{"id":4069,"date":"2009-07-16T09:05:51","date_gmt":"2009-07-16T07:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4069"},"modified":"2019-02-15T12:41:08","modified_gmt":"2019-02-15T11:41:08","slug":"die-gespaltene-gesellschaft-arm-und-reich-im-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4069","title":{"rendered":"Die gespaltene Gesellschaft &#8211; Arm und Reich im Konflikt"},"content":{"rendered":"<p>In einer wohlhabenden Gesellschaft, die den Anspruch erhebt, sozial, gerecht und demokratisch zu sein, m&uuml;ssen Armut, sofern sie nicht auf Einzelf&auml;lle beschr&auml;nkt ist und man ein pers&ouml;nliches Versagen der davon Betroffenen unterstellen kann, wie Reichtum, der ein vern&uuml;nftiges Ma&szlig; &uuml;bersteigt, &ouml;ffentlich gerechtfertigt werden. Dies geschieht prim&auml;r &uuml;ber die Lehre, wonach es Leistungstr&auml;gern in der Sozialen Marktwirtschaft besser geht und besser gehen soll als den weniger Leistungsf&auml;higen oder gar den &bdquo;Leistungsverweigerern&ldquo;, &bdquo;Faulenzern&ldquo; und &bdquo;Sozialschmarotzern&ldquo;. Dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, merken immer mehr B&uuml;rger\/innen. Ihnen bleibt nicht verborgen, dass sich die Leistungseliten auf geradezu inzestu&ouml;se Weise haupts&auml;chlich aus ihrem eigenen Herkunftsmilieu reproduzieren und eine &bdquo;geschlossene Gesellschaft&ldquo; bilden. Gleichzeitig vertreten sie ihre Interessen heute auch sehr viel massiver und r&uuml;cksichtsloser als in der &bdquo;alten&ldquo; Bundesrepublik, weil sich seither die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen Kapital und Arbeit sp&uuml;rbar zu ihren Gunsten ge&auml;ndert und durch den Aufstieg des Neoliberalismus ideologische Deutungsmuster an Bedeutung gewonnen haben, die ihre soziale Privilegierung legitimieren.<br>\nVon Christoph Butterwegge<br>\n<!--more--><\/p><p>Armut ist nicht aus sich heraus, sondern nur im Kontext ihres Pendants, des Reichtums, wirklich zu verstehen. Daher kann man, eine ber&uuml;hmte Sentenz Max Horkheimers &uuml;ber den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus abwandelnd, mit einiger Berechtigung formulieren: Wer vom Reichtum nicht sprechen will, sollte auch von der Armut schweigen! Anders gesagt: G&auml;be es keine riesigen Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede zwischen den Menschen, w&uuml;rde man zumindest in einem reichen Land auch niemanden arm nennen k&ouml;nnen.<br>\nArmut und Reichtum sind zwei Seiten einer Medaille, oder pointierter formuliert: Ohne den Reichtum existiert keine Armut und ohne die Armut kein Reichtum. Armut und Reichtum geh&ouml;ren ebenso fest zusammen wie Schwarz und Wei&szlig;, wie Licht und Schatten oder wie Tag und Nacht. Das eine kann es jeweils ohne das andere gar nicht geben, und beide bilden nicht nur einen begrifflichen Gegensatz, sondern auch eine strukturelle Einheit. Armut und Reichtum stehen zueinander in einem dialektischen Wechselverh&auml;ltnis, was sich am Beispiel der kapitalistischen Profitwirtschaft zeigt. Der dieser innewohnende Drang nach Gewinnmaximierung und die Tendenz zur Verarmung eines Teils der Bev&ouml;lkerung gehen Hand in Hand. <\/p><p>Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum. Bertolt Brecht hat es w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges in einem Vierzeiler folgenderma&szlig;en ausgedr&uuml;ckt: &bdquo;Armer Mann und reicher Mann \/ standen da und sah&rsquo;n sich an. \/ Und der Arme sagte bleich: \/ W&auml;r&rsquo; ich nicht arm, w&auml;rst du nicht reich.&ldquo; Deshalb kann Armut im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung nicht durch zunehmenden Reichtum beseitigt werden, da beide systembedingt und konstitutive Bestandteile des Kapitalismus sind. Schon Georg Friedrich Wilhelm Hegel hatte in seiner &bdquo;Rechtsphilosophie&ldquo; festgestellt, &bdquo;dass bei dem &Uuml;berma&szlig;e des Reichtums die b&uuml;rgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, d.h. an dem ihr eigent&uuml;mlichen Verm&ouml;gen nicht genug besitzt, dem &Uuml;berma&szlig;e der Armut und der Erzeugung des P&ouml;bels zu steuern.&ldquo;<\/p><p>Gleichwohl w&uuml;rde eine St&auml;rkung der Massenkaufkraft die Konjunktur ankurbeln sowie die Kluft zwischen Arm und Reich zumindest ansatzweise schlie&szlig;en helfen. Vor allem die Kaufkraft der untersten Einkommensgruppen, etwa durch eine generelle Anhebung der Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende und deren Angeh&ouml;rige nach dem Vierten Gesetz f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz IV), dauerhaft zu erh&ouml;hen, w&auml;re nicht blo&szlig; sozial gerecht, vielmehr auch &ouml;konomisch sinnvoll. <\/p><p>Reichtum bedeutet die M&ouml;glichkeit, wirtschaftlich und politisch Macht auszu&uuml;ben, wie Armut umgekehrt bedeutet, &ouml;konomische und soziale Ohnmacht zu erfahren. Wieder geht es nicht blo&szlig; um Geld, obwohl dieses das Fundament des privaten Reichtums bildet. An dem Grundproblem, dass auf den Finanzm&auml;rkten nicht zuletzt durch spekulative Gesch&auml;fte fast &uuml;ber Nacht riesige Verm&ouml;gen entstehen und manchmal auch genauso schnell wieder vergehen, wird eine internationale Kontrollinstanz, eine strengere Bankenaufsicht und mehr Transparenz in diesem Bereich, wie sie die G-20-Staaten planen, wenig &auml;ndern.<\/p><p>In einer wohlhabenden Gesellschaft, die den Anspruch erhebt, sozial, gerecht und demokratisch zu sein, m&uuml;ssen Armut, sofern sie nicht auf Einzelf&auml;lle beschr&auml;nkt ist und man ein pers&ouml;nliches Versagen der davon Betroffenen unterstellen kann, wie Reichtum, der ein vern&uuml;nftiges Ma&szlig; &uuml;bersteigt, &ouml;ffentlich gerechtfertigt werden. Dies geschieht prim&auml;r &uuml;ber die Lehre, wonach es Leistungstr&auml;gern in der Sozialen Marktwirtschaft besser geht und besser gehen soll als den weniger Leistungsf&auml;higen oder gar den &bdquo;Leistungsverweigerern&ldquo;, &bdquo;Faulenzern&ldquo; und &bdquo;Sozialschmarotzern&ldquo;. Dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, merken immer mehr B&uuml;rger\/innen. Ihnen bleibt nicht verborgen, dass sich die Leistungseliten auf geradezu inzestu&ouml;se Weise haupts&auml;chlich aus ihrem eigenen Herkunftsmilieu reproduzieren und eine &bdquo;geschlossene Gesellschaft&ldquo; bilden. Gleichzeitig vertreten sie ihre Interessen heute auch sehr viel massiver und r&uuml;cksichtsloser als in der &bdquo;alten&ldquo; Bundesrepublik, weil sich seither die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen Kapital und Arbeit sp&uuml;rbar zu ihren Gunsten ge&auml;ndert und durch den Aufstieg des Neoliberalismus ideologische Deutungsmuster an Bedeutung gewonnen haben, die ihre soziale Privilegierung legitimieren.<\/p><p>Fr&uuml;her verk&ouml;rperten die Armen ein &bdquo;soziales Worst-case-Szenario&ldquo; f&uuml;r Gesellschaftsmitglieder, die sich nicht systemkonform verhielten; ihnen blieb jedoch (fast) immer die Hoffnung, ihre Lage durch eigene Anstrengungen und\/oder gl&uuml;ckliche F&uuml;gungen des Schicksals zu verbessern. Auch wenn diese Erwartungen fast nie erf&uuml;llt wurden, steckte darin ein wichtiger Lebensimpuls, der sonst schwer vergleichbare Gruppen miteinander verband, weil soziale Grenzlinien zumindest prinzipiell &ndash; wiewohl real eben nur im Ausnahmefall &ndash; &uuml;berwunden werden konnten. Armut diente also der Disziplinierung, Motivierung und Loyalit&auml;tssicherung. Die (Angst vor der) Armut war ausgesprochen n&uuml;tzlich f&uuml;r den Fortbestand des politischen und Gesellschaftssystems.<\/p><p>Wenn die bestehende Wirtschaftsordnung statt sozialer Gerechtigkeit sowohl vermehrt Armut wie auch immer gr&ouml;&szlig;eren Reichtum schafft, muss sie diese Ungleichverteilung der gesellschaftlichen Ressourcen und der Lebenschancen rechtfertigen, um ihre Legitimationsbasis nicht zu verlieren. Vor allem in einem Land, das nach wie vor unter dem geistig-politischen Einfluss des Neoliberalismus steht und daher stark auf Leistung und &ouml;konomischen Erfolg setzt, bedeutet Armut nicht blo&szlig;, dass ein Mangel an prestigetr&auml;chtigen Konsumg&uuml;tern besteht, sondern auch, dass hiermit ein Makel verbunden ist, der das Selbstwertgef&uuml;hl davon Betroffener ersch&uuml;ttert.<\/p><p>Breitet sich die Armut in einem reichen Land aus, wird ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung marginalisiert, die Menschenw&uuml;rde gleich massenhaft verletzt und den Betroffenen &bdquo;strukturelle Gewalt&ldquo; (Johan Galtung) angetan. Arme und Reiche leben in einem permanenten Spannungsverh&auml;ltnis, das sich zur sozialen Zeitbombe entwickeln kann, w&auml;hrend Politik, Staat und Verwaltung nicht selten die Armen anstelle der Armut bek&auml;mpfen, statt f&uuml;r einen gerechten sozialen Ausgleich zu sorgen. Dies bedeutet jedoch weder, dass Armut immer von jedem einzelnen politisch Verantwortlichen gewollt, noch dass sie f&uuml;r das bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem v&ouml;llig ungef&auml;hrlich ist.<\/p><p>Die zunehmende soziale Spaltung erh&ouml;ht nicht blo&szlig; das Konflikt- und Gewaltpotenzial der Gesellschaft, vielmehr auch die Wahrscheinlichkeit einer Krise der politischen Repr&auml;sentation. Wenn die Lebensverh&auml;ltnisse der Mitglieder einer demokratisch verfassten Gesellschaft, d.h. Armut und Reichtum immer st&auml;rker auseinander klaffen, kann sich eine latente B&uuml;rgerkriegsstimmung ausbreiten. Wer die brisante Mischung von berechtigter Emp&ouml;rung, ohnm&auml;chtiger Wut und blankem Hass auf fast alle P(arteip)olitiker\/innen unseres Landes kennt, wie sie wohl nur in Versammlungen von Hartz-IV-Bezieher(inne)n existiert, sofern diese nicht schon resigniert und sich aus der &Ouml;ffentlichkeit zur&uuml;ckgezogen haben, kommt zu dem Schluss, dass innerhalb der Bundesrepublik l&auml;ngst zwei Welten oder &bdquo;Parallelgesellschaften&ldquo; existieren und die Br&uuml;cken dazwischen endg&uuml;ltig abgebrochen sind.<\/p><p>Christoph Butterwegge hat uns diese Langfassung seines Beitrags zur Verf&uuml;gung gestellt, der am 14. 7. 2009 in der taz abgedruckt war.<\/p><p>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Zuletzt ist sein Buch &bdquo;Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdr&auml;ngt wird&ldquo; (Campus Verlag; 378 Seiten, 24,90 EUR) erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer wohlhabenden Gesellschaft, die den Anspruch erhebt, sozial, gerecht und demokratisch zu sein, m&uuml;ssen Armut, sofern sie nicht auf Einzelf&auml;lle beschr&auml;nkt ist und man ein pers&ouml;nliches Versagen der davon Betroffenen unterstellen kann, wie Reichtum, der ein vern&uuml;nftiges Ma&szlig; &uuml;bersteigt, &ouml;ffentlich gerechtfertigt werden. 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