;&szlig;te Teil der Leser will endlich verstehen, was hinter der Rentenproblematik steht und f&uuml;hlt sich von &bdquo;den Medien&ldquo; alleingelassen. Und dass diese Leser dann mit Misstrauen reagieren, wenn sie schon wieder den alten Lobbydreck eines Raffelh&uuml;schen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38955\">aufgetischt bekommen<\/a>, ist nicht nur verst&auml;ndlich, sondern folgerichtig. Das Misstrauen ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde sich von &bdquo;den Medien&ldquo; m&uuml;hevoll erarbeitet. 14 Jahre NachDenkSeiten sind daf&uuml;r ein Zeugnis und taugen als Dokumentation des Niedergangs recht gut.<\/p><\/li>\n<li>Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik\n<p>Kennen Sie eigentlich das arte-Format &bdquo;<a href=\"http:\/\/ddc.arte.tv\/de\">Mit offenen Karten<\/a>&ldquo;? In jeder Sendung dieses Formats versucht Jean-Christophe Victor komplexe geostrategische Zusammenh&auml;nge an einem konkreten Fallbeispiel transparent und m&ouml;glichst verst&auml;ndlich zu erkl&auml;ren. Komplexe Zusammenh&auml;nge werden nicht vereinfacht oder einfach weggelassen, sondern erkl&auml;rt. So sollte es auch sein. Wenn au&szlig;en- und sicherheitspolitische Themen nach diesem Schema von &bdquo;den Medien&ldquo; behandelt w&uuml;rden, h&auml;tten die NachDenkSeiten weniger zu tun. Doch leider ist das Gegenteil der Fall.<\/p>\n<p>Gerade bei der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik wird in 90 von 100 Publikationen\/Sendungen sehr einseitig argumentiert. Die Komplexit&auml;t wird dadurch umgangen, dass man nur eine Seite betrachtet &ndash; und zwar die westliche bzw. die transatlantische. Hinzu kommt ein klares Freund-Feind-Schema, bei dem die Schurkenrollen schon verteilt wurden, und generell ein Schwarz-Wei&szlig;-Denken, in das die immer komplexer werdende Welt gepresst wird. <\/p>\n<p>Multipolare, komplexe Ans&auml;tze sind Fehlanzeige. Oder haben Sie schon mal etwas von indischer Au&szlig;enpolitik, chinesischen Rohstoffstrategien oder gar den politischen Vorg&auml;ngen in Schwarzafrika geh&ouml;rt oder gelesen? So weit muss man aber gar nicht gehen. Nehmen wir die Wahl des US-Pr&auml;sidenten Trump. Anstatt in die durchaus komplexen Hintergr&uuml;nde dieser Wahl einzutauchen und das Thema mit all seinen Facetten zu beleuchten, &uuml;bertreffen sich zahlreiche deutsche Medien gegenseitig darin, &bdquo;den Russen&ldquo; f&uuml;r Trump verantwortlich zu machen. <\/p>\n<p>Die Menschen sind aber nicht dumm und erkennen, dass ihnen eine sehr einseitige und oft auch falsche Geschichte erz&auml;hlt wird. Das Thema ist ihnen nicht zu komplex, sondern die Antwort ist ihnen zu einfach &hellip; und zu falsch. Das ist der haupts&auml;chliche Grund f&uuml;r das Misstrauen gegen&uuml;ber &bdquo;den Medien&ldquo;. Und ja  &ndash; daran sind &bdquo;die Medien&ldquo; wirklich selbst schuld.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/a39a42dc732846a5b8c8b028f565b338\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>Man kann Sascha Lobos SPIEGEL-Online-Kolumne &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/spon_lobo\/\">Die Mensch-Maschine<\/a>&ldquo; vieles vorwerfen &ndash; langweilig ist sie jedenfalls nie. Oft schreibt Lobo schlaue Sachen, oft liegt er jedoch auch meilenweit daneben. Ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r Letzteres stellt seine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/woran-die-medien-wirklich-schuld-sind-sascha-lobo-kolumne-a-1173504.html\">aktuelle Kolumne<\/a> dar, in der er<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40683\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,41,183],"tags":[1070,241,2102,1544,1197,273,259,1193,472,420,325],"class_list":["post-40683","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-medienkritik","tag-arte","tag-bankenrettung","tag-geostrategie","tag-kampagnenjournalismus","tag-lobo-sascha","tag-privatvorsorge","tag-russland","tag-schulz-martin","tag-schumann-harald","tag-spiegel","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=40683"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40704,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/40683\/revisions\/40704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=40683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=40683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=40683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}